Am Waldesrande vor dichtem Gebüsch haben sich drei Kinder gelagert. Ein etwa zehnjähriger Knabe in zierlichem Schäferanzuge spielt die Schalmei, zu deren Tönen sich die ältere Schwester oder Freundin in feierlich gemessenem Tanze bewegt. Die beiden anderen Kinder, ein Mädchen und ein zweiter Knabe, den Hirtenstab in der Hand, sehen in stummer Bewunderung der Kunst der kleinen Dame zu, die in der Tat diese Bezeichnung verdient, denn sie weiß ihr schweres, kostbar besticktes Gewand mit einer Würde und Anmut zu tragen, als stünde sie im kerzenerleuchteten Ballsaale und nicht auf dem weichen Wiesengrunde unter dem hellen Abendhimmel. Ein Windhauch führt die Glockentöne des Abendgeläutes von der Dorfkirche herüber; bald wird der Schäfer in der Ferne seine Tiere in den Stall treiben. Nichts stört den Frieden der Natur, leise bewegen sich die Zweige der Bäume und begleiten mit sanftem Rauschen die Melodie des kleinen Bläsers, zu dessen Füßen ein Hund, der muntere Spielgefährte der Kinder, wohlig zusammengekauert schläft.
„Der Tanz“ oder „Die tanzende Iris“ heißt dieses Bild des französischen Hofmalers Jean Antoine Watteau. Friedrich II., der große König, erwarb es für seine Privatgalerie in Potsdam, wo es noch heute im Neuen Palais hängt.
Kleine Iris, du trägst deinen zarten Blumennamen mit Recht! Gleich einer Blume, die ihren Blütenkelch aus den starren Blättern erhebt und sich leise im Winde schaukelt, wächst dein feiner Leib aus dem schweren Faltenwerke des Rockes empor und neigt sich dein Lockenköpfchen, als wäre die Musik ein Hauch, der es bewegt.
Nein! du bist keine Ballkönigin, kein Kind dieser Welt, sondern ein Wesen aus einem Traumreiche. Unbeschreiblich zart und anmutig wie dein Körper ist dein Lächeln und der Elfenbeinschmelz deiner Haut; wie ein Schmetterling über der Blüte zittert das zierlich gefältelte Häubchen auf deinem blonden Haar. Und wie die Harmonie des Dreiklangs eine liebliche Melodie begleitet, so rauscht die Farbe deines rot, grün und silberhell gestreiften Kleides zu den schwingenden Linien des Umrisses deiner Gestalt. Von welcher Art war wohl der Künstler, der dich erträumte? Muß er nicht ein Glückskind gewesen sein, dem Kummer und Sorgen zeit seines Lebens fernblieben?
Jean Antoine Watteau, den die Franzosen so gern den französischsten der Maler nennen, stammte nicht aus Frankreich, sondern aus der flämischen, heute belgischen Stadt Valenciennes, die allerdings kurz vor seiner Geburt (1684) unter die Herrschaft des raubsüchtigen französischen Königs Ludwig XIV. gekommen war. Schon früh muß sich seine Begabung gezeigt haben, denn sein Vater, ein biederer Dachdeckermeister, schickte ihn als Kind bereits in die Lehre zu einem der angesehensten Maler der Stadt. Aber, wie erzählt wird, ging der Knabe bald seine eigenen Wege; das fröhliche Leben und Treiben auf dem großen Marktplatze fesselte ihn mehr als die strengen Schulregeln; dort trieben Gaukler, Seiltänzer und allerlei Abenteurer ihr Spiel, die er mit flinkem Stifte nach der Natur zeichnen konnte. Nach dem Tode seines Lehrers verließ der achtzehnjährige Jüngling plötzlich die Heimat und zog nach Paris, der Stadt seiner Sehnsucht. Aber seine Träume von Glück und Ruhm sollten sich nicht so bald erfüllen.
Vollständig mittellos, stand er allein in der großen Stadt und mußte sich bei einem kleinen Bilderhändler mit untergeordneten Malarbeiten seinen Teller Suppe verdienen, bis durch Vermittlung einer seiner Landsleute, Claude Gillot, ein bekannter und vielseitiger Dekorationsmaler auf ihn aufmerksam wurde und sich seiner annahm. Bei ihm konnte der junge Anton seine Begabung endlich entfalten; hier lernte er Fächer, Wandschirme und Zimmervertäfelungen mit jenem geistreichen, liebenswürdigen Rankenwerke bemalen, womit er seine Zeitgenossen entzückte, hier konnte er seiner Phantasie freien Lauf lassen und dem neuen heiteren Stile, dem zierlichen „Rokoko“, den Weg bereiten.
Die lange, über ein halbes Jahrhundert währende Regierung Ludwigs XIV., des „Sonnenkönigs“, wie ihn die Franzosen mit Stolz nannten, neigte sich ihrem Ende zu. Großzügig, aber tyrannisch hatte dieser Fürst nicht allein die Politik seiner Zeit, sondern auch die Kunst, ja selbst die Natur seinem Willen unterworfen: alles mußte der Verherrlichung seiner Person, seiner unersättlichen Ruhmsucht dienen. Wie seine Minister und Generäle das Staats- und Heereswesen neu organisierten, so mußten auch die Dichter, Baumeister und bildenden Künstler der „Großen Kunst“ neue Regeln und Gesetze schaffen.
Schwer und prunkvoll wie die Paläste, waren die Möbel, welche die mächtigen Säle füllten; die Maler und Bildhauer mußten in dekorativen Riesenwerken die Taten des Königs verherrlichen und jede selbständige Äußerung ihres Talentes unter dem Zwange der steifen Mode unterdrücken. Selbst die Gartenkunst wurde ihrer Freiheit und Leichtigkeit beraubt; die Hecken und Bäume wurden beschnitten, daß sie wie Mauern und Türme wirkten, die Wege in gerade, feierliche Bahnen gezwungen. Ein kalter, schwerer Glanz lag wie Meltau über dem natürlichen Leben und drohte, es zu ersticken. Doch die unsichtbaren, sich immer erneuernden Lebensquellen und Kräfte lassen sich auf die Dauer nicht vergewaltigen; plötzlich brechen sie hervor und befruchten den dürrgewordenen Boden, so daß er neue, niegesehene Blumen sprießen läßt.
Als der junge Watteau im Jahre 1702 nach Paris kam, begannen sich diese Kräfte schon allenthalben zu regen. Die Willenskraft des alternden Königs fing an nachzulassen; man war des steifen höfischen Zwanges überdrüssig geworden, und die Adligen zogen sich mehr und mehr vom Hofe zurück, um sich freier und ungebundener bewegen zu können.