Karl: Du bist ein sehr harter Beurteiler. Etwas Wahres liegt deinen Beobachtungen freilich zugrunde. Es kam dem Künstler aber nicht auf die Wirklichkeit an; er wollte bestimmte Eindrücke erwecken, vor allem den des Unüberwindlichen und Majestätischen. Napoleon sollte als der unbezwingbare Sieger gefeiert werden, dessen Befehle die Welt ausführt, der wie ein antiker Imperator jedem das Gesetz vorschreibt. Ursprünglich hatte der Maler die Absicht, ihn zu Fuß auf dem Schlachtfelde, den Degen in der Faust, darzustellen; aber Napoleon wollte auf einem feurigen Pferde, doch vollkommen ruhig gemalt werden. „Mit dem Degen gewinne man keine Schlachten mehr.“ Er wollte sagen, man gewinnt sie mit dem Kopf, durch klare Abwägung der Mittel, durch geniale Erfassung des Augenblicks, durch Tatkraft, durch Disziplin und Begeisterung der Truppen, d. h. also durch intellektuelle und moralische Kräfte, und durch sie allein lenkt man auch den Staat. Und was dir an dem Bilde theatralisch vorkommt, als Pose, wie man sagt, oder als pathetischer oder rhetorischer Stil, mit anderen Worten als unwahr und gekünstelt, das eben sollte die Erhabenheit und Größe des Feldherrn, seine kraftvolle Herrscherpersönlichkeit, das Kaiserliche an ihm zum Ausdruck bringen. Darum ist auch alles andere so in den Hintergrund gedrängt: die Berge, die im Nebel fast verschwinden, die letzte menschliche Ansiedlung rechts im Hintergrunde, die Soldaten, die mühsam ihre Kanonen auf gewundenen Wegen hinaufschleppen. Über die Kleinheit der Soldaten hat sich Napoleon selbst lustig gemacht; er meinte, sie seien ja gerade nur so groß wie die Hufe seines Rosses und könnten leicht zertreten werden. Aber das war eben die Absicht des Künstlers, seinen Helden turmhoch über alle Menschen zu erheben: Er ist nur mit den ganz großen Vorgängern, mit Hannibal und Karl dem Großen, zu vergleichen; aber auch ihr Ruhm verblaßt vor dem seinen. Sieh doch nur, wie ihre Inschriften schon mehr oder weniger verwittert sind, während der Name Bonaparte frisch in den Felsen der Ewigkeit gemeißelt ist.
Otto: Diese Inschriften finde ich ja auch sehr geschmacklos. Daß der Maler seinen Namen bescheiden auf den Riemen des Vorderzeugs gezeichnet hat, dagegen läßt sich nichts einwenden. Aber die Inschriften mitten auf dem Felsen des Gebirges sind vom Übel; und noch dazu: wer soll denn Bonapartes Namen eingemeißelt haben, wenn er eben erst über die Stelle reitet?
Karl: Das sind ja Nebensachen. Bei einem Denkmal würde es dir doch gar nicht auffallen, wenn am Sockel der Name des Dargestellten und andere historische Erinnerungen zu lesen wären. Dies Bild soll auch ein Denkmal sein und hat Ähnlichkeit mit einem antiken Relief, wo auch die Hauptperson allein aus flachem Hintergrunde heraustritt. Reiterstatuen aus der Antike und der Renaissance, aus Rom und Florenz, sind Vorbild gewesen. David war überzeugt, daß die antike Linienführung in aller Kunst Ewigkeitswert beanspruche, und seine ganze Zeit lebte in antiken Vorstellungen. Der Franzose der Revolution fühlte sich als alter Römer; die Tugenden der Alten wurden über alles gepriesen, die alten Helden waren in aller Munde. Wenn Napoleon sich malen lassen will, denkt er an Alexander und Apelles, und die niedliche Erbse an der Nase, von der er spricht, hat bekanntlich dem Großvater Ciceros den Namen gegeben. David selbst hat fünf Jahre in Rom studiert, und fast alle seine großen Werke stellen Szenen aus dem Altertum dar, z. B. den Raub der Sabinerinnen, den Tod des Sokrates, den Schwur der drei Horatier, die für ihr Vaterland zu sterben bereit sind. Und er hat versucht, seine Stoffe auch im antiken Geiste darzustellen, selbst wenn sie, wie beim Tode Marats, aus der unmittelbaren Gegenwart genommen sind. Die Innenräume sind griechisch-römisch, die Möbel, die Geräte, die Kleidung sind nach den Funden in Herculaneum und Pompeji gezeichnet, und selbst die Figuren sind nach antiken Statuen aufgebaut. So ist auch der Mantel, den Napoleon trägt, im Faltenwurf antik, und man sieht durch die eng anliegenden Kleider den Linienfluß des Körpers. Und der schmale, geschmeidige Leib und auch die langgestreckten Beine, an denen du Anstoß nimmst, sind einfach dem Apollo vom Belvedere nachgebildet: das gehörte zum heroischen Stil. Das alles war in der damaligen Kunst eine Gegenwirkung gegen das Verschnörkelte, Unruhige, den Körper durch das Kostüm Verdeckende der Rokokozeit; man empfand das Rokoko als süßlich, als eine Hof- und Adelskunst. In den freien Staaten des Altertums sah man das politische Ideal verkörpert; die Erneuerung der antiken Kunst sollte auch politisch und erziehlich wirken. David war ein heftiger Revolutionär, er war Jakobiner, Mitglied und eine Weile sogar Präsident des Konvents, er hat Ludwig XVI. mit zum Tode verurteilt. So will auch seine Kunst revolutionär wirken. Er hat mit dieser antikisierenden Art zwar nicht als erster begonnen, sie aber in Frankreich durchgeführt und sie zur vollen Blüte entwickelt.
Otto: Aber die Verehrung für antike Schönheit hat doch nichts mit der Revolution zu tun?
Karl: In Frankreich sicherlich, und sogar sehr viel. In Deutschland freilich weniger; doch auch hier wurde die Rückkehr zu klassischen Formen als Befreiung betrachtet; freilich hauptsächlich vom künstlerischen Gesichtspunkte aus. Die ganze Richtung ging von einem Deutschen aus, von dem armen, gedrückten Schusterssohn Winckelmann, und ist durch den deutschen Maler Raffael Mengs in Italien zu Ehren gebracht worden. Man nannte diese Leute Klassizisten, weil die klassische Kunst ihnen als unerreichbares Ideal des Schönen galt. übrigens ist kein Geringerer als Goethe auf der Höhe seines Daseins ganz derselben Überzeugung gewesen, und seine Werke atmen fast alle den gleichen Geist; denke nur an „Tasso“, „Iphigenie“, „Hermann und Dorothea“; auch er will den antiken Dichtern nahekommen. Und wenn in Schillers „Wilhelm Tell“ Gertrud sagt:
„Ertragen muß man, was der Himmel sendet,
Unbilliges erträgt kein edles Herz.“
oder gleich darauf:
„Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen:
Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei“,