so ist diese edle, dem gewöhnlichen Leben fremde Sprache nichts anderes als heroischer Stil, genau so wie Napoleon hier als antiker Imperator dargestellt wird. Das ist eben eine künstlerische Ausdrucksweise, die über die platte Wirklichkeit hinausgeht, aber darum doch höchste innere Wahrheit hat.
Otto: Nun die Deutschen sind dabei doch sehr viel echter und tiefer. Das Bild hier kommt mir doch recht französisch vor, im schlechten Sinne.
Karl: Gewiß, in der französischen Literatur herrscht die Phrase, und etwas Gewolltes und Absichtliches zeigt auch dieses Bild. Etwas Prahlerisches liegt nun einmal im französischen Nationalcharakter. Aber auch etwas Glänzendes, Geistreiches, Fortreißendes.
Otto: Mich kann das Bild nicht begeistern. Ich will zugeben, daß Napoleon hier als antiker Heros aufgefaßt wird. Aber trotzdem bleibe ich dabei: der Ausdruck des Menschlichen, der allein einem Porträt Wert gibt, ist zu kurz gekommen.
Karl: Ein Heros hat eben etwas Übermenschliches, und das energische Gesicht mit den unerbittlichen Augen und dem feinen, festgeschlossenen Mund, der etwas starre Ausdruck der straffen Züge soll ja gerade etwas Marmornes, Ehernes andeuten. Von Milde und Menschlichkeit liegt im Charakter Napoleons herzlich wenig, und der Maler hatte keine Veranlassung, den gewaltigen Tatmenschen empfindsam oder weich zu schildern. Daß seiner Palette auch solche Töne zur Verfügung standen, hat er im übrigen durch viele schöne Porträts bewiesen, namentlich von Frauen, wie z. B. der lieblichen Madame Recamier. Und auch unser Bild hat sogar manchem Deutschen den Kaiser menschlich näher gebracht. Hast du nicht einmal Hauffs anmutige Erzählung: „Das Bild des Kaisers“ gelesen?
Otto: Ach richtig, ja. Das ist also das Bild, das dort eine so versöhnende Rolle spielt und den Napoleonhasser bekehrt, weil er sich erinnert, von diesem Offizier einst aus den Händen plündernder Soldaten gerettet worden zu sein?
Karl: Ja, das ist es. Und wenn du Heines Buch Le Grand lesen wolltest oder an seine beiden Grenadiere denkst, so wirst du eine Ahnung bekommen, wie geliebt und bewundert Napoleon noch lange nach seinem Tode auch in deutschen Kreisen war. Denn er war keineswegs nur ein großes Raubtier oder eine Eroberungsbestie, wie man ihn wohl genannt hat, sondern einer der größten Männer der Geschichte, gleich groß als Verwalter und Friedensfürst, wie als Kriegsherr; er wollte nur Frankreichs Macht und Größe und hat seinem Lande wieder die führende Stellung in Europa gegeben. Wenn wir Deutsche darunter schwer zu leiden hatten, so lag das an unserer politischen Zerrissenheit und Ohnmacht; andererseits haben wir ihm recht viel zu danken; hat er doch schon allein dadurch, daß er bei uns die Kleinstaaterei und das geistliche Fürstentum beseitigte, daß er lebensfähige Mittelstaaten schuf, der deutschen Einheit mächtig vorgearbeitet. Er unterlag in dem gigantischen Kampfe gegen England, der sein Leben füllt, weil er die idealen Kräfte in den unterworfenen Nationen zu gering einschätzte; wie anders aber hätte sich die Geschichte des 19. Jahrhunderts gestaltet, hätte er England wirtschaftlich und militärisch auf die Knie zwingen können!
Otto: Ich kann ihn aber doch nicht leiden. Er hat die Deutschen gemein behandelt. Denk’ doch nur an die Königin Luise. Und auch das Bild ist und bleibt mir zu französisch; es ist zu prahlerisch, zu theatralisch, zu unwahr.