Karl: Nun ich sagte dir schon, das ist der Stil der Zeit, allerdings in französischer Ausprägung. Und freilich hat gerade die französische Kunst um 1800 durch die sklavische Anlehnung an die Antike manches von dem inneren Seelenleben verloren, das sie früher besaß und später wieder gewann. Sie läßt uns im allgemeinen kalt, und auch von Davids Werken schätzen wir heute weniger seine steif-pomphaften Schilderungen des antiken Lebens und seine riesigen, personenreichen Darstellungen zur Verherrlichung des Kaisers, wie die Krönung, die Verteilung der Adler usw., die zu ihrer Zeit die Welt entzückten, als seine intimen Familienporträts: hier hat er der ganzen Kunst des 19. Jahrhunderts Anregung gegeben. Unser Porträt steht in der Mitte. Es ist gewiß noch mit zuviel Berechnung und zuviel Vernunft gemalt, es ist noch zu sehr Nachahmung des antiken Ideals; andererseits bricht sich doch die Natur Bahn. Napoleon war zu groß, als daß sein Bild in den antiken Formeln erstarren und zur Drahtpuppe hätte werden können. Wir fühlen doch, hier ist ein Gewaltiger dargestellt, und ein großer Maler hat den Pinsel geführt.

Otto: Ein großer Maler? Ich kann es noch immer nicht glauben.

Karl: Nun, unter den Malern seiner Zeit war er der erste. Schon in der Revolutionszeit war jedes Bild von ihm ein Ereignis für Paris. Er galt als der Kunst-Papst. Er erfand und leitete die großen Revolutionsfeste, löste die alte Akademie auf, ordnete die Museen und besetzte die Direktorposten, entwarf die Kostüme der Zeit, die Uniformen, die Möbel, alles im klassizistischen Stil, dem Empirestil, wie man ihn dann nannte, und gründete eine Schule, aus der sehr bedeutende Maler hervorgingen. Aus dem Revolutionär war der Hofmaler Napoleons und Verherrlicher des Kaiserreichs geworden; seine Kunst blieb aber dem alten Ideale treu. Nach des Kaisers Sturz wurde er als Königsmörder verbannt und zog sich nach Brüssel zurück. Wie angesehen er war, siehst du daraus, daß sich Friedrich Wilhelm III. lebhaft bemühte, ihn jetzt nach Berlin zu ziehen, wo er ihn zum Direktor aller Kunstanstalten machen wollte. David lehnte aber ab, weil er sich zu sehr als Franzose fühlte, obwohl Alexander von Humboldt ihm die schmeichelhaftesten Briefe im Auftrage des Königs schrieb und des Königs Bruder ihn sogar deshalb persönlich in Brüssel aufsuchte.

Otto: Nun, heute betrachten wir es wohl als ein Glück, daß er dem Rufe nicht gefolgt ist.

Karl: Vielleicht; die Kunst hat schon in der Romantik andere Bahnen genommen, und heute schätzen wir das Klassizistische nicht mehr so. Aber du weißt ja: „Wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten.“ Doch nun wollen wir ein paar andere Bilder ansehen.

Arnold Reimann.

Der Regenbogen
Von Caspar David Friedrich

Geboren 5. September 1774 in Greifswald, gestorben 7. Mai 1840 in Dresden. — Museum in Weimar

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