Manche sind geneigt, Christinas Zustände als Krankheitserscheinungen zu betrachten. Sie denken an überreizte Nerven, Halluzinationen und Hysterie. Krankheitsbilder unseres nervösen Zeitalters werden ohne weiteres in das dreizehnte Jahrhundert zurückverlegt, wo jedoch Volksgesundheit und Volkskraft in höchster Blüte standen. Christinas Persönlichkeit hatte nun aber gar nichts an sich von der zarten Mattigkeit, der zitternden Empfindsamkeit und dem unaussprechlichen Angekränkeltsein der nervenschwachen Frauenwelt unserer Tage. Christina ist einige Male wohl auf wenige Tage krank gewesen; allein von einer ernstlichen, langandauernden Störung ihrer Gesundheit ist nirgendwo die Rede. Sie erfreute sich im Gegenteil wie alle ihre Familienangehörigen einer kräftigen, widerstandsfähigen Körperverfassung. Wenn sie mitunter das Bett zu hüten gezwungen war, so geschah dies infolge mystischer Zustände, die sie in ihrer Demut als Schwachheitszustände bezeichnete. Man hat auch versucht, Christinas mystische Zustände mit gewöhnlichen Frauenleiden in Verbindung zu bringen und sie aus diesen zu erklären, weil sie mit dem einundzwanzigsten Lebensjahre anfingen und mit dem sechsundvierzigsten Lebensjahre schlossen. Es liegt hier der nicht selten vorkommende Trugschluß vor, aus dem Nebeneinander zweier Erscheinungen auf deren ursächliche Abhängigkeit voneinander ohne weiteres zu schließen. Unerklärlich bleibt jedoch dann, weshalb denn nicht auch die Verzückungen und die Wundmale auf diese Zeitperiode beschränkt blieben, sondern diese überdauerten. Sind denn geheimnisvolle Leiden und von unsichtbarer Hand ausgeführte körperliche Mißhandlungen, wie Christina sie in der angegebenen Zeit zu erdulden hatte, dem weiblichen Geschlecht in dieser Zeitperiode im allgemeinen eigen? Weshalb sollen denn gerade bei Christina gewöhnliche Frauenleiden den Grund zur Erklärung ungewöhnlicher Zustände des Seelenlebens hergeben? Auch vergißt man, daß das geheimnisvolle letzte Leiden Christinas zur Zeit der Schlacht bei Worringen im Jahre 1288, das gewöhnlich zur pathologischen Erklärung ihrer Zustände herhalten muß, in keiner natürlichen Blutung bestand. Vielmehr bestand diese darin, daß der ganze Körper zerfleischt und geschunden war und dann zur Erhöhung der Qualen mit Salz eingerieben wurde. In Folge dieser Marter war der ganze Leib mit Blut überströmt. Bei der beliebten pathologischen Erklärungsweise bleibt es auch unerklärt, daß Christinas Zustände in der angegebenen Zeit nicht das ganze Jahr hindurch währten, sondern sich nach den liturgischen Zeiten richteten. Sie traten nämlich regelmäßig in der Advents- und Fastenzeit sowie an den Vorabenden der Heiligenfeste ein. Die Bußzeiten des Kirchenjahres waren Christinas Leidenstage, ihre Festzeiten hingegen Christinas übernatürliche Freudenzeiten. Auch blieb sie stets frei von allen Anfechtungen und Quälereien am Kommuniontage und an dem darauffolgenden Tage bis zur Komplet.
Zudem darf nicht vergessen werden, daß ein beträchtlicher Teil der Leiden Christinas mit Krankheitserscheinungen nicht den mindesten Zusammenhang hat. Es sind einfache körperliche Mißhandlungen, die von unsichtbarer Hand ausgeführt wurden, z. B. Ausschlagen von Zähnen, Zerren an den Haaren, Durchbohren der Füße, Brennen mit glühenden Steinen, Stockschläge, Geißelhiebe, Bewerfen mit Unrat und dergleichen.
Einzelne der berichteten Leiden sehen allerdings epileptischen Anfällen ähnlich, z. B. das beim ersten Besuch des Petrus beobachtete wiederholte heftige Anschlagen des Kopfes gegen die Wand oder das mehrere Jahre nachher im Advent eintretende heftige Erschüttertwerden des ganzen Körpers. Allein es wirkten dabei auch Umstände mit, die in ein Krankheitsbild schlecht passen. Des Vorganges beim ersten Besuche des Petrus erinnert sich Christina nach zwölf Jahren noch in allen Einzelheiten; hätte Fallsucht vorgelegen, so wäre dies doch wohl nicht möglich gewesen. Auch fiel Christina bei dem Vorgange nicht zu Boden, wie es doch bei epileptischen Krämpfen gewöhnlich der Fall ist, sondern sie saß aufrecht da, wie alle übrigen, die im Zimmer anwesend waren. Allerdings hätte Petrus, natürlich gesprochen, bei seinem ersten Besuche zurückhaltender sein sollen in seinem Urteile. Es wirkten jedoch damals auf seine Seele Vorgänge übernatürlicher Art ein, von denen später noch die Rede sein wird. Diese lassen freilich sein Verhalten erklärlich erscheinen. Das Erschüttertwerden im Advent war Christina lange vorher angekündigt worden und sie war darauf gefaßt. An der Fallsucht leidende Personen sind zudem in der Regel minderwertige Menschen, was bei der mit den reichsten Gaben an Körper und Geist ausgestatteten Christina mit nichten behauptet werden kann. Will man epileptische Veranlagung als Erklärungsgrund der außergewöhnlichen Zustände Christinas annehmen, so müßte doch das Krankheitsbild ein gleichmäßiges sein. Allein das trifft keineswegs zu. In jedem Advent, in jeder Fastenzeit treten Erscheinungen zutage, die keinerlei Verwandtschaft aufweisen. Oder besteht etwa ein Zusammenhang zwischen Geistestrockenheit und Besudeltwerden, zwischen Geißelung und Brandwunden?
Es soll jedoch nicht in Abrede gestellt werden, daß hin und wieder vorübergehende Krankheitserscheinungen sich in Christinas Zustände hineingemischt haben können. Daß sie einmal, sie wußte nicht wie, in eine mit Schlamm gefüllte Grube hineingeriet, kann in Folge eines Fieberanfalles geschehen sein. Bezeichnender Weise sagt Christina von diesem Vorfalle, den sie bei späterem Befragen genau beschreibt, auch gar nicht, daß er dämonischer Einwirkung zuzuschreiben sei.
Bei Christina finden sich aber anderseits Vorkommnisse, die von allen Gottesgelehrten, denen Fachkunde in der Unterscheidung der Geister zusteht, als dämonische Einwirkungen bezeichnet werden. Aus der Mundhöhle Christinas, die Gott von Herzen liebte, und deren größte Freude es war, Gott zu loben, ertönen einmal, worüber sie entsetzt war, Lästerungen und Verhöhnungen der Gottheit. Sie wird einmal auf einige Zeit des Gehörs, ein anderes Mal der Sprache beraubt. Es kommt ihr auf einmal ein unerklärlicher Widerwille gegen Personen, die sie am meisten liebt und verehrt. Es treten Versuchungen auf, die weder von der Umgebung herrühren, noch auf dem Boden ihres Herzens entsprossen sein können, aber demjenigen ähnlich sehen, der Versucher von Anbeginn ist, der bald zur Ueberhebung, bald zur Verzweiflung treibt, bald zum Uebereifer anspornt, dann Apostasie in den Sinn gibt, in wechselnder Folge den Menschen bald zur Unzucht, bald zum Unglauben zu verleiten sucht, ihm jetzt Gedanken der Selbstgefälligkeit, dann Versuchungen zum Selbstmord eingibt, dem aber immer zuwider sind Demut und Gottesliebe.
Christina aber ist gerade ein Musterbild von Demut und Gottesliebe, die sie dem Teufel besonders verhaßt machen mußte. Sie war zudem nicht bloß mit außerordentlichen übernatürlichen Gnadengaben ausgerüstet, sondern auch mit natürlichen Vorzügen aufs vornehmste bereichert und geschmückt.[24] Petrus von Dazien gibt uns von ihr bei seinem zweiten Besuche folgende Schilderung: „Ich hatte Gelegenheit, ihre Sitten und ihr Verhalten genau zu beobachten und zu prüfen und reiflicher Erwägung zu unterziehen, wie ich früher ihre Geduld und Bescheidenheit betrachtet hatte. Obgleich nun Manches in ihren Zuständen vorkam, was der gewöhnliche menschliche Verstand nicht fassen und erklären kann und was nach meiner Meinung den Charakter des Uebernatürlichen und Wunderbaren an sich trägt, so habe ich doch zum mindesten das bemerkt, daß sie eine erstaunliche und für solche, die es nicht aus dem Augenschein feststellen konnten, unglaubliche Enthaltsamkeit übte, eine mit Anständigkeit verbundene Freundlichkeit und eine mit Gottesfurcht gepaarte Heiterkeit besaß und dazu eine vor allen ausgezeichnete Demut und Fröhlichkeit bei Erniedrigung und Zurücksetzung. Sie redete Weniges und nur Erbauliches, und wenn man sie über etwas befragte, antwortete sie mit Bescheidenheit. Sie redete mitunter auch wohl ein munteres, nie aber ein leeres oder müßiges Wort. Sie trug Ordenskleidung, die gleich entfernt war von überflüssigem Zierart wie von gesuchter Demut. In ihrem Wandel war etwas wunderbar Tugendhaftes, das alle, die sie sahen oder mit ihr umgingen, sehr erbaute. In ihrem Wandel und Wesen suchte sie sich nach Möglichkeit den andern Menschen anzubequemen und alles Auffallende zu vermeiden, um zu keinerlei Gerede Veranlassung zu geben.“[25]
Was nun die Beurteilung der teuflischen Quälereien, denen Christina ausgesetzt war, anbelangt, so sind, nach Befund der Tatsachen, drei Arten zu unterscheiden. Zunächst liegen, wie bereits gesagt, körperliche Mißhandlungen vor, die mit den Sinnesorganen wahrnehmbar waren. Diese wurden von vielen Zeugen wahrgenommen. Auch ließen die dadurch hervorgerufenen Verwundungen ihre sichtbaren Spuren zurück und heilten erst allmählich auf natürlichem Wege. Wenn z. B. in der Jülicher Handschrift[26] berichtet wird, der Teufel habe der Christina mit einer Zange zwei Backenzähne auf grausamste Weise ausgerissen, so findet dies seine Bestätigung im Befunde des im Grabmal der Seligen zu Jülich aufbewahrten Schädels. An ihm sind die Grübchen zweier Backenzähne zugewachsen, wie es zu geschehen pflegt, wenn Zähne im jugendlichen Alter entfernt werden. Diese Tatsache ist bisher von niemanden beobachtet worden. Verfasser nahm sie wahr beim Wiederverhüllen des Schädels nach der durch Weihbischof Hermann Josef Schmitz vorgenommenen kanonischen Untersuchung der Gebeine am 17. Februar 1897.
Der größte Teil der an Christina verübten Quälereien ist jedoch visionären Charakters, vollzog sich im Innenleben Christinas und war für andere nicht wahrnehmbar. Darüber belehrt uns Christina selbst. Denn sehr häufig betont sie, man solle nicht glauben, daß die von ihr berichteten Vorgänge sich alle tatsächlich ereignet hätten, sie teile seelische Empfindungen mit, sie habe Zustände inneren Leidens und Kämpfens gehabt, die so auf sie einwirkten, als hätten sich die Dinge wirklich zugetragen.[27] Diese Quälereien erfolgten regelmäßig durch lebhaft in die Erscheinung tretende und auf das Vorstellungsvermögen einwirkende Bilder.
Bei einer Anzahl von Belästigungen geschah die Einwirkung auf das Vorstellungsvermögen nicht durch Bilder, sondern durch Truggestalten, die dem körperlichen Auge wahrnehmbar waren. Um derartige Vorgänge handelt es sich, wenn Christina hier und da beteuert, dieselben seien nicht bloß innerlich gewesen, sondern hätten sich auch äußerlich abgespielt.
Es kommen im Seelenleben Christinas mitunter auch gestaltlose Einwirkungen vor, wie sie den sogenannten Verstandesvisionen eigen sind, die in unmittelbarem Verkehre himmlischer Geister oder Gottes selber mit der menschlichen Seele bestehen.