Die Ungläubigen, die alles Uebernatürliche leugnen, halten alles Dämonische für Fabel oder Ausgeburt eines krankhaften Gehirns. Mit solchen Leuten kann man aufrichtiges Mitleid haben.

„Den Teufel spürt das Völkchen nie,
„Und wenn er sie beim Kragen hätte.“[8]

Daß es eine Welt unsichtbarer Geister gibt, von denen die einen, die hh. Engel, das Menschengeschlecht lieben, die andern hingegen, die gefallenen Engel, die wir Teufel nennen und deren Fürst Satan ist, voller Haß und Neid gegen die Adamskinder, die statt ihrer der Himmelsherrlichkeit teilhaft werden sollen, diesen zu schaden suchen, ist eine Wahrheit, die fast auf jeder Seite der heiligen Schriften des alten und neuen Bundes zu Tage tritt und die auch, wenn auch mehr oder minder entstellt, im Bewußtsein des gesamten Menschengeschlechtes zu allen Zeiten festgehalten wurde. Ein wissenschaftlicher Beweis für die Behauptung, daß es keine Teufel gibt oder keine geben kann, oder daß diese die Menschen nicht zu versuchen oder ihnen nicht zu schaden vermögen, ist bisher von Niemanden erbracht worden und kann auch nicht erbracht werden. Von ewigen, unabänderlichen Naturgesetzen zu reden, ist leere Phrase. Gesetze sind Vorschriften. Naturgesetze aber schreiben nichts vor. Es sind nur Verallgemeinerungen von einzelnen von uns beobachteten Vorgängen. Will man von Naturgesetzen reden, so muß man auch einen Herrn der Natur annehmen, der mit Macht und Weisheit sie leitet, der aber auch auf andere als die gewohnte Weise durch sie wirken kann und auch solches vollbringen kann, was die Kräfte der Natur übersteigt. Denn der Urheber der Natur ist doch nicht durch die von ihm ins Dasein gerufenen Naturkräfte eingeschränkt. Wenn schon der Mensch gewaltige Aenderungen im Naturlauf hervorrufen kann, indem er die Naturkräfte seinem Willen dienstbar macht, sei es, daß er auf dem Stahlroß oder im Kraftwagen über die Erde dahinsaust, oder im Luftschiff sich in die Höhe emporschwingt und am Himmelsgezelt mit den Wolken einherfährt, wie sollte es den überirdischen Geistern, denen zudem auch die uns noch verborgenen Naturkräfte bekannt sind, sich deren mit Zulassung des Schöpfers nicht bedienen können, um Wirkungen hervorzubringen, die uns wunderbar vorkommen? Eigentliche Wunder kann freilich nur Gott allein wirken, weil nur seine Allmacht die Macht der von ihm geschaffenen Natur übersteigt. Die Engel jedoch und ebenso die Teufel vermögen die vorhandenen natürlichen Kräfte in einer Weise anzuwenden, die ungewohnt ist und uns deshalb wunderbar erscheint. Teuflische Einwirkungen auf die Menschheit sind deshalb möglich. Ob sie nun wirklich vorliegen, muß in jedem Falle, wo ihre Tatsächlichkeit behauptet wird, bewiesen werden. Nirgendwo wäre Leichtgläubigkeit weniger angebracht als hier. Die Kirche läßt uns in der Untersuchung und Prüfung solcher Vorkommnisse, die in den Lebensbeschreibungen der Heiligen berichtet werden, vollste Freiheit und ermahnt uns zu größter Vorsicht. Der allgemeine Einwand jedoch, heutzutage trete der Teufel nicht sichtbar in die Erscheinung, also habe er es auch früher nicht getan, ist nicht stichhaltig. Der Teufel ist eben von jeher arglistig und boshaft und Dummheit gehört nicht zu seinen Eigenschaften. Vor allem sucht er Unglauben und Gottlosigkeit zu verbreiten. Das würde er aber heutzutage am wirksamsten verhindern, wenn er offen hervorträte. Denn wer heute an den Teufel glaubt, der kann nicht mehr ungläubig sein, der muß auch Hölle und Himmel annehmen, und an Gott glauben. Anders aber lagen die Dinge im Mittelalter, wo der Glaube ans Jenseits unbestritten war.

Was nun die teuflischen Quälereien, die von der seligen Christina in der Jülicher Handschrift berichtet werden, anbelangt, so verdient hervorgehoben zu werden, daß diese Handschrift zu Lebzeiten Christinas angefertigt wurde, und die Verfasser die Vorkommnisse miterlebt oder sie aus dem Munde Christinas vernommen haben. Daß sie alle die Wahrheit sagen wollten, wird niemand, der diese Aufzeichnungen und Briefe liest, in Zweifel ziehen. Die Erzählung ist so treuherzig, die Schilderung so unmittelbar, die in die Darstellung verwobenen Angaben über Ort, Zeit und sonstige Umstände der Geschehnisse mit der geschichtlichen Wirklichkeit so genau übereinstimmend, daß ihr der Stempel der Wahrhaftigkeit nicht abgeleugnet werden kann. Die Personen, welche diese Dinge berichten, sind achtbare, unterrichtete Männer. Da sind zunächst die beiden Pfarrer von Stommeln, Johannes und sein Nachfolger Heinrich, die beide über alles, was Christina betraf, aufs genaueste unterrichtet waren, an ihr das lebhafteste Interesse nahmen und in ihrem ganzen Verhalten eine Art heiliger Ehrerbietigkeit gegen Christina an den Tag legten. Pfarrer Johannes war ein Mann nach dem Herzen Gottes, von reinem Wandel und erprobter Tugend, ausgezeichnet durch uneigennützige Freigebigkeit und große Frömmigkeit, wie allgemein bekannt war. Da ist ferner der hochbetagte, in der Seelenleitung wohlerfahrene Bruder Walter aus dem Dominikanerkloster zu Cöln, der uns geschildert wird als sehr frommer Mann, reich an Jahren und Verdiensten, mit weißem Haupthaar und lieblichem Angesichte, hochangesehen nicht bloß bei den Weltgeistlichen, sondern auch bei den Ordensleuten.[9] Dieser war Christinas Beichtvater seit ihrem Eintritt ins Beginenkloster zu Cöln. Da ist vor allem der schwedische Dominikaner Petrus von Dazien, der am eingehendsten sich mit den Zuständen Christinas befaßt und dem vorzugsweise die über sie erhaltenen Aufzeichnungen zu danken sind. Petrus stammte aus der Stadt Wisby auf der Insel Gotland in der Ostsee, war gegen das Jahr 1266 in den Dominikanerorden eingetreten, dessen zehnte Provinz Dänemark, Schweden und Norwegen umfaßte und Dazien genannt wurde. Wegen seiner Zugehörigkeit zu dieser Provinz wird er gemeinhin Petrus von Dazien genannt. Wegen seiner besonderen Befähigung wurde er von seinen Ordensobern zur Vervollkommnung seiner Studien nach Cöln und Paris geschickt. Während seines Cölner Aufenthaltes, der von 1266-1269 währte, kam er zwölfmal nach Stommeln, dann noch einmal bei seiner Hinreise nach Paris und abermals bei der Rückreise, und später noch einmal von Schweden aus, also im ganzen fünfzehnmal. Der ebenso fromme und demütige wie kenntnisreiche und gelehrte Ordensmann betrachtete Christina als das ihm von Gott gegebene Vorbild eines vollkommenen, ganz der Liebe Jesu Christi geweihten Lebens; Christina hingegen, durch göttliche Erleuchtung belehrt, betrachtete den Petrus als ihren geistlichen Führer und Tröster. Christina verschloß, wie alle wahrhaft mystischen Seelen, die Vorgänge ihres Innenlebens vor der Außenwelt. Nur dem Petrus gab sie in Gehorsam hierüber Aufschluß. Petrus war schon einundzwanzig Jahre hindurch im Dominikanerorden, als er im Advent 1267 zum ersten Male nach Stommeln kam. Er war mithin nicht ein unerfahrener, junger Student, wie der Innsbrucker Professor Emil Michael irrtümlicher Weise annimmt, sondern ein allseitig durchgebildeter, urteilsfähiger Ordensmann in der vollen Kraft des Mannesalters. In welchem Ansehen er stand, geht daraus hervor, daß er nach seiner Rückkehr in die Heimat Lesemeister zu Skeninge, dann zu Strengnäs und darauf zu Gotland wurde und schließlich zu Wisby das Amt eines Priors versah. Einen getreuen Helfer in der Aufzeichnung dessen, was sich Merkwürdiges im innern und äußern Leben Christinas ereignete, hatte Petrus in dem Schullehrer zu Stommeln, dem Magister Johannes, einem allseitig verehrten Manne von frommem und reinem Wandel, der später Priester wurde und als Kaplan Christinas bezeichnet wird. Petrus vergleicht ihn in einem seiner Berichte mit dem Apostel Johannes; denn wie der Heiland diesem seine jungfräuliche Mutter, so habe er ihm seine Namensgenossin, das Gefäß der Tugenden und die Uebungsschule aller geistigen Kämpfe zur Hut anvertraut. Dem Petrus sei auch hier der Johannes vorgezogen. „Darum,“ so fährt Petrus fort, „strenge deine Sinne an, suche scharf und mit allem Fleiße zu beobachten, was der Herr Wunderbares wirkt. Lasse dir keine Handlung und kein Wort entgehen, was der Bräutigam oder die Braut tut oder spricht. Beobachte das Benehmen, wäge ab die Handlungen, verkoste die Freuden, merke die Gnadenerweisungen, das Geheime bewahre treu in deinem Herzen und erzähle es, wenn die Zeit gekommen, den Gläubigen. Denn es wird die Zeit kommen, wo man dies von dir verlangen wird. Und weil das Gedächtnis sehr vergeßlich ist, so schreibe auf, was der Herr Großes wirkt.“[10] Wie getreulich der Meister Johannes dieser Aufforderung nachgekommen ist, zeigt das dritte Buch der Jülicher Handschrift. Was Johannes von Christina berichtet, hat er ihr größtenteils abgelauscht bei ihrem Erwachen aus der Verzückung. „Diese Geheimnisse,“ so schreibt er an Petrus, „die ich Ew. Liebden mitteile, sind mir nicht von einem Menschen, sondern von Gott kundgemacht worden. Laßt Euch das nicht unglaublich sein. Denn wenn zu den Dienern Gottes im allgemeinen gesagt ist: „Nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eures Vaters ist es, der in euch redet,“ so gilt das auch insbesondere von seiner Braut und besonders zu jener Zeit, wo sie eben aus der Entrückung zurückkehrt, in dem Zeitraum, wo sie von äußern Dingen und von sich selbst nichts weiß. Ich schreibe euch dies darum, auf daß ihr wisset, daß Christina, Eure Tochter, zur Zeit, wo sie ihrer mächtig war, mir nichts von dem, was ich aufgeschrieben habe, mitgeteilt hat, außer wenigem über ihr Leiden.“ Sehr richtig ist diese Bemerkung des Magisters Johannes für die Beurteilung der außergewöhnlichen teuflischen Quälereien, die im dritten Buche der Jülicher Handschrift berichtet werden. Sie tragen durchgängig visionären Charakter und somit entfällt alles, was man gegen ihre Glaubwürdigkeit vorgebracht hat.

Da die Dominikaner damals stets zu Fuß reisten und bei ihren Reisen stets mindestens zu zweien sein mußten, so kamen mit Petrus auch andere Dominikaner nach Stommeln und lernten Christina kennen. Außer dem bereits erwähnten Bruder Walter verdienen noch angeführt zu werden die Brüder Gerhard vom Greif, ein sehr gelehrter Mann, Lehrmeister der Studenten und ehemaliger Unterprior im Cölner Kloster,[11] und Johannes von Muffendorf, die beide auch zu Christinas Beichtvätern zählen, ferner die Brüder Aldebrandino aus Rom, Balduin von Flandern, Gotfrid von Werden, Jakob von Andernach, Johannes Hespe aus der Provinz Dazien, Karl, der in Paris studiert hatte und als Ordensmann, reich an Gnaden, ausgezeichnet durch große Herzensreinheit, feine Sitten, Freigebigkeit und vorzügliche Frömmigkeit, gerühmt wird,[12] ferner Bruder Laurentius aus dem Kloster zu Wisby, Bruder Mauritius, später Lesemeister in Reval, Bruder Salomon aus Ungarn, Bruder Folkwin von Gotland, Bruder Wilhelm von Werigehal aus der englischen Provinz und Bruder Wipert von Böhmen aus der Provinz Polen. Wie der Vorgesetzte dieser Brüder, der Cölner Prior Hermann von Havelbrech, über Christina dachte, ersehen wir aus den Worten, mit denen er den Brüdern Aldebrandino und Petrus auf ihr Begehren Erlaubnis erteilte, nach Stommeln zu gehen: „Geliebteste Söhne,“ sprach der Prior, „mit Freuden gestatte ich euch, nach diesem Orte zu gehen, um Gottes Wundertaten zu sehen. Ich habe nämlich so außerordentliche Dinge von dieser Jungfrau gehört, daß ich sehr gerne mit euch gehen möchte, wenn ich dazu in der Lage wäre. Ihr aber, Geliebteste, seid noch jung und seid aus entfernten Gegenden hierhergekommen und möget also hingehen und die wunderbaren und erbaulichen Dinge beobachten. Diese könnt ihr dann dereinst in eueren Ländern noch im hohen Alter zu gegebener Zeit andern zur Erbauung erzählen.“[13] Einige Monate nachher, am Weißen Sonntag 1269, ging indes Prior Hermann selbst mit dem Bruder Arnold von Xanten, Prior von Straßburg, nach Stommeln und besuchte Christina. Dieser Prior Hermann von Havelbrech war aber ein Mann von großer Sanftmut und Güte, geschmückt mit allen Tugenden. Längere Zeit hindurch war er der Begleiter des Ordensgenerals Johannes I. gewesen und hatte mit diesem, wovon er mitunter zu erzählen pflegte, zehn Provinzen des Ordens bereist. Auch war er zweimal Provinzial der deutschen Ordensprovinz gewesen. Doch nicht bloß die Dominikaner kannten Christina. Auch die minderen Brüder vom h. Franz in Cöln interessierten sich für sie. Im Jahre 1281 z. B. kamen am Vorabend von Johannes Geburt zwei Minoriten mit vier Dominikanern nach Stommeln, um Christina in der Verzückung zu sehen. Der Prior der unweit von Stommeln gelegenen Benediktinerabtei Brauweiler, Gotfrid genannt, „ein Mann von allseitig gutem Rufe, großer Bescheidenheit und auferbaulichem Wandel“, von dem Petrus von Dazien sagt, daß er, ohne der Heiligkeit der übrigen nahetreten zu wollen, niemals einen Mann seines Ordens von solcher Vollkommenheit gesehen habe,[14] war Christinas väterlicher Freund, der häufiger in Begleitung des Kellermeisters der Abtei Brauweiler, namens Leonius, eines hochbetagten Mannes von großer Umsicht und Reife des Urteils, sie in Stommeln besuchte. Zur Zeit des Interdiktes, das Erzbischof Engelbert von Falkenburg über Cöln und Umgebung verhängte, weil die Stadt sich mit dem Grafen von Jülich gegen ihn verbündet hatte, ging Christina regelmäßig nach Brauweiler, um in der Abteikirche, die dem Interdikte nicht unterlag, dem Gottesdienste beizuwohnen. Sie beichtete dann regelmäßig bei dem Prior Gotfrid. Auch andere Geistliche aus dem Ordens- und Weltklerus kamen Christinas halber nach Stommeln, z. B. Adolf, Scholar des Cölner Domdechanten, Magister Heinrich vom Stifte der hh. Jungfrauen in Cöln, Herr Engelbert vom St. Cäcilienstifte dortselbst und ein Mönch des Klosters Quinheim[15] bei Neuß. Es wird vielfach behauptet, im Mittelalter sei man wundersüchtig gewesen und deshalb verdienten die Wundermären aus jener Zeit keinen Glauben. Wie alle derartigen allgemeinen Sprüche sich bei näherem Zusehen als oberflächliche Uebertreibungen erweisen, so auch hier. Die Männer, die Christinas mystische Zustände in Stommeln beobachteten, waren keine Schwärmer. Es waren fromme und vernünftige Männer von nüchterner Auffassung und gesundem Urteil. Wie sie dachten, geht anschaulich hervor aus einer Begrüßungsszene zwischen dem vorhin erwähnten Unterprior Gerhard vom Greif und Petrus von Dazien. Als letzterer im Jahre 1279 aus Schweden kommend in Cöln anlangte, hatte er in Stommeln vorgesprochen und der Unterprior sprach zu ihm, als er ihn im Cölner Kloster empfing: „Habt Ihr Christina gesehen?“ denn er kannte die Hochachtung, die Petrus gegen Christina hegte. Petrus antwortete: „Ja, Vater.“ Da lächelte der Unterprior und fuhr fort mit den Worten des h. Hieronymus an Paulinus: „Jene Zeit hatte ein unerhörtes, für alle Jahrhunderte denkwürdiges Wunder, sodaß die Menschen, die in eine so herrliche Stadt kamen, dennoch etwas anderes außerhalb dieser Stadt suchten und diejenigen, die Cöln nicht an sich ziehen konnte zu seiner Bewunderung, sich durch den Ruf eines einzigen Menschenkindes angezogen fühlten.“ Dann fragte er weiter: „Wie geht es mit Christina? Wie gefällt Euch ihr Zustand?“ Petrus antwortete: „In allem gut. Ich bin gar sehr getröstet worden; denn seit meinem Weggang hat sie sehr große Fortschritte in der Heiligkeit gemacht.“ Der Unterprior erwiderte: „Ihr habt recht, Bruder Petrus; ich bin derselben Ansicht und Ihr möget wissen, daß meine Hochachtung gegen sie um kein Haar abgenommen hat. Daß ich sie aber seltener als früher besuche, kommt daher, weil diejenigen, die früher die Brüder aufzunehmen pflegten, meistens gestorben sind.“[16] So spricht und handelt kein wundersüchtiger Schwärmer.

Auch bei dem weiblichen Geschlechte fand Christina Verständnis und Verehrung. Da ist vor allem zu nennen die hochangesehene, hochbetagte Aebtissin des hochadeligen Damenstiftes zur h. Cäcilia in Cöln, Geva, Gräfin von Virneburg, die mit den fein gebildeten Stiftsfräulein, unter denen Irmgardis[17] hervortritt, besonderes Interesse für die fromme Tochter des Stommler Gutsbesitzers Bruso bekundete. „Geva liebte Christina wie eine Mutter ihre Tochter und erwies ihr viel Gutes.“[18] Auch zwei Stiftsdamen aus dem Stifte der hh. Jungfrauen (St. Ursula) in Cöln, Christina und ihre Schwester Gertrud, zählten zu Christinas Bekanntenkreis.[19] Was von größter Bedeutung ist, diejenigen, die täglich um Christina herum waren, ihre Vertrauten, die Beginen von Stommeln, liebten und verehrten ihre Mitschwester Christina und erwiesen ihr, wie Christina bezeugt, viel Gutes. Wenn sie auch anfänglich mitunter, von frommer Eifersucht verleitet, über Christinas strenges Bußleben und ihre mystischen Zustände gespöttelt hatten, so erkannten sie doch, beim längeren Zusammenleben mit ihr, die Gediegenheit ihres Wesens und die Echtheit ihrer Begnadigungen. Da ist zuerst Hilla vom Berge, ihre Blutsverwandte und unzertrennliche Gefährtin in allen ihren Leiden und Freuden. „Ich sah, schreibt Petrus, ihr Angesicht immer gleich, sie mochte im Glück oder Unglück sein. Sie war eine Jungfrau, die alles Lob verdiente, in Kreuz und Leid unverzagt, in Freude und Glück behutsam, überall eine wahre Jungfrau im Wandel, im Verhalten, in der Rede. Ihr Scherz war ernst und ihr Ernst schien scherzend, weil sie in Wort und Benehmen sich immer gleichmäßig benahm. Nächst Christina glaube ich kein Mädchen von solcher Herzensreinheit je gesehen zu haben; denn es kam mir vor, als könnte sie keine Sünde begehen, und Gott weiß es, daß ich an ihr nie eine Geberde, eine Miene oder ein Wörtchen wahrgenommen habe, was auf Leichtsinn hätte schließen lassen können, wiewohl ich sie scharf beobachtet und mich oft und lange mit ihr unterhalten habe.“[20]

An zweiter Stelle kommt die blinde Aleidis, die, wie man glaubte, durch Weinen das Augenlicht verloren hatte und sich doch über diesen Verlust nicht beklagte. Sieben Jahre hindurch war sie bettlägerig gewesen und hatte bei gänzlicher Erschöpfung ihrer Kräfte eine wundersame Geduld bewiesen. Ihre Tugend läßt sich, sagt Petrus, nicht beschreiben. Wer sie kennt, wird gestehen, daß alles Lob hinter der Wirklichkeit zurückbleibt.[21] — Neben der blinden Aleidis gab es in Stommeln noch eine andere sehr geschäftige Begine mit Namen Aleidis und außer der Hilla vom Berge auch noch eine Hilla von Ingendorf. Die Schwester des Pfarrers Heinrich von Stommeln, Benigna mit Namen, war ebenfalls nach Kleidung und Wandel eine Begine, wiewohl sie nicht in deren Klause wohnte, sondern ihrem Bruder den Haushalt führte. Zum engeren Kreise der Freundinnen Christinas gehörten auch noch ihre Nichte Hilla und die Nichte der blinden Aleidis, die Begine Engilradis, Tochter des dortigen Vogtes, sowie die hochbetagte Mutter des Pfarrers Johannes und dessen beide Schwestern Gertrud und Hadewig. Diese Gertrud, von der gerühmt wird, daß sie eine gar liebliche Stimme hatte und oft und gerne schöne geistliche Lieber sang, war eine ganz besondere Vertraute Christinas.

3. Beginenfigur (14. Jahrh.).

Was Christina selbst anbelangt, so war sie das Kind gesunder Eltern. Auch ihre vier Geschwister erfreuten sich bester Gesundheit. Sie war, wie der Befund ihrer Gebeine ausweist, von schlankem und kräftigem Körperbau und erreichte ein Alter von siebenzig Jahren. Sie lebte in frischester Landluft, liebte es freilich, vorzugsweise am Spinnrocken zu sitzen und sich mit Nähen und Sticken zu beschäftigen.[22] Andererseits aber beteiligte sie sich auch an der Feldarbeit, half namentlich bei der Ernte[23] und war selbst des Reitens nicht unkundig. So wird von ihr berichtet, daß sie am Ostersonntag des Jahres 1268, weil ihre Füße vom Karfreitag her noch wund waren, an der Seite ihres Vaters zur Kirche ritt, um der Osterpflicht zu genügen, und zwar, um Aufsehen zu vermeiden, in weltlicher Tracht.