Drittes Kapitel.
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Christina in Stommeln bis zum ersten Besuch des Petrus von Dazien (1259-1267).
In den bisher erschienenen Lebensbeschreibungen der seligen Christina heißt es gewöhnlich, sie sei von den Beginen in Cöln entlassen worden und deshalb nach Stommeln zu ihren Eltern zurückgekehrt. Das scheint jedoch nicht richtig zu sein, denn zunächst steht nichts derartiges in dem Berichte, den der damalige Pfarrer von Stommeln, Johannes, dem Petrus von Dazien auf dessen Bitte über Christinas Jugend zusandte. Auch wäre es dann nicht zu begreifen, daß Christina zeitlebens Begine geblieben ist und niemals das Kleid der Beginen abgelegt hat. Wie die Verhältnisse lagen, dürfte die Sache sich folgendermaßen zugetragen haben. Als Christina bei den Beginen in Cöln eintrat, gab es in Stommeln offenbar noch kein Beginenhaus. Sonst würde Christina nicht nötig gehabt haben, sich so viele Mühe zu geben, um endlich zu den Beginen zu kommen. Während ihres vierjährigen Verweilens zu Cöln ist dann zu Stommeln eine Beginengemeinschaft zustande gekommen. Eine Verwandte Christinas, Hilla vom Berge, so genannt, weil sie auf dem höhergelegenen Teile von Stommeln wohnte, war eine der angesehensten der Stommeler Beginen. Wir wissen, daß Christinas Eltern ihr die Aussteuer versagten. Deshalb werden die Cölner Beginen Christina geraten haben, nach Stommeln zurückzukehren, da sie nunmehr dort, wo mittlerweile die Beginen sich eingerichtet hatten, ebensogut als Begine leben konnte wie in Cöln. Das Beginenhaus zu Stommeln war, wenn auch nicht gleich von Anfang an, eine an die Kirche angebaute Klause. Jedoch nicht alle Beginen wohnten dort, wenigstens nicht andauernd. Die Räumlichkeiten scheinen zu beschränkt gewesen zu sein. Mehrere von ihnen, wie Hilla vom Berge und die blinde Aleidis, hatten eigene Wohnungen. Bei ihrer Rückkehr nach Stommeln nahm auch Christina zunächst im elterlichen Hause Wohnung. Hier wurde sie, namentlich anfangs, nicht allzu freundlich behandelt, weil sie gegen den Willen der Eltern ins Kloster gegangen war. Man gönnte ihr nicht einmal das Brot, das sie aß. Ihr der Abtötung und dem Gebete geweihtes Leben fand auch nicht den Beifall der Beginen. Diese spotteten mehrfach über sie und nannten sie eine Scheinheilige. So hatte sie Niemanden, weder zu Hause noch außerhalb, bei dem sie einigen Trost gefunden hätte. Im öftern Empfange der h. Kommunion hätte sie gerne Kraft und Mut sich geholt zum standhaften Ertragen aller Widerwärtigkeiten. Allein sie wagte es nicht, darum zu bitten, mit wie heißer Sehnsucht sie auch darnach verlangte; denn damals war es nicht üblich, häufig zu den hh. Sakramenten zu gehen. Es war ja im dreizehnten Jahrhundert, daß die vierte Lateransynode (1215) sich veranlaßt sah, die Pflicht der Osterkommunion unter Androhung von kirchlichen Strafen einzuschärfen. Der Heiland jedoch wußte auf andere Weise sich seiner treuen Dienerin mitzuteilen. Ihrem Pfarrer Johannes hat sie nämlich im h. Gehorsam gestanden, sie sei einst krank gewesen (so nannte sie in Demut ihren mystischen Zustand), und da habe sie stets über das bittere Leiden unseres Herrn nachgedacht. Das habe wohl sechs Wochen gedauert. Und es sei ihr vorgekommen, als ob ihr vielgeliebter Heiland vor ihren Augen getötet worden sei. Sie lag dann, so fährt der Pfarrer Johannes fort, in tiefster Beschaulichkeit da, aß sozusagen gar nichts und ihre Glieder blieben, wie Johannes selbst gesehen hat, ganz starr. Aber auch der Versucher stellte sich bei ihr ein. Umstrahlt von Schönheit erschien er ihr, tröstete sie und sprach: „Teuerste, gehab dich wohl; der Herr ist mit dir.“ Er belobte sie dann sehr und sagte schließlich: „Siehe, schon bist du merklich schwächer geworden. Wenn du dich noch zwei Tage lang der Nahrung enthältst, so wirst du alsbald deinen Gott in seiner Herrlichkeit schauen.“ Bei diesen Worten erkannte Christina durch Erleuchtung des h. Geistes den teuflischen Betrug, begehrte sofort zu essen und beschämt wich der Böse von dannen.
Abgesehen von dieser Versuchung lebte Christina drei Jahre lang im Hause ihrer Eltern in seligem Herzensfrieden, auf Gott allein ihren Sinn richtend und nicht beachtend, was in der Welt vor sich ging. Sie war nun zwanzig Jahre alt und sollte bald in die Schule der Leiden genommen werden, indem es dem Satan gestattet wurde, sie zu quälen, wie er einst den Diener Gottes, den gerechten Job, gequält hatte. Nur das Leben durfte er ihr nicht nehmen, wie er ja auch dem Job das Leben lassen mußte. Sie nahm, wie es scheint, Wohnung im Hause der Beginen. Dort kam der Versucher in Gestalt des h. Apostels Bartholomäus zu ihr und sagte ganz leise: „Teuerste Tochter, deine Werke sind wohlgefällig vor Gott, dem du über die Maßen gefällst. Du hast jetzt eine Zeit lang an Leib und Seele Ruhe genossen. Nun mußt du auch, da du gar sehr verlangst, zum Geliebten deiner Seele zu kommen, an deinem Körper etwas leiden.“ Wohl einen Monat lang wurde sie von solchen Zuflüsterungen geplagt. Endlich kam der Versucher mit einem Bündel Hülsendorn und sprach: „Weil du bisher allzu weichlich gelebt hast, so bringe ich dir dies, damit du damit deinen Leib zur Ehre Gottes kasteiest; denn das gefällt ihm gar sehr.“ Also tat er zur Zeit der Mette sowohl wie zur Zeit der Komplet. Christina aber, vom h. Geiste belehrt, dachte bei sich: „Es ist der Dämon. Kaum vermag ich die übliche Geißelung zu ertragen, um wieviel weniger eine solche?“ Sodann sprach sie zum Versucher: „Uebel ist dein Rat, weil er falsch ist; denn Gott will, daß man in allem weise maßhalte.“ Doch wiewohl sie den Versucher in dieser Weise abfertigte, kam ihr doch später immer wieder der Gedanke, sie hätte doch den Rat befolgen sollen; er könne doch von Gott herrühren. Als der Versucher jedoch sah, daß Christina seinen Einflüsterungen nicht Folge gab, rächte er sich, indem er selbst acht Nächte hindurch Christina mit Hülsenwischen dermaßen geißelte, daß sie am ganzen Leibe wund war. Hilla vom Berge, die zur Zeit der Komplet zu ihr zu kommen pflegte und nicht wußte, was vor sich gegangen war, fand sie wie halb tot und brachte sie zu Bette. Nachdem der Versucher sie noch durch mehrere andere Plagen das Jahr hindurch belästigt hatte, quälte er sie im Advent auf besondere Weise. Am ersten Adventssonntage wurde sie, während sie ihren Rosenkranz[7] betete, mit einem knotigen Stocke derartig von unsichtbarer Hand geschlagen, daß die Umstehenden meinten, man müsse es im ganzen Dorfe hören können. Fünfmal fiel Christina dabei in Ohnmacht. Schließlich betete sie zum Herrn also: „Herr Jesu, ich bitte dich bei deinem bitteren Leiden, befiehl dem Dämon, er solle aufhören mich zu schlagen; denn ich vermag es nicht länger zu ertragen. Oder gib mir die Gnade, daß ich es auszuhalten vermag.“ Eines Tages empfing sie, als sie in den Stall ging, einen solch heftigen Schlag auf die Hand, daß Blut floß. Darob weinte sie, nicht aus Mangel an Gottergebenheit, sondern weil sie glaubte, in solchem Leiden nicht mehr allein in ihrem Kämmerlein leben zu können und in ein anderes Haus ziehen zu müssen. Mehrfach noch erhielt sie von unsichtbarer Hand Schläge, die derartig heftig waren, daß man sie fast bis auf die Straße hörte. Auch wurden ihre Füße zerkratzt, und zwar einmal mit spitzigen Eisenkrallen; und die ganze Pfarre kam zusammen und sah mit eigenen Augen diese Quälereien.
Christina kehrte ins Haus ihrer Eltern zurück und blieb etwa ein Jahr lang von körperlichen Mißhandlungen frei. Jedoch suchte der arglistige Feind ihre Andacht auf mancherlei Weise zu stören. Am Weihnachtsabend kam er in Gestalt eines Stieres und brüllte entsetzlich, packte ihren Kopf zwischen seine Zähne und übergoß ihr Gesicht mit Geifer. Vier Wochen nachher hörte sie jedesmal ein starkes Brüllen, so oft sie der h. Messe beiwohnte, Gottes Lob singen oder predigen hörte, oder wenn sie sich im Gebete befand. Davon wurde sie eine Zeit lang ganz taub. Als sie den Herrn bat, er möge diese Plage, die ihr die Uebungen der Gottseligkeit verleidete, von ihr nehmen, hörte sie eine gar liebliche Stimme einen Psalm zum Lobpreis Gottes anstimmen, wodurch ihr Herz in solche Wonne versetzt wurde, wie sie niemals solche bis dahin beim Gesange empfunden hatte. Das Gehör war wiedergekommen; nunmehr wurde sie eine Zeit lang stumm. Ein mündliches Gebet vermochte sie nicht mehr zu verrichten. Zuweilen versuchte sie kurze Seufzer auszusprechen wie: „Mein Herr und mein Gott!“ oder: „O Gott, erbarme dich meiner!“ oder: „Vielgeliebter.“ Aber auch das vermochte sie nicht. Sie bekam darüber solches Wehe, daß sie vierzehn Tage lang Blut spuckte. Der Versucher aber kam und verhöhnte sie, indem er sprach: „O Törin, wo ist nun dein Gott? Wenn du einen Gott hast, so bete diesen an und rufe ihn an. Du siehst doch wohl, daß ich der Schöpfer aller Dinge bin.“ Solche Lästerungen empörten Christina, und es schmerzte sie über die Maßen, daß sie ihn, weil sie stumm war, nicht abfertigen konnte.
Dann quälte sie der Böse durch Ohrenbläsereien. Drei Wochen lang flüsterte er ihr unaufhörlich in die Ohren, was die Menschen Unrechtes getan, gestohlen und dergleichen, und dabei nannte er die Leute mit Namen. Auch drohte er ihr, er werde in der Kirche laut ausrufen, daß sie alles, was abhanden gekommen sei, gestohlen habe. Als auch diese Versuchungen nicht vermochten, Christina zu lieblosen Urteilen oder zur Vernachlässigung des Gottesdienstes zu verleiten, wurde sie vierzehn Tage hindurch durch feuerige Erscheinungen in Schrecken gesetzt. Wollte sie in ihrem Kämmerlein beten, so schien es in Flammen zu stehen; nahm sie ihr Gebetbuch, so schien es zu brennen; ging sie zum Beichtstuhl, so schien der Priester in Flammen zu stehen; wollte sie dem Tische des Herrn nahen, so glaubte sie, durchs Feuer gehen zu müssen. Unterdessen kam wieder die Adventszeit heran und nach den früher gemachten Erfahrungen war Christinas Umgebung in Furcht vor neuen Plagen. So kam es, daß der ehrwürdige Pfarrherr Johannes sie für den Advent 1267 ins Pfarrhaus aufnahm.
Viertes Kapitel.
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Zur Beurteilung des Dämonischen.
In der Folge wird häufiger noch als bisher von ganz eigenartigen Plagen die Rede sein, von denen Christina heimgesucht wurde. Christina ist nicht die einzige unter den Seligen des Himmels, die solche Plagen zu erdulden hatte. Bezeichnender Weise sind es vorzugsweise die mit mystischen Zuständen Begnadigten, die solchen Quälereien ausgesetzt sind, als deren Urheber gemeinhin die bösen Geister angesehen werden. Kein geringerer als der Völkerapostel Paulus, der in den dritten Himmel entrückt wurde, klagt darüber, daß der Satansengel ihn mit Faustschlägen mißhandelt habe.