Die Entzückung ist jedoch weit davon entfernt, etwas Krankhaftes zu sein. Es hat ja auch Männer von Ruf gegeben, die künstlerische Begabung, zumal das Dichter- und Musikergenie, als eine Art von Wahnsinn ansahen. Und doch ist solch' künstlerische Begabung ein Zeichen höchster Geisteskraft und Geistesgesundheit. Noch viel mehr sind Verzückungen Aeußerungen höchsten Geistesaufschwunges. Freilich können gottbegnadigte Personen und desgleichen Dichter und Musiker gerade so gut geisteskrank werden wie andere Menschen; allein an und für sich haben mystische Zustände und künstlerische Begabung mit Geisteskrankheit nichts zu tun. Es gehört freilich ein Kennerauge dazu, krankhafte Erscheinungen von mystischen Zuständen zu unterscheiden, weil gewisse äußere Aehnlichkeiten vorliegen bei aller Verschiedenheit des Wesens. Die Kenntnisse eines auch noch so hervorragenden Nervenarztes reichen da nicht aus; der eigentliche Fachmann ist da der mit den Zuständen des übernatürlichen Seelenlebens entweder durch eigene Erfahrung oder durch eindringendes Studium der Wissenschaft der Heiligen vertraute Geistesmann.
Die h. Teresia, eine der vorzüglichsten Lehrmeisterinnen des geistlichen Lebens, wußte wohl zu unterscheiden zwischen Weiberohnmachten und Verzückungen. Sie kannte beide Zustände aus Erfahrung. Auch träges, träumerisches Versunkensein beim Gebete hat mit Verzückung nichts zu tun. Diese ist vielmehr ein machtvoller, urplötzlicher Aufschwung der Seele zu Gott, ihrem Urheber. Es sind nicht mehr die natürlichen, von der Gnade unterstützten Fähigkeiten der Seele, die da tätig sind; es ist vielmehr der Geist Gottes selbst, der h. Geist, der durch seine sieben Gaben, zumal durch die Gabe des Verstandes, den menschlichen Geist anregt und leitet. Ein unmittelbares Schauen der Gottheit, wie es im Zustande der Verklärung eintritt, findet freilich nicht statt. Dazu bedarf es des Lichtes der Herrlichkeit. Auch bei der mystischen Vereinigung wird die Seele geleitet auf dem Wege des Glaubens, der nicht im Schauen aufgegangen ist. Allein die Seele ist auf eine höhere Stufe des übernatürlichen Lebens erhoben, welche die Mitte hält zwischen dem gewöhnlichen Gnadenzustande und der Himmelsseligkeit. Vermöge der Eingießung der Gaben des h. Geistes sind es nicht so sehr die natürlichen Seelenkräfte, die tätig sind, es ist vielmehr der Geist Gottes, der von der Seele Besitz ergreift und in ihr tätig ist. Da ist nun höheres, göttliches Licht, da ist ein Vorgeschmack der Seligkeit und Wonne des Himmels. Würde jemand aus nebelumlagerter Finsternis plötzlich in der h. Weihnacht in den in hellster Beleuchtung prangenden Cölner Dom eintreten und sein Ohr von den Klängen überirdischer Musik entzückt werden, er würde sprachlos dastehen, staunen und genießen. Und wenn dies Schauen und Genießen auch nur eine Viertelstunde währen sollte, es würde ihm zeitlebens unauslöschlich vor der Seele stehen, und niemand würde ihm einreden können, er habe nur ein Traumbild geschaut. Aehnlich ist es mit der Seele, die entzückt wird. Beim Einfluten des Lichtes der Gottheit wird sie sprachlos. „Der Atem stockt, sodaß sie, wenn auch die Tätigkeit der anderen Sinne noch andauert, durchaus nicht reden kann. Manchmal jedoch hört urplötzlich alles auf, es erkalten die Hände und der ganze Körper erstarrt derart, daß es den Anschein gewinnt, die Seele sei nicht mehr da, und mitunter kann man auch keinen Atem wahrnehmen. Dieser empfindungslose Zustand dauert jedoch nur kurze Zeit; denn sobald dieser gewaltige Aufschwung etwas nachläßt, scheint der Körper wieder einiges Leben zu gewinnen und atmet wieder auf, um aufs neue zu sterben und der Seele ein höheres Aufleben zu verschaffen. Bei all dem dauert eine solche großartige Verzückung nie lange. Es kommt aber auch vor, daß nach ihrem Aufhören der Wille so versenkt und der Verstand einen ganzen Tag oder mehrere Tage so entrückt bleibt, daß es den Anschein hat, er könne auf nichts achten als auf das, was den Willen zur Liebe zu erwecken vermag. Hierzu ist er in vollkommen wachem Zustande, dagegen ist er ganz eingeschlafen, wo er einem Geschöpfe besondere Aufmerksamkeit zuwenden soll.“
Diese Beschreibung, welche die h. Teresia[5] von der Entzückung gegeben, paßt ganz und gar auf das, was bei Christina wahrgenommen wurde. Der Leib wird empfindungslos und starr. Zu verschiedenen Malen hat man an Christina, während sie in Verzückung war, den Versuch gemacht, zu erproben, ob dem wirklich so sei. Einmal hat man ihr am Arme drei Wunden beigebracht. Christina aber regte sich nicht und merkte nichts. Als sie aber aus der Verzückung erwachte, fühlte sie den Schmerz der Wunden, die nun anfingen zu bluten und langer Zeit bedurften, um zu heilen. Ein anderes Mal hat, wie Bruder Gerhard vom Greif, der Pfarrer Johannes und andere dem Bruder Petrus berichteten, eine Begine der Christina, als sie nach der Kommunion in Verzückung gekommen, mit der Schere tief in die Wade geschnitten. Auch diesmal merkte Christina während der Verzückung nichts von der beigebrachten Verletzung. Als sie aber zu sich kam, empfand sie heftigen Schmerz und die Wunde fing an zu bluten. Da sie kein Mittel anwandte, um die Wunde zu heilen, so schwoll das Bein bedenklich an und die Wunde fing an in Fäulnis überzugehen. Sie begab sich nun nach Cöln und klagte dem Bruder Gerhard vom Greif ihr Leid. Dieser sagte ihr, es müsse ein Wundarzt die Wunde untersuchen und einen Einschnitt machen. „Muß der Mann die Wade sehen?“ fragte Christina. Bruder Gerhard erwiderte: „Ich glaube, er wird sie sonst nicht heilen können.“ In einer Weise, die mehr zu bewundern als nachzuahmen ist, erwiderte Christina: „Lieber lasse ich das ganze Bein verfaulen, als daß ich dieses zugebe,“ und ging fort. In der Nacht wandte sie sich zum Gebete und erlangte vom Herrn Heilung ihrer Wunde. Morgens ging sie dann zurück zu Bruder Gerhard und sprach: „Es ist nicht nötig, den Wundarzt zu rufen; denn der Herr hat mich in seiner Güte geheilt.“[6] Auch trifft bei Christina zu, was die h. Teresia von den Wirkungen der Verzückung sagt. Krankhafte Erscheinungen erzeugen Unlust zu geistiger Betätigung, sie hinterlassen Schwäche, Abspannung und Erschöpfung. Ganz anders die Verzückung. Auch sie greift die Sinnesorgane in ihrer Weise an. Durch das übermächtig einströmende Licht der Gottheit wird die Tätigkeit der Sinnesorgane nicht nur, sondern auch alle gewöhnliche Tätigkeit des Geistes gebunden. Die Seele ist ganz aufgegangen in ihrer höchsten und edelsten Tätigkeit, im Schauen und Lieben ihres Urhebers. Sie lebt ein höheres Leben und das natürliche ist eine Weile wie erstorben. Kehrt sie nun wieder zum natürlichen Leben zurück, so bedarf es einer Art Neubelebung des Organismus, um wieder die gewohnten Beschäftigungen aufnehmen zu können. Diese geht gemach vor sich, hat aber, da eine Krankheit gar nicht vorlag, mit Rekonvalescenz keine Aehnlichkeit. Bald fühlt der Organismus sich wieder ganz frisch. Die Seele brennt vor Glut, sich wiederum mit Gott und zwar für immer zu vereinigen. Die ganze Schöpfung möchte sie aufrufen, mit ihr Gott zu preisen. Entbehren und leiden aus Liebe zu Gott ist für sie eine Genugtuung. Keine Bußübung ist ihr zu schwer. Die Welt und was sie enthält erscheint ihr gar armselig. Ihre Herrlichkeit ist ihr wie welkes Gras und ihre Lust wie ödes Sumpfwasser. Sie hat ja Höhres verkostet. Was sie in der Verzückung geschaut, vermag sie, wie St. Paulus es darlegt, nicht in Worte zu kleiden. Es übersteigt ja alle Erfahrung. Gefällt es jedoch dem Allmächtigen, sie durch bildähnliche Erscheinungen zu belehren oder zu erbauen, so weiß sie diese auch, sobald sie zu sich gekommen, zu beschreiben. Wo jedoch die Mitteilung des göttlichen Lichtes unmittelbar auf die geistige Erkenntnis einwirkt, ist einerseits eine Täuschung unmöglich; denn durch den Vorgang selbst hat die Seele die Gewähr, daß sie mit Gott verbunden ist, andererseits aber versagen ihr auch die Ausdrucksmittel, das, was sie erfahren, entsprechend wiederzugeben.
In der Regel sind solche besondere Hulderweisungen der göttlichen Liebe Vorboten großer Prüfungen und Leiden. Liebe und Leib gehören nun einmal zusammen wie im natürlichen Leben, so auch im übernatürlichen. Seine besondern Lieblinge führt Gott den Weg des Leidens. Keine verzärtelten Geschöpfe würdigt er seiner besonderen Freundschaft, sondern nur die Heldenseelen, die Opferfreudigen. Sie werden in der Schule des Leidens geübt, dann aber auch im Brautgemache der göttlichen Liebe erquickt. Unter den Heiligen des Himmel ragen die hh. Martyrer hervor, die für Christus die grausamsten Qualen erduldet und ihr Leben für ihn gelassen haben. Was in den Zeiten der Christenverfolgung wutschnaubende Machthaber an den Bekennern des christlichen Namens verübt, das gestattet in friedlichen Zeiten Gott der Herr dem Satan an seinen Auserwählten zu vollbringen, damit auch ihnen des Martyriums Palme nicht fehle. Es darf uns daher nicht wundern, wenn in der Lebensbeschreibung Christinas nach der hohen Begnadigung von widerwärtigen Versuchungen und grausamen Quälereien die Rede ist. Sie verehrte mit besonderer Innigkeit den h. Apostel Bartholomäus; sie betrachtete ihn als ihren ganz besonderen Schutzpatron, da sie in ihren Trübsalen sehr oft seinen Beistand erfahren hatte. In der Dominikanerkirche sowohl wie in der nahegelegenen Stiftskirche zum h. Andreas befanden sich Reliquien des h. Bartholomäus. Ob es nun diesem Umstande zuzuschreiben ist, daß Christina sich ihn zum besonderen Schutzheiligen erkor, oder ob seine grausame Marter, da ihm lebendigen Leibes die Haut abgezogen wurde, auf ihr mitleidiges und heldenmütiges Herz bestimmend eingewirkt hat, läßt sich nicht ermitteln. Vielleicht haben beide Gründe zusammen eingewirkt.
2. Kirchhügel zu Stommeln.
Als Christina bereits zwei Jahre bei den Beginen zu Cöln war, sie mithin fünfzehn Jahre zählte, kam, als sie nachts in ihrer gewohnten Art sich zum Gebete niedergeworfen hatte, der Versucher in Gestalt des h. Bartholomäus vor sie hinstehen und sprach: „Tochter, du betest viel und hast ein großes Verlangen, in den Himmel zu kommen. Nun wisse, daß du dies erreichen wirst, wenn du dich tötest. Das ist ja bald geschehen, und du kommst dann ohne alles Leid ins Himmelreich.“ Christina, die noch unerfahren war in der Unterscheidung der Geister, glaubte, es sei wirklich der h. Bartholomäus, und war ein halbes Jahr lang von dieser lästigen Versuchung geplagt. Wenn sie allein war, meinte sie, sie müsse sich das Leben nehmen; stand sie an einem Brunnen, so kam ihr der Gedanke, hineinzuspringen; war sie in der Kirche, so fühlte sie sich zu ihrem größten Leidwesen gedrungen, wieder hinauszugehen, um den Tod zu suchen. Doch endlich hatte der Herr Erbarmen mit ihr. Als diese Versuchung ihr schier unerträglich wurde, kam ihr in den Sinn das Wort des Evangeliums, das sie früher gehört, sie würde verloren gehen, wenn sie Selbstmord verübe. Und so schwand diese Versuchung.
Nach einer Weile indes wurde sie von einer andern Versuchung gequält. Es kamen ihr Zweifel an der Gegenwart Christi im allerheiligsten Altarssakramente und an der Erschaffung der Welt durch Gott; auch erschien es ihr fraglich, ob überhaupt Gott um sie wisse oder die Heiligen. Sie hatte kaum Freude mehr daran, Gutes zu tun, zu beten und die Kirche zu besuchen. Achtzehn Wochen lang blieb sie dem Beichtstuhl fern. Doch gab sie der Versuchung nicht nach. Trotz der Unlust wohnte sie dennoch dem Gottesdienste bei und eines Tages betete sie bei der h. Messe also: „Herr, ich habe doch immer gehört, daß dein Leib wahrhaftig hier zugegen ist. Zeige mir doch, wie ich diese Zweifel los werden kann.“ Und alsbald sah sie bei der Wandlung ein Knäblein in den Händen des Priesters, das zu ihr sprach: „Ich bin Jesus.“ Als sie solches sah und vernahm, kam sie vor Staunen außer sich. Und als sie wieder zu sich gekommen, verspürte sie in ihrem Geiste ein gewisses Maß von Licht. Daraufhin ging sie am folgenden Tage zur h. Kommunion und die Versuchung wich so vollständig von ihr, als ob sie dieselbe niemals gehabt hätte. Auch diese Anfechtungen gegen den Glauben währten ein halbes Jahr.
Nunmehr suchte der arglistige Feind des Menschengeschlechtes ihr Speise und Trank und vor allem die h. Kommunion zum Gegenstand des Ekels zu machen. Es kam ihr vor, als ob auf jeglicher Speise, die sie zum Munde führen wollte, häßliche Tiere säßen, Molche, Spinnen und dergleichen. Vor Spinnen hatte sie, nebenbei bemerkt, ganz besonderen Abscheu. Der Beichtvater gab ihr den Rat, den Ekel zu überwinden und nichtsdestoweniger zu essen. Sie folgte, vermochte jedoch vor Ekel die Speise nicht bei sich zu behalten. Selbst wenn sie dem Tische des Herrn nahte, überkam sie das Gefühl des Ekels. Doch auch diese Plage überwand sie, indem sie trotz des Widerwillens dennoch den h. Leib des Herrn empfing. Auch diese dritte Versuchung währte ein halbes Jahr. Dies alles trug sich zu, während Christina zu Cöln bei den Beginen weilte. Dort blieb sie bis zum Alter von siebenzehn Jahren, also bis zum Jahre 1259. In diesem Jahre kehrte sie nach Stommeln zurück.