Im Jahre 1252, als sie zehn Jahre zählte, erschien ihr in einer Nacht Jesus Christus selbst im Traumgesichte in Jünglingsgestalt. Christina erschrak. Christus aber sprach zu ihr: „Vielgeliebte Tochter, siehe, ich bin Jesus Christus. Gelobe mir Treue, und zwar so, daß du mir immerwährend dienest. Sollte dich übrigens jemand um ein anderes Verlöbnis angehen, so sage ihm, daß du dich Jesu Christo selbst in seine Hände verlobt habest“ — dabei ergriff er ihre rechte Hand und legte sie in die seine. — „Bei den Beginen,“ so schloß der Herr, „sollst du bleiben.“ Als Petrus von Dazien sie siebenundzwanzig Jahre später über diese Erscheinung befragte, sagte sie: „Ich sah den lieben Heiland im Glanze solcher Herrlichkeit und in solcher Schönheit, daß ein menschliches Auge es nicht zu ertragen vermag. Deshalb kam ich von Sinnen und drei Tage und drei Nächte hindurch war ich für alle körperlichen Wahrnehmungen unempfänglich.“ Von diesem Tage an hatte ihr Geist keine Ruhe mehr, sondern immerdar quälte sie sich mit dem Gedanken, wie sie zu den Beginen kommen könnte.

Wie sie elf Jahre alt war und nach Weise der Schulkinder den Psalter lernte, kam es ihr, wenn sie die Psalmen las, vor, als ob sie zu demjenigen rede, dem sie Treue gelobt hatte. Und dann konnte sie nicht anders als weinen vor seliger Freude.

Zweites Kapitel.
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Christina bei den Beginen in Cöln.

Das engelgleiche Töchterlein des Heinrich Bruso wuchs inzwischen zur blühenden Maid heran. Sie war mit allen Vorzügen ausgestattet, die ihre Hand auch für die erlesensten aus der Schar der Jünglinge begehrenswert machten. Sie war das Kind wohlhabender und angesehener Eltern. Schlank von Wuchs und kräftig von Gestalt, machte sie mit ihrem frischen, edelgeformten und von goldblondem Haar umwallten Gesichte den Eindruck jungfräulicher Anmut. Kein Wunder, daß die Eltern daran dachten, sie zu verloben; denn sie hatten keine Kenntnis von dem Traumleben ihres Kindes. Doch Christina widerstrebte diesem Vorhaben. „Bei den Beginen sollst du bleiben,“ so hatte der Herr ihr gesagt, und dieser Weisung wollte sie folgen. Ohne Vorwissen der Eltern begab sie sich deshalb am St. Katharinentage des Jahres 1255, als sie dreizehn Jahre alt war, nach Cöln. Es schneite und stürmte und sehr kalt schnitt der Wind. Nichts hatte sie von Hause mitgenommen, als ein leinenes Tuch, das sie über den Kopf geworfen hatte. Eine Frau, die sie mitgenommen, zeigte ihr den Weg. Die Freude, bald zu den Beginen zu kommen, beflügelte ihre Schritte. Die einzige Besorgnis, die sie auf diesem Wege hatte, war die, jene Frau könne sie möglicherweise verraten oder in Cöln, wo sie unbekannt war, in ein Haus führen, wo ihre Ehre und Unschuld Gefahr leiden könnte. Sie langte jedoch glücklich in Cöln an und ging sofort zu den Beginen, wo sie auch aufgenommen wurde.

Die Beginen bildeten einen nach Art einer Ordensgemeinschaft organisierten Stand weiblicher Personen, die als Jungfrauen, Ehefrauen und Witwen sich zu einem enthaltsamen Leben entschlossen hatten. In Folge der Kreuzzüge war damals die männliche Bevölkerung in unseren Gegenden bedeutend verringert, und für einen erheblichen Teil der weiblichen war mithin die Ehelosigkeit der gewiesene Weg. Es war natürlich, daß diese weibliche Bevölkerung Anschluß an die bestehenden Ordensgenossenschaften suchte. Die Prämonstratenser waren es, die zuerst dieser Frauenbewegung sich annahmen, dann ihr aber, als sie ihnen zur Plage wurde, wieder den Rücken kehrten. Darauf versuchten die Zisterzienser die Lösung derselben Frage, die aber auch ihnen ebenso wenig wie den Prämonstratensern gelingen sollte. Notgedrungen bildete sich nun diese der Enthaltsamkeit geweihte Frauenwelt zu einer selbständigen Eigenart des Ordenswesens aus, zum Beginentum. Ohne Gründer und ohne Gründerin aus dem Drange der Verhältnisse geboren, entwickelte es sich vorzugsweise in den belgischen und rheinischen Landen zu großer Blüte. Seine Wiege ist die Stadt Nivelles in Brabant, wo im Jahre 1207 das erste selbständige derartige Kloster entstand. Als kirchliche Organisation wurde das Beginentum anerkannt durch Papst Gregor IX., der ihm am 30. Mai 1233 einen Schutzbrief ausstellte. Den Anforderungen, die der Völkerapostel an die gottgeweihten Frauen und Jungfrauen stellt, nacheifernd, bemühten sich diese frommen Frauen, nicht bloß ein keusches, enthaltsames Leben zu führen, sondern auch den Geist des Gebetes zu pflegen, die hh. Sakramente häufiger zu empfangen, ein Leben der Entsagung zu führen und sich in den Werken der christlichen Barmherzigkeit zu üben. Sie trugen einfache, eigene Kleidung von schwarzer Farbe, verrichteten das kirchliche Stundengebet, pflegten aber auch mit besonderer Vorliebe das Rosenkranzgebet[3]; wohnten gewöhnlich in nächster Nähe der Pfarrkirche, trugen Sorge für die hh. Gewande, die Reinheit und den Schmuck des Gotteshauses, unterrichteten die Mädchen, pflegten die Kranken und beherbergten die durchreisenden Fremden. Ihr Reformeifer erweckte jedoch vielfachen Widerspruch. Man warf sie zusammen mit der Sekte der Apostoliker und Albigenser, und weil in jenem Zeitalter ein Lütticher Priester namens Lambert, zubenannt le bègue, d. h. der Stammler († 26. März 1187), viel von sich hatte reden machen wegen seines Reformeifers, der ihn in einen Streit mit seinem Bischof verwickelt hatte, in Folge dessen er zensuriert und eingekerkert wurde, so nannte man sie Beginen, womit der Begriff der Ueberkirchlichkeit und Widersetzlichkeit verbunden war. Doch der Priester Lambert war mit Unrecht bekämpft worden; in der Tat war er ein Mann Gottes. Papst Luzius III. hob das Urteil des Lütticher Bischofes auf und gab dem unschuldig Gemaßregelten die Vollmacht zu predigen wieder. Die neuen Ordensfrauen brauchten deshalb den ihnen in kränkender Absicht zugelegten Beinamen nicht zurückzuweisen und er ist ihnen in der Folge verblieben, wiewohl Lambert le bègue geschichtlich mit ihnen keinerlei Zusammenhang hat.[4] Als die beiden Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner sich hierzulande auszubreiten begannen, kamen die Beginen wie von selbst in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen. Mit diesen beiden Ordensfamilien, die im ersten und zweiten Orden das eigentliche Ordensleben für das männliche und weibliche Geschlecht organisiert hatten, war nämlich ein dritter Orden planmäßig verbunden, der eine losere Form des Ordenslebens für Weltleute darstellte. Dieses Tertiarierwesen war aber seiner Idee nach der Grund zur Bildung des Beginentums gewesen. Es ist deshalb auch nicht zu verwundern, daß die Beginenhäuser sich um die Klöster der Dominikaner und Franziskaner zu gruppieren pflegten. Im 15. Jahrhundert sind die Beginen durch die kirchlichen Behörden veranlaßt worden, eine bestimmte Ordensregel anzunehmen. Sie entschieden sich für die Augustinerregel. Die noch heute blühenden Klöster der Zellitinnen in Cöln, Düren, Neuß und Aachen sind dem Ursprunge nach Beginenklausen.

Das älteste Beginenhaus in Cöln ist der Konvent „ver Selen“, der 1230 gegründet wurde, sich in der Stolkgasse befand und dem Dominikanerkloster, dessen Stelle jetzt die Hauptpost einnimmt, gegenüberlag. Allem Anschein nach war es dieses Haus, in das Christina eintrat. Denn wir lesen von ihr, daß sie die Dominikanerkirche fleißig besuchte. Im Kloster erhielt Christina jedoch bald Besuch. Ihre Mutter hatte erfahren, wo sie sich hinbegeben. Sie kam nach Cöln, und unter Tränen bat sie ihre Tochter, doch wieder mit ihr nach Stommeln zurückzukehren. Christina indes war nicht hierzu zu bewegen. Zum Entgelt versagte die Mutter ihr jegliche Aussteuer. Ein ganzes Jahr hindurch ließ sie ihr nicht die mindeste Unterstützung zukommen, sodaß Christina darben mußte und an manchen Tagen nicht einmal Brot zum Essen hatte. Einige Beginen redeten ihr deshalb zu, sie sollte doch wieder zu ihren Eltern zurückkehren. Sie aber lehnte dies ab, da sie lieber dem Willen Gottes gemäß im Kloster in Armut, als bei den Eltern im Ueberfluß leben wollte. Sie blieb ungefähr vier Jahre bei den Beginen in Cöln und übte sich dort eifrig in der Schule der Vollkommenheit. Sie liebte die Einsamkeit, um dem Gebete obliegen zu können; auf Erholung und Unterhaltung nahm sie nicht Bedacht. An jedem Samstage und an allen Vorabenden der Heiligenfeste fastete sie bei Wasser und Brot. Sie trug ein einfaches, wollenes Kleid, aber kein leinenes Unterzeug. Ein fest anliegender Gürtel umschlang ihre Lenden. Sie schlief allein. Holz und Stein bildeten ihr Ruhelager, damit sie desto eher erwache und zum Gebete sich erhebe. Zweihundertmal beugte sie das Knie in jeder Nacht und tagsüber flehte sie zu allen Heiligen, deren Namen sie kannte, sie möchten ihr die h. Liebe erwirken. Ihr Stundengebet verrichtete sie gewöhnlich mit dem ganzen Körper seitwärts zur Erde hingestreckt, Freitags dagegen streckte sie dabei die Arme in Kreuzesform aus und so legte sie sich dann auch auf ihr Ruhelager. Strümpfe trug sie nicht; sie hatte nur Sohlen unter den bloßen Füßen. Die Hälfte des Jahres fastete sie, ohne irgendwelche Fleischnahrung zu sich zu nehmen. Ihr gewöhnliches Getränk war Wasser, sehr selten nahm sie etwas Bier. Alles, was nach Weichlichkeit aussah, war ihr zuwider. All ihr Sinnen und Trachten war unablässig darauf gerichtet, zu betrachten, wie vieles und wie schmerzliches Christus für uns gelitten hat.

Christina besuchte, wie gesagt, mit Vorliebe die Dominikanerkirche. Im Jahre 1225 waren die Dominikaner nach Cöln gekommen. Die Stiftsherrn zum h. Andreas hatten ihnen ihr in der Stolkgasse gelegenes Hospital zur h. Maria Magdalena geschenkt. Dieses Hospital hatten die Dominikaner zur Kirche umgewandelt, an deren Stelle Albert der Große 1271 die zu Anfang des 19. Jahrhunderts niedergelegte prächtige Kirche gotischen Stiles zum h. Kreuz erbaute. In jener älteren Magdalenenkirche war eines Tages Christina in die Betrachtung des bitteren Leidens unseres Herrn versenkt. Da wurde sie mit einem Male entrückt. Sie war wie entseelt und mußte aus der Kirche nach Hause getragen werden. Drei Tage lang dauerte dieser Zustand. Die Beginen aber, mit denen sie zusammenlebte, wußten diesen Zustand nicht zu beurteilen. Sie meinten, das müßte ein Anfall von Geisteskrankheit oder von Fallsucht gewesen sein, und sie hielten deshalb Christina für eine Minderwertige.

So ergeht es ja in der Regel den von Gott besonders begnadigten Personen. Sie werden für unsinnig gehalten und Gott läßt dies zu, um sie vor Ueberhebung zu bewahren.