5. Handschuhe und Buchtäschchen Christinas.
6. Gebetstäfelchen Christinas.
Tags darauf, am Allerseelentage, kam es durch die Mutter und eine der beiden Schwestern des Pfarrers, jedenfalls Hadewig, zu einer sehr aufgeregten Szene gegen Christina. Die beiden Dominikaner erachteten es infolgedessen für ratsam, daß Christina auf einige Zeit nach Cöln gehe, bis die Erbitterung sich gelegt. Dies geschah auch. Was die Veranlassung zur Erregung gab, wird von Petrus nicht angegeben, ist aber unschwer zu erraten. Der Sturm spielte sich im Pfarrhause ab. Der Pfarrer war nicht wohlhabend. In seinem Hause sah es ärmlich aus. Er hatte seine alte Mutter und zwei Schwestern bei sich, zudem wird seine Wohltätigkeit gerühmt. Es ist daher begreiflich, daß es schwer wurde, die Auslagen des Haushaltes zu bestreiten. Das mehrtägige Verweilen der beiden Dominikaner im Pfarrhause nun wird wegen der damit verbundenen Unkosten die besorgte alte Frau aufgebracht haben und die Schuld hiervon schob sie in ihrem Unmut Christina zu. Hiermit stimmt auch, daß Petrus bei seinem nächsten Besuche, der im Advent stattfand, nicht im Pfarrhause einkehrte und daß er sich dreimal bitten ließ, ehe er der durch Christinas Eltern erfolgten Einladung Folge gab. Die Mutter des Pfarrers scheint sogar soweit sich vergessen zu haben, daß sie ihren eigenen Sohn verdächtigte. Denn gegen Ende des Jahres 1269 schreibt Bruder Mauritius dem Petrus, die Mutter des Pfarrers und seine Schwester, die wegen des Vorfalles mit dem Pfarrer zerfallen waren, hätten sich mit ihm wieder ausgesöhnt und die übeln Nachreden, die sie über ihn und andere geführt, als Verleumdungen, zu denen der Teufel sie aufgestachelt habe, widerrufen und zwar bei denjenigen, vor denen sie dieselben vorgebracht.[34] Nach dem Tode des Pfarrers jedoch hat seine Mutter nochmals Vorwürfe gegen Christina erhoben, als ob diese daran Schuld gewesen, daß der Pfarrer keine größere Barschaft hinterlassen hatte.[35]
Mit den Seligen des Himmels hatte Christina am Allerheiligenfeste in der Verzückung gejubelt. In den finsteren, langen Nächten des Adventes sollte sie die tiefste Verdemütigung erdulden, die mit Gottes Zulassung Satan ihr zufügen konnte. Satan, den der Herr als unreinen Geist bezeichnet, hat sein Behagen am Schmutz jeglicher Art. Im Lande der Gerasener erbat er sich, als er vom Herrn aus dem Menschen ausgetrieben war, als besondere Vergünstigung die Erlaubnis, in die unsaubersten aller Tiere, in die Schweine, fahren zu dürfen. Besudelung des Menschen, der nach Gottes Ebenbild geschaffen ist, verursacht ihm besonderes Behagen. Er ist es, der die Juden antrieb, das Antlitz unseres Heilandes in der Leidensnacht mit unflätigem Auswurf zu besudeln. Ist er es nicht, der jene verwegenen Diebe, die in Kirchen einbrechen, um die hh. Gefäße oder die Opfergaben der Gläubigen zu rauben, antreibt, dabei das Heiligtum in ekelhafter Weise zu besudeln, wie es auffälliger Weise auch heutzutage fast bei jedem Kirchendiebstahl festgestellt werden kann? Er hat auch Christina in den Nächten des Adventes des Jahres 1268 in der ekelhaftesten Weise mit Unrat besudelt. Hören wir den Bericht des Petrus, den wir jedoch, weil er allzu umständlich ist, in Kürze wiedergeben: „Kurz vor dem Advent, schreibt Petrus, kam Christinas Vater zu mir nach Cöln, ließ mich ins Kapitelhaus der Brüder rufen und sprach: „Christina, deine Tochter, läßt dich grüßen.“ Er machte den Eindruck der größten Niedergeschlagenheit. Ich antwortete ihm: „Rede nicht also; denn sie hat dich ja zum Vater.“ „Freilich, erwiderte er. Doch wenn du inniges Mitleiden mit uns hast, so komme uns besuchen; denn wir sind in Gefahr. Ein gar starker Feind ist bei uns angekommen, dessen Wut unsere Habe nicht nur, sondern auch unser Leben gefährdet.“ Diese Worte bewogen mich zum Mitleide, das ich jedoch zu verbergen suchte; denn ich wußte, daß er an schwere Plagen gewohnt war und um einer Kleinigkeit willen nicht zu mir würde gekommen sein. Doch entließ ich ihn mit den Worten: „Gehe in Gottes Namen, der Herr möge euch trösten.“ Traurig ging er weg, kam aber nach acht Tagen wieder und wiederholte mit noch größerer Betrübnis seine Einladung. Ich entließ ihn wie früher und betrübt schied er von dannen. Nach sechs Tagen kam er abermals, suchte lange nach mir, und, nachdem er mich endlich gefunden, sprach er wehmütig: „Meine Tochter bittet dich bei der Liebe, die du im Herrn zu ihr trägst, zu ihr zu kommen. Auch ich und ihre Mutter bitten inständigst darum, wenn du nicht willst, daß der Teufel unser ganzes Anwesen durch Feuer zerstört.“ Diese Worte und noch mehr der rührende Ausdruck, womit sie gesprochen wurden, machten Eindruck auf Bruder Petrus. „Wenn ich Erlaubnis erhalte, so sprach er, will ich euch gerne besuchen.“ Auf diese Antwort schöpfte der Mann etwas Mut und entfernte sich. Petrus machte dem Bruder Aldebrandino Mitteilung von der Bitte des Vaters der Christina. Dieser erbat und hielt denn auch für sich und Petrus vom Prior Hermann von Havelbrecht die Erlaubnis zur Reise nach Stommeln. Da aber für Aldebrandino Hinderung eintrat, so erhielt Petrus zum Reisegefährten den Bruder Wipert von Böhmen aus der polnischen Ordensprovinz. Am Donnerstage in der zweiten Adventswoche gingen die Beiden nach Stommeln. Es regnete und die Wege waren stark aufgeweicht. Erst spät am Abend kamen sie recht müde, wenn auch fröhlichen Herzens, in Stommeln an und gingen ins Haus, wo Christina war, bei der sie den Prior Gotfrid der Abtei Brauweiler nebst dem P. Leonius, dem Kellermeister (cellerarius) derselben Abtei, sowie den Pfarrer Johannes von Stommeln vorfanden. Christina saß im Bette; denn sie konnte nicht liegen wegen der Plagen, die sie unablässig zu erdulden hatte. „Wir grüßten sie, schreibt Petrus, und alle, die bei ihr waren, und gingen dann wieder hinaus, um an dem Feuer, das vor der Türe des Kämmerleins brannte, unsere Kleider zu trocknen. Da wir nun so dasaßen und der Kellermeister, der sich zu uns gesetzt hatte, seinen mit dem Stiefel bekleideten Fuß zum Feuer hin ausstreckte, flog auf einmal vor unser aller Augen Kot auf den Stiefel des Kellermeisters. Darüber erstaunten wir, die wir eben angekommen waren und noch nicht wußten, was hier vorging. Der Kellermeister aber, der ein beherzter Mann war, sagte zu uns: „Brüder, wir müssen uns an solche Dinge gewöhnen.“ Kurz darauf hörten wir, daß auch jene im Kämmerlein miteinander Klagereden führten. Und als wir nach der Ursache fragten, vernahmen wir, daß der Teufel, wie er schon die ganze Adventszeit hindurch getan, Christina eben besudelt habe. Auf diese unerwartete Nachricht standen wir alle, die draußen waren, auf, gingen hinein und fanden es so, wie man uns gesagt hatte. Ich stellte mich nun nahe vor das Bett Christinas, der Prior aber zu Häupten des Bettes, nämlich nach Osten, der Kellermeister zu Füßen, nach Westen, der Pfarrer neben mich nach Norden. Die Wand, an der das Bett stand, war nach Süden. So war das Bett gut mit Wächtern umstellt. Da geschah es nun unter unsern Augen, daß Christina nach meiner Zählung mehr als zwanzigmal auf verschiedene Weise am Gesichte, unter dem Schleier am Kopfe, und an sonstigen Stellen des Körpers besudelt wurde. Mit Sonnenaufgang hörte diese Plage auf. Der Prior kehrte mit dem Kellermeister nach Brauweiler zurück und ich ging mit meinem Gefährten zur Kirche, um die h. Messe zu lesen. Der Tag ging vorüber, ohne daß äußerlich eine Plage oder Belästigung zu bemerken war. Als aber die Sonne untergegangen war, und die Nacht mit ihrer Finsternis gekommen, da kehrte auch der Geist der Finsternis zurück und besudelte Christina in der gleichen Weise wie in der vorhergegangenen Nacht. Gegen Mitternacht fragte ich Christina, ob sie den Teufel sehe, dessen unsaubere Werke wir alle wahrnahmen. Sie antwortete bescheiden: „Ich sehe den Teufel immerfort, wenn ich auch meine Augen schließe oder sie mit dem Schleier verhülle.“ Ich fragte sie weiter: „Wie sieht er denn aus?“ Sie erwiderte: „Es ist unmöglich, zu beschreiben, wie vielfach und verschiedenartig die Gestaltungen sind, die er annimmt. Augenblicklich sehe ich nur ein scheußliches Gesicht, das einem menschlichen ähnlich sieht, nur daß es zwei Hörner hat.“ „Wo siehst du ihn denn?“ fragte ich weiter. „Dort, sprach sie, zwischen den beiden Mädchen“ und zeigte mit der Hand nach der nördlichen Seite, wo Hilla vom Berge und Gertrud, des Pfarrers Schwester, saßen, die, als sie das hörten, erschraken und voneinander abrückten. Ich aber fragte Christina, ob der Teufel sich nicht entfernen würde, wenn wir das Zimmer mit Weihwasser besprengten. Sie sagte, er würde freilich fliehen, aber auch sogleich und zwar im selben Augenblicke wieder zurückkehren. Beim Anbruche des Morgens hörten die Besudelungen auf. Als nun die dritte Nacht kam, die Nacht vor dem dritten Adventssonntage, kam der Teufel wieder und quälte und besudelte Christina wie in den vorhergegangenen Nächten. Ich saß zu Häupten des Bettes, Bruder Wipert am Fußende und der Pfarrer vor dem Bette. Während wir miteinander sprachen, hörten wir alle ein Geräusch, das unter der Bank herkam, auf der Wipert saß. Das Geräusch war ähnlich so, wie wenn Eiweiß zu Schaum geschlagen wird. Bruder Wipert nahm seinen Rohrstock, den er aus Toskana mitgebracht hatte — er war nämlich erst vor Kurzem vom päpstlichen Hofe hergekommen — und stieß mit der Pike des Stockes heftig und öfters nacheinander unter die Bank, indem er sprach: „Nichtswürdiger Dämon, ich will dir die Augen ausstoßen.“ Das Getöse jedoch ließ nicht nach. Da sprach Bruder Wipert zum Pfarrer: „Teuerster, weißt du keine Beschwörungen, mit denen dieser böse Feind hier ausgetrieben werden kann?“ Dieser erwiderte: „Ich weiß wenigstens jene Beschwörung auswendig, die über die Täuflinge gesprochen wird. „Ergo maledicte diabole recognosce sententiam tuam“ u. s. w. Da sprach Wipert: „Sage sie mir vor, so will ich sie dir nachsprechen in der Meinung, daß wir diesen unreinen Geist verscheuchen.“ Da sie so miteinander überlegten, sprach Christina zu mir: „Worüber sprechen jene? Was haben sie vor?“ Ich antwortete: „Sie wollen den Teufel beschwören, daß er weichen soll.“ Sie erwiderte: „Saget ihnen, sie sollten sich gegen Gottes Zulassungen keine vergebliche Mühe machen; denn ich muß dieses erdulden, so lange Gott will.“ Bruder Wipert hörte das, blieb aber nichtsdestoweniger bei seinem Vorhaben. Als die Beiden mit der Beschwörung nahezu ans Ende gekommen, entstand ein starker und furchtbarer Knall im Kämmerlein, wie wenn eine mit Luft gefüllte Blase zerplatzt wäre. Im selben Augenblicke erlosch die Lampe, die zwei Ellen hoch über mir stand. Wipert sprang vor Schrecken auf und wollte hinausgehen. Doch mitten im Zimmer kam der Teufel auf ihn zu, versetzte ihm einen Schlag aufs Auge und übergoß ihn mit Unrat. Wipert schrie: „Wehe mir, ich habe ein Auge verloren.“ Dem war jedoch nicht so. — Und er lief aus dem Kämmerlein hinaus ans Feuer, wo warmes Wasser stand, um sich zu reinigen. Unter diesen und ähnlichen Quälereien ging diese peinliche Nacht vorüber. Bei Tagesanbruch beteten wir die Mette und darnach die Prim im Kämmerlein bei Christina. Als wir geendigt, sprach ich zu Christina: „Gedenkst du heute die h. Kommunion zu empfangen, wie du gestern es mir gesagt?“ — „Ja,“ erwiderte sie. „Nun denn, sprach ich zu ihr, so hüte dein Herz mit aller Sorgfalt, daß du an nichts anderes denkst als an Jesus, den du empfangen willst.“ Sie erwiderte: „Es würde mir schwerfallen, an etwas anderes zu denken.“ Darauf gingen wir zur Kirche. Wir beide Brüder lasen die h. Messe und währenddessen trug der Pfarrer Christina die h. Kommunion. Mittags speisten wir beim Pfarrer und gingen dann, bevor wir die Rückreise nach Cöln antraten, zu Christina. O wie hatte die Hand des Herrn hier alles umgewandelt! Es herrschte der lieblichste Wohlgeruch statt des abscheulichen Gestankes, die süßeste Ruhe statt Mühsal und Schmerz, Lob und Jubel statt Betrübnis und Angst, Anstand und Sauberkeit statt ekelhaften Schmutzes. Im Kämmerlein trafen wir Hilla vom Berge, Hilla, Christinas Schwester, Hilla von Ingendorf und Gertrud, des Pfarrers Schwester. Sie waren die Zeugen unserer Betrübnis gewesen, sie waren nun auch die Zeugen unserer Tröstung. Christina war in Verzückung, ohne jegliche Regung und Empfindung. Alle sahen mit Erbauung das Zeichen des Kreuzes in der linken Hand der Jungfrau. Es war ein dreifaches Kreuz, da der Querbalken des Hauptkreuzes an beiden Enden in ein kleineres Kreuz ausmündete. Die Brüder schieden von dannen; Christina aber, entrückt wie sie war, wurde nichts von ihrem Abschiede gewahr.
Weihnachten fiel im Jahre 1268 auf den Dienstag. Am vorhergehenden Sonntage, dem vierten des Adventes, reiste Bruder Gerhard vom Greif, dem der Prior Hermann den Bruder Petrus als Begleiter zugesellt hatte, nach Stommeln. Im Hause Christinas angelangt, legten sie ihre vom Regen durchnäßten Oberkleider ab und gaben sie denen, die am Feuer waren, zum Trocknen. Dann traten sie ein ins Kämmerlein Christinas, woselbst sie unter anderen den Johannes von Muffendorf mit seinem Gefährten sowie den Pfarrer von Stommeln antrafen. Nach der Begrüßung der Anwesenden fügte Bruder Gerhard scherzhaft die Worte hinzu: „Herr Teufel, mich darfst du nicht besudeln; denn ich bin dein Freund.“ „Wenn du des Teufels Freund bist, entgegnete Petrus, so bin ich dein und sein Feind.“ Gerhard nahm nun Platz zu Füßen des Bettes, in dem Christina saß, Petrus aber zu dessen Häupten nahe bei der Tür. „Da wir nun so saßen, schreibt Petrus, kam plötzlich aus einem Winkel, worin niemand war, eine schmutzige Flüssigkeit, wie aus einem Becken gegossen, auf mich zugeflogen und benetzte meine rechte Schulter sowie auch die ganze Türe neben mir. Nach dem Essen stand Bruder Gerhard auf und wollte zum Feuer gehen, das vor der Zimmertüre brannte. Doch mitten im Zimmer noch wurde er mit seinem neuen weißen Skapulier, das er tags vorher zuerst angelegt hatte, vom Teufel mit Unrat übergossen. Daß der Teufel seinen angeblichen Freund so übel zugerichtet hatte, machte einigen Freude. Der Teufel überbot in der kommenden Nacht nicht bloß alles, was er bisher an Besudelung geleistet, sondern brannte auch Christina, wie er es bereits in den sechs vorangegangenen Nächten getan hatte, mit einem glühenden Stein. Um Mitternacht nämlich, da ich neben Christina saß und sie tröstete, begann sie plötzlich sich zu krümmen und zu zittern und es brach ihr der Schweiß aus. „Was ist geschehen?“ fragte ich, „woher diese Angst und dieser Schweiß?“ — „Wundere dich nicht,“ antwortete Christina, „hier vor meinen und deinen Augen sehe ich einen schrecklichen Dämon stehen, mit einem glühenden Steine in den Händen und er droht mir, mich damit zu brennen.“ Ich tröstete sie, soweit ich konnte, und ermahnte sie zur Geduld. Nach einer Weile legte der Teufel wirklich einen faustdicken, glühenden Stein auf ihre linke Seite unter die Kleider und drückte ihn so stark ins Fleisch hinein, daß er darin unbeweglich festsaß, wie wenn er mit dem Körper zusammengewachsen gewesen wäre. Alle Anwesenden haben den Stein gesehen und mit den Händen berührt. Nach geraumer Zeit nahm der Teufel den Stein unter ihren Händen weg und legte ihn auf Christinas Schulter, wo er bis zum ersten Hahnenschrei liegen blieb. Dann schwand diese Plage.
Da es nun Morgen geworden und der Teufel wußte, daß er nur noch kurze Zeit habe, begann er noch heftiger zu wüten als bisher und auch sein Unwesen der Besudelungen fortzusetzen. Wir fürchteten deshalb, Christina allein zu lassen; denn, wenn ein Priester ihr beistand, wütete er nicht so sehr. Wir sprachen uns also ab, daß Bruder Johannes und sein Begleiter zur Kirche gehen sollten, um die Leute Beichte zu hören und sonst auszuhelfen, — es war tags vor Weihnachten — Bruder Gerhard aber und ich bei Christina bleiben sollten. Den ganzen Vormittag dauerten die Besudelungen. Es nahte schon bald die Mittagszeit und die Brüder waren noch nicht aus der Kirche zurückgekommen. Wir hatten uns schon darauf gefaßt, auf die h. Messe zu verzichten und beteten die Tagzeiten von der allerseligsten Jungfrau, die beginnen mit den Worten: Rorate caeli desuper. Als wir an das Evangelium: Missus est gekommen waren, kniete ich mit beiden Knien auf die Erde nieder und legte beide Hände auf das Haupt Christinas, damit die Kraft der heiligen Worte auf sie mehr einwirken möchte. Kaum war ich mit dem Evangelium zu Ende und siehe da, der Geist der Unlauterkeit brachte unter meinen Händen über Christinas Haupt zwischen Kopf und Schleier eine dichte Schicht des häßlichsten Unrates. Endlich kam der Pfarrer aus der Kirche zu uns und sagte, die Brüder würden bald zurückkommen. In dieser Erwartung gingen wir dann zur Kirche, um die h. Messe zu lesen und waren froh, bei Christina zu ihrem Troste einen Priester zurücklassen zu können. Auf dem Wege begegnete uns Bruder Johannes mit seinem Gefährten und fragte uns, wie es mit Christina stehe. „Sehr schlimm,“ sagten wir. Da sprach er, heftig bewegt: „Laßt uns hingehen, um mit dem Teufel zu kämpfen,“ und raschen Schrittes ging er weiter. Wir aber gingen zur Kirche, hielten die h. Messe, und da während derselben auch der Pfarrer wiedergekommen war, schlossen wir, nach Landesbrauch an die h. Messe unmittelbar die Vesper an.[36]
Während wir in der Kirche waren, trug sich in Christinas Hause etwas eigenartig Grausiges zu. Bruder Johannes und sein Begleiter, Hilla vom Berge und Gertrud, des Pfarrers Schwester, die zugegen waren, haben es uns nachher erzählt. Jener böse Feind, der Gott selbst hatte gleich sein wollen, vermaß sich in seiner Frechheit, Christinas Bett zu durchwühlen und zu erschüttern und dabei Worte der Gotteslästerung zu singen. Er sang in wohlgesetzter Melodie, und die Worte waren rythmisch geordnet und endeten in Reimbildung. So sang er in hohem Tone: „Wo ist nun dein Gott? Wo ist dein Gott?“ Oefter und mit Zwischenpausen wiederholte er diese Frage und sang dann auch die Antwort: „Ich bin dein Gott. Ich bin dein Gott.“ Nachdem er diesen gotteslästerlichen Gesang mehrfach wiederholt hatte, fügte er hinzu: „Jetzt wenigstens erkenne, daß ich dein Gott bin; denn ich habe Macht, mit dir zu tun, was mir beliebt.“ Dann beschimpfte er die Diener Gottes und sprach: „Wo sind die geschorenen Narren, die bei dir waren? Ich werde sie jetzt so zurichten, daß sie sich nicht mehr unterstehen, zu dir zu kommen.“ Da sprach endlich Christina, entsetzt über die dem Namen Gottes zugefügte Beleidigung, mit erhobener Stimme, so daß alle, die da saßen, es hörten: „Ich beschwöre dich, Dämon, in Kraft des Leidens unseres Herrn Jesus Christus, daß du die Wahrheit dessen beweisest, was du gesagt hast.“ Da änderte Satan seine stolze Sprache, er ließ ab vom Singen, Versemachen und Reimbilden und gleich einem abgelebten Greise begann er mit zitternder, schwacher Stimme die Wahrheit zu bekennen und sprach: „Wahrhaftig, alles ist gelogen, was ich gesagt habe; ich bin nicht Gott. Ich habe keinen Teil an seiner Wesenheit, und die Teilnahme an seiner Seligkeit habe ich mit Recht für immer verloren. Es ist mir aber von ihm gestattet worden, meine Bosheit an dir auslassen zu können, und das habe ich mit Eifer getan. Ueber das, was er mir erlaubt hat, bin ich aber weder hinausgegangen noch darunter zurückgeblieben. Und weil du mich in Kraft des Leidens des Herrn beschworen hast, muß ich die Wahrheit bekennen. Da ich dir so viel Qual und Schmach angetan habe und dich dennoch nicht zu besiegen vermochte, so bin ich gewiß, daß mir das hundertfach auf ewig wird heimgezahlt werden mit dem unaufhörlichen Spotte meiner Genossen. Als Feigling werden sie mich verhöhnen, da ich ein einziges Mädchen nicht zu überwinden vermochte.“ Nachdem er dieses und ähnliches gesagt, verschwand er mit einem starken Knalle.
In der h. Weihnacht, als die Mette und die erste h. Messe vorüber waren, ging der Pfarrer zu Christina und reichte ihr die h. Kommunion. Bei Anbruch des Tages ging Bruder Johannes zu Christina und ich folgte ihm. Wir fanden Christina in Verzückung, im Bette liegend und ganz starr. In diesem Zustande blieb sie den Weihnachtstag hindurch bis tief in die folgende Nacht. An den übrigen Festtagen speisten wir mit ihr und nahmen dabei mehrere Zeichen ihrer himmlischen Tröstung und inneren Liebe wahr, woraus wir schlossen, daß nach der Fülle der Leiden, die sie erduldet, nun auch Gottes Tröstungen ihre Seele erfreuten.