Zehntes Kapitel.
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Fastenzeit des Jahres 1269. Sinnliche Versuchung. Elfter und zwölfter Besuch des Petrus.

Im Advent hatte der Teufel Christina äußerlich mit Unrat besudelt. Darauf suchte er in der Fastenzeit ihre jungfräulichreine Gesinnung durch sinnliche Versuchungen und Vorführung unsauberen Blendwerks zu beleidigen. Dem Berichte des Pfarrers Johannes entnehmen wir Folgendes: Der Teufel erschien ihr und sprach: „Schau! Du hast ein ganz elendes und mühseliges Leben; du siehst, daß du Tag und Nacht keine Ruhe hast. Die aber in der Welt leben, haben sehr vergnügte Tage im Familienleben. Auch sind viele unter ihnen sehr reich. Wenn du deiner jetzigen Lebensweise entsagen wolltest und leben wie Weltleute, so würde ich dich reich machen und dein Leben verlängern, so lange du willst.“ Christina antwortete ihm: „Verfluchter, du lügst. Für Gott ist mir keine Mühe zu viel, und was du versprichst, vermagst du nicht zu halten.“ Darauf der Teufel: „Die Ordensleute, die Geistlichen und alle Enthaltsamen sind betrogen; ihre Lebensweise ist Ketzerei. Denn Gott hat von Anbeginn es so angeordnet, daß alle Menschen im Ehestande leben sollen. Wenn auch du das befolgen würdest, könntest du leicht und eher selig werden.“ Um diesen Versuchungen mehr Reiz zu geben, begleitete der Teufel sie mit allerhand unlauterem Blendwerk. — Wochenlang quälte er so Christina, vermochte jedoch nicht ihren Sinn zu beugen. Da sprach der Teufel: „Weil du mir nicht folgst, so wisse, daß ich dich beschämt machen werde vor aller Welt. In der Kirche werde ich einen kleinen Knaben vor dich hinstellen und ausrufen, daß er von dir sei.“ Diese Drohung quälte Christina fürchterlich. Wenn sie in der Kirche war und zur h. Kommunion gehen wollte, so kam es ihr vor, als ob die Leute sich zuflüsterten: „Schauet da die elende Heuchlerin, wie sie die Menschen betrogen hat. Jetzt kommen ihre Betrügereien an den Tag; sie hat ja ein Kind geboren.“ Lange Zeit kämpfte Christina mit dieser Angst und wagte es nicht, zum Tische des Herrn zu gehen. Endlich überwand sie diese Angst, indem sie also bei sich dachte: „Möge man immerhin rufen; Gott weiß, daß du unschuldig bist.“ Darauf hatte sie in der Nacht folgendes Traumgesicht: „Geliebter, so glaubte sie zu sprechen, habe Mitleiden mit mir in dieser neuen Angst und nimm diese Versuchung von mir.“ Da antwortete alsbald eine Stimme: „Vielgeliebte Tochter, habe Geduld; deine Pein wird heute ein Ende haben und dein Bräutigam wird dir für die ausgestandene Angst den gleichen Lohn geben, als ob du wirklich die Beschämung erduldet hättest.“ Da sprach sie: „Gepriesen seist du, o Süßester; ich bin elend, reich aber ist deine Huld.“ Als sie erwachte, war alle Versuchung verschwunden. Sie ging am Morgen zur h. Kommunion und wurde mit solcher Wonne erquickt, daß sie drei Tage lang weder aß noch trank und kein Wort reden konnte.

Dann kam der Teufel mit einer andern Versuchung: „Was führst du doch, sprach er, jetzt für ein Leben? Früher betetest du viel, übtest dich fleißig im Stillschweigen, fastetest, stets warst du allein und konntest den Umgang mit Mannsleuten nicht leiden; jetzt aber gehst du gar zu vertraulich mit ihnen um, mit Ordensbrüdern und andern plauderst du in der Kirche, und außer der Kirche bist du träge. Auf diese Weise wirst du nicht ins Himmelreich kommen können; so gemächlich geht es nicht.“ Wieder ein anderes Mal, als sie im Gebete die Nacht durchwachte, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie zum Tische des Herrn gehen wollte, kam jener alte Bösewicht und sprach gar gelind, wie wenn es ein Engel vom Himmel gewesen: „Teuerste, du hast vor, zur Kommunion zu gehen. Tue das nicht um dreier Ursachen willen. Erstens wird die Hostie zur Erde fallen, wenn der Priester sie dir in den Mund legt, und das wird eine große Störung verursachen. Zweitens mußt du auch billig erkennen, daß du eine Sünderin bist und deshalb gänzlich unwürdig. Drittens weiß der Pfarrer dieses auch und ist deshalb in übler Stimmung.“ Christina wähnte, ein Engel rede zu ihr, hatte aber doch Zweifel und deshalb bat sie den Herrn, er möge ihr kundtun, ob diese Stimme von ihm oder von einem andern sei. Da entstand ein gewaltiges Gepolter und alles war vorbei. Morgens ging sie zur Kirche, wagte aber nicht, zum Tische des Herrn zu gehen wegen jener drei Gründe. Der Priester aber, dem sie dies offenbarte, sagte ihr, der Teufel habe sie von der h. Kommunion abhalten wollen und so ging sie mit großer Furcht zum Tische des Herrn.

Um diese Zeit erhielt Christina den elften Besuch des Bruders Petrus. Diesem war zu Ohren gekommen, daß er laut Bestimmung seiner Obern zur Fortsetzung seiner Studien nach Paris gehen sollte und deshalb wollte er vorher seine Freunde in Stommeln noch einmal besuchen. In der Fastenzeit kam er mit seinem Landsmann Bruder Johannes Hespe zu Christina. Zur Zeit der Komplet sprach er zu ihr einiges zur Erbauung. Darob wurde sie sehr zur Andacht entflammt, und sie bat Petrus, er möge am folgenden Tage die Messe von der seligsten Jungfrau nicht lesen, sondern singen. Petrus kam dem Wunsche nach und sang die Messe „Rorate caeli desuper“. — Trauet Himmel den Gerechten —, für die er eine besondere Vorliebe hatte. Als nach Beendigung des Gottesdienstes das Volk die Kirche verließ, blieb Christina, ohne sich zu regen, auf ihrer Stelle zurück. Da sprach der Pfarrer zu Petrus: „Es scheint mir, daß Christina entrückt ist.“ Petrus und Bruder Johannes gingen nun auf sie zu und fanden sie ganz starr. Der Mantel aber, mit dem sie ihr Haupt bedeckt hatte, war an der Stelle über dem Kopfe wie mit Tau benetzt. Bruder Johannes, der seit vierzehn Tagen am Gelenke zwischen Arm und Hand einen Auswuchs von der Größe eines halben Eies hatte, befeuchtete seine gesunde Hand mit diesem Tau und berührte dann mit dieser also befeuchteten Hand den Auswuchs an der andern Hand. Von diesem Augenblicke an begann die Geschwulst schneller abzunehmen, als sie bisher gewachsen, sodaß sie in wenigen Tagen ganz verschwunden war. Christina aber blieb verzückt bis zur Komplet. Tags darauf besuchten die beiden Brüder den Prior zu Brauweiler und kehrten von da nach Cöln zurück.

Während dieser Fastenzeit hatte Christina noch eine andere ganz schreckliche Versuchung gegen die jungfräuliche Reinheit zu bestehen, die von Pfarrer Johannes umständlich berichtet wird.[37] Es befand sich damals in Stommeln oder nahebei ein elender, schrecklicher Mensch, der ein Ausbund aller Laster und ein berüchtigter Räuber war. Wie sehr Christina diesen Menschen auch fürchtete und seine Stimme ihr Grausen erregte, so kam ihr doch wider ihren Willen die Neigung, diesen Menschen zu sehen und mit ihm zu sprechen. Schon im Mai des vorhergehenden Jahres hatte diese unerklärliche Neigung sich bemerkbar gemacht. Jetzt nun kam in der Nacht der Versucher in Gestalt jenes schlechten Menschen zu Christina und sprach: „Geliebteste, siehe, ich bin es. Ich bin hereingekommen; das Haus ist offen. Dein Vater und deine Mutter wissen nicht, daß ich hier bin; Du brauchst nichts zu fürchten.“ Dann kam er näher auf sie zu und ergriff ihre Hände. Christina glaubte, den Räuber vor sich zu haben und schrie aus allen Kräften: „Wenn Ihr mich berührt, so wisset, daß der Dämon Euch umbringen wird.“ Dann bat sie ihn beim Leiden unseres Herrn, sie in Ruhe zu lassen. Der Versucher aber entgegnete: „Trauteste, nie habe ich ein Menschenkind so sehr geliebt wie Dich. Wenn Du mir nur einen freundlichen Blick schenken wolltest, so würde ich fürderhin nicht mehr schlecht sein. Wenn Du es willst, werde ich gut sein, und wenn Du es willst, werde ich schlecht sein. Ich werde Dich zu einer vornehmen Frau machen, Dir schöne Kleider kaufen, Dir soviel Geld geben, als Du haben willst, und nichts wird Dir mangeln. Ich nehme Dich mit; Deine Eltern werden nichts davon gewahr, und ich bringe Dich zu reichen und feinen Leuten, wo Du ein herrliches Leben haben wirst.“ Allein Christina antwortete nicht und richtete alle ihre Gedanken auf das Leiden unseres Herrn. „Du bringst mich ums Leben, begann er nun zu schluchzen, ich muß sterben, weil Du mich verschmähst; ich vermag nicht mehr zu schlafen und kann weder essen noch trinken.“ Als aber alles fruchtlos blieb, änderte der Versucher seine Sprache und schrie: „Ich werde doch meinen Willen an Dir vollbringen!“ und dabei ergriff er sie mit Gewalt, wie wenn er sie hätte umbringen wollen. Christina aber schrie zu Gott: „Herr, stärke mich in dieser Stunde!“ Dann zog der Versucher ein Messer hervor, setzte es ihr auf die Brust und sprach: „Ich ermorde Dich, wofern Du mir nicht zu Willen bist.“ Christina entgegnete: „Meinem Herrn Jesus Christus habe ich Treue gelobt; für seinen Namen zu sterben ist mein Wunsch.“ „Doch nicht so, erwiderte der Versucher, Dein Vater und Deine Mutter sollen die ersten sein; ich will alle im ganzen Hause ermorden, Dich aber fürs letzte aufsparen.“ Alsdann lief er mit dem Messer durchs Haus und tat so, wie wenn er am Morden wäre, Christina aber hörte erbärmliches Weinen und Jammern. Es war das alles freilich teuflische Gaukelei. Dann hörte sie, wie ihr Vater, es war in Wahrheit der Teufel, zu dem Verführer sprach: „Halte ein! töte mich nicht; ich will sie bereden, daß sie Dir zu Willen sei.“ Und alsdann kam dieser Teufel zu Christina in der Gestalt ihres Vaters — Christina jedoch glaubte wirklich, es sei ihr Vater — und sprach zu ihr: „Liebste Tochter! gedenke, daß ich kein anderes meiner Kinder so geliebt habe wie Dich; willige doch ein, damit Du mir das Leben rettest. Du wirst es doch nicht vor Gott verantworten können, wenn ich um Deinetwillen getötet werde.“ Christina aber, obgleich voll Mitleid mit dem vermeintlichen Vater, sprach herzhaft: „Vater, Ihr sagt, ich solle Gott verlassen! Wisset Ihr denn nicht, daß Gott für uns gestorben ist. Seid deshalb standhaft und erleidet freudig den Tod.“ Der Verführer stürzte sich alsdann auf Christinas Vater und versetzte ihm den Todesstoß; Christina hörte sein Röcheln. Dann kam er auf Christina zu. Diese aber entriß ihm behend das Messer, stieß es sich selbst in die Hüfte, um durch den Schmerz der Verwundung aller sinnlichen Empfindung vorzubeugen, und rang mutig mit dem Versucher, der alsdann beschämt die Flucht ergriff. Das Messer jedoch blieb zurück. Christina bediente sich desselben später beim Essen und der Pfarrer Johannes hat es sich nachher von ihr zum Geschenke erbeten. Die Wunde aber, die Christina sich beigebracht, blutete drei Tage lang. Sie lag da und weinte, da sie glaubte, sterben zu müssen und sich quälte mit dem Gedanken, sie habe selbst den Tod herbeigeführt. Da sie nun so weinte, kam ein Jüngling in Himmelsschönheit zu ihr und sprach: „Sei ohne Furcht, geliebteste Tochter! Siehe, ich bin Jesus Christus, dem Du Treue gelobt hast, ehe Du zu den Beginen kamst. Laß alle Sorge fahren; an dieser Wunde wirst Du nicht sterben. Du hast Deine Treue gegen mich bewährt. Und wie Katharina, da sie um meinetwillen die Welt verachtete, den Tod erduldete und deshalb ihr Tod kostbar war in meinen Augen, so würdest auch Du, wenn Du an der Wunde, die Du in gleicher Gesinnung Dir beigebracht, gestorben wärest, den gleichen Lohn erhalten haben wie sie.“ Bei diesen Worten machte er das Kreuzzeichen über die Wunde und augenblicklich hörte diese auf zu bluten, und aller Schmerz war verschwunden. Am Gründonnerstage kam Petrus wieder nach Stommeln. Seine Abreise nach Paris hatte sich nämlich verschoben, da die Brüder aus Dazien, die mit ihm reisen sollten, noch nicht angekommen waren. Er kam als Begleiter des Bruders Johannes von Muffendorf, der vom Pfarrer von Stommeln zum Osterfeste war eingeladen worden. Die Brüder Aldebrandino und Mauritius hatten sich mit Erlaubnis des Priors Hermann ihnen angeschlossen. Zur Zeit der Komplet kamen die vier Brüder in Stommeln an und begaben sich alsbald in die Kirche, wo sie, wie Petrus sagt, die Reliquien der Heiligen oder vielmehr die Heiligen, deren Gebeine dort aufbewahrt wurden, begrüßten. Dann trat Petrus auf Christina zu, die vor dem Altare der allerseligsten Jungfrau saß, da sie in Folge des erlittenen Blutverlustes sich sehr schwach fühlte. Sie erlitt sogar einen leichten Ohnmachtsanfall, bei dem Petrus in ihrer linken Hand, die etwas unter dem Mantel hervorgekommen war, fünfzehn Malzeichen wahrnahm. Sie waren sämtlich rund von Gestalt, rötlich von Farbe und wohl geordnet. Das größte Malzeichen befand sich in der Mitte der Hand und hatte die Größe eines Sterlings. Um dieses herum waren vier andere, die etwas kleiner waren, so verteilt, daß sie ein Kreuz bildeten. Von den zehn übrigen, die noch kleiner waren, befanden sich zwei auf den unteren Fingergliedern. Christina hatte von ihrem himmlischen Bräutigam für die in der schrecklichsten Versuchung bewiesene Treue für die linke Hand, wie es ja bei Verlobten Brauch ist, ein bräutliches Abzeichen erhalten. Als die Komplet zu Ende war, wurde nach Landesbrauch zur Dämmerstunde die düstere Mette gesungen, gegen deren Ende die Lichter allmählich ausgelöscht werden und zu deren Schluß etwas Geräusch mit den Sitzklappen des Chorgestühls gemacht zu werden pflegt. In Stommeln scheint die Jugend für diesen geräuschvollen Schluß der Mette eine besondere Vorliebe gehabt zu haben. Als die Ordensbrüder nach dem Benedictus das Kyrie eleison sangen und alles finster war, fing, wohl aus Irrtum, die Jugend schon an vorzeitig Geräusch zu machen und die Erwachsenen halfen redlich mit. Während dieser Störung des Gottesdienstes wurde ein großer Teil des Volkes im Schiffe der Kirche mit Unrat besudelt. Christina aber blieb von der Besudelung unberührt, wiewohl diejenigen, die um sie herum saßen, von ihr sämtlich betroffen wurden. Am meisten waren gerade jene besudelt worden, die ihre Zunge gegen Christina geübt und ausgestreut hatten, die Besudelungen, die Christina im Advent erlitten, seien Erdichtungen. Die Unruhe wurde durch die Besudelung noch gesteigert, legte sich dann aber allmählich und jeder begab sich nach Hause. Christina wurde von ihrem Vater nach Hause geführt; denn sie konnte vor Schwäche nicht allein gehen. Petrus begleitete sie bis zum Scheidewege, wo er auf dem andern Wege zum Pfarrhause hin abbog. Die ganze folgende Nacht war Christina wie entrückt und ihre Gedanken waren derart mit dem Leiden Christi beschäftigt, daß sie kaum beachtete, wenn man mit ihr sprach. Jungfrauen hielten bei ihr Wache. Am Morgen des Karfreitags gingen die Ordensbrüder Aldebrandino und Mauritius nach Cöln zurück, sprachen aber zuvor in Begleitung des Pfarrers bei Christina vor, sahen jedoch nichts anderes, als daß sie zu Bette lag und das Gesicht mit dem Schleier bedeckt hatte. Zur Zeit der Terz, d. h. um neun Uhr morgens, sprachen auch Petrus und Johannes vor und fanden Christina ganz starr wie eine Leiche. Sie gingen alsdann zur Kirche und hielten den Karfreitagsgottesdienst, wie es für diesen Tag Vorschrift und Brauch war. Nachmittags verfügten sich die drei wieder ins Kämmerlein Christinas, verrichteten ein Gebet, damit Gott ihnen zeigen möge, was, wie sie vermuteten, an Christina vorging, und dann sprach Petrus zu den beiden Johannes: „Ihr habt noch immer Zeit und Gelegenheit; ich aber werde bald abreisen und kann nicht hoffen, jemals wieder an solchem Tage an diesen Ort zu dieser Person zu kommen. Es würde mir sehr wehe tun, wenn ich des Trostes entbehren sollte, den ich hier zu finden hoffte. Ich hatte mich darauf gefreut, das jetzt selbst zu sehen, was ich im vorigen Jahre von andern gehört habe.“ Zum Pfarrer gewandt, sprach er dann: „Du weißt gar wohl, daß nur die Liebe Christi uns hierher führt und das Bestreben, der Wahrheit zu dienen und das Zweifelhafte aufzuhellen. Strecke nun, ich bitte Dich, Deine Hand aus und berühre ihre Fußsohle.“ Er tat es mit großer Scheu, und als er die Hand wieder zurückzog, war sie ganz mit Blut überronnen. Da sprach Petrus: „Lasset uns eines von den Mädchen rufen, damit dieses uns die äußersten Teile der Füße aufdecke und wir so feststellen können, was dieses bedeutet.“ Da die Beiden, so fährt Petrus fort, mit dem Vorschlage einverstanden waren, rief ich Hilla vom Berge und ersuchte sie, den untersten Teil der Füße Christinas aufzudecken. Diese entschuldigte sich anfangs, gab aber doch meiner Bitte und ihrer Begründung nach und tat, was ich wünschte, mit großer Ehrfurcht und heiliger Scheu. Und wir alle vier sahen, was ich hier schreibe: In der Mitte des rechten Fußes, und zwar an seiner obern und untern Seite, war eine Wunde, etwas größer als ein Sterling, und aus ihr flossen vier Bächlein Blutes von ziemlicher Breite, jedoch nicht auf die Zehen hin, sondern seitwärts. Da wir das sahen, suchte jeder von uns sich einen Winkel, um seinen Tränen freien Lauf zu lassen, weil Christina mit dem Heilande litt, und seine Wunden an ihr zur Ausprägung gekommen waren. Als wir uns ausgeweint hatten, gingen wir zum Pfarrhause zurück, nahmen ein kleines Mahl, wie es sich für den Tag schickte, und gingen dann vor der Komplet wieder zum Hause Christinas. Sie atmete nicht und war ganz starr. Ich sprach deshalb zum Pfarrer: „Laßt uns doch versuchen, an ihrem Haupte nachzuschauen, ob auch dort sich ein Merkmal des Leidens Christi vorfindet!“ Dieser erwiderte: „Ich sehe nicht, wie das möglich ist. Denn Gesicht und Kopf hat sie mit größter Sorgfalt verhüllt.“ Sie hatte nämlich die Arme kreuzweise über die Brust gelegt, so daß die Hände die Wangen berührten, und hielt dabei den vordern Saum des Schleiers, womit sie Kopf und Gesicht geschickt verhüllt hatte, zwischen den Fingern fest. Auf mein abermaliges Ersuchen machte indes der Pfarrer den Versuch, die Stelle am rechten Ohre in etwa aufzudecken. Soviel ich jedoch bemerken konnte, war dort kein Wundmal zu sehen. Als er aber das Gesicht aufgedeckt hatte, sahen wir auf der Stirne drei Blutbächlein von je zwei Finger Breite wie aus einem Quell herabfließen. Das mittlere strömte auf die Nase, die beiden anderen auf die Schläfen zu. Aus Ehrfurcht vor der göttlichen Gegenwart, die sich hier in so deutlichen Zeichen zu erkennen gab, trugen wir Scheu, das göttliche Geheimnis weiter zu erforschen. Wir hörten jedoch nach dem Ostertage von den Jungfrauen, die Christinas Vertraute waren, daß auch ihr Untergewand dort, wo es die Herzgegend berührte, in Handbreite mit Blut getränkt war. Und während der Osteroktav haben wir selbst, als wir mit Christina aßen, an beiden Händen die Spuren der Wundmale auf der Vorder- und Rückseite deutlich wahrgenommen. Vor Sonnenuntergang kam Christina wieder zu sich und ich fragte sie: „Wie befindest Du Dich?“ — Sie antwortete ganz leise: „Ich bin sehr schwach. Rede nicht weiter mit mir; denn ich kann Dir nicht antworten vor Bitterkeit im Munde und Gaumen.“ Wir ließen nun Christina allein und gingen zur Kirche. Am Karsamstage zur Zeit der Komplet, während Bruder Johannes in der Kirche Beicht hörte, ging ich wieder zu Christina, an der ich große Herzensfreude wahrnahm. Wir unterhielten uns über die beschauliche Betrachtung und Liebe Gottes, wobei Christina reichlichen Stoff lieferte. Am Ostermorgen begab sie sich ganz in der Frühe, zu Pferde, in weltlicher Kleidung, von ihrem Vater begleitet, zur Kirche. Sie hatte nämlich an Stelle des Mantels ein leinenes Tuch umgelegt. Sie begab sich zu Pferde zur Kirche, weil die Wundmale an den Füßen sie am Gehen hinderten. Auch hoffte sie so, unerkannt zu bleiben und das, was an ihr geschehen war, zu verheimlichen. Weil nämlich im vorigen Jahre der Pfarrer ihr die h. Kommunion am Ostertage ins Haus gebracht hatte, war aus diesem Anlasse Gerede entstanden und das Gerücht über ihre Wundmale hatte sich verbreitet. Christina empfing in der ersten Messe die h. Kommunion, blieb dann vollständig verzückt bis nach Mittag und kam ganz zu sich vor der Komplet. Während der Osteroktav kam auch Bruder Wipert wieder nach Stommeln und hielt eine Predigt, während der Christina in Verzückung kam und in ihr blieb bis zur Vesper. Am Samstage vor weißen Sonntag sprach Bruder Salomon aus Ungarn auf der Durchreise nach Paris in Stommeln vor, um dort seinen Freund, Bruder Petrus, zu begrüßen. Dieser erzählte ihm von den Wundmalen Christinas und Salomon wünschte gar sehr, diese zu sehen. Petrus sagte ihm, dann möge er sich wohl hüten, Christina über diese Dinge zu befragen, weil sie dann gleich ihre Hände verbergen würde; er solle vielmehr zusehen, ob an seinen Kleidern nichts aufzubessern sei, und Christina dann bitten, die Ausbesserung vorzunehmen. Und wirklich fand Wipert, daß an seiner Kapuze sich eine Naht aufgetrennt hatte. Er bat nun Christina, sie möge die Naht wieder zunähen, und während sie daran arbeitete, war es Bruder Wipert vergönnt, die Spuren der Wundmale an ihren Händen zu sehen.

Am weißen Sonntag kam zur Vesperzeit hoher Besuch in Stommeln an. Zu Pfingsten sollte das Generalkapitel des Dominikanerordens in Paris gehalten werden. Alle drei Jahre fanden diese Generalkapitel statt und zwar abwechselnd einmal jenseits, das andere Mal diesseits der Alpen. Auf der Hinreise zu diesem Kapitel hielten nun der Cölner Prior, Hermann von Havelbrech, und der Prior von Straßburg, Arnold von Xanten, der damals Definitor des Generalkapitels war, mit ihren Gefährten in Stommeln an. Die Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln war schon vorher mit den Stiftsfräulein eingetroffen, um die Brüder, dreizehn an der Zahl, auf ihrem Hofe aufzunehmen und zu bewirten. Montags besuchte Prior Hermann Christina und sprach bei der Rückkehr das bezeichnende Wort: „Dieses Antlitz ist nicht dasjenige eines Menschen, der auf Erden wandelt.“ Petrus stimmt diesem Urteile bei und fügt hinzu: „Ueber dieses Antlitz war auch körperlich ein Anflug von Glanz ausgegossen, wie ich ihn nie im Angesichte eines sterblichen Menschen, mit Ausnahme eines Einzigen, wahrgenommen habe.“ Dieser Einzige wird wohl der große h. Thomas von Aquin gewesen sein, der nachmals in Paris Lehrer des Petrus war und mit der Sonne verglichen zu werden pflegte. Petrus hielt die Messe von der seligsten Jungfrau und der Prior Arnold predigte in derselben über das Evangelium: „Stabat iuxta crucem Jesu — Es stand neben dem Kreuze Jesu seine Mutter“, das die Weltpriester um jene Zeit im Cölner Erzbistum zu lesen pflegten. Christina kam während der Predigt in Verzückung und blieb bis zum Abend ohne Bewegung und Empfindung. In diesem Zustande haben die meisten der Dominikaner sie beobachtet und sich daran sehr erbaut. Nachmittags setzten die einen der Brüder ihre Reise nach Paris fort, die andern, unter ihnen Petrus und Johannes, kehrten nach Cöln zurück.

7. Bild Christinas am Cölner Dom.