Elftes Kapitel.
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Christinas Briefwechsel mit Petrus während dessen Aufenthalt zu Paris (Mai 1269 bis Juli 1270).

Der Prior von Dazien, Bruder Nikolaus Heinrich, kam vierzehn Tage später in Cöln an und brachte dem Bruder Petrus die Weisung, sich zur Vollendung seiner Studien nach Paris zu begeben. Der Prior reiste ohne Verzug weiter nach Paris zum Generalkapitel, dessen Definitor er war. Petrus konnte noch nicht allsogleich abreisen und folgte seinem Prior einige Tage später nach. Als Reisegefährten hatte er den Bruder Mauritius. Sie gingen über Stommeln, weil es nicht weit ablag von der Hauptstraße, die von Cöln nach Paris führte, um von den dortigen Freunden Abschied zu nehmen. Sie übernachteten in Stommeln und reisten am folgenden Tage nach dem Mittagessen weiter. Der Pfarrer Johannes von Stommeln sowie Christina und mehrere Andere begleiteten die beiden Brüder bis Ingendorf (Engendorp), wo sie tiefgerührt voneinander Abschied nahmen. Am Freitage vor Pfingsten, das auf den 12. Mai fiel, kamen die beiden Brüder in Paris an, also noch vor Zusammentritt des Generalkapitels, zu dem auch Thomas von Aquin aus Italien herübergekommen war. Im Kollegium von St. Jakob, das zur Zeit der großen französischen Revolution den führenden Männern als Versammlungsort diente und ihnen den Namen Jakobiner eingetragen hat, hielt der berühmte Aquinate in diesem und im folgenden Jahre philosophische und theologische Vorlesungen und gerade in diesem Kollegium nahm Petrus von Dazien Wohnung.

Während der vierzehn Monate, die Petrus in Paris zubrachte, wurde zwischen ihm und Christina ein Briefwechsel in lateinischer Sprache geführt, der uns über Christinas Zustände einigen Aufschluß gibt. Christina scheint das Latein einigermaßen verstanden zu haben. Sie führt einmal einen Hexameter an, ein anderes Mal läßt sie eine Stelle aus dem prächtigen Osterhymnus der Cölner Kirche einfließen und von der Uebersetzung eines Briefes sagt sie, daß sie dadurch zu vollerem Verständnis desselben gekommen sei.[38] Hätte sie das Latein nicht verstanden, so hätte sie auch nicht unter den Psalmen gerade diejenigen als Lieblingsgebete auswählen können, die auf ihre Lage ganz besonders paßten.

Christinas Briefe, die sie dem Pfarrer Johannes und später dem Schulmeister Johannes diktierte und die diese dann lateinisch niederschrieben, sind gewöhnlich kürzer gehalten als die des Petrus, die sich meist in frommen Betrachtungen und Tröstungen ergehen. Christinas Briefe, die für uns wichtiger sind, geben wir dem Wortlaute nach vollständig wieder, die des Petrus nur auszugsweise. Die Ausdrucksweise dieser Briefe ist die des dreizehnten Jahrhunderts, die, was Herzlichkeit anbelangt, die jetzt herrschende Form bedeutend überbietet. Auch lehnt sich die Sprache mitunter an die des Hohen Liedes an.

Seit der Abreise des Petrus bis zum Dreifaltigkeitssonntage befand sich Christina wohl, dann litt sie einige Zeit hindurch an dreitägigem Fieber und danach kamen neue Plagen des Teufels. Kurz nach Johannis Geburt schrieb hierüber Christina an Petrus folgenden Brief:

„Dem geliebten Bruder Petrus von Dazien in Paris entbietet seine Tochter Christina in Stommeln ihre Gebete im Herrn. Ich glaube Euch mitteilen zu sollen, daß Euere Abreise mich mehr, als ich geglaubt hätte, angegriffen hat. Denn ich gedenke Euerer treuen Anhänglichkeit und meiner geringen Dankbarkeit. Ich hoffte und hoffe noch, Ihr würdet mich beerdigen. Ihr habt mich um Einiges gefragt, worüber ich Euch keine Auskunft gegeben habe und das tat mir später leid. Denn ich sehe ein, daß es gut für mich gewesen wäre, wenn ich Euch jene Dinge und mehreres Andere mitgeteilt hätte. Auch möget Ihr wissen, daß ich seit dem Feste des h. Johannes des Täufers weder beten noch beichten kann, ohne daß der Dämon mich mit einem glühenden Eisen brennt und mir äußerlich und innerlich am Munde Brandblasen verursacht. Diese Plage wird voraussichtlich dauern bis Mariä Himmelfahrt. Früher habt Ihr mir in Eurer Treue viele Freunde erworben; auch jetzt wollet mich, ich bitte Euch darum, dem Gebete vieler empfehlen. Durch den Ueberbringer dieses Briefes würde ich Euch zwei Korporalien haben zugehen lassen, wenn er sie hätte mitnehmen wollen. Wenn Ihr immer einen Wunsch habt, so tut ihn mir kund; ich will ihn erfüllen. Lebet wohl, Teuerster. Der Herr Pfarrer läßt Euch grüßen. Betet für meinen Vater, wie ich Euch darum ersucht habe. Ich sehne mich danach, Euch wiederzusehen. Besuchet mich doch, sobald Ihr könnt.“

Diesen Brief erhielt Petrus am Feste Mariä Himmelfahrt. Er aber hatte gleich nach seiner Ankunft in Paris an Christina einen Brief geschrieben, um sie zu trösten über den Schmerz des Abschiedes. Dieser Brief, den Bruder Mauritius nach Stommeln überbrachte, hatte sich mit Christinas Brief gekreuzt. Auf diesen Brief des Petrus schickte Christina etwas nach Kreuz Erhöhung folgendes Antwortschreiben:

„Dem in Christo geliebten, teuersten Bruder Petrus von Dazien aus dem Predigerorden zu Paris entbietet Christina von Stommeln den Ausdruck ihrer Liebe und die Gabe ihres Gebetes. Aus Euerem Briefe ersah ich, welch' besondere Liebe Ihr zu mir heget. Ich wundere mich nicht darüber, daß Ihr dasjenige, was innerlich im Herzen, dem Auge des Herrn allein sichtbar, vorgeht, auch äußerlich durch Wort und Schrift zu erkennen gebet. Doch wisset, daß auch die Liebe, die ich zu Euch im Herrn trage, nicht gemindert wurde durch Euer Weggehen; ich empfinde sie vielmehr jetzt bei Euerm Fernsein lebhafter als bei Euerem Hiersein, und wenn ich Euer im Gebete gedenke, so füllen sich meine Augen mit Tränen bei der Erinnerung an Eueren treuen Beistand und Euere Liebe in Christo. Als ich Eueren Brief lesen hörte, konnte ich die Tränen nicht unterdrücken, wiewohl das ausgesprochene Lob mir nicht zukam, ich aber doch durch die in ihm hervortretende liebevolle Gesinnung vollkommen getröstet wurde. Auch der Umstand, daß gerade Bruder Mauritius den Brief überbrachte, vermehrte meine Betrübnis an jenem Tage, weil er bei der Abreise Euer Begleiter war. Ihr ginget damals so schnell fort, und vor großer Betrübnis konnte ich nicht so zu Euch reden, wie ich es wünschte. Und wenn Brüder aus Euerer Gegend hierher kommen, so befällt mich Traurigkeit, da ich Euch ferne weiß in der Verbannung. Aus Eueren Worten schöpfte ich besondern Trost. Und wenn Ihr vom Geliebten sprachet, dann sah ich Euch in solcher Begeisterung, daß auch mein Herz mit Freude erfüllt wurde und in Jubel ausbrach. Diese Freude aber und diesen Jubel konnte ich vor Niemanden kundgeben als vor Euch, weil Ihr mich verstandet. Gerade deshalb bin ich betrübt, weil ich seit Euerem Weggange niemanden mehr habe, vor dem ich mich so geben könnte und dürfte. Denn ich fürchte mich vor Jedermann, und mit niemanden kann ich verkehren wie mit Euch. Einstmals, als ich in Leiden war, habt Ihr mir liebevolle Aufmerksamkeit erwiesen, und ich habe Euch mit dem Gegenteil vergolten. Doch nicht Euretwegen benahm ich mich so, sondern wegen anderer Dinge, die in meinem Herzen vor sich gingen. Ich bitte Euch deshalb, es mir nicht zu verübeln. Ich versichere Euch, daß ich in meinen Trübsalen niemanden lieber zum Beistande habe als Euch. Ihr waret immer bereit, zu mir zu kommen, wenn ich geplagt wurde. Derohalb bin ich jetzt betrübt, weil ich seit Euerer Abreise manches leiblich und geistig erduldet habe, und ich Euch dieses lieber mündlich als schriftlich mitteilen möchte.

Beständige Trübsale, die acht Tage vor dem Feste des h. Johannes des Täufers ihren Anfang nahmen, suchten mich heim bis zum Feste der Himmelfahrt der allerseligsten Jungfrau. So oft ich zum Tische des Herrn ging, wurde ich am darauffolgenden Tage zur Zeit der Komplet durch ein glühendes Eisen erschreckt, ebenso, wenn ich beichten wollte, so daß ich vergaß, was ich sagen wollte. Auch bin ich vierzehn Tage hindurch, wenn ich mich anschickte, zum Tische des Herrn zu gehen, in solche Angst geraten, daß ich glaubte Blut zu schwitzen. Nachher vermochte ich nicht, der h. Messe beizuwohnen oder das Wort Gottes zu hören oder von Gott zu reden oder zu ihm zu beten, ohne durch jenes glühende Eisen erschreckt zu werden. Und wenn ich nach dem Empfange des Leibes des Herrn mich an meinen gewohnten Platz verfügte, so blieb mein Herz ohne allen Trost. Das war für mich über alles Maß bitter, und so ging es fort, bis zu genanntem Feste. Schließlich bin ich außen am Munde sichtbarlich verbrannt worden, so daß sich ums Kinn weiße Brandblasen zeigten. Nachdem dieses Verbrennen eine Zeit lang gedauert hatte und dann Heilung eingetreten war, wurden mir in einer Nacht die Ohren verbrannt. Als dies nachließ, wurden mir Augen und Stirne versengt und zwar so erbärmlich, daß es das Mitleid meiner Freunde erregte. Denn die Augen waren in Folge der Verletzung angeschwollen und große Brandblasen waren über denselben aufgetreten. Später wurde mir auf der Straße in Gegenwart des Bruders Wilhelm Bonefant und des Bruders Gotfrid von Werden die Nase versengt. Während ich nun solche Plagen am Körper erlitt, erduldete ich noch größere in meiner Seele infolge von Versuchungen. Denn der Dämon riet mir, ich sollte meinen Gott verleugnen und so sein, wie die übrigen Menschen. Und wenn ich dann überdachte, wie ich an Leib und Seele gequält wurde, und alles göttlichen Trostes entbehrte, dann wurde ich so niedergeschlagen, daß es zuweilen schien, als sei ich von meinem Gott ganz und gar verlassen. Ich verlor dann ganz meine Fassung, wie Ihr es einmal gesehen habt. Mitunter, wenn ich beten oder beichten wollte, kam es mir vor, als ob mein ganzer Leib und das Buch in meinen Händen, ja auch mein Herr Pfarrer selbst, bei dem ich beichtete, in Flammen stände. Später wurde meiner Schwester Gertrud, als sie bei mir im Bette schlief, nachts die Nase versengt, weshalb sie in den folgenden Nächten sich von mir fern hielt. In der letzten Nacht (vor Maria Himmelfahrt) hatte ich vom ersten Hahnenschrei bis kurz vor Tagesanbruch einen jammervollen Kampf zu bestehen. Der Dämon kam mit einem glühenden Eisen und durchbohrte mir damit die Ohren, und während er das Eisen in meinen Ohren festhielt, rief er, ob ich jetzt meinen Gott verleugnen wollte; sonst wolle er mich auf der Stelle töten; denn er habe Macht dazu. Ich antwortete, seine Mühe sei vergeblich; denn ich sei bereit, tausendmal für Christus den Tod zu erdulden. Als ich das gesagt, kam ein Feuerstrom wie aus einem Ofen und verbrannte mir das ganze Gesicht, so daß ich die ganze Nacht dalag und sozusagen nicht wußte, wo ich war.

Als ich wieder zu mir kam, war es mir zu Mute, als wollte ich dergleichen noch mehr leiden, und alle Plage der Seele und des Leibes war gänzlich von mir gewichen.