Ich danke Euch sehr für das mir gesandte Kleid und die andern Geschenke, die mir Freude machen. Ihr habt gezeigt, daß Ihr alles, was für mich gut ist, zur Ausführung bringt. Ich schreibe Euch dies alles, weil ich Euch Vertrauen schenke. Lebet wohl, geliebtester im Herrn! Betet für meinen Vater und für meine Mutter. Euch zu schreiben, wie es mir im Herzen ist, das vermag ich nicht wegen meiner Euch bekannten Scheu.“
Der Pfarrer Johannes, der Christinas Brief geschrieben, fügte demselben folgende Nachschrift bei:
„Der Pfarrer bittet Euch, noch folgende Mitteilungen entgegen zu nehmen: Ihr möget wissen, Bruder Petrus, daß Euere Tochter Christina am Vorabende von Weihnachten glänzend befreit worden ist. In Gegenwart vieler — es waren anwesend Bruder Gerhard vom Greif und sein Gefährte, der Prior von Brauweiler mit seinen Begleitern und noch mehrere andere — rief der Dämon laut und allen vernehmbar, daß Gott gut sei und er gelogen habe; er heiße „Schütterich“ (scutericht). Auch von den andern Versuchungen ward sie befreit und die Gnade Gottes ist reichlich zu ihr zurückgekehrt.“
Drei Tage vor Lichtmeß, mithin am 30. Januar 1270, erhielt Petrus vorstehenden Brief Christinas. Er antwortete ihr in mehreren Briefen, die einzelne in Christinas Brief angeklungene Fragen des geistigen Lebens behandeln, nämlich das Unvermögen, vollständig das Empfinden wiedergeben zu können, die Abwesenheit des Geliebten, den Anbruch des Tages u. dgl. Er bittet Christina, ihm in einem Quatern, d. h. einem Hefte von vier Pergamentblättern in Folio, eingehendere Mitteilung über ihren Zustand zu machen. In der Fastenzeit sandte dann Christina dem Petrus folgendes Schreiben:
„Dem in Christo vielgeliebten Bruder Petrus von Dazien in Paris entbietet Christina, seine Tochter oder Schwester[42] in Stommeln, Gruß und was immer er gutes und nützliches sich wünschen mag. Teuerster, gar sehr bin ich um Euch bekümmert, und obgleich ich es Euch schon öfters geschrieben habe, so kann ich doch nicht umhin, Euch nochmals zu wiederholen, ein wie großes Verlangen ich nach Eurer Gegenwart habe, die für mich so vorteilhaft war, wie sehr ich Euch im Herzen Jesu Christi liebe und wie ich danach verlange, einander wiederzusehen im Reiche unseres Gottes. Deshalb bitte ich Euch, Ihr wollet es doch, wo möglich, so einrichten, daß Ihr Euch einige Zeit zu Cöln aufhaltet. Dann kann ich Euch auch nicht genug danken für die Tröstung, die Ihr mir durch Euere Briefe bereitet habt und die so wohltuend für mich war. Gott wolle es Euch ewig vergelten. Was nun Euern schon früher geäußerten Wunsch anbelangt, ich solle Euch über meinen Zustand Aufschluß geben und das Betreffende in einem Quatern aufzeichnen, so habe ich mir vorgenommen, diesem Wunsche nach Möglichkeit zu entsprechen. Hierin habt Ihr ein Vorrecht; denn sonst niemanden auf Erden könnte ich wohl solche Mitteilungen machen. Mein Versprechen mache ich Euch in dem Vertrauen, daß ihr meine Mitteilungen Euerer Gepflogenheit gemäß sorgsam hütet, wie ich mich selbst hüte. Zudem bitte ich Euch getreulichst, Ihr wollet mir doch recht viele Fürbitter verschaffen, und mir auch mit Euerm Gebete, worauf ich Vertrauen setze, zu Hülfe kommen. Denn ich bin in großer Bedrängnis. In jeder Nacht erdulde ich schweres Leid, so daß es mir vorkommt, als ob ich nicht länger leben könne. Ich empfinde solchen Ueberdruß an mir selbst, daß es mir scheint, diejenigen, die in der Welt sind, hätten ein besseres Leben. Auch verzweifle ich an Gott, obschon mir das zuwider ist. Das alles verursacht mir größere Pein, als ich Euch jetzt zu sagen vermag. Und mit Gottes Hülfe kämpfe ich so gegen diese Anfechtungen, daß mir durch Nase und Mund Blut hervordringt. An nichts Gutem habe ich mehr Freude. Habet doch Mitleiden mit mir! Ich fühle mich schwach am ganzen Körper, besonders in der Seite und am Kopfe. Aeußere Plagen habe ich jedoch seit Weihnachten vom Dämon keine zu erdulden gehabt. Am Mittwoch nach Invocabit (2. Fastensonntag) kam eine Menge von Dämonen in mein Kämmerlein und hielten ein Gespräch, wobei ich anfänglich zuhörte. Sie sprachen miteinander davon, wieviel Uebles sie mir zugefügt, in welchen Versuchungen sie mich überwunden hätten und in welchen sie überwunden worden seien, und welche Strafe sie dann erlitten. Als sie endlich weggingen, ließen sie die Fetzen meines Obergewandes zurück, das sie verbrannt hatten.
Inständigst bitte ich Euch, lasset mich doch öfter wissen, wie es Euch geht. Wenn Ihr wüßtet, welche Freude mir Euere Briefe machen, würdet Ihr mir gerne schreiben. Es grüßen Euch mein Vater und meine Mutter. Ich bitte Euch, wie für mich, so auch für sie zu beten.“
Diesen Brief erhielt Bruder Petrus am Tage des h. Petrus von Mailand (29. April) zugleich mit einem ganz kurzen Schreiben des Pfarrers Johannes. Dieser machte noch, jedoch ohne Vorwissen Christinas, Mitteilung davon, daß sie am Sonntag Reminiscere (2. Fastensonntag), während Bruder Gerhard vom Greif vom Leiden des Herrn predigte, die fünf Wunden sowie die Dornenkrone empfing und mit Galle getränkt wurde. Am Karfreitag erschienen desgleichen an ihren Händen und Füßen, sowie an der Seite und Stirne die Wundmale wie in den vorhergehenden Jahren. Vor Pfingsten hatte Christina drei Nächte nacheinander ein merkwürdiges Gesicht. Sie schaute und gewahrte alle Peinen der Hölle: Heulen und Weinen, Hammerschläge, Qual der Hitze und der Kälte, Kröten und Schlangen, Gestank und Qualm und viele andere, die sich mit Worten nicht ausdrücken lassen. Infolge dieses Gesichtes überfiel sie eine große Angst wegen ihrer Sünden, da sie sah, welch unerträgliche Qualen in der Hölle und im Fegfeuer den Menschen treffen wegen der Sünden, die so bald vollbracht sind. Sie wünschte deshalb, sofern es dem Willen Gottes entspreche, daß eine von den Schlangen, die sie gesehen, sie quäle für ihre Sünden und sie reinige, damit sie so den Strafen des Fegfeuers entgehe. Und in der Tat, die Schlange kam auf sie zu, zischte ihr entgegen, ringelte sich um ihre Glieder und zernagte ihre Eingeweide, so daß Christina aufschrie vor Angst und Schmerz. Zwei Wochen dauerte diese furchtbare Qual. Dann verschwand die Schlange und die seligste Jungfrau kam im Schlafe zu Christina mit einem Becher in der Hand und sprach: „Nimm hin, Geliebteste, und trinke; dann wirst du gesunden und aller Schmerz wird von dir weichen.“ Süßer als Honig dünkte dieser Trunk der Schwergeprüften und drei Tage hindurch wich dieser Geschmack nicht aus ihrem Munde.
8. Grabstätte Christinas zu Stommeln.