Zwölftes Kapitel.
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Besuche des Petrus in Stommeln bei seiner Rückkehr von Paris.
Bereits zu Ostern 1270 war nach Cöln die Kunde gekommen, Bruder Petrus werde in Bälde aus Paris zurückkehren. Jedoch reiste er erst am Sonntage nach dem Feste des h. Jakobus (27. Juli 1270), begleitet von Bruder Nikolaus, von Paris ab und langte zwei Tage vor Maria Himmelfahrt in Stommeln an. Tags darauf machte Petrus der Christina einen kurzen Besuch. Es war ja der Vorabend des höchsten Marienfestes, ein Fasttag, den Christina, wie alle ähnlichen Tage, in strengster Zurückgezogenheit zuzubringen pflegte. Bruder Nikolaus drang darauf, noch am selben Tage nach Cöln zu gehen, um dort mit den Brüdern das Fest zu begehen. Bruder Hiddo jedoch, ein Ordensmann von hohem Ansehen, der neun Jahre hindurch Provinzial der deutschen Provinz gewesen, befand sich gerade in Stommeln. Er war Beichtvater und Ratgeber der Aebtissin Geva von St. Cäcilien in Cöln, die auf ihrem Hofe in Stommeln weilte, und Hiddo war deshalb zum Feste herübergekommen. Dieser riet den beiden Brüdern, in Stommeln zu bleiben bis zum Nachmittage des Festtages. Sie folgten dem Rate, übernachteten auf dem Hofe des Cäcilienstiftes und gingen am Maria Himmelfahrtstage nach Tisch mit Bruder Hiddo nach Cöln.
Christina hatte in ihrem letzten Briefe an Petrus diesem den Wunsch ausgedrückt, er möge sich bei seiner Rückkehr aus Paris einige Zeit in Cöln aufhalten. Als nun Petrus bei Christina am Vorabende vor Maria Himmelfahrt vorgesprochen, hatte diese ihn gefragt, ob er sich in Cöln aufhalten würde. „Nein,“ hatte Petrus geantwortet, „es müßte denn ein unvorhergesehenes Hindernis eintreten.“ Christina hatte darauf erwidert: „Möchtet Ihr doch durch irgend etwas genötigt werden, zu bleiben.“ Als die beiden Brüder nun zwei Nächte in Cöln geschlafen und Bruder Nikolaus, der für die Reise Vorgesetzter des Petrus gewesen zu sein scheint, am darauffolgenden Tage unbedingt abreisen wollte, wurde er in der Nacht von einem sehr heftigen Fieber ergriffen, das ihn sieben Wochen lang ans Bett fesselte und fast an den Rand des Grabes brachte. Während dieser Zeit kam Petrus eines Tages auf einige Stunden nach Stommeln. Bruder Mauritius nämlich und Bruder Andreas von Esch (acsiensis) mußten studienhalber nach Paris reisen. Sie gingen über Stommeln und Petrus gab ihnen bis dahin das Geleit, mußte aber noch am selben Tage nach Cöln zurück, um die Nacht hindurch wieder bei dem kranken Gefährten Nikolaus sein zu können. In jenen Tagen kam Christina einmal nach Cöln und während sie dort war, raubte ihr der Teufel acht cölnische Schillinge (solidi), die sie dem Petrus geben wollte, damit er sich dafür einen neuen Rock kaufen könne. Denn sie hatte gesehen, daß er dessen sehr bedurfte. „Doch, schreibt Petrus, der Teufel störte sich nicht an ihre Wohltätigkeit noch an meine Dürftigkeit.“
„Als aber Bruder Nikolaus, so fährt Petrus fort, wieder zu Kräften gekommen war, ging ich ihm voraus nach Stommeln, um meine dortigen Freunde zu besuchen, und als ich am Tage des h. Erzengels Michael mich mit Christina über Gott und seine Liebe unterhielt, stellte sie im Laufe des Gesprächs an mich die Frage: „Bruder Petrus, da du jetzt von mir scheidest, so befrage ich dich über ein trautes Geheimnis: sage nur, wenn du es weißt, was ist die Ursache unserer gegenseitigen Liebe?“ Ich wurde stutzig und antwortete: „Ich glaube, daß Gott der Bewirker und Urheber unserer gegenseitigen Liebe und Freundschaft ist.“ Sie entgegnete: „Daran zweifle ich nicht; allein ich möchte wissen, ob dir in dieser Hinsicht ein unzweifelhaftes Kennzeichen und eine besondere Gnadenerweisung zuteil geworden ist.“ Ich suchte einer Beantwortung auszuweichen, weil ich nicht die Unwahrheit sagen wollte, und andererseits Vorwürfe des Gewissens fürchtete. — Petrus hatte nämlich am Christinatage des Jahres 1268 ein Malzeichen in der linken Hand erhalten, das er sorgfältig geheim gehalten hatte. — Christina aber fuhr fort: „Ich weiß, daß die Zeit unserer Trennung und meiner Verlassenheit ganz nahe bevorsteht. Deshalb offenbare ich dir ein Geheimnis, das ich dir sonst nicht mitgeteilt haben würde. Erinnerst du dich noch, wie du zuerst zu mir gekommen bist gegen Abend mit Bruder Walter guten Angedenkens, wo ich dich zum ersten Male gesehen habe; ich saß nicht weit von dir, hatte mich auf ein Kissen etwas angelehnt und den Kopf geneigt?“ „Dessen erinnere ich mich,“ sagte ich. Sie aber fuhr fort: „In jenem Augenblicke erschien mir der Herr, und ich sah meinen Geliebten und ich hörte, wie er zu mir sprach: „Christina, kennst du den Mann, der dort an der Seite sitzt, nach der du den Kopf hingeneigt hast, und ist dir kund sein Loos?“ Ich antwortete: „Herr, diesen Mann kenne ich nicht und sein Antlitz habe ich niemals gesehen.“ Da sprach er weiter: „Betrachte diesen Mann genau; er ist dein Freund und wird es auch fürderhin sein und er wird Vieles für dich tun. Aber auch du sollst für ihn tun, was du für keinen andern Sterblichen tun wirst. Wisse auch, daß er mit dir im ewigen Leben vereinigt sein wird.“ Das nun, Bruder Petrus, ist die Ursache, weshalb ich dich liebe und weshalb ich so vertraut gegen dich bin.“ Während Christina dies sprach, dankte ich Gott unter Tränen, daß er mich zum Freunde einer solchen Person hatte machen wollen und zum Mitwisser so großer göttlicher Geheimnisse. Doch habe ich dies, was mir Gegenstand innigster Tröstung gewesen, in meinem Herzen verborgen gehalten ... Ich hoffe aber durch Christi Freundin Christina Verzeihung der Sünden und Gnade zur Ausübung guter Werke zu erlangen. Am folgenden Tage, dem Tage des h. Hieronymus d. J. 1270, reisten Bruder Nikolaus und ich von Stommeln ab. Bruder Johannes Hespe und Bruder Helinrich, Studierende aus der Provinz Dazien, wie auch der Herr Pfarrer und seine Schwester Gertrud, Hilla vom Berge und Christina nebst mehreren andern Personen begleiteten uns eine Strecke Weges. Während ich nun mit Christina einherschritt, übergab sie mir den Quatern, worin Einiges über ihren Zustand, das sie auf meinen Wunsch hin hatte aufzeichnen lassen, enthalten ist. Dieser Quatern ist meines Erachtens gemeint, wenn oben gesagt wurde, sie werde für mich tun, was sie für keinen andern Sterblichen tun werde. Als wir zwei nun des Weges gingen, der eine ebenso betrübt und traurig wie die andere wegen der bevorstehenden Trennung, sprach ich endlich: „Teuerste Christina, es ist Zeit Abschied zu nehmen. Lebe wohl im Herrn.“ Als sie das hörte, antwortete sie nicht, sondern verhüllte mit dem Mantel ihr Gesicht, setzte sich auf die Erde und weinte reichlich und bitterlich. Da ich sie so weinen sah, rief ich dem Bruder Nikolaus, der etwas vorangegangen war, er möge zurückkommen, um sich von Christina zu verabschieden, damit wir dann weiter reisen könnten. Als dieser zurückkam, stand Christina auf. Wir verabschiedeten uns nun, empfahlen uns einander ins Gebet und setzten dann die Reise fort. Bruder Nikolaus aber schenkte der Christina seinen Rosenkranz, den er vier Jahre hindurch getragen hatte. Er war nämlich durch Christinas Anblick, wie er gestand, mit großer Verehrung gegen sie erfüllt worden. Als wir weggegangen, setzte sich Christina wiederum auf die Erde, bedeckte ihr Gesicht mit dem Mantel und weinte bitterlich.“
Dreizehntes Kapitel.
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Briefwechsel nach des Petrus Rückreise nach Schweden. Christinas Eltern und Pfarrer Johannes sterben. 1270-1279.
Nach seinem Weggange von Stommeln blieb Bruder Petrus zwei Jahre lang ohne Nachricht von Christina. Erst als er nach Aarhus in Jütland zum Ordenskapitel kam, erhielt er mehrere Briefe von ihr, die aber nacheinander zu verschiedenen Zeiten geschrieben waren. Durch Schreiben des Bruders Mauritius aus Paris vom 15. Juni 1271 hatte Christina erfahren, daß Petrus nach vielen Beschwerden am Freitage nach Mariä Lichtmeß gesund und wohlbehalten in Skeninge angekommen war, dort am Mittwoch nach dem Feste des h. Matthias sein Amt als Lesemeister angetreten habe und wünsche, von ihr Nachricht zu erhalten.
Daraufhin schrieb dann Christina folgenden Brief:
„Dem besonders geliebten Bruder und Vater Petrus vom Predigerorden, Lesemeister in Skeninge, entbietet die besonders geliebte und ergebene Christina von Stommeln den Ausdruck ihrer aufrichtigen Liebe aus tiefstem Herzen, im Feuer und in der Süßigkeit des h. Geistes, im Glanze und in der Schönheit Jesu Christi. Teuerster, als wir uns letzthin trennten, war ich so voller Betrübnis, daß zwei Tage hindurch meine Augen nicht aufhörten, Tränen zu vergießen beim Gedanken daran, daß ich nunmehr des Trostes entbehren müßte, den Ihr mir in Christo zu spenden pflegtet. Und so oft ich seitdem einen Bruder aus dem Ausland hier ankommen sah, erneuerte sich mein Schmerz über Euer Fernsein. Ja, wahrlich, nach dem Abschiede von Euch bin ich wie eine Verbannte und Hoffnungslose nach Hause gegangen, als eine von ihren treuen Freunden Verlassene. Denn ich finde keinen, der mir so gesinnungsverwandt wäre, der es so verstände, mit meinen Schwachheiten Mitleid zu haben, der solch allseitige Erfahrung besäße. Euch allein vertraute ich und würde Euch meines Herzens Geheimnisse mehr als irgend einem Menschen auf Erden anvertraut haben, wenn ich bei Euch hätte bleiben können. Ich stehe zwar zu mehreren Brüdern in freundschaftlicher Beziehung; allein sie sind mir doch nicht das, was Ihr mir waret. Ihr wißt, weshalb.