Acht Briefe habt Ihr mir seit Euerer Abreise zugesandt. Dafür vermag ich Euch zeitlebens nicht hinlänglich zu danken. Denn unter den unzähligen Beweisen Euerer Güte nehmen Euere Briefe die erste Stelle ein. Die Verdolmetschung dieser Briefe konnte ich nie anhören, ohne Tränen zu vergießen, weil sowohl der Inhalt mich erfreute, und weil ich auch die Treue Euerer Liebe erkannte.
Nunmehr zu den Mitteilungen. Vierzehn Tage nach Euerer Abreise sagte mir der alte Feind: „Bruder Petrus ist auf der Reise von Räubern getötet worden.“ Zaghaft, wie ich bin, schenkte ich ihm Glauben und war acht Tage hindurch über die Maßen betrübt. Dann aber betete ich zu Gott unter Tränen: „Herr, mein Gott, der Du allein die Wahrheit bist, tue mir kund, ob wahr ist, was der Dämon gesagt hat.“ Darauf erschien mir im Traumgesicht die allerseligste Jungfrau und sprach: „Beruhige Dich; Petrus lebt noch. Der Dämon hat Dich betrogen. Darin hast Du gefehlt, daß Du Dich über die Maßen betrübt hast. Den Worten des Dämons sollst Du keinen Glauben schenken.“
Teuerster, bisweilen melden Euere Briefe Zweifel, als ob ich Euerer vergessen hätte. Dem ist nicht so. Was ich versprochen, werde ich mit Gottes Gnade halten, und ich hoffe, mit Euch zusammen ewig im Himmel zu leben. Ich bedauere es, Euch nicht öfter über meinen Zustand Mitteilung machen zu können. Wenn ich einen Boten zur Verfügung hätte, so würde ich Euch noch lieber schreiben und geschrieben haben, als Ihr mir. Ja, wenn ich selbst schreiben könnte, so würde ich Euch manches mitteilen, was ich jetzt füglich nicht mitteilen kann.
Ihr führtet gern den Spruch im Munde:
Pluribus intentus minor est ad singula sensus.
Ist der Sinn auf Vieles gewandt, so leidet das Einzelne.
So wünsche ich denn umgekehrt, daß Ihr mir Euere besondere Sorgfalt angedeihen laßt, da ich ja, wie Ihr sagt, Euer einziges Pflegekind bin. Teuerster, wie groß mein Schmerz ist wegen Euerer Abwesenheit, vermag ich nicht zur Genüge zu schildern. Aber mein größter Schmerz ist es, daß ich Euch über meinen Zustand nicht so schreiben kann, wie ich gern wollte. Ach! Teuerster, es ist nicht mehr wie ehedem, als Ihr nebst Bruder Aldebrandino mit mir nach Ossendorf ginget, wo Ihr mir soviel Tröstliches gesagt habet. Solch erlesene Erweise der Güte waren für mich allzeit der Weg zu größeren Gütern. Ich danke Euch recht sehr für Euere mehrfachen Geschenke. Ohne Auslagen zu scheuen, habet Ihr Euch über Gebühr angestrengt und mehr getan, als ich wünschte. Für Euer Heiligtum[43] danke ich verbindlichst und für den Rock. Diesen ziehe ich nur an Festtagen an; denn ich möchte, so Gott will, ihn mein ganzes Leben lang tragen. Ach! Teuerster, was fehlte mir, als Ihr hier waret? Vor Euch hatte ich keine Furcht; und Ihr habt meine Worte und meine Handlungen, meine Freude und meine Trauer niemals übel gedeutet, sondern alles nach der guten Seite hin ausgelegt als wahrer Freund, der meine Gesinnung kannte. Aber jetzt ist es nicht mehr so. Ich lege mir Stillschweigen auf, weil ich Eueres Gleichen nicht finde und auch nicht zu finden suche. Als die härteste Pein erachte ich es aber, daß Ihr von mir weggegangen seid wie einer, der verbannt ist ohne Hoffnung auf Rückkehr.
Als Ihr Euch auf der Reise befandet, war ich immer Euretwegen besorgt wegen der Witterung, der Beschwernis und Weite des Weges, ob Unfall Euch etwa getroffen, ob Ihr gute Unterkunft und gastliche Aufnahme unterwegs gefunden; und immer flehte ich zu Gott, daß er Euch eine glückliche Reise verleihen wolle. Und nun ist mein größter Wunsch, daß Ihr mir recht viele Freunde anwerben wollet, die für mich bei Gott Fürsprache einlegen. Besorget mir auch, wenn ich Euch überleben sollte, einen treuen Freund, der nach Euerem Tode Euere Stelle bei mir vertritt. Ueberdies beschwöre ich Euer Liebden, mir von Euerem Geliebten die von mir ersehnte Gnade zu erwirken, daß er mich nach Euerem Heimgange nicht länger möge leben lassen, sonder vielmehr mich zugleich mit Euch und in Teilnahme an Euern Gütern, gestützt auf den Geliebten hinwandern lasse ins Himmelreich. Desungeachtet bitte und wünsche ich dennoch, daß Ihr, wofern es immer möglich ist, in Anbetracht unserer gegenseitigen Liebe und Freundschaft, mich Unwürdige vor Euerem Tode noch einmal besuchen wollet, teils weil ich sehr darnach verlange, teils weil ich Euch vieles zu offenbaren habe, was ich keinem andern mitteilen kann. Wenn Ihr irgendeinen Wunsch habt, so lasset ihn mich wissen; denn ich bin gerne bereit, alle Euere Wünsche zu erfüllen. Lebet wohl in unserem Herrn Jesus Christus. Betet auch, Teuerster, ich bitte Euch, für meinen Herrn Johannes, den Schreiber dieses Briefes.“
Mit diesem Briefe Christinas gelangte gleichzeitig ein anderes Schreiben von ihr an Petrus, das über neue Versuchungen berichtet. Christinas Trauer und Niedergeschlagenheit über des Petrus Abreise benutzte Satan dazu, um sie zu versuchen, dem Ordensleben zu entsagen. Ihr Herzeleid und ihre Trostlosigkeit klagt sie dem Petrus folgendermaßen:
„Ihrem teuersten und liebwertesten Vater und besondern Freunde, dem Bruder Petrus aus dem Predigerorden, Lesemeister in Skeninge, entbietet Christina von Stommeln alles, was er sich an Ehrbezeigung und Liebe wünschen mag. Teuerster, was die Plagen anbelangt, die mich nach Euerem Weggange betroffen haben, so wisset, daß kurz vor Allerheiligen (1270) der Dämon mich durch einen bösen Ratschlag versucht hat. Da ich aber durch Gottes Barmherzigkeit seine Versuchung zurückwies, drohte er mir, mich bei den Haaren in die Höhe zu ziehen. Das setzte er schließlich auch ins Werk und zog mich an den Haaren über die Decke, den Dachboden meiner Kammer, die Ihr kennt, und stieß mich dann mit dem Leibe gegen den Dachstuhl. Vor dieser Quälerei zog er ein Schwert, zerschnitt damit der Hilla das Kleid und verletzte ihren Rücken. Als ich aber über meiner Kammer lag, fuchtelte er mit dem Schwerte, wie alle, die da waren, es gesehen haben, bis mein Vater zum Herrn Pfarrer lief. Dieser eilte alsbald herbei und hörte bereits auf unserem Hofe das Sausen des Schwertes. Als er aber eintrat, sah er, wie über dem Dachboden der Kammer ein Schwert einhersauste, Hände aber sah er nicht. Als er nun eine Leiter ansetzte, um hinaufzusteigen, wurde er daran gehindert, weil der Dämon ihm wiederholt Schläge auf den Kopf versetzte. Mein Vater versuchte dann mit einer Stange das Schwert hinwegzuschlagen, aber da hieb das Schwert in die Stange hinein. Endlich als mein Herr Pfarrer beherzt heraufkommen wollte, ließ der Dämon das Schwert fallen und so trug man mich hinab. Später, als ich bei dem Bruder Johannes von Muffendorf beichten wollte, kam der Dämon und schlug mich aufs Auge. Dann erschien er mir in Gestalt desselben Bruders und sprach. „Teuerste Tochter, ich habe dieselbe Versuchung wie du; um jeden Preis will ich mit dir aus dem Orden austreten.“ Ich antwortete. „Was sagt Ihr, Herr? Glaubt Ihr etwa, ich hätte Euch deshalb meine Versuchungen offenbart, weil ich in dieselben einwilligen möchte? Das empört mich. Ich glaubte, Ihr würdet mich trösten. Wisset Ihr nicht, daß ich lieber sterben möchte, als meinen Gott verlassen?“ Bruder Johannes hörte diese Worte und wurde sehr betrübt. Er fürchtete, ich würde aufschreien und ihn beschämen; denn er wußte nicht, daß der Dämon die Sache angestiftet hatte. Im Advent (1270) bereitete mir der Dämon folgende Leiden: Zwei bewaffnete Fäuste legte er mir auf die Schultern und schüttelte meinen ganzen Körper so, daß ich beinahe erstickte und viele Ordensleute mich nicht halten konnten. Zudem zog er mir die Zunge aus dem Halse, so daß alle es sahen, und sie verharrte in solcher Starre, daß niemand sie zurückbringen konnte. Da aber betete ich und indem ich mit dem Daumen das Kreuzzeichen über meine Zunge machte, sprach ich: „Herr Jesus Christus, wenn jemals diese Zunge dich würdig gelobt hat, so befiehl dem bösen Feinde, daß er sie verlasse.“ Und alsbald ließ er sie los. Ich aber blieb vierzehn Tage lang stumm. Dem Bruder Johannes schnitt er eine große Wunde in die Hand. Dem Bruder Johannes von Kreuzburg machte er Schnitte in zwei Finger, und als derselbe Bruder einmal da saß und bei Kerzenschein in seinem Buche las, schlug ihn der Teufel mit einem schweren Steine an den Kopf, riß ihm das Buch weg und warf ihn in seinem Mantel aus dem Zimmer. Die Schwester des Pfarrers schnitt er in den Daumen. Einem Laien hatte er den Daumen nahezu abgeschnitten.“
Diesem Briefe Christinas fügte der Pfarrer noch eine Nachschrift bei, in der die Reihe der teuflischen Mißhandlungen ergänzt und erläutert wird. Unter anderm erfahren wir, daß der Teufel, als er schließlich am Vorabende vor Weihnachten abließ, Christina zu schütteln, sich entfernte mit den Worten: „Louvelois scheindhof“ (schmähliche Hofschinderin), mir ward Gewalt gegeben, Dich zu versuchen; doch mit Schande weiche ich zurück und werde die verdiente Strafe empfangen.“
Auch meldet der Pfarrer, daß bald nach der Abreise des Petrus ein Interdikt über die Gegend verhängt worden sei — Erzbischof Engelbert von Falkenburg war der Urheber dieser Maßregel — Christina mußte deshalb nach Brauweiler gehen, um die h. Kommunion zu empfangen. Die Abtei Brauweiler unterlag nämlich nicht dem Interdikte. Wenn Christina nun ausgehen wollte, um die hh. Sakramente zu empfangen, so drohte ihr der Teufel, wenn sie nicht zu Hause bleibe, so werde er sie mit vielen Plagen heimsuchen und dafür sorgen, daß sie beschämt werde. Als sie nun einmal in der Kirche zu Brauweiler beim Prior gebeichtet hatte und sich dann anschickte, zur h. Kommunion zu gehen, da riß ihr urplötzlich der Teufel die Schuhe von den Füßen und zerfetzte sie; dann stieß er sie mit dem Kopfe gegen die Mauer und zog ihr die Haut von den Füßen. In diesem schmerzlichen Zustande ging sie zum Altare. Noch lange Zeit nachher hatte sie Schmerzen an den Füßen.