Ein dritter Brief, den Bruder Petrus zu Aarhus von Christina erhielt, gibt Kunde von weiteren Prüfungen, die sie betroffen, vom Verluste mehrerer Freunde und von der Verarmung ihrer Eltern. Er ist gegen Ende der Fastenzeit 1272 geschrieben und hat folgenden Wortlaut:

„Ihrem lieben, teuern, allerteuersten Bruder Petrus, Lesemeister der Predigerbrüder in Skeninge, entbietet Christina von Stommeln Heil im wahren Heilande. Da ich nach Euerem Weggange mich lange Zeit hindurch von meinem Bräutigam verlassen fühlte, war ich so niedergeschlagen, daß ich, was viele gesehen, beträchtliche Klumpen geronnenen Blutes gespieen habe.

Klagen muß ich Euch auch meinen Schmerz über das Geschick meiner Freunde. Vor allem melde ich Euch mit Betrübnis, daß der innigstgeliebte Herr Prior von Brauweiler nach Mariä Himmelfahrt gestorben ist. In seiner Krankheit hat er sich mit so flehentlichen Worten meinem Gebete empfohlen, daß ich ohne Tränen nicht davon sprechen kann. Er hat auch gewünscht, ich möchte Euch schreiben, daß Ihr doch für ihn betet. Ich bitte Euch deshalb, daß Ihr so seiner Seele gedenken möget, wie Ihr nach meiner Ueberzeugung es für mich selbst tun würdet, wenn ich gestorben wäre. Er hat mir nämlich, so lange er lebte, sehr viel Gutes erwiesen. Um meinen Schmerz voll zu machen, ist dann auch noch Bruder Gerhard vom Greif weggegangen. Er wurde nämlich als Prior nach Coblenz versetzt. So sind denn nun fast alle meine Freunde von mir geschieden.

Außerdem traf großes Ungemach andere von meinen Freunden und zumal meine Eltern, die ganz verarmten, weil mein Vater in Folge einer Bürgschaft, die er zwischen Juden und Christen übernommen, seine ganze Habe eingebüßt hat. Da er es nicht über sich bringen konnte, hier zu bleiben, ist er für drei Monate aus dem Dorfe weggegangen. Ihr könnt Euch denken, Teuerster, welche Betrübnis es für mich war, als mein Vater, der mir soviel Gutes erwiesen, jeglichen Gutes bar, so von dannen ging. Als er in Cöln war, drängte es mich, ihn dort zu besuchen, um zu sehen, wie es mit ihm stände. Und als ich ihn so niedergeschlagen sah, habe ich herzlich geweint. Am Tage der unschuldigen Kinder mußte meine Mutter nach Cöln, um den Vater zu besuchen, fiel aber vom Karren, brach den Arm und erhielt eine große Wunde am Kopfe. Auch sie zog sich dann nach Cöln zurück. Das war für mich eine neue Trübsal, da sie lange bettlägerig war und viele Auslagen hatte. Auch wurde sie von hochgradigem Fieber befallen, so daß Euere Mitbrüder ihr die h. Oelung erteilten. Ueberdies bekam sie die Blättern, so daß sie nicht wiederzuerkennen war. Sechs Wochen lang lag sie in dieser Heimsuchung in Cöln darnieder. Und so ging ich denn gleich nach den Weihnachtsfeiertagen nach Cöln. Ich konnte jedoch wegen der frischen Wunden keine Schuhe anziehen — kurz vor Weihnachten hatte ihr nämlich der Teufel Bindweiden durch die Füße gezogen — und so ging ich denn barfuß nach Cöln bei größter Kälte und in großer Qual an Leib und Seele. Als ich nach einiger Zeit nach Stommeln zurückkam, fand ich Haus und Hof ohne Bewohner. Nichts mehr fand sich dort vor; ich war wie eine Arme und Heimatlose und in gänzlicher Not mußte ich bald hier, bald dort Unterkunft suchen.

Voll von Leid bin ich gegenwärtig und auf noch mehr Leid mache ich mich gefaßt. Und doch muß ich Vorsorge treffen und den ganzen Tag über sehe ich der vollständigen Losreißung von den Meinigen entgegen. Darum, teuerster, bitte und ersuche ich Euch, doch für mich zu beten in Anbetracht der großen Notlage, in die ich gekommen bin, auf daß Gott mich in diesen Prüfungen ohne Sünde erhalten möge, mir unerachtet der Ablenkung seine Gnade nicht entziehe und schließlich mein Leid verwandele in Freude, die niemand mir nehmen kann.

In der gegenwärtigen Fastenzeit, in der ich diesen Brief schreibe, entbehre ich jeglicher Gnadenerweisung und der Freude am Gebet. Dabei werde ich von innerlichen Versuchungen heftig geplagt. Ueberdies kommt der Dämon, wenn ich bete, in Gestalt einer eigroßen Spinne — Christina hatte besondern Ekel vor Spinnen — mir ins Gesicht gekrochen und belästigt mich. An einem Finger hat sie mir Blasen verursacht und ich befürchte, daß sie mir deren noch mehr beibringen wird. Teuerster, nochmals bitte ich Euch, wollet wo möglich, sobald Ihr könnt, mich besuchen; denn ich bedarf Eueres Rates und möchte Euch gerne wiedersehen. Lebet wohl in unserm Herrn Jesus Christus.“

Am Karfreitage (22. April) des Jahres 1272 empfing Christina die fünf Wunden wie in den früheren Jahren und am h. Ostertag genoß sie überreichlichen Trostes. Auch verschwanden an diesem Tage die Narben der Wundmale, worüber sie sich sehr freute. Vor Maria Himmelfahrt war ihr längere Zeit hindurch jegliche Tröstung entzogen und es war ihr, als ob Gott ihr niemals eine Gunsterweisung erzeigt hätte. Am Tage des h. Laurentius begann der Teufel morgens ihr besonders heftig zuzusetzen und in der folgenden Nacht versengte er ihr die Haare, so daß der Geruch davon sich durchs ganze Haus verbreitete. Dann stieß er ihr ein glühendes Eisen in den Rachen, zog es aber wieder heraus, und stieß es ihr dann in die Eingeweide. Das verursachte ihr unaussprechliche Qual. Sie hatte sich aber vorgenommen, am folgenden Tage zur h. Kommunion zu gehen und sie sprach deshalb: „Ich sage Dir, Dämon, daß ich vorhabe, morgen meinen Geliebten zu empfangen.“ Der Dämon antwortete, indem er einen Dolch hervorzog: „Wenn Du das tust, so steche ich Dich in die Zunge und vereitle Dein Vorhaben.“ Und da sie von ihrem Vorhaben nicht abließ, stieß der Teufel sie wirklich mit dem Dolch in die Zunge und ließ ihn darin stecken. Als sie morgens zur Kirche kam, floß das Blut noch aus dem Munde.

Am Feste Mariä Himmelfahrt oder tags darauf diktierte Christina dem Pfarrer Johannes ein kurzes Schreiben, das Petrus zugleich mit den drei vorhin mitgeteilten zu Aarhus erhielt. Es bringt inhaltlich nichts Neues, enthält vielmehr Wiederholungen, ist aber bezeichnend für den Zustand des Verlorenseins, der Christina beim Diktieren überraschte. Sie geriet nämlich beim Diktieren in Verzückung. Das Briefchen lautet wie folgt:

„Ihrem vielgeliebten Vater und teuersten Freunde, dem Bruder Petrus, Lesemeister in Skeninge, wünscht seine Tochter Christina immerwährende geistige Teilnahme am himmlischen Gastmahl, Fülle der Wonne, Erhebung zum Wunderbaren und Erquickung durch Gnadeneinströmung. Oefters habt Ihr mir vorgehalten, daß ich Euch nicht schriebe; in letzter Zeit aber habe ich Euch vier Briefe geschrieben, die Euch durch die Brüder zugestellt werden sollten — ich weiß aber nicht, ob Ihr sie erhalten habt. In diesen Briefen habe ich Euch vieles berichtet über das, was mir der Dämon nach Euerem Weggang angetan hat, und auch solches, was meine Freunde betrifft. Und weil ich Euern Wunsch in dieser Hinsicht kenne, so dürft Ihr Euch versichert halten, daß ich Euch sehr gerne schreiben würde, wenn ich Gelegenheit hätte, die Briefe abzuschicken. Was mir bis zum Advent zugestoßen, habe ich Euch geschrieben. In der Fastenzeit kam, wenn ich betete, regelmäßig der Dämon in Gestalt einer Spinne und belästigte mich, soviel er konnte. Teuerster, ich bitte Euch, bleibet mir ein treuer Freund; denn vor allen Menschen setze ich mein Vertrauen auf Euch und ich verlange mehr nach Euerem Besuche, als Ihr glaubt. Möge er mir vor meinem Tode zuteil werden! In Brauweiler ist der Prior, mein trautester Freund, gestorben. Teuerster, gedenket seiner in Treue und betet für meine Eltern, die sich in größter Trübsal befinden.“ —

Dann fügt der Pfarrer Johannes bei: „Soeben, als sie den Brief diktierte, vermochte sie nicht weiter zu reden, weil sie sich in fortwährendem Jubel befand.“