Petrus tröstete Christina in einem herzlichen Antwortschreiben, indem er sie hinweist auf die Herrlichkeit des Himmels, in der er mit ihr in ewiger Seligkeit zusammen zu sein hoffe. Auch Bruder Mauritius schickte von Paris ein Trostschreiben. Er habe, sagte er, ein so herzliches Mitleiden mit ihr, je schwächer das weibliche Geschlecht sei, um dem Ansturm solcher Leiden gegenüber standzuhalten. „Doch, fügt er hinzu, da ich Euch als ein in Drangsalen starkmütiges Weib erkannt habe, so hoffe ich zum Herrn, der die Stärke jener ist, so auf ihn vertrauen, daß er Euch Standhaftigkeit und Kraft von oben verleihe, um auszuharren bis zum guten Ende.“

Bruder Petrus wurde unterdessen nach Strengnäs im Södermanland versetzt, wo er wie in Skeninge das Amt eines Lesemeisters bekleidete. Von dort schrieb er mehrere Male an Christina; teilte ihr unter anderem mit, daß auch in dortiger Gegend Gott ihn durch einige gottgeweihte Jungfrauen erfreut habe, von denen einige das Ordenskleid des h. Dominikus trügen, andere das der Beginen angelegt hätten. Eine von diesen komme Freitags in Verzückung und erhalte zuweilen die fünf Wunden. Die meiste Zeit bringe sie im Gebete und in der Betrachtung zu und dazu sei sie bemüht, Almosen zu geben und den Armen zu dienen. Diese begnadete Jungfrau habe eine innige Liebe zu Christina, nenne sie ihre Schwester und wünsche, sie kennen zu lernen und womöglich mit ihr zusammenzuleben. Auch habe sie ihm Einiges, was in Christinas Briefen enthalten war, lange vorher offenbart. „Wundert Euch nicht, so schließt Petrus seinen Brief, daß ich Euch seltener schreibe; denn ich habe nicht oft Gelegenheit, einen Brief abzuschicken, weil ich tief ins Land hinein wohne, von wo aus selten Reisende und niemals Kaufleute hinausreisen. Meine geistliche Tochter, die ich Euere Schwester genannt habe, bittet mich, Euch ihrerseits zu grüßen ... Ich empfehle Euch die Seelen meiner beiden leiblichen Brüder, die nach meiner Rückkehr beide in einem Jahre gestorben sind. Grüßet alle unsere Freunde, insbesondere den Herrn Pfarrer, Euren Vater und Euere Mutter, alle Schwestern des Namens Hilla, des Pfarrers Schwester Gertrud und die blinde Aleidis. Betet für mich.“

Die Verarmung, die Christinas Eltern getroffen, dauerte fort. Von Gram und Kummer getroffen, starb ihr Vater um das Jahr 1276. Im folgenden Jahre gegen Peter und Paul starb auch Christinas geistiger Vater und besonderer Wohltäter, Pfarrer Johannes von Stommeln, der bisher ihre Briefe geschrieben. Bruder Nikolaus von Westeräs (Westra-aros) überbrachte die Trauerbotschaft dem Bruder Petrus nach Strengnäs. In einem Schreiben vom Tage nach dem Feste des h. Dionysius (10. Oktober) ersuchte dann Petrus Christina, ihm baldigst Mitteilung über ihren Zustand zu machen. Bruder Laurentius könne ihr als Schreiber dienen. Dieser Bruder Laurentius war gebürtig aus Swealand, dem mittlern Teil Schwedens, in dem Skeninge gelegen war, und studierte damals in Cöln. An ihn schrieb nun Petrus, er möge der Christina seinen an sie gerichteten Brief verdolmetschen und auch die an ihn gerichteten Briefe Christinas schreiben. Da Petrus keine direkte Gelegenheit nach Cöln hatte, so gab er die Briefe dem Bruder Olaw aus Skara mit, der im Herbste 1277 nach Paris ging. Von Paris nun brachte Bruder Helinrich diese Briefe im folgenden Jahre Freitags nach Margaretentag, also am 15. Juli, nach Cöln. Tags darauf schickte Bruder Laurentius ein Briefchen nach Stommeln, um Christina zu melden, daß ein Brief von Bruder Petrus für sie angekommen sei und er den Auftrag habe, diesen ihr persönlich zu verdolmetschen. Es sei jetzt auch Gelegenheit gegeben, ein Antwortschreiben an Bruder Petrus nach Schweden abgehen zu lassen, was vielleicht das ganze Jahr hindurch nicht mehr der Fall sein werde. „Christina kam, so schreibt Bruder Laurentius, gleich am folgenden Tage mit ihrer Nichte Hilla nach Cöln, obgleich sie die Arbeit stehen lassen mußte, da es die Zeit der Ernte war. Euern Brief übersetzte ich ihr, so gut ich konnte. Mit welcher Rührung sie ihn entgegennahm, zeigten die Tränen, die sie reichlich vergoß.“

Als Christina den Brief des Bruders Petrus vernommen, diktierte sie allsogleich dem Bruder Laurentius das Antwortschreiben, wie folgt:

„Dem ehrwürdigen Vater in Christo, ihrem verehrungswürdigsten und liebevollsten, entbietet die geringste seiner Töchter mit ihren Gebeten sich selbst und wünscht ihm, falls es noch etwas Besseres geben kann als Gesundheit, auch dieses durch Vermittlung seines getreuen Bruders Laurentius. Nachdem ich Euern Brief bekommen und volleres Verständnis von ihm erhalten, da ist nach dem Verlust meiner Freunde und meiner zeitlichen Güter und nach schwerster körperlichen Bedrängnis mein Geist innerlich wieder aufgelebt und ich, die ich den Mut hatte sinken lassen, begann wieder aufzuatmen. Mit welcher Herzensfreude ich diesen Brief meines geliebtesten Vaters vernommen, mit welcher Hurtigkeit ich unerachtet körperlicher Ermüdung und ungelegener Zeit zu seiner Entgegennahme herbeigeeilt bin, dafür kann unser gemeinsamer Dolmetsch glaubwürdiges Zeugnis ablegen. Es ist ja natürlich, daß ein Brief von demjenigen, dessen persönliche Gegenwart so viel Liebes hatte, für mich etwas Erfreuliches war. Mein Geist wurde mit süßer Wonne erfüllt und die Qualen, die der menschlichen Gebrechlichkeit und zumal der Schwäche eines Mädchens, schier unerträglich vorkamen, wurden gelindert.

Meine Lage, worüber Ihr Bericht zu erhalten wünscht, ist gar traurig und verwirrt und das gerade Gegenteil von Euerer glücklichen Wohlfahrt, die Gottes mächtige Huld noch mehren möge. Denn von zeitlichen Gütern bin ich dermaßen entblößt, daß fast Alles aufgezehrt ist. Unser Hof ist in fremde Hände als Besitztum übergegangen. Das große Haus, in dem wir bisher noch immer wohnten, war vor Alter baufällig und ist, nicht ohne Lebensgefahr für die Bewohner, zusammengestürzt. Wir aber sind keineswegs in der Lage, es wieder aufbauen zu können. Auch habe ich keinen Freund mehr, der uns beistehen oder auch nur trösten könnte.

Ueberdies erdulde ich sehr harte Verfolgungen und Plagen von meinem Widersacher. Neulich hat er mir mit einer Zange zwei Backenzähne in grausamer Weise ausgerissen[44]. Von andern unzähligen Trübsalen, die ich erlitten, kann ich Euch nicht gut Mitteilung machen, bis wir etwa eine mündliche Aussprache haben, nach der ich sehr verlange. Das aber ist mir härter als alles, daß ich in unserm Dorfe, wo ich wohne wie früher, niemanden habe, dem ich mein Herz rücksichtlich der wunderbaren Vorgänge zu erschließen wage. Deshalb halte ich das Meiste in meinem Herzen vergraben; nur derjenige hat Kenntnis davon, der die Herzen durchforscht, den ich auch mit gutem Gewissen zum Zeugen anrufe. Nichts, glaube ich, wäre mir in diesem Leben lieber, als wenn ich Euch vor meinem Tode dieses offenbaren könnte. Wie das aber geschehen könnte, weiß ich nicht. Denn zu Euch überzusiedeln, wie Ihr es mir so getreulich anbietet, möchte ich auf keine Weise versuchen. Und doch würde ich es gerne tun, wenn ich mit Euch mündlich die Sache besprechen und Ihr dann, nachdem Ihr vollständig Kenntnis von meiner Lage genommen, es dennoch für ratsam halten solltet. Für Euer Anerbieten aber möge Euch belohnen jener, „der die Hoffnung der Verzagten ist und der große Tröster in der Qual“.[45] Lebet wohl, liebster Vater, mein einziger und getreuester. Ich empfehle Euch inständigst die Seele meines Vaters und die des Herrn Pfarrers. Nochmals: Lebet wohl!“

In dem bereits vorhin erwähnten Begleitschreiben zu diesem Briefe macht Bruder Laurentius zum Einsturz des Hauses folgende Bemerkung: „Während die ganze Familie und dabei auch kleine Kinder im Hause waren, und ein mächtiges Feuer brannte, stürzte das Gebäude plötzlich zusammen. Jedoch wurde niemand verletzt, und auch das Feuer richtete keinen Schaden an, was einige für ein Wunder halten. Der Zusammensturz war vollständig; nur die Kammer, in der Christina war, blieb stehen. Doch auch sie wurde von den herabstürzenden Balken hart getroffen.“

Einige Zeit nachher, im Herbste 1278, starb auch Christinas Mutter. Petrus wurde im selben Herbste auf dem Provinzialkapitel in Wisby zum Lesemeister dieser seiner Geburtsstadt Wisby auf der Insel Gotland ernannt, weshalb er von da an Lesemeister von Gotland genannt wird.