9. Krankenhaus „Maria-Hilf“ zu Stommeln.

Vierzehntes Kapitel.
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Bruder Petrus kommt aus Schweden nach Stommeln, um Christina zu besuchen. 1279.

Als Bruder Petrus obigen Brief Christinas erhalten und ihm auch noch sonst Mitteilungen über das Mißgeschick, das über sie hereingebrochen, zugegangen waren, da, so schreibt er, entbrannte mein Geist, und mein Herz wurde heftig bewegt und ich sann darüber nach, wie ich sie wohl trösten könnte. Ich begab mich zum Provinzial, Bruder Augustinus, (nach Westeräs), um von ihm die Erlaubnis zu einer Reise nach Cöln zu erlangen. Dreierlei Gründe lagen zu dieser Reise vor. Erstlich wünschte ich von der geistigen Trockenheit befreit zu werden, an der ich schon lange gelitten und die mich mitunter so niedergeschlagen machte, daß man für mein Leben fürchtete. Zweitens ging mein Verlangen danach, die glorreichen Schutzpatrone Cölns, nämlich die dort ruhenden Martyrer und Jungfrauen, für die ich seit meiner Cölner Studienzeit eine besondere Verehrung hatte, zu besuchen, mir von ihnen Reliquien zu verschaffen und diese dann in mein Vaterland zu übertragen. Drittens, um die in Christo geliebte Christina, nach deren Wiedersehen ich verlangte, zu besuchen und sie im Herrn zu trösten, wie sie es wünschte, und wie es meinem frommen und mitleidigen Sinne entsprach, um aber auch andererseits von ihr Tröstung und Erleuchtung zu erhalten. Mit Gottes Hülfe und (wie ich vertraue) durch Christinas Verdienste ist alles nach Wunsch glücklich von statten gegangen, und es hat sich bestätigt, daß „unverdrossene Liebe alles überwindet“.[46] Am Pfingstmontage also brach ich von Westeräs auf, kam dann nach Gotland, wo ich eine Zeitlang blieb, und gelangte schließlich nach Lübeck. Und wahrhaftig, ich, der ich früher keine halbe Meile zurücklegen konnte, ohne zu ermüden, Einkehr zu nehmen und Halt zu machen, ging jetzt einen ganzen Tag, ohne sonderliche Ermüdung zu verspüren. Es war am Tage nach der Oktav des h. Laurentius (18. August). Am Tage der Oktav von Maria Geburt (15. Sept.) langten wir in Stommeln, dem lang ersehnten, von Gott mit vielen Vorzügen begnadigten, vor allem aber durch die Frömmigkeit seiner Bewohner ausgezeichneten Orte, an. Als wir uns nun diesem Dorfe näherten, sahen wir von Ferne die Leute aus der Messe nach Hause gehen, — es war nämlich Freitag[47] — zuletzt aber gingen zwei Beginen. Da sagte ich zu Bruder Folkwin, meinem Begleiter: „Siehe, da geht Christina.“ Denn auch ihn trug Verlangen, sie zu sehen. Man konnte aber Christina gut von andern unterscheiden. Denn, wie sie sich im Umgange durch Erbaulichkeit und im Aussehen durch Frömmigkeit auszeichnete, so hatte ihr Gang eine würdevolle Gemessenheit. Um es kurz zu sagen, in all ihrem Tun und Handeln, in Gang und Bewegung leuchtete ein verklärender Schimmer besonderer Anmut hervor, so daß ein jeder, der mit frommem Sinne ihr Benehmen beobachtete, nicht daran zweifeln konnte, Gottes Gnade und Gottes Gegenwart sei bei und in ihr.

Als wir nun bis zum Pfarrhause gekommen waren, wo wir das Erforderliche besorgen wollten, um die h. Messe lesen zu können, stand die Frau des Glöckners da, schaute mich neugierig an und sagte schließlich: „Wie heißet Ihr?“ „Petrus,“ entgegnete ich. Darauf fragte sie weiter: „Woher seid Ihr?“ „Aus Dazien,“ gab ich zur Antwort. Da eilte sie gleich auf die Straße hinaus und rief, so laut sie konnte: „Christina! Christina! komme zurück, wenn Du eine Messe hören willst.“ Da nun auch wir auf die Straße hinausgingen, trafen wir mit Christina, die zurückkehrte, zusammen. Als ich sie grüßte, wußte sie vor Staunen und Ergriffenheit kaum zu antworten. Schließlich sagte sie: „Woher kommt Ihr?“ Ich antwortete: „Von Gott dem Herrn gesandt bin ich gekommen.“ Als mein Gefährte und ich Messe gelesen, speisten wir mit Christina in der Klause, wobei der Schulmeister Johannes den Gastgeber machte. Auch der Herr Pfarrer — Heinrich hieß er — gesellte sich zu uns. Als ich tags darauf nach der Vesper auf Christinas Begehr die Schriftstelle auseinanderlegte: „Ein gutes, geschütteltes, gerütteltes und gehäuftes Maß wird man Euch in den Schoß schütten“, kam sie derartig in Verzückung, daß sie weder zu Nacht speisen noch reden konnte. Ja, sie war derart in Gott versunken, daß sie gar nicht mehr achtete auf das, was gesprochen wurde. Sie war ganz mit ihrem Geliebten beschäftigt; sie hatte für nichts anderes Sinn und nur Worte der Andacht brachte sie hervor. Und in Anbetracht dieser großen Liebe zu ihrem Bräutigam ruhte alle Sinnestätigkeit. Zweimal aber brach sie währenddem in die Worte aus: „Teuerste! lasset uns Gott lieben, denn er ist überaus liebenswürdig. Teuerste! was sollen wir ihm wiedervergelten für so viele Wohltaten, die er uns erwiesen hat?“ ... Als sie endlich in etwa zu sich kam, geleiteten der Schulmeister Johannes und Aleidis sie zu ihrer Wohnung. Als es sich nun traf, daß ich neben ihr ging, fragte sie, wer das sei. Es wurde ihr geantwortet: „Bruder Petrus.“ Da sagte sie: „Bruder Petrus, wenn Du von Gott reden willst, bist Du willkommen. Wenn Du aber zu etwas anderem gekommen bist, so mache schnell und gehe dann; denn sonst würden wir Deiner bald müde sein.“ Die ganze folgende Nacht hindurch blieb sie in diesem Zustand der Innerlichkeit. Tags darauf fingen jene, die obiges gehört, mit dem Ausdruck des Bedauerns an, darauf die Rede zu bringen, daß jemand mich beleidigt habe. Sie antwortete: „Gewiß, wer solches gesagt hat, ist gar zu dreist gewesen.“ Sie hatte keine Erinnerung mehr an das, was sie am vorhergehenden Abende gesagt hatte. Wir blieben drei Tage in Stommeln und gingen dann nach Cöln, wo wir freundlich von den Brüdern aufgenommen wurden, besonders von denen, die mich von der Studienzeit her kannten, und ganz besonders von Bruder Johannes von Greif, der damals Unterprior war, und Bruder Johannes von Muffendorf. Bruder Gerhard vom Greif erkundigte sich nach Christina und belobte ihren Fortschritt auf dem Wege der Heiligkeit. Ich blieb nun ungefähr einen Monat lang in Cöln und wurde durch Gottes Gnade von meinem Seelenleiden geheilt. Auch verschaffte ich mir neun Häupter der hh. Jungfrauen (aus der Gefolgschaft der h. Ursula) und eines von der thebäischen Legion. Unsere Cölner Ordensbrüder besorgten mir diese unter Beihülfe des Bruders Folkwin.

Mitten in dieser Zeit, nämlich am Tage nach dem Feste des h. Erzengels Michael, ging ich mit Bruder Folkwin wieder nach Stommeln zu Christina. Wir fanden sie zu Bette liegen und sehr schwach. Ueber unsere Ankunft aber war sie sehr erfreut. Und als ich sie nach dem Grunde ihrer Schwäche fragte, sagte sie: „Der Dämon hat mir in dieser Woche die Haut vom Rücken gezogen, so daß man sich wundern muß, wie ein Mensch dabei noch leben kann.“ Am folgenden Tage, Sonntag den 1. Oktober, zeigte Petrus der Christina das früher am Sankt Christinatage an der linken Hand erhaltene Malzeichen und sie bestätigte ihm mündlich alles, was im Quatern schriftlich durch Pfarrer Johannes niedergeschrieben worden war. Auch machte sie ihm die in Kapitel 2 bereits berichteten Mitteilungen über Verwundungen, die man ihr während der Verzückung beigebracht hatte. Am folgenden Mittwoch kamen alle Beginen von Stommeln zusammen und bereiteten den beiden Ordensbrüdern ein schönes Mittagsmahl. Auch der Pfarrer Heinrich sowie Gerhard, der Sohn des Vogtes, und der Schulmeister Johannes gehörten zu den Gästen. Nach Tisch hielt Bruder Petrus einen Vortrag über die geistige Freude unter Zugrundelegung der Schriftstelle: Laetare Jerusalem (Freue dich, Jerusalem) und im Laufe des Nachmittags kehrte er mit Bruder Folkwin wieder nach Cöln zurück.

„Zum dritten Male,“ schreibt Petrus, „ging ich nach Stommeln am Tage der elftausend Jungfrauen, als ich auf der Rückreise in meine Provinz begriffen war. Auf den folgenden Tag lud uns der Herr Pfarrer und seine Schwester, Frau Benigna, die nach Kleid und Wandel eine Begine war, zu Tische. Da nun bei Tische die Rede auf die Reliquien kam, die ich zu Cöln erhalten, und Benigna meine Hochachtung und Verehrung gegen Reliquien bemerkte, sagte sie: „Hätte ich das gewußt, so hätte ich Euch gerne das Haupt einer Jungfrau geschenkt, das ich zu Cöln habe.“ Als ich darauf erwiderte, ich möchte es mir gerne ausbitten, sagte sie: „Ich würde es Euch mit Freuden geben, wenn ich wüßte, wie Ihr es bekommen könntet.“ Daraufhin sprach der Herr Pfarrer: „Ehe er dieses Hauptes entbehren soll, gehe ich selber lieber zu Fuß nach Cöln und hole es.“ Und das tat er auch wirklich. Am folgenden Morgen machte er sich in der Frühe auf und noch vor der Abenddämmerung war er wieder zurück und trug jenes Haupt am Halse. Mit größter Freude nahm ich dasselbe entgegen und habe es von Stommeln bis Lübeck am Halse getragen, wodurch mir sehr oft große Süßigkeit des Herzens bescheert wurde.

Abends vor dem Tage der Abreise erhielt Christina, als sie die Vesper betete und unsere Reise Gott anbefahl, eine große Tröstung, die sich in ihrem Aeußern offenbarte. Sie war nämlich bei der Abendmahlzeit munterer als gewöhnlich. Als ich sie nun nach dem Essen nach dem Grunde ihrer Munterkeit fragte, sagte sie: „Seit zwei Tagen war ich niedergeschlagener Stimmung wegen Euerer Abreise. Als ich nun vorhin unter dem Baume die Vesper betete und Euch in großer Betrübnis des Herzens Gott anbefahl, sprach der Herr zu mir: „Sei ohne Sorge. Ich war mit Bruder Petrus, als er hierher kam; ich werde auch auf der Rückreise sein Führer sein.“ Auch sagte er: „In mir habe ich Euere gegenseitige Liebe gegründet und ich werde sie auch in mir erhalten.“ Diese Worte gaben mir Veranlassung, von der Süßigkeit der göttlichen Liebe zu reden. Christina wurde darob derart gerührt, daß sie wegging, vollständig entrückt wurde und starr und regungslos dalag. Am andern Morgen, dem Tage der hh. Krispin und Krispinian (25. Oktober), lasen wir Messe, frühstückten und darauf hielt ich eine Ansprache über die Schriftstelle: Convertere anima mea in requiem tuam, quia dominus benefecit tibi (Kehre in deine Ruhe ein, meine Seele, denn der Herr hat dir Gutes erwiesen). Hierauf nahmen wir Abschied von Christina und von denen, die bei ihr waren, empfahlen uns einander dem Herrn und so reisten wir ab. So endete der fünfzehnte Besuch im Jahre 1279.“