Fünfzehntes Kapitel.
______
Vom Advent 1279 bis zum Advent 1280.
Ueber Neuß und Düsseldorf, Soest und Minden gelangte Petrus mit seinem Begleiter Folkwin Freitag den 24. November 1279 nach Lübeck, schrieb von da an Christina sowohl wie an Magister Johannes, ging am 26. November zu Schiff, erlebte in der Nacht vor St. Luzia einen furchtbaren Sturm, landete aber am Tage nach St. Luzia glücklich in Kalmar, woselbst er im Dominikanerkloster überwinterte und an Christina sowohl, wie an Magister Johannes und Hilla vom Berge Briefe schrieb. Im Briefe an Christina setzt Petrus auseinander, daß er Christina um Christi willen liebe. „Möge die Welt,“ sagt er, „lärmen, spotten, verkleinern, zürnen und abraten, so werde ich doch die Braut meines Herrn aus Herzensgrund lieben — wegen des Bräutigams selbst.“ Grund der Liebe ist Christus. Christina aber ist dem Petrus Wegweiserin und Vorbild geworden, um Christus zu finden, ihn zu lieben und feiner zu genießen. Im Frühjahr 1280 fuhr Petrus mit Folkwin nach der Insel Gotland und sie langten am weißen Sonntage in Wisby, der Geburtsstadt des Petrus, an. Hier trat dieser das Amt eines Lesemeisters an und schrieb bald nach seiner Ankunft einen Brief an Christina, in dem er unter anderm meldet, daß ein Teil der hh. Reliquien, die er in Cöln erhalten, glücklich angekommen sei. Auch entschuldigt er sich, daß er dem Magister Johannes noch nicht die versprochene Schrift, gemeint ist das erste Buch der Jülicher Handschrift, zugeschickt habe. Es habe ihm nämlich bisher an Pergament und an einem Schreiber gefehlt.
Am Vorabend des h. Laurentius (9. August) des Jahres 1280 erhielt Petrus auf dem Provinzialkapitel auf Alsen (Aslonia) einen ausführlichen Bericht des Magisters Johannes, den dieser am Freitag vor St. Urbanus (24. Mai) geschrieben hatte. Aus demselben ersehen wir, daß Christina im Advent 1279 von gänzlicher Dürre des Herzens heimgesucht wurde und zudem, wenn auch nicht in körperlicher Weise, ganz neue teuflische Quälereien zu erleiden hatte. In der zweiten Adventswoche wurde sie im Geiste in bitterster Kälte hingeschleppt über hartgefrorene Erdschollen, durch Dorngestrüpp und Hecken hingerissen zu einem Sumpf im nahen Walde, dort verhöhnt, durch Drohungen und Gotteslästerungen gequält, schließlich an einen Baum aufgeknüpft und gliedweise verstümmelt. Das wiederholte sich bis zum Weihnachtsabende. Dabei sah Christina das Schauerliche der Oertlichkeiten, ihre schimpfliche Entblößung, die Schar der Teufel und fühlte den entsetzlichen Schmerz der Verwundungen. Die Teufel trieben ihr Blendwerk so weit, daß sie sagten, sie wollten zu Christinas Beschämung alle Männer des Dorfes zusammenrufen, so daß Christina wirklich zum Glauben kam, es ständen Leute umher, um sich an ihrer Qual und ihrer Entblößung zu weiden, was aber wirklich nicht der Fall war. Es erging der seligen Christina bei diesen Vorgängen geradeso wie der h. Teresia, als ihr Herz mit einem Pfeile durchbohrt wurde. „Es war dies,“ sagt Sankt Teresia, „kein körperlicher Schmerz, sondern ein geistiger, wiewohl auch der Leib und zwar in nicht geringem Maße an demselben teilnahm.“ In der Nacht vor dem h. Abend erhielt die durch den Advent hindurch fortgesetzte Folter ihre Krönung durch die Enthauptung Christinas. Diese zagte nicht, sondern empfahl sich dem, der tötet und wieder lebendig macht. Noch vor Tagesanbruch hörten alle Qualen auf; die bösen Geister, zwölf an der Zahl, gestanden, daß alles, was sie gesagt und getan, Lug und Trug gewesen, und als Christina ihnen im Namen Jesu befahl, sich zu entfernen, schieden sie unter großem Geheul von dannen. Von da bis zum Weihnachtstage blieb Christina in Sammlung des Geistes und großer Sehnsucht des Herzens, bis sie in der h. Kommunion sich mit ihrem Bräutigam vereinigte. Sie geriet so schnell in Entzückung, daß sie nicht einmal zu ihrer gewohnten Stelle hinter dem Altare gelangen konnte, sondern zur Seite des Altares hinsank und dort regungslos bis zum dritten Tage verharrte, überströmend vor Wonne und Seligkeit, ohne irgend etwas wahrzunehmen und ohne irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen.
Von Weihnachten bis zum ersten Sonntag der Fastenzeit 1280 erfreute sich Christina, abgesehen von einigen Tagen vor Mariä Lichtmeß, großer Tröstungen und geistiger Freude. In der Nacht vor Mariä Lichtmeß wurde sie jedoch versucht, die h. Kommunion am folgenden Tage zu unterlassen, weil sie bisher irre gegangen und erst ein besseres Leben beginnen müsse. „Da habt ihr mir eine gute Ermahnung gegeben,“ antwortete Christina den Versuchern, „denn es ist Zeit, daß ich mich zum wahren Leben, das Christus ist, bekehre.“ — Enttäuscht begannen nun die Versucher Christina zu quälen, indem sie dieselbe mit Haken zerfleischten. Christina achtete dies alles gering, ging, wiewohl ihre Wunden bluteten, morgens zur h. Kommunion und wurde alsbald entrückt.
Die folgende Fastenzeit brachte eine Prüfung neuer Art. Der Heiland, der Christina in mannigfacher Weise schon die Präge seiner Aehnlichkeit aufgedrückt hatte, ließ sie vom ersten Fastensonntage bis zum Gründonnerstage das Leiden stellvertretender Buße für die Sünden der Menschen durchmachen. Wie die öffentlichen Sünder am ersten Fastensonntage aus dem Heiligtum des Gotteshauses verwiesen wurden, um am Orte der Büßer Sühne für ihre Vergehungen zu leisten, und erst am Gründonnerstage wieder zur Gemeinschaft der Gläubigen Zulaß erhielten, so wurde Christina in genannter Zeit der tröstlichen Gegenwart ihres Bräutigams gänzlich beraubt und ihre Seelenfreude in Trauer und Trockenheit verwandelt. Sie war wie ausgeschlossen aus dem Herzen ihres Bräutigams. Trotzdem unterließ sie nichts von ihrem Gebete, hielt an in stetem Wachen und kämpfte mit mannhafter Stärke gegen alle Anfechtungen. Zur Trostlosigkeit gesellten sich vom zweiten Sonntage an auch noch besondere Versuchungen. Der Fürst der Finsternis liebt es ja, sich als Engel des Lichtes aufzuspielen. In Gestalt der beiden Dominikaner, denen Christina das meiste Vertrauen schenkte, des Petrus von Dazien nämlich und des Gerhard vom Greif, kamen zwei böse Geister nachts zu Christina, quälten sie mit allerlei Behauptungen, suchten sie von der Verkehrtheit ihres Lebens zu überzeugen und rieten ihr, einen andern Wandel anzufangen. Wiewohl Christina bei Anbruch des Tages die Täuschung erkannte, so war es ihr doch immer wieder in den folgenden Nächten so, als ob jene beiden Brüder wirklich ihr Vorhaltungen machten. Sie kamen nämlich in jeder Nacht wieder, brachten immer neue Gründe vor, um sie irre zu machen, und da sie standhaft blieb und sich zum Gebete wandte, wurde sie auf grausame Art gequält. Bald war es flammendes Feuer, bald siedendes Pech, dann Schwefel, das sie vom Gebete abschrecken sollte. Dann wurde sie mit Steinen zermalmt, dann mit einem Beile zerhackt und in der Nacht vor Gründonnerstag mit Lanzen zerstochen. Zweimal ging sie in dieser Zeit zur h. Kommunion, empfing aber keinerlei Tröstung. Ihr liebstes Gebet war in diesen Heimsuchungen der 87. Psalm: „Domine Deus salutis meae. Herr, Gott meines Heiles, Tag und Nacht ertönt mein Wehklagen vor Dir“, der so recht ihre Verlassenheit und Seelenpein zum Ausdruck bringt. Nicht mehr war in dieser Zeit der Name des himmlischen Bräutigams auf ihren Lippen; sie nannte ihn nur ihren geliebten Vater. Alle Betrachtungen und Unterredungen und Gebete Christinas waren während dieser ganzen Fastenzeit nur ein Widerhall dessen, was in der h. Messe oder im kirchlichen Stundengebet aus den Propheten oder Evangelien über das Leiden des Herrn gelesen wurde. Am Morgen des Gründonnerstages, dem Ende der Bußzeit, wurde Christina in der Verzückung wiederum ins himmlische Brautgemach eingeführt, erhielt Vergebung der Sünden, wurde der Anschauung ihres Bräutigams gewürdigt und mit seliger Wonne erquickt. Vom Abende des Gründonnerstages bis zum Karsamstage sonderte sich Christina gänzlich vom Verkehr mit den Menschen ab und zog sich in ihr Kämmerlein zurück. Alle Marter, die der Herr am Karfreitag erduldet, erneuerte sich der Reihe und Zeitfolge nach an Christina. Gegen drei Uhr war sie im Todeskampf; die Seite öffnete sich, das Herz schien zu brechen und um drei Uhr hauchte sie aus. Sie lag da wie eine entseelte Martyrin, ihre Seele aber wurde gewürdigt zu verkosten, wie groß die Liebe Christi gewesen, die ihn bewogen hatte, für uns zu sterben. Am Karsamstage leuchtete aus Christinas Blick himmlische Seligkeit hervor, ihr Antlitz strahlte wie das eines Engels, ihr ganzes Aeußere war wie verklärt. Sie war mit Christus auferstanden. Fröhlich und jubelnd ging sie am Ostermorgen zur Kirche, empfing die h. Kommunion, wurde alsbald entrückt und mit überströmender Wonne erfüllt.
In der dritten Woche nach Ostern nahte Christina wiederum dem Tische des Herrn, hatte aber in der vorhergehenden Nacht Störung im Gebete verbunden mit Quälung durch Pfriemenstiche zu erleiden.
Freitag der darauffolgenden Woche (24. Mai) vollendete Magister Johannes das Schreiben an Petrus, dem vorstehende Mitteilungen größtenteils entnommen sind, bittet gegen Schluß desselben den Petrus, er möge für Christina, ihrem Wunsche entsprechend, das Lob- und Dankopfer darbringen und auch das versprochene Buch ihr baldigst zugehen lassen. Gemeint ist die Fortsetzung des ersten Buches der Jülicher Handschrift, in dem Petrus, ohne Christina mit Namen zu nennen, im Anschluß an dreiundvierzig, in leoninische Hexameter gefaßte, dem Buche vorangestellte Leitsätze das Ideal einer gottseligen Jungfrau schildert, unter anderem ihre Züchtigkeit im Blick, ihre Klugheit in der Rede, ihre Frömmigkeit im Werke, die Innigkeit ihrer Gottesliebe, ihre Herzensgüte im Umgang, ihre Enthaltsamkeit im Genusse von Speise und Trank, ihre Bescheidenheit im ganzen Benehmen hervorhebt und ihre Fasten, Nachtwachen, Leiden, Kämpfe und Triumphe feiert.
Magister Johannes hatte den Anfang des Buches, den er bereits von Petrus erhalten hatte, der Christina vorgelesen und erklärt. „Sie hat sich dadurch,“ so schreibt Johannes an Petrus, „gar sehr erbaut und mit solcher Herzenseinfalt zugehört, daß sie sich über Euch nicht genug wundern konnte, warum Ihr von dieser Euerer geistlichen Tochter ihr nie etwas gesagt hättet.“ In ihrer Demut kam es ihr nämlich nicht in den Sinn, daß von ihr selbst im Buche die Rede war.
Am Mittwoch nach Apostel-Teilung (17. Juli 1280) ging ein neues Schreiben von Magister Johannes und Christina an Petrus, das verschiedene Mitteilungen über Christinas innere Erlebnisse enthält, vornehmlich aber die Aufnahme Sigwins, des Bruders Christinas, in den Dominikanerorden bezweckte.
Wir entnehmen demselben, daß Christina am Vorabende von Christi Himmelfahrt, als sie nach der Beichte in der Kirche allein zurückblieb, um dem Gebete obzuliegen, darin wieder vom Versucher durch Lärm und Getöse gestört wurde, ihre Verachtung gegen diese Versuchung aber dadurch bekundete, daß sie anfing mit lauter Stimme zu singen. Magister Johannes, welcher in der an die Kirche anstoßenden Klause damals seine Wohnung hatte, öffnete das in die Kirche Einblick gewährende Fenster und beobachtete den ungewohnten Vorgang. Am Feste der Himmelfahrt unseres Herrn empfing Christina die h. Kommunion, wurde entrückt, verkostete einen Vorgeschmack der Himmelsseligkeit und wiederholte im Seelenjubel gar oft den Vers des Psalmes: Ascendit deus in iubilatione — Der Herr ist aufgefahren unter Jubelsang. — Dem Briefe des Magisters Johannes fügte Christina am Schlusse folgende Bitte bei: