„Im Uebrigen bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, bei der Treue und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, in der ich Euch liebe und mich auch freue, von Euch wiedergeliebt zu werden, Ihr wollet aus meinem Herzen alle Besorgnis wegräumen und meiner Seele volle Freiheit verschaffen, indem Ihr bezüglich meines Bruders dem Wunsche, den ich Euch bei Euerer Anwesenheit hierselbst, leider nicht nachdrücklich genug, kundgegeben und den ich in meinem letzten Schreiben inständigst in Erinnerung gebracht habe, wie ich zuversichtlich hoffe, zu entsprechen Euch bestrebt. Ich darf Euch nicht verhehlen, daß seit Euerer Abreise dieser auf das Seelenheil meines Bruders gerichtete Wunsch immer lebhafter geworden ist. Ich befürchtete nämlich, sein jugendlicher Sinn könnte ihn, der jetzt noch heilsamen Ratschlägen ein williges Ohr leiht, weltlichem Treiben zuführen und so, was Gott verhüten möge, sein Seelenheil in Gefahr bringen. Deshalb bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, recht herzlich bei der Treue und Liebe, die uns miteinander verbindet, Ihr möget womöglich bei der ersten besten Gelegenheit die Erlaubnis nachsuchen, baldigst in unsere Gegend kommen zu dürfen. Solltet Ihr aber für Euere Person diese Erlaubnis nicht erlangen können, so wollet durch befreundete Ordensbrüder oder durch vertrauenswürdige Boten meinen Bruder wissen lassen, was er tun soll oder wie er zu Euch gelangen soll. Sollte man aber nicht sonderlich geneigt sein, meinen Bruder in den Orden selbst aufzunehmen, weil er ein Laie ist und wenig geeignet dazu, so wollet doch dafür Sorge tragen, daß er dem h. Ordensleben in irgend einem Orte angeschlossen werde, aber in der Nähe Euerer Stadt, damit Ihr ihn, den Fremdling und Ausländer, in väterlicher Liebe mit frommem Zuspruch im Dienste Christi mitunter bestärken könnt.

Es erübrigt mir, teuerster Vater, Euch von ganzem Herzen für die mir unwürdigen durch soviele Wohltaten an Leib und Seele erwiesene Güte zu danken. Da ich jedoch nicht im Stande bin, Euch Euere Güte entsprechend zu vergelten, so bitte ich flehentlich Denjenigen, dem zu Liebe Ihr das Alles getan habt und noch tut, er möge selbst Euer übergroßer Lohn sein.

Es grüßt Euch Johannes, der Lehrer (rector) der Knaben, der mir allerwegen besondern, vertrauten und treuen Beistand leistet. Auch bitte ich, teuerster, zugleich mit Magister Johannes recht dringend, Ihr wollet, sofern Ihr wünscht, er solle Euch schreiben oder da bleiben, wo er jetzt ist, das uns versprochene Büchlein mit den weitern Darbietungen, die Ihr zu unserer Erbauung oder Tröstung geeignet erachtet, uns möglichst bald zugehen lassen. Magister Johannes hat mir den Teil davon, den wir hier haben, zweimal vorgelesen und ich muß Euer Liebden gestehen, daß ich nie etwas gehört habe, was mir solche Freude bereitet hat. Auch wundert es mich gar sehr, daß Ihr mir von dieser Euerer Tochter oder Freundin nie etwas gesagt habt, obschon Ihr doch seit langer Zeit mit mir befreundet seid.

Es grüßt Euch auch mein Bruder Sigwin; betet doch für ihn zu Gott. Desgleichen Hilla vom Berge mit allen Euern Freundinnen; sie bitten, Ihr möget für sie beim Herrn Fürsprache einlegen. Grüßet auch, wenn Ihr könnt, den Bruder Folkwin und saget ihm, er solle für uns alle zu Gott beten.“

Weil Christina in ihren Briefen öfter von der Liebe und Freundschaft sprach, die sie mit Petrus verband, so setzte Petrus in seinem Antwortschreiben die Gründe der wahren, in Gott gegründeten Liebe auseinander, die auch bei räumlichem Getrenntsein keinerlei Einbuße erleidet. Den Freund, so führt er schließlich aus, sollen wir in Gott und den Feind um Gottes willen lieben. So sei auch Christus für alle Menschen, auch für seine Feinde gestorben. Wiewohl nun aber der Tod des Herrn hinreichend gewesen sei, um Freunden und Feinden Erlösung zu bringen, so hätte er sie doch in Wirklichkeit nur den Freunden gebracht. Wie daher hinreichende und wirksame Gnade nicht in der Bemessung des Spenders, sondern in der Bewertung des Empfängers den Grund ihres Unterschiedes hätten, so sei auch Christi Tod von verschiedenem Werte gewesen für seine Freunde und für seine Feinde.[48]

In einem Briefe, den Petrus erst im Jahre 1282 erhielt, der aber viel früher, nämlich nach Allerheiligen 1280, geschrieben wurde, berichtet Magister Johannes unter anderm, daß Christina vom 5. Juli ab, an welchem Tage die Seele des Pfarrers Johannes aus dem Fegfeuer befreit wurde, bis zum Feste der h. Maria Magdalena ununterbrochen große Tröstung und Wonne des Herzens verkostet habe. Sie sei während dieser Zeit sehr oft in Verzückung gekommen und in die Geheimnisse ihres göttlichen Bräutigams derartig vertieft gewesen, daß sie ihn, den Magister Johannes, wenn er mitunter in ihre Wohnung oder in ihr Kämmerlein eingetreten, nicht einmal bemerkt habe, obschon sie den Spinnrocken in der Hand hielt und recht fleißig spann oder sonst eine Handarbeit verrichtete. Und obschon er sie mehrmals angeredet habe, so hätte sie doch nichts von dem gehört, was er gesagt, bis sie aus der Entrückung gänzlich zurückgekehrt gewesen.

In den drei Nächten, die dem Freitage vor Mariä Geburt vorangingen, also vom 4.-6. September, hatte sie verschiedenartige Qualen zu leiden, jedoch nicht sichtbarer Weise, sondern nur innerlich im Geiste. Es war ihr, wie wenn Donner und Blitz ihr Herz bestürmten. Da sie sich nicht darüber klar war, ob der böse Feind der Urheber der Quälereien sei, beschwor sie in der dritten Nacht, als die Plagen aufhörten, deren Urheber mit den Worten: „Ich beschwöre euch, ihr bösen Geister, im Namen des Herrn Jesus, daß ihr bekennet, ob dies alles durch euere Bosheit geschehen ist?“ Darauf erfolgte die Antwort: „Dienerin des allmächtigen Gottes, wir alle sind böse Geister, tausend an der Zahl; mit Zulassung des Allmächtigen haben wir dir diese Qualen unsichtbarer Weise zugefügt, um dich vom Gebete abzuhalten.“ Am folgenden Tage, dem Freitage vor Mariä Geburt, ging Christina zur Kirche, empfing den Leib des Herrn, kam in Verzückung, in der ihre Seele nach dem Maße der überstandenen Schmerzen die Wonne der göttlichen Tröstungen zuteil wurden (Psalm 90, 19).

Es begab sich in der dritten Nacht nach Mariä Geburt, daß Christina mit ihrem Bruder Sigwin und einem andern Manne geschäftshalber nach Cöln reiste. — Ihr Bruder fuhr einen Karren mit Weizen. — Als sie nun nicht mehr weit von Cöln waren, aber erst Mitternacht vorbei war, spannten die beiden Männer die Pferde aus, ließen sie auf die Weide gehen ... und legten sich zum Schlafe nieder. Christina aber stieg auf den Karren, setzte sich auf die Säcke und hielt Wache, doch gar bald kam der Karren derart ins Wanken und Schwanken, daß Christina sich gezwungen sah, abzusteigen. Sie kniete nun auf die Erde nieder und hub an zu beten. Und siehe da, ein Wolf stürzte auf sie los mit funkelnden Augen und fletschenden Zähnen, wie wenn er sie hätte verschlingen wollen. Sie aber erachtete dies für teuflische Gaukelei und fuhr fort zu beten, ohne auch nur zu zucken. Da stürzte sich der Wolf auf Christinas Bruder, und es erscholl ein klägliches Geschrei wie aus dem Munde Sigwins, damit Christina glauben sollte, er würde erwürgt. Dann lief er auch auf die Pferde zu und griff diese an. Und bald kam ein ganzes Rudel Wölfe, fraß anscheinend die Leichen Sigwins und der Pferde und erfüllte die Luft mit wildem Geheul.

Wir glauben diesen visionären Vorgang mitteilen zu sollen, weil er Veranlassung geworden, am Nordportal des Cölner Domes die selige Christina mit einem Wolfe darzustellen.

Im Herbste desselben Jahres trafen neue Schicksalsschläge Christina und ihren Bruder Sigwin. Die Eltern Christinas waren infolge einer Bürgschaft, die ihr Vater für einen Christen einem Juden gegenüber übernommen hatte, um ihre Habe gekommen. Nur der ausverkaufte Gutshof mit dem eingestürzten Wohnhause scheint ihnen geblieben zu sein. Durch Christinas Bemühungen wurden jedoch die Verhältnisse wieder geordnet, wenn auch noch Schulden zu tilgen waren. Sigwin scheint Ländereien gepachtet zu haben, und unterstützt von Christina führte er wieder Ackerwirtschaft größeren Stiles. Christina durfte so hoffen, bald alle Schulden beglichen zu sehen und dann, aller weltlichen Sorgen ledig, ungestört der Pflege des innern Lebens sich hingeben zu können. Doch es sollte durch Gottes Fügung anders kommen. „Der Herr,“ so schreibt Magister Johannes, „hat seine Hand ausgestreckt und die fünf Pferde, die sie hatten, mit schwerer Seuche heimgesucht. Als die Ernte kaum unter großer Arbeit eingeheimst war, hat er zur allerschlimmsten Zeit, wo nämlich die Aecker zur Saat bestellt werden mußten, alle fünf Pferde an plötzlichen Erkrankungen eingehen lassen. In Zeit von drei Wochen wurden sie alle, und zwar zwei an einem Tage, dann eines allein und darauf wieder an einem Tage die beiden übrigen abgedeckt. Infolge dessen befindet sich Euere Tochter in mehrfacher Trübsal. Zunächst drücken sie stark die Schulden, die sie binnen Kurzem bezahlen zu können gehofft hatte. Dann ist sie auch noch immer gar sehr bekümmert wegen des Seelenheiles ihres Bruders, der jetzt die Ackerwirtschaft drangeben will. Doch diese und andere Leiden erträgt sie mit Geduld, indem sie spricht: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen; der Name des Herrn sei gebenedeit von nun an bis in Ewigkeit.“ —