Zum Schlusse des Schreibens des Magisters Johannes ergreift Christina das Wort und spricht:
„Folgendes läßt Euere Tochter Euch melden. Ihr möget ihr eine einsame und stille Zelle besorgen mit einer Kapelle in der Nähe, in der genannter Johannes, der zum Priester geweiht werden soll, die h. Messe lesen kann ... Dann aber klage ich Euch, teuerster Vater, daß der Prior Ingeld, ich weiß nicht durch welche Versäumnis dies gekommen, mich nicht gesehen und über die Angelegenheit meines Bruders deshalb auch nicht mit mir Rücksprache genommen hat. Das verursachte mir keinen geringen Kummer. Doch wurde ich dagegen nachher auch sehr erfreut durch Euern Brief, den genannter Prior mitgebracht hatte, den ich aber erst nach seiner Abreise, am Sonntag nach Sankt Bartholomäus (25. August), erhalten habe. Bedenket, teuerster Vater, die Leiden, die ich an Seele und Leib zu erdulden habe und unterstützet mich bei Euerm ewigen Bräutigam und Freund ohne Unterlaß durch Euer Gebet. Säumet auch nicht, das im Briefe in Aussicht gestellte recht bald auszuführen. Es grüßt Euch der Herr Pfarrer, der Magister Johannes, Hilla vom Berge, mein Bruder und meine Schwester sowie Euere sonstigen Freunde. Sie bitten um Euer Gebet, namentlich aber Magister Johannes, weil er die heiligen Weihen, nämlich das Diakonat und sodann die Priesterweihe, zu empfangen wünscht.[49]
Flehet also in andächtigem Gebete zu Gott, daß, wenn es so sein heiliger Wille sei und genannter Johannes in der Demut und Frömmigkeit Fortschritte machen soll, sein Wunsch in Erfüllung gehe und der Herr seinen Sinn und all sein Tun nach seinem heiligen Wohlgefallen ordne und lenke. Wir möchten zu unserer Tröstung um Zusendung des dem Magister Johannes versprochenen Büchleins bitten, wenn wir uns nicht in Wirklichkeit mit der Hoffnung trügen, Ihr würdet persönlich zu uns kommen. Lebet wohl, teuerster Vater, und bleibet stark in der Liebe des ewigen Bräutigams Euerer Seele und Eueres trautesten Freundes. Nicht ein dürftiges Schreiben, sondern Euer persönliches Kommen, nach dem wir lange und inständig uns sehnen, möge auf diesen Brief die Antwort bilden. Nochmals, lebet wohl und freuet Euch allzeit im Herrn.“
Vorstehender Brief blieb ohne Antwort, weil er erst nach nahezu zwei Jahren in die Hände des Petrus kam. Deshalb schrieb Christina im Advent 1280 abermals an Petrus, vornehmlich um ihm ihren Bruder Sigwin zu empfehlen. Das Schreiben lautet, wie folgt:
„In Jesus Christus, ihrem ewigen Bräutigam und geliebtesten Freunde, entbietet ihrem Vater und Freunde, dem Herrn Bruder Petrus, Lesemeister von Gotland, seine arme und verlassene Tochter, Christina von Stommeln, Gruß sowie unvergänglichen und vollen Trost im Herzen des Geliebten, dessen sie sich leider gänzlich beraubt fühlt.
Da ich, teuerster Vater und Herr, die vielfache Trübsal und Kümmernis meiner Seele weder durch Briefe noch durch Worte so, wie es mir ums Herz ist, auszudrücken vermag, so möge jener, der Herzen und Nieren durchforscht, Euch kundtun und Euerem Geiste Verständnis dafür und Mitleid einflößen. Ach, teuerster, welcher Güter und Tröstungen bin ich beraubt! Ach, von welchen Leiden und Aengsten bin ich umgeben! Stimme denn an deine Wehklage, o du, mein armes Herz, und seufze auf in deiner Trostlosigkeit, weil dein Heiland und Helfer ob deiner Sünden sich gänzlich von dir zurückgezogen und dich lebendig zu den Dämonen in der Unterwelt gesellt hat. Gleich erachtet bist du jenen, die hinabsinken in den See; geworden bist du wie eine Erschlagene, gleich jenen, die in den Gräbern ruhen; und deren nicht mehr mit Segensspruch gedacht wird, da sie weggewiesen sind von Gottes beseligendem Antlitze.[50] Was nun wirst du tun? Zu wem wirst du deine Zuflucht nehmen? Wer wird dich aus dieser tiefsten Unterwelt befreien? O, möchte es dir freistehen, aus Liebe zu deinem Geliebten, wiewohl er sich dir entzogen hat, zu sterben oder es dir doch vergönnt sein, deinem Schmerze freien Lauf zu lassen. Doch ach! und abermals ach! Schmerz häuft sich auf Schmerz! Denn zu alledem wirst du auch noch in die Sorgen und Kümmernisse der Welt verwickelt und so beklagenswerter Weise abgehalten, deinem Schmerze dich hinzugeben und den Verlust deines Geliebten ohne Unterlaß zu beweinen. Um das Maß deines Schmerzes voll zu machen wird dir überdies zu den vielen und unaufhörlichen Plagen auch noch von den Dämonen der Vorwurf gemacht, daß jene, die du für deine treuesten Freunde hieltest, wegen deines übelgeordneten und irrigen Lebenswandels, deiner überdrüssig sind und dich gänzlich verlassen. Wenn daher, teuerster Vater, Ihr noch Mitleid verspürt, wenn in Euerm Herzen sich noch Mitgefühl regt, so möge dieses Euch rühren und zur Teilnahme bewegen. Somit beschwöre ich Euch, teuerster Vater, bei jener Treue und Liebe, vermöge der Ihr von Ewigkeit her von Gott zum engern Freundschaftsbunde ausersehen worden seid, Ihr wollet den Schmerz meines Herzens lindern und meiner Seele wieder volle Freiheit wiedergeben und deshalb bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit ohne Verzug persönlich hieher kommen, um die schier unerträgliche Last meines Herzens zu erleichtern, besonders aber, um meinen Bruder, worum ich Euch so oft und so inständig gebeten habe, an eine Stätte zu bringen, wo er ungestört ein gottseliges Leben führen kann. Denn er ist hauptsächlich Gegenstand all meiner äußern Besorgnis. Ich sagte aber, Ihr möchtet persönlich kommen, weil mein Bruder sich nicht so sehr aus eigener Neigung, als infolge von Belehrung und gütlichem Zureden zum Ordensleben hingezogen fühlt und deshalb einem Fremden wohl nicht so bereitwillig folgen möchte als gerade Euch.
10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.
11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.