Wie die Sonne nach ihrem Aufgange am Morgen sich allmählich immer höher erhebt und bei ihrem Hinaufsteigen immer mehr Licht ausstrahlt und immer mehr Wärme verbreitet, bis sie am Mittage in vollster Pracht und Herrlichkeit in der Höhe des Firmamentes erglänzt, so machte auch Gottes treue Dienerin Christina von Jahr zu Jahr, ja von Tag zu Tag immer größere Fortschritte in der Erkenntnis und Liebe Gottes. Und weil sie Gott liebte, deshalb war ihr Herz auch von aufrichtiger Liebe zum Nächsten erfüllt, der ja Gottes Ebenbild in sich trägt und zur ewigen Seligkeit berufen ist. In zweifacher Hinsicht betätigte sie vorzugsweise die Tugend der Nächstenliebe, in der Sorge um die Bekehrung der Sünder und im Erbarmen mit den armen Seelen im Fegfeuer.
Christus ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was veloren war. Es darf uns daher nicht wundern, daß Christina, an der immer mehr die Präge Christi hervortrat, ganz besonders auf die Rettung der armen Sünder bedacht war. Der Versucher gestand ihr einmal, daß er die Länder durcheile und aus allen Ständen viele Seelen sich erwerbe. Sie aber raube ihm jene wieder, die er schon in seinem Besitz zu haben gewähnt. Sie bot sich nämlich als Schlachtopfer der Gerechtigkeit Gottes dar für die Sünden anderer, um Gottes Zorn zu beschwichtigen und den Sündern Erbarmung und Bekehrung zu erwirken. So lesen wir von ihr im dritten Buche der Jülicher Handschrift, daß in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 1284, als sie sich für den folgenden Tag auf den Empfang der h. Kommunion vorbereitete, ein böser Geist, der sie bereits seit zwei Jahren des öftern mit einem Dreizack gemartert hatte, sie jetzt mit einem eisernen Haken, der zwei umgebogene Spitzen hatte, zerfleischte. Dieser böse Geist war immer stumm gewesen und Christina hatte nie die Kraft gehabt, ihn zur Rede zu stellen. Vom Herrn bestärkt sprach sie aber jetzt zu ihm: „Ich beschwöre dich in Kraft des Leidens meines Herrn Jesus Christus, daß du mir gleich sagest, weshalb du mich schon so lange und so heftig gequält hast?“ Jener erwiderte: „Nicht deinetwegen habe ich dies getan. Vom Allerhöchsten werde ich gezwungen, dieses zu tun, weil du ein so großes Verlangen hast, für die Sünden anderer zu büßen.“ In der Fastenzeit desselben Jahres hatte sie gar schreckliche Qualen zu erdulden, kam auch bei der h. Kommunion nicht in Verzückung, wurde aber am Abend des Freitags der ersten Fastenwoche über den Willen Gottes bezüglich der Leiden, die ihrer noch harrten, belehrt. Wozu diese Leiden dienten, das zeigte sich in den beiden Nächten der Karwoche, die dem Gründonnerstage vorangingen. In der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch schlangen sieben Teufel ihr eine glühende Kette um den Leib und schleppten sie aus ihrem Kämmerlein durch Disteln und Dornen in eine weit entlegene Gegend bis an einen großen Wald und sprachen dann zu ihr: „Siehe, Elendeste, in diesem Walde hausen sieben Räuber, die uns zu Willen sind, schon viele Mordtaten vollbracht und nicht wenige Seelen zu uns in die Hölle befördert haben. Wofern du nicht deinen Sinn änderst, so schleppen wir dich in den Wald hinein, schlagen ringsum eine Anzahl Bäume nieder, lassen aber einen stehen, an dem wir dich anbinden werden, locken alsdann durch unser Geschrei die Räuber herbei, die dich in deiner schmachvollen Lage sehen sollen, um dann mit uns und den Räubern in die Hölle zu fahren.“ Mutig entgegnete Christina: „Sparet euere Drohungen und tut, was euch vom Herrn befohlen ist.“ Wütend stürzten nun die Teufel auf sie los, schleppten sie in den Wald, erfüllten denselben mit furchtbarem Geheul, hefteten Christina mit der Kette an einen Baum und sprachen dann höhnend: „Nun rufe deinen Bräutigam an, deinen Herrn und Helfer.“ Christina aber sprach: „Mein Herr Jesus Christus wird mich nicht verlassen; euch Lügengeister aber wird die ewige Qual verschlingen.“ Die Teufel wichen nun zurück. — Vom ungewohnten Getöse aufgeschreckt waren aber unterdessen die Räuber herbeigekommen und sie hörten das standhafte Wort der Jungfrau. Mit neugieriger Scheu traten sie an den Baum heran, an den Christina angekettet war. Diese war aber derartig zugerichtet, daß die Räuber nicht wußten, ob sie ein menschliches Wesen vor sich hatten oder nicht. Auf ihr verwundertes Ausrufen, was denn los sei, und ob das etwa ein menschliches Wesen sei, was da hänge, sagte Christina, die bösen Geister seien hier im Spiele. „Ich aber,“ so fuhr sie fort, „bin wahrhaft ein Mensch von katholischem Glauben und zwar ein weibliches Wesen. Wisset aber, daß ich durch mich selbst in so großer Folter nicht mehr leben könnte; aber mein Herr Jesus Christus, der für mich gestorben ist, er ist mein Leben, mein Heiland, mein Schutz. Und weil ich in ihm lebe, so verschmachte ich nicht in den Leiden und verliere darin nicht mein Leben; denn er lebt in mir und redet aus mir und beschützt mich überall.“ Darüber erstaunten die Räuber und sprachen: „Wir kennen gar nicht diesen großen Gott und Herrn, der dir in so großen Leiden das Leben erhält, und wir glauben niemals, daß es nach diesem Leben noch ein anderes Leben gebe. Darum haben wir uns nicht gescheut, unsere Hände zu allen Freveltaten auszustrecken. In dieser Nacht aber haben wir so schreckliche Dinge gesehen und gehört, daß wir vor Angst fast vergangen wären.“ Christina aber erwiderte: „Es gibt einen wahren und allmächtigen Herrn Jesus Christus, der sich herabgelassen hat, für das Heil des menschlichen Geschlechtes am Kreuze zu sterben, der aber am dritten Tage wieder auferstanden ist und gen Himmel aufgefahren. Er ist das Leben aller, die einen gottseligen Wandel führen; er ist ein Helfer und Beschützer aller, die auf ihn vertrauen. Er wird auch denen, die an ihn glauben und ihm treu dienen, selige Unsterblichkeit schenken. Es gibt aber auch ein anderes, nie endendes, unseliges Leben, das eher Tod als Leben genannt zu werden verdient. Dieses ist für die Gottlosen und die Sünder bestimmt. Es ist die schreckliche Finsternis, in der häßliche und schreckliche Dämonen wohnen. Ihrer Gewalt werden diejenigen, die sich nicht zum Herrn bekehren wollen, sondern in ihrer Bosheit verharren, nach diesem Leben überliefert, um von ihnen mit unerträglichen Qualen ohne Erbarmen gepeinigt zu werden.“
Diese Worte machten Eindruck auf die Räuber und sie sprachen: „Wenn das wahr ist, was du sagst, was wird dann aus uns werden? Denn wir sind Mörder und Räuber, und wenn wir schon dem Namen nach katholisch sind, so haben wir doch Gott weder erkannt noch gefürchtet. Vor mehreren Jahren haben wir uns zusammen getan und unsern Aufenthalt in diesem Walde genommen, der über sechzehn Meilen breit und über dreißig Meilen lang ist. Hier haben wir viele Mordtaten und alle möglichen Arten anderer Greueltaten vollbracht. Wie können wir demnach noch hoffen, Rettung zu finden?“ Die Jungfrau erwiderte ihnen: „Verzweifelt nicht, sondern bekehrt euch zum Herrn Jesus Christus, dem Vater der Erbarmungen, und bereuet euere Sünden von ganzem Herzen. Er ist gnädig und überaus barmherzig, und alle euere Sünden wird er euch vergeben, wenn ihr wahre Buße tun und in Zukunft die Sünden meiden wollet.“ Sie aber entgegneten: „Unsere Sünden sind so zahlreich und so groß, daß wir auf Verzeihung nicht hoffen können. Denn schon viele Jahre hindurch sind wir Räuber der schlimmsten Art gewesen und vor keinerlei Lastern schreckten wir zurück. Da wir nun mit so schweren Verbrechen behaftet sind, wie können wir uns da noch Hoffnung auf Vergebung machen?“ Darauf sprach die Jungfrau: „Wollet nicht an der Barmherzigkeit Gottes verzagen und euch nicht durch Verzweiflung in den Fallstrick des ewigen Todes stürzen; denn Gottes unermeßliche Barmherzigkeit geht weit über alle euere Vergehen hinaus. Auch die Größe eurer Sünden soll euch nicht abschrecken; denn Gottes Erbarmen ladet euch zur Versöhnung ein. Befolgt mithin meinen Rat, lasset alles Mißtrauen fahren, flehet die große Güte Gottes an und bittet um Verzeihung. Und dann gehet zu den Priestern und bekennet vor ihnen mit reumütigem Herzen in der Beicht den ganzen Wust euerer Sünden.“
Da aber sprachen sie: „Wenn wir deinen Rat befolgen und aus diesem Walde herausgehen würden, um Priester aufzusuchen, so würden wir ohne Zweifel das Leben einbüßen. Denn es gibt viele, die wegen unserer Mordtaten, Räubereien und anderer Frevel uns schon längst aufpassen, um uns zu ergreifen und uns dann dem schmählichsten Tode zu überliefern.“ Darauf sprach die Braut Christi: „Wenn ihr aus Furcht für euer leibliches Leben es nicht wagt, aus diesem Walde herauszugehen, um Priester aufzusuchen, denen ihr eure Sünden beichtet, so dürft ihr auch so durchaus nicht an der unendlichen Barmherzigkeit Gottes verzweifeln. Vielmehr in der festen Hoffnung auf Verzeihung erhebet Hände und Herz zu Gott empor und in der heiligen Gegenwart seiner Majestät bekennet mit dem Munde alle euere Sünden; denn der Vater der Erbarmungen und Durchforscher der Nieren ist hier gegenwärtig und wenn er sieht, daß euere Sünden euch leid sind, so wird er euch nicht nur verzeihen, sondern euch auch von allen Widerwärtigkeiten und Gefahren gnädig befreien und euch nach diesem vergänglichen Leben mit seinen Auserwählten in der ewigen Seligkeit krönen. Um euch aber mehr Zuversicht und Vertrauen einzuflößen, so nehme ich die Last euerer Sünden auf mich und erbiete mich aufs bereitwilligste, für euch genugzutun.“ Da nahmen zwei von den Räubern, Simon und Rembold, die leibliche Brüder waren, durch Gottes Barmherzigkeit gerührt, das Wort und ermahnten ihre Genossen, dem Rate der Jungfrau zu folgen und die Sünden wahrhaft zu bereuen. Diese aber waren noch unschlüssig, fragten hin und her, wollten zunächst wissen, was es mit der Jungfrau für eine Bewandtnis habe und wie sie dorthin gekommen sei. Um nun ihre Zweifel zu heben und ihre Hoffnung auf Verzeihung zu beleben, ergriff Christina wiederum das Wort und sprach: „Es gibt eine große und berühmte Stadt, die Cöln heißt. Etwa zwei Meilen von dieser Stadt liegt ein Dorf, Stommeln genannt. Dort bin ich diese Nacht, als ich in meinem Kämmerlein betete, von den Dämonen ergriffen, unter großem Geheul in diesen Wald geschleppt und nach vielen Martern mit einer Kette an diesen Baum aufgehängt worden. Sie vermochten es aber nicht, mich zu töten, weil sie über mich nur insoweit Gewalt haben, als es ihnen von meinem Herrn Jesus Christus gestattet ist. Dieser ist mein Schützer und mein Helfer; er erhält mich am Leben; auch aus dieser Not wird er mich gnädig erretten, mich durch seine wunderbare Kraft heilen und stärken und mich an den Ort, von denn ich hierher geschleppt worden bin, wieder zurückbringen. Und das tut er, wie ich vertraue, nicht bloß dieses mal, sondern sehr oft schon hat er in ähnlichen und noch schwereren Bedrängnissen mich befreit. Er ist es, der mir die Kraft gibt, aus Liebe zu ihm zu leiden. Auch habe ich zwei Engel bei mir, die mich stärken. Ihr könnt sie freilich nicht sehen, weil die Augen eueres Geistes noch nicht hinlänglich gereinigt und deshalb hierzu noch nicht geeignet sind. Denn diese Engel sind Geister und können nur mit geistigen Augen geschaut werden. Wenn ihr aber an meinen Herrn Jesus Christus in Wahrheit glauben wollet, so werdet ihr sehen, wie ich durch diese Engel von meiner Marter wunderbar befreit, euern Blicken entzogen und gleichsam in einem Augenblick in mein Kämmerlein zurückgebracht werde.“
Als die Räuber diese Worte vernahmen, sprachen sie: „Wir staunen über die Maßen darüber, daß du aus so weitentlegener Gegend hierher geführt worden bist; denn es däucht uns, daß dieser Wald wohl an dreihundert Meilen von Cöln entlegen ist.“ Von Gottes Barmherzigkeit gerührt fielen dann die Räuber allesamt auf die Knie nieder, flehten um Verzeihung ihrer Sünden, erhoben gemäß dem Rate der Jungfrau ihre Hände gen Himmel und bekannten ihre schmachvollen Vergehen vor der Jungfrau unter Tränen. „Erbarme dich unser,“ so riefen sie, „Vater der Barmherzigkeit, und habe Nachsicht mit der Schwere unserer Sünden; denn lasterhafte Menschen sind wir und die ärgsten Sünder. Fünfzehn Priester, teils Ordens-, teils Weltgeistliche, haben wir in diesem Walde mit eigenen Händen ermordet. Dazu haben wir noch fünfzig andere Personen geistlichen Standes, Diakonen, Subdiakonen und Studierende, getötet. Hundert Mädchen und ehrbare Frauen haben wir vergewaltigt und dann umgebracht. Auch haben wir Frauen, die ihrer Niederkunft entgegensahen, ums Leben gebracht. Die übrigen Menschen aber, die wir ermordet haben, als Kaufleute, Reisende und Pilger, sind nicht zu zählen. Alle diese haben wir ausgeplündert und dann getötet, und niemanden haben wir verschont, wenn gleich er flehentlich um sein Leben bat. Was wir so an uns gebracht, haben wir vergeudet, indem wir weder das Gesetz achteten, noch Gott fürchteten, sondern nach unsern Gelüsten lebten, weil wir kein anderes Leben nach diesem Leben anerkannten.“ Als sie nun diese und ihre anderen Sünden vor der Jungfrau bekannt hatten, ermunterte diese sie, sie möchten wegen der Menge ihrer Sünden nicht verzagen, vielmehr fest im Glauben und unerschütterlich in der Hoffnung auf Verzeihung beharren; sie selbst aber wolle für sie Genugtuung leisten.
Während Christina also den Räubern zuredete, wurde ihr Leib auf einmal gar wundersam von Licht umstrahlt, im Glanze des Lichtes ehrfürchtig durch Engelshand vom Baume, an den er angeheftet war, losgelöst, vollständig geheilt, den Blicken der Räuber entzogen und unter großer Tröstung ins Kämmerlein nach Stommeln zurückgebracht.
Ueberwältigt von dem hellen Lichtglanze, der ihre Augen traf, fielen die Räuber auf die Knie nieder, und als Christina vor ihnen in diesem Lichte entrückt wurde, da glaubten sie alles, was Christina zu ihnen geredet, legten alle Todesfurcht ab und machten sich auf den Weg, um Priester aufzusuchen, bei denen sie ihre Beichte ablegen könnten. Es war ja am Vorabende des Gründonnerstages. Sie wurden aber auf dem Wege von solchen, die ihnen auflauerten, ergriffen, und diese beschlossen in ihrer Habgier und Grausamkeit, sie ohne weitere Umstände und ohne gerichtliches Verhör zu töten. In dieser Not flehten die Räuber zwar nicht um Schonung, sondern nur darum, daß man ihnen Zeit gönne, ihre Sünden zu beichten. Dann wollten sie gerne sterben aus Liebe zu Christus, der ja auch für sie am Kreuze gestorben sei und der sie in vergangener Nacht so große und wundersame Dinge habe schauen lassen. Die Häscher aber spotteten ihrer und sprachen hohnlachend: „Höret, wie diese verruchten Räuber und Mörder jetzt noch Mönche werden wollen und unter dem Vorgeben der Beichte uns zu überlisten gedenken. Am Rade oder am Galgen mögen sie Profeß ablegen, und beichten und büßen mögen sie, wenn wir ihnen Pfähle durch die Weichen stoßen.“ Da sprachen die Räuber sich einander Trost zu und ermunterten sich gegenseitig, herzhaft den Tod zu erleiden aus Liebe zu Christus, der die Jungfrau in so großer Folter bewahrt und so wunderbar befreit habe, auf daß dieser ihnen in seiner Barmherzigkeit alle ihre Sünden nachlassen möge, weil sie ja keinen andern Beichtvater haben könnten. Als die Häscher dies hörten, fielen sie grausam über die Räuber her, trieben ihnen spitze Pfähle durch den Leib, hefteten sie damit an die Erde fest und brachten sie unter jammervoller Marter so zum Tode.
In der Nacht darauf, also vor dem Gründonnerstage, wurde Christina von den nämlichen bösen Geistern an die Stätte geschleppt, wo die Leichen der Räuber aufgespießt waren und höhnend sprachen die bösen Geister zur Braut Christi: „Siehe, die Seelen dieser Räuber haben wir zur Hölle hinabgeführt, und wenn du dein Leben nicht änderst, so werden wir auch dir diese Pfähle durch den Leib rennen und deine Seele in die Hölle hinabführen, wo du in Gesellschaft dieser Räuber in Ewigkeit brennen sollst.“ Christina aber erwiderte mit Unerschrockenheit: „Wozu sucht ihr Lügengeister mich durch euer leeres Gerede zu erschrecken? Ich bin nämlich vergewissert, daß die göttliche Erbarmung diesen alle ihre Sünden verziehen, sie euerer Gewalt entrissen und sie in seiner Gnade der Zahl seiner Auserwählten zugesellt hat.“ Darob ergrimmten die Teufel, mißhandelten Christina, flohen aber, als diese standhaft blieb, unter Geheul von dannen, indem sie bekannten, daß sie über die Seelen der Räuber keinerlei Gewalt hätten. Christina aber wurde in großer Tröstung wieder in ihr Kämmerlein nach Stommeln zurückversetzt, feierte in gewohnter Andacht den Gründonnerstag, zog sich dann von der Außenwelt gänzlich zurück bis zum Karsamstage, wo die Spuren der Wundmale Christi, die sich am Karfreitage an ihrem Leibe erneuert hatten, noch sichtbar waren, empfing dann am Ostertage die h. Kommunion und kam allsogleich darauf in Verzückung, in der sie mit neuen Gnadengaben bereichert und mit unaussprechlicher Freude erfüllt wurde.
Zur Erleichterung der Abbüßung der Sündenstrafen der sieben Räuber erlitt Christina in der Woche vor Pfingsten jede Nacht ganz besondere Leiden, nicht sichtbar, sondern nach Weise des Fegfeuers geistig, aber doch auch körperlich fühlbar, nämlich Qualen des Feuers, das heiß war über allen menschlichen Begriff, und dazu unerträgliche Kälte und andere empfindliche Peinen, die den Tod hätten herbeiführen müssen, wenn nicht Gottes Kraft sie am Leben erhalten hätte. Vor Allerheiligen erduldete sie wiederum eine Woche hindurch die Fegfeuersqualen für die sieben Raubmörder und erhielt am Allerheiligentage, als sie nach der h. Kommunion in Entzückung gekommen, die Versicherung, daß die Seelen jener sieben am nächsten Weihnachtsfeste würden erlöst werden. Im Advent litt Christina wiederum jene schweren Leiden des Fegfeuers, aber am Weihnachtstage wurde ihr in der auf den Empfang des Leibes des Herrn eintretenden Verzückung unter anderen Tröstungen auch die unsägliche Freude zu teil, die Seelen jener sieben Räuber, von ihren Strafen befreit, vor dem beseligenden Angesichte ihres Bräutigams mit der Krone des ewigen Lebens geziert zu sehen. Jene sieben Räuber aber hießen Simon, Rembold, Hermann, Konstantin, Volmar, Vortleuv und Eckbert.
Je weiter Christina fortschritt in der innigen Vereinigung mit Gott, je vollkommener sie losgeschält wurde von allen Dingen dieser Welt, desto mehr nahm auch ihr Mitleiden mit den armen Seelen zu, so daß in der letzten Hälfte ihres Lebens das Büßen für die armen Seelen ihre Lieblingsandacht wurde.