Christus der Herr hat, als er am Holze des Kreuzes hing, einen der mitgekreuzigten Schächer bekehrt und seine Seele noch am selben Abende ins Paradies eingeführt. Christina, die gewürdigt wurde, auch in diesem Punkte ihrem göttlichen Bräutigam ähnlich zu werden, bekehrte, wie wir eben gesehen, in der Karwoche 1284, als sie von bösen Geistern schmachvoll an einen Baumstamm aufgeknüpft worden war, sieben Raubmörder, erlitt für sie die Fegfeuersqualen und sah sie so am Weihnachtstage in der Herrlichkeit des Himmels. Was sie für arme Sünder der verkommensten Art, die ihr fremd waren, mit größter Bereitwilligkeit getan, das übte sie mit noch größerer Bereitwilligkeit und Hingabe für diejenigen, die ihr nahegestanden und Gutes erwiesen. Rührend ist es zum Beispiel zu lesen, wie durch ihr Gebet und durch ihr Leiden die Seele des Pfarrers Johannes von Stommeln aus dem Fegfeuer befreit wurde.[51]

Der Herr gab ihr in den Sinn, um Qual und Leid zu bitten zur Erlösung der Seele des genannten Pfarrers. Da kam in den drei Nächten vor Pfingsten 1280 durch Gottes Zulassung der böse Geist in Gestalt jenes Priesters zu Christina und sagte, er sei auf ewig verdammt. Christina aber mochte dies nicht glauben und betete also zum Herrn: „O liebster Vater und Herr, soll denn dieser dein Diener, den du mir, deiner Magd, zum dienstbereiten Freunde gegeben, und der deinen Wunderwerken gläubig frommen Sinn entgegenbrachte, auf ewig von deinem Angesichte verstoßen sein, da du doch meinem Herzen eine wahre Hoffnung und ein volles Vertrauen eingeflößt hattest, daß er selig werden würde? Was soll ich denn anfangen? Wohin soll ich mich wenden? Wenn dieser von deinem Angesichte verstoßen wird, dann wird auch meine ganze Hoffnung und mein Vertrauen zu nichte!“ — In der dritten Nacht nun bekannte jener böse Geist seine Lüge und gestand, daß er über jenen Priester kein Recht habe. Vom Pfingstmittwoche, dem 9. Juni 1280 bis zum Freitag nach Peter und Paul, den 5. Juli, dem Jahrestage des Todes jenes Pfarrers, erduldete Christina für dessen Seele die Peinen des Fegfeuers in der oben beschriebenen außerordentlich schmerzlichen Weise und sie schaute dabei auch die Ursachen dieser Qualen, nämlich die verschiedenen Nachlässigkeiten, die der Pfarrer sich zeitlebens hatte zuschulden kommen lassen. Am 5. Juli kam Christina nach dem Empfange der h. Kommunion in Verzückung, wurde im Geiste in den Himmel versetzt und schaute dort im Spiegel der Gottheit den Freund, für den sie soviel gelitten, bei dem ewigen Freunde und Bräutigam.

Erschütternd ist das, was in den Offenbarungen der seligen Christina über die lange Dauer des Fegfeuers angedeutet wird. Wenn auch der Magister Johannes, der Christina die diesbezüglichen Mitteilungen bei ihrem Erwachen aus der Verzückung ablauschte, sich mitunter verhört haben mag, wenn auch die Berechnung der Jahre des Fegfeuers offenbar die Zeitdauer der für die einzelnen Vergehen festgesetzten Kirchenbuße widerspiegelt und die Verschärfung der Strafe oder stellvertretende Genugtuung eine Kürzung der Zeitdauer des Fegfeuers bedingt, so kann man sich dem Eindruck doch nicht entziehen, daß Gottes Gerechtigkeit unerbittlich jegliche Sünde straft, und wenn er auch den wirklich reumütigen Sünder nicht zur Hölle verdammt, er ihn doch für jede, auch der Schuld nach verziehene Sünde, im Fegfeuer der mißachteten Oberhoheit der göttlichen Majestät Sühne leisten läßt. Mit der langen Dauer des Fegfeuers, wie sie sich in den Offenbarungen der seligen Christina und anderer Auserwählten Gottes kundgibt, stimmt auch die Auffassung der Kirche überein, die Jahrhunderte hindurch die h. Messe für dieselben Verstorbenen darbringen läßt.

12. Bild Christinas vom alten Grabmal zu Jülich.

13. Christinenkapelle in der Pfarrkirche zu Jülich.

Christinas Mutter hätte sechshundert Jahre im Fegfeuer bleiben müssen, hätte Christina nicht für sie ihre Leiden und Verdienste zur Sühne angeboten. In der Nacht nach dem dritten Adventssonntage 1282 wurde Christina von den bösen Geistern auf jene Felder geschleppt, die einst ihr Vater besessen hatte, und bei jedem Stücke sprachen sie zu ihr: „Siehe, das sind die Aecker, wegen deren dein Vater in Sünden gelebt und zur Hölle gefahren ist. Wofern du dich nicht auf der Stelle bekehrst, so werden wir dich zu deinem Vater ins ewige Feuer bringen.“ Und da Christina sich an dieses Gerede nicht störte, so rissen die Teufel sie in die Höhe und ließen sie dann zur Erde fallen und das wiederholten sie auf jedem Ackerfelde. Die ganze Woche hindurch wurde Christina in dieser Weise und auch noch durch Verwundungen gepeinigt. Einigen Trost hatte sie jedoch dadurch, daß sie gleich zu Anfang der Woche über die Erlösung ihres Vaters belehrt wurde und so ertrug sie diese Peinen mit Freude. In der Nacht nach dem vierten Adventssonntage wurde sie nach Nettesheim geschleppt und in den drei folgenden Nächten nach Knechtsteden und dort gefoltert. In der dritten Nacht, der h. Weihnacht, rang Christina den Teufel, der sie mit einer Lanze in den Schlamm des Klostergrabens stieß, nieder, bannte ihn fest, bis die anderen Teufel herbeikamen und flehentlich um Entlassung baten. Sie gestanden, daß ihrer zwölftausend seien, daß sie von Gott den Befehl erhalten, Christina zu foltern zur Erlösung ihres Vaters. Am Weihnachtstage wurde Christina nach der h. Kommunion entrückt und wurde gewürdigt, die Seele ihres geliebten Vaters, für den sie soviel gelitten hatte, und zugleich die Seele eines jungen Mannes, des Bruders des Magisters Johannes, vor Gottes Angesicht in Seligkeit und Herrlichkeit zu schauen. Es wurde ihr dabei auch kundgetan, daß die Seele ihres Vaters noch zwölftausend Jahre und die Seele des jungen Mannes noch viele Jahre im Fegfeuer hätten leiden müssen, wenn durch Christinas Verdienste ihnen nicht Hülfe gekommen wäre.

In der Fastenzeit des Jahres 1283 erreichte die Peinigung Christinas, was die Anzahl der bösen Geister anbelangt, ihren Höhepunkt. Sie schleppten sie zur Nachtzeit gewöhnlich in den benachbarten Wald, „Gohrbroich“ genannt, und in der Nacht vor dem Gründonnerstage sogar in das weitentlegene, von einem grausamen Volke bewohnte Friesland und folterten sie auf alle mögliche Weise. Einem schlachtgeübten Helde gleich triumphierte Christina über den ganzen Höllenschwarm, der seine eigene Ohnmacht und die Allmacht des Herrn, den Christina verehrte, bekennen mußte. Den Gründonnerstag verbrachte Christina in Tröstung. Am Karfreitage schloß sie sich in ihr Kämmerlein ein, und empfing wie üblich die Wundmale des Herrn. Am Karsamstage war sie wieder in großer Freude und nach der Kommunion am h. Ostertage wurde ihr in der Verzückung kundgetan, daß durch ihr letztes Leiden zwei Seelen aus ihrer Verwandtschaft aus dem Fegfeuer befreit worden seien, von denen die eine sonst sechshundert, die andere dreihundert Jahre im Reinigungsorte hätte leiden müssen.

Nach der prüfungs- und schmerzreichen Adventszeit des Jahres 1283 wurde ihr am Weihnachtstage in der Verzückung auch die Auszeichnung zuteil, daß sie drei Seelen, für die sie so bittere Schmerzen hatte erdulden müssen, von den Strafen des Fegfeuers befreit, vor Gottes Thron erblickte. Die eine war die des Oheims des Magister Johannes, die zweite die der Großmutter Christinas und die dritte die einer Matrone aus Cöln, welche bei ihren Lebzeiten Christina besonders geliebt hatte. Gleichzeitig mit diesen wurde noch eine große Anzahl anderer Seelen aus den Qualen des Reinigungsortes in des Himmels Seligkeit eingeführt, die ohne Christinas stellvertretende Sühne noch viele Jahre im Fegfeuer wären zurückgehalten worden.