Im Juni 1284 hatte Christina eine Erscheinung. Es zeigte sich ihr die Seele eines Adeligen, der einige Tage vorher in einem Gefechte bei Aachen gefangen genommen und dann aufs Rad geflochten und getötet worden war. Er hatte mehrere Jahre in Sünden dahin gelebt, jedoch die gute Gewohnheit beibehalten, täglich zu Gott zu beten und auch sonst war er gutherzig. Er hatte das Glück, vor seinem Tode eine reumütige Beichte ablegen zu können, und so wurde seine Seele durch Gottes Erbarmen vor der Hölle bewahrt, jedoch zu den schwersten Strafen des Fegfeuers verurteilt. Die Seele dieses Mannes sah Christina in der Qual und hörte ihn mit jämmerlicher Stimme rufen: „Erbarme dich meiner, o Vater der Barmherzigkeit, und habe Mitleiden mit mir, der ich mich in so schweren und unerträglichen Leiden befinde; denn du hast mir nach deiner wunderbaren und unaussprechlichen Güte die Barmherzigkeit erwiesen, mich vor der Hölle zu bewahren. Nun flehe ich zu dir, du wollest mich auch aus dieser so schweren und unerträglichen Marter befreien.“ Christina erbot sich, für ihn zu leiden, wurde infolgedessen von einer großen Schar böser Geister zwei Wochen lang aufs grausamste gehämmert und sonstig gefoltert, erhielt dann aber am Sonntag vor Petri Kettenfeier die Versicherung, daß jenem Manne soviele Jahre von seinen Strafen erlassen worden seien, als Teufel gewesen, die sie seinetwegen gequält hätten. Dann erlitt sie nach dreitägiger Pause zwei Wochen hindurch bis zum Feste der Himmelfahrt Mariens, dann wieder zwei Wochen lang vor dem Feste der Geburt Mariens und noch sechs Nächte nach diesem Feste die Qualen des Fegfeuers. Doch erst am Feste der Himmelfahrt Mariens 1285, vor dem sie abermals acht Tage hindurch die Fegfeuersmarter erduldet hatte, wurde sie in der Verzückung gewürdigt, zu sehen, wie die Seele jenes Edelmannes aus dem Fegfeuer erlöst und mit der Himmelsfreude beglückt wurde. Bei ihm befanden sich noch sieben andere Seelen von Männern, die sieben Jahre vorher, in der Gertrudisnacht 1278, beim Ueberfall Aachens durch Graf Wilhelm von Jülich, in der Stadt Aachen erschlagen worden waren, und außer diesen noch neun andere aus verschiedenen Gegenden, die, wenn Christina nicht für sie gelitten, sonst noch viele Jahre in den Flammen des Reinigungsortes hatten leiden müssen.
Zwischen Ostern und Pfingsten 1285 hatte sie die Fegfeuerspein zur Erlösung von neun armen Seelen erduldet, deren Einzug in den Himmel sie am Pfingsttage in der Verzückung schaute. Eine dieser Seelen war die eines sehr weisen und gebildeten Cölner Bürgers, der vor anderthalb Jahren gestorben war. Dieser hatte einst Christina mit einigen anderen Ordensjungfrauen in sein Haus aufgenommen, ihr Gastfreundschaft erwiesen, sich nach Tisch unbemerkt zu den Füßen Christinas niedergeworfen und sie inständigst gebeten, doch seiner vor dem Herrn zu gedenken. Seit jenem Tage hatte Christina allezeit seiner im Gebete gedacht. Ohne Christinas Hülfeleistung hätte die Seele dieses Mannes angeblich dreißigtausend Jahre zur Abbüßung ihrer Sündenstrafen im Fegfeuer bleiben müssen. Eine andere Seele war die der Mutter eines Mädchens, das mit Christina sehr befreundet war. Diese hätte hundert Jahre im Fegfeuer zubringen müssen. Zwei andere waren Seelen von Frauen aus Cöln, die vor zwei Jahren gestorben und noch dreißig Jahre hätten leiden müssen, die fünf übrigen Seelen waren solche von Knaben, die ungefähr fünfzehn Jahre alt waren.
Am Allerheiligenfeste 1285 schaute sie in der Verzückung sechs Seelen, für die sie in der vorhergegangenen Woche gebüßt hatte. Es waren Seelen von verheirateten Männern, die im selben Jahre in den Ländern jenseits des Meeres im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen waren. Drei davon hießen Petrus, einer dagegen Sibodo, einer Hermann und einer Heinrich. Diese hätten hundert Jahre Fegfeuer zu erdulden gehabt.
Im Advent 1285 erduldete sie wiederum die Fegfeuersqualen und in der Verzückung erhielt sie am Weihnachtstage die frohe Kunde, daß vierzig Seelen aus dem Kerker der Reinigung befreit worden seien. Zwei davon waren aus Stommeln, und zwar war die eine die Seele einer Begine Hildegundis, die andere die Seele einer Witwe namens Elisabeth. Die übrigen waren aus entfernten Gegenden am Ufer des Meeres. Unter ihnen befanden sich zehn Männer, von denen drei Priester waren; die übrigen waren Frauen.
Am Lichtmeßtage 1286 wurde sie in der Verzückung durch die Erlösung dreier Seelen beglückt, von denen die eine die Seele eines bereits vor vielen Jahren verstorbenen Verwandten war, für dessen Seelenruhe sie schon lange Jahre gebetet hatte. Die beiden andern waren Seelen von zwei Frauen aus Cöln, Mutter und Tochter. Am Freitage nach Pfingsten, den 7. Juni 1286, wurde Christina nach der Kommunion entrückt und wurde getröstet durch die Erlösung von abermals drei Seelen, für die sie die Fegfeuerspein erduldet hatte.
Siebenzehntes Kapitel.
______
Christinas letzte Prüfungen, friedevoller Lebensabend und seliges Ende.
Die Gnade der Beharrlichkeit ist bekanntlich ans Gebet geknüpft. Darum versucht der Feind des Menschengeschlechtes es bis zum Aeußersten, selbst bei den Auserlesenen, daß sie vom Gebete ablassen oder es lau und lässig verrichten.
In der dritten Nacht nach Christi Himmelfahrt 1282 trat der Versucher in das Zimmer der im Gebete begriffenen Jungfrau und sprach zu ihr mit furchterregender Stimme: „Wie lange willst du, Starrsinnige, den Weg der ewigen Verdammnis gehen? Denn du, und zwar du allein, trittst mit Füßen die weisen Verordnungen der Väter und der Ordensstifter. Zur Zeit der Ruhe wachest du, betest in unnützer Weise und zur Zeit des Essens übest du Enthaltsamkeit und Fasten. Und so handelst du in allen Stücken verkehrt und erfüllst nicht Gottes Willen, sondern deinen verdammlichen Eigenwillen. Und darum wirst du vom Allerhöchsten in unsere Hand gegeben.“