6. Capitel.
Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. — Socialdemokratische Zukunftsbilder und ihre Folgen. — Der Staatsstreich des Jahres 1900. — Untergang der Socialdemokratie.

„Eine wilde schreckliche Zeit liegt hinter mir. Ich bin Zeuge von Ereignissen gewesen, an die ich noch jetzt, wo seitdem schon Jahre verflossen sind, nur mit Schaudern zurückdenken kann. Alles Bestehende habe ich zusammenbrechen sehen, ein mächtiges Reich in Trümmer fallen und die Menschen sich zerfleischen wie wilde Thiere. Mit Entsetzen habe ich erkannt, daß es kein Zufall war, der all’ den Jammer über mein armes Vaterland brachte; eigenes Verschulden der verblendeten Menschheit hat das Geschick heraufbeschworen, dem nun Alles, was Jahrhunderte geschaffen, zum Opfer gefallen ist. Rechtzeitige Erkenntniß, gepaart mit ein wenig gutem Willen, hätte uns vor dem Abgrunde bewahren können. Aber es war, als seien Alle mit Blindheit geschlagen. In der unersättlichen Gier nach Reichthum taumelten die Menschen vorwärts, der Warnungsrufe nicht achtend, immer dem Ende zu, das auch mit Schrecken gekommen ist, just als sie es am weitesten entfernt glaubten. Ich habe die Aufzeichnungen, die ich in der schrecklichsten Zeit meines Lebens machte, gesammelt, in der Erwartung, daß einst kommende Geschlechter eine Lehre aus denselben ziehen werden. Die Ereignisse, welche dem allgemeinen Zusammenbruch vorausgingen und die ich nur theilweise selbst erlebte, stelle ich in Kürze an die Spitze meiner Aufzeichnungen. Und somit beginne ich:

Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts war Deutschland das mächtigste Reich der Welt. Unzählige reiche blühende Städte und freundliche Dörfer bedeckten seinen Boden; sein Heer und seine Flotte war bewundert und gefürchtet, deutsche Kunst und Wissenschaft galten der übrigen Welt als glänzende Vorbilder, und was deutsche Arbeit in rastlosem Wetteifer schuf, ging als vielbegehrte Waare hinaus bis in die fernsten überseeischen Länder. Auf dem Kaiserthrone saß ein junger thatkräftiger Herrscher, der es mit kluger Mäßigung verstand, die ungeheuere ihm zu Gebote stehende Macht nur zur Wahrung des Friedens in die Wagschaale zu werfen und eine Schaar blühender Söhne schien ihm auf unabsehbare Zeit hinaus Glück und Bestand seines Hauses zu verbürgen.

Wohl fehlte es nicht an dunklem drohendem Gewölke, das von Zeit zu Zeit emporstieg, aber stets verstand es die Kunst der Staatsmänner, die Gefahren, welche von rachsüchtigen oder neidischen Nachbarn drohten, wieder zu beschwören; der Respect vor der großartigen Wehrkraft Deutschlands und seiner Verbündeten that aber stets das Meiste zur Erhaltung des Friedens. Für weit bedenklicher indessen hielt man die Gefahr, welche dem Reiche von Innen drohte.

Zur Erläuterung dessen muß ich auf eine noch weiter abliegende Zeit zurückgreifen. Im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts hatte sich die Industrie zu einer noch nie vorher erreichten Höhe aufgeschwungen. An Stelle der kleinen Handwerksbetriebe des Mittelalters war zuerst die Manufactur getreten, d. h. jene Gattung von Großbetrieben, in welcher jeder Arbeiter jahraus, jahrein nur einen ganz bestimmten Theil eines Productes herstellte, in denen also eine weitgehende Arbeitstheilung herrschte, die Geschicklichkeit des Arbeiters aber immer noch ausschlaggebend war für die Beschaffenheit des fertigen Productes. Ein großer Theil der einst selbständigen Handwerker war schon damals zu Lohnarbeitern geworden, deren Existenz von den Fabrikanten abhängig war; in ganz rapider Weise aber begann sich dieser Umwandlungsproceß zu vollziehen, nachdem der Fortschritt in den Naturwissenschaften zu der Erfindung zahlloser Arten von Maschinen geführt hatte, welche die Herstellung der Producte ganz unabhängig machten von der Tüchtigkeit des Arbeiters und mit ungeheuren Massen Waaren aller Art den Weltmarkt überschwemmten. Die Zahl der besitzlosen Lohnarbeiter schwoll zu einer solchen Höhe an, daß ihr gegenüber diejenige der Besitzenden fast verschwand, und diese Masse wurde noch fortwährend vermehrt durch solche Handwerker, welche den Wettkampf mit der im Großen arbeitenden Industrie nicht auszuhalten vermochten und ihre Selbständigkeit verloren. Auf der einen Seite standen also die Besitzenden, ein kleiner Bruchtheil der Gesammtheit, welcher allen Grund und Boden, alle Rohstoffe, Gebäude, Maschinen sein Eigen nannte, und deshalb den Nutzen der gesammten Arbeitsthätigkeit und aller menschlichen Erfindungen einheimste, während auf der anderen Seite die ungeheure Masse der Besitzlosen stand, denen nichts geblieben war, als ihre Arbeitskraft, von deren Verkauf sie ihr Leben fristete. Je mehr sich aber das Maschinenwesen vervollkommnete, desto krasser gestaltete sich dieses Mißverhältniß. Die Arbeit an den Maschinen vereinfachte sich derart, daß ein Weib oder schließlich ein Kind genügte, um das zu verrichten, was ehedem die Thätigkeit von zwanzig Männern erheischt hatte. Die Fabrikanten entließen also ihre Arbeiter und behalfen sich mit Frauen- und Kinderarbeit, die ihnen weit billiger kam. Dadurch entstand nicht nur ein Heer von Arbeitslosen, die meistens bis zur tiefsten Stufe menschlichen Elends herabsanken, sondern es wurde auch der Lohn der noch in Arbeit befindlichen Männer auf ein Minimum herabgedrückt, so daß diese Unglücklichen auch bei angestrengtester Arbeit von früh bis in die Nacht nicht mehr im Stande waren, sich und die Ihrigen mit den nothwendigsten Lebensbedürfnissen zu versorgen. Diese Zustände hatten aber noch Anderes im Gefolge. Die Arbeiterfamilie löste sich gänzlich auf in dem Augenblicke, als die Frau ihrem häuslichen Wirkungskreise entzogen und in die Fabrik versetzt wurde; der Schulbesuch der Arbeiterkinder wurde vernachlässigt, Wohnung und Kost der Proletarier sank zu einer menschenunwürdigen Stufe herab und die Prostitution begann in erschreckender Weise um sich zu greifen.

Waren diese schreienden Uebelstände schon fühlbar in solchen Zeiten, in denen die Industrie in Flor stand und es an Arbeit meistens nicht fehlte, so wurden sie noch weit fühlbarer, sobald, in Folge der allzueifrigen Production, die Preise der Waaren sanken, der Handel stockte und zahlreiche Fabriken den Betrieb einstellten. Das Heer der Arbeitslosen, der ohne Nahrung und Obdach Umherirrenden, wuchs dann lawinenartig an und schreckliche Leiden kamen über die Arbeiterbevölkerung.

Aber auch die Besitzenden waren in solchen Zeiten nicht auf Rosen gebettet. Das verwickelte Getriebe der ganzen Wirthschaftsmethode, in welcher die Concurrenz die einzige Triebfeder war, stellte einen überaus empfindlichen Mechanismus dar. Ein geringfügiges Ereigniß konnte genügen, um unzählige Existenzen zu vernichten; Niemand, auch der Reichste nicht, durfte sicher sein, daß ihn der nächste Tag nicht in die Reihen der Besitzlosen hinabschleudern werde. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts machte sich nun in den Arbeiterkreisen eine Bewegung bemerkbar, welche auf eine Umwandlung dieser wahnsinnigen Productionsweise in eine vernünftigere abzielte. Man erkannte in dem Umstande, daß sich alle Behelfe zur Erzeugung von Producten, d. h. Grund und Boden, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe &c., im Privatbesitz Einzelner befanden, somit die große Mehrheit der Bevölkerung von diesen Productionsmitteln getrennt war, die Grundursache der verderblichen Wirthschaft. Das Heil Aller, so lautete die Parole, liege darin, daß an die Stelle des Privatbesitzes an den Productionsmitteln, der Allgemeinbesitz trete. Die Partei, welche dieses Ziel anstrebte, nannte man die socialistische, oder socialdemokratische und ihre Anhänger waren von Seite des Staates und der besitzenden Classen allerhand Bedrückungen und Gewaltmaßregeln ausgesetzt. Die sociale Frage aber, deren Lösung sie auf ihre Fahne geschrieben hatte, war nachgerade die brennendste von allen geworden; sie beschäftigte alle Gemüther, hielt die Parlamente in Athem, setzte Tausende von Federn in Bewegung und bemächtigte sich aller Gebiete des öffentlichen Lebens. Wie hundert Jahre früher der Bürgerstand um seine Erlösung aus den Fesseln des Absolutismus gekämpft hatte, so suchte jetzt die große Masse des Proletariats nicht allein sich selbst, sondern die ganze Welt zu erlösen von einer täglich ungesunder werdenden Productionsweise, von einer wirthschaftlichen Knechtschaft, deren Druck zwar am empfindlichsten auf den untersten Volksschichten ruhte, welche aber auch den oberen Ständen in immer unangenehmerer Weise fühlbar wurde. Die Socialdemokratie hatte in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus bescheidenen Anfängen, trotz aller Hindernisse, welche ihr der Staat in den Weg legte, eine großartige Organisation geschaffen, welche sich über die ganze civilisirte Welt erstreckte und Millionen begeisterter Anhänger in ihren Reihen zählte. Diese ungeheure, ein und derselben Parole folgende Masse verhielt sich indessen durchaus streng in den Grenzen der bestehenden Gesetze. Aber mit unverwüstlicher Zähigkeit strebte sie unausgesetzt darnach, politische Rechte zu erringen, wo ihr dieselben versagt waren, oder ihre Wünsche und Beschwerden in den gesetzgebenden Körpern zur Geltung zu bringen, dort wo sie Vertreter in die Parlamente entsenden durfte. Nicht zufrieden damit, unablässig an der materiellen Hebung des Arbeiterstandes zu wirken, bestrebte sie sich auch, stets eingedenk des Wortes: „Bildung ist Macht“, das geistige Niveau ihrer Anhänger zu heben und dies war ihr mit Hülfe unzähliger Vereine, Bibliotheken, Zeitschriften, Flugblätter u. s. w. bereits am Ausgange des neunzehnten Jahrhunderts so gut gelungen, daß das durchschnittliche Bildungsniveau der Arbeiter dasjenige der Kleinbürgerschaft merklich überstieg und daß sie im Stande waren, aus ihren Reihen Schriftsteller, Journalisten und Redner auf den politischen Kampfplatz zu schicken, welche den Geisteskoryphäen der Bürgerschaft, des Adels und der Geistlichkeit nichts nachgaben. Mit ungeheurer Kraftanstrengung und eiserner Energie hob sich die Arbeiterschaft aus tiefstem Elende zu einer geistigen und sittlichen Höhe empor, welche sie befähigen mußte, in jenem Momente als zielbewußte, politisch reife Macht aufzutreten, in welchem die Zügel den schlaffen Händen der besitzenden Klassen entfallen würden. Je tüchtiger und reifer die Arbeiterschaft in diesem Augenblicke war, desto leichter und schmerzloser mußte sich die unvermeidliche Umwälzung vollziehen.

Fast alle Staaten der civilisirten Welt sahen sich wohl oder übel durch die immer gewaltiger anschwellende Bewegung genöthigt, ihr Augenmerk den socialen Mißständen zuzuwenden, was sie bisher gänzlich verabsäumt hatten. Man versuchte von Staats wegen das oft überaus traurige Loos der arbeitenden Klassen zu bessern; man gründete Krankenkassen, Unfalls- und Altersversicherungskassen für die Arbeiter, man stellte Gewerbeinspectoren an, welche die Thätigkeit in den Fabriken und anderen Gewerben überwachen und Mißbräuche abstellen sollten, man baute Arbeiterhäuser, Volksküchen u. s. w., aber man verfuhr dabei in den meisten Fällen mit einer so pedantischen Engherzigkeit, daß der Nutzen aller dieser Anstalten ein sehr mäßiger blieb und die berechtigten Forderungen der Arbeiter dadurch nicht befriedigt wurden. Gleichwohl schien es zu jener Zeit, als sollte sich die Umwälzung in der wirthschaftlichen Productionsweise, welche von der Socialdemokratie angestrebt wurde, auf friedlichem Wege und sehr langsam vollziehen, denn einerseits wurde die capitalistische Gesellschaft durch die Macht der Verhältnisse immer mehr und mehr in eine Bahn gedrängt, auf der ihre Umgestaltung nach dem Sinne der Socialdemokratie nur noch eine Frage der Zeit sein mußte, und andererseits wäre eine gewaltsame Auflehnung gegen die furchtbaren Machtmittel des Staates heller Wahnsinn gewesen, eine Erkenntniß, welcher sich selbst die radicalsten Führer der socialen Bewegung nicht verschließen konnten.

So standen die Dinge zu Beginn des letzten Decenniums im neunzehnten Jahrhundert, als ein unvorhergesehenes Ereigniß die friedliche Entwicklung der Gesellschaftsreform für unabsehbare Zeit verhinderte.