Im Jahre 1892 erschien in der Hauptstadt des deutschen Reiches ein Büchlein, welches ungeheueres Aufsehen machte und in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet wurde. Der Titel dieses verhängnißvollen Büchleins war: „Socialdemokratische Zukunftsbilder“, der Verfasser: einer der ersten Redner des Parlaments, Eugen Richter, welcher an der Spitze der sogenannten freisinnigen Partei stand und ein erbitterter Feind der Socialdemokratie war. In diesem Buche schilderte er mit glühender Phantasie die Schreckensbilder, denen Deutschland entgegengehen werde, falls es jemals der Socialdemokratie gelingen sollte, ihre Pläne zur practischen Ausführung zu bringen, d. h. den socialen Staat an Stelle des capitalistischen in’s Leben zu rufen. Mit gieriger Hast wurden die, in den düstersten Farben gehaltenen Schilderungen vom deutschen Publikum verschlungen; die Wirkung war eine ungeheure. Mit einem Schlage war der ganze erschreckliche Abgrund, dem das Vaterland entgegentaumelte, vor den bestürzten Blicken enthüllt; Tausende und Abertausende, von Entsetzen übermannt, für ihre eigene, wie für die Existenz ihrer Familien zitternd, verlangten ungestüm Hülfe und Rettung von der Allmacht des Staates. Der Kaiser schwankte; noch konnte er sich nicht entschließen, zu dem früher oft angewendeten Mittel gewaltsamer Unterdrückung zu greifen.

Da kamen die Reichstagswahlen von 1895, und die socialdemokratische Fraction, bisher sechsunddreißig Mitglieder zählend, wuchs auf fünfzig an; es kamen die Wahlen des Jahres 1900 und mit einem Schlage ward die Socialdemokratie zur mächtigsten Partei des Parlamentes, in dem sie nicht weniger als neunzig Mandate ihr Eigen nannte, während die sogenannten Ordnungsparteien, in zahllose Fractionen und Fractiönchen gespalten, dieser ehernen Phalanx gegenüber in ohnmächtiger Verwirrung dastanden. Ein Todesschrecken erfaßte die ganze Bourgeoisie, den Geld- und Geburtsadel, die Geistlichkeit aller Confessionen und nicht zum Mindesten den Kaiserhof selbst. Es schien, als stünde das jüngste Gericht vor den Thoren, und der Ruf nach Hülfe vor dem drohenden Untergange wurde lauter und eindringlicher als je. Noch stand ja der Regierung die große, herrliche, in hundert Schlachten und Gefechten siegreich gewesene Armee zur Verfügung, auf die man sich fest verlassen konnte, wenn es galt, die schwer bedrohte Gesellschaftsordnung zu retten. Die Regierung, von allen Seiten bestürmt, zögerte nun auch nicht mehr länger, energische Maßregeln zu ergreifen.

Am Morgen des 10. April 1900 prangten an allen Straßenecken Berlins große Zettel, welche die Auflösung des Reichstages und die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechtes für die neu auszuschreibenden Reichstagswahlen ankündigten. Zugleich erfuhr man, daß sämmtliche socialistische Abgeordnete beim ersten Morgengrauen durch starke Abtheilungen von Militär und Schutzleuten aus ihren Wohnungen abgeholt und in geschlossenen Wagen unter Kavallerie-Eskorte nach Spandau transportirt worden wären.

Die erste Wirkung war die eines lähmenden Schreckens, welcher das Volk in der Hauptstadt urplötzlich ergriffen zu haben schien. Anfänglich blieb Alles ruhig, aber die Straßen im Centrum der Stadt füllten sich von Stunde zu Stunde immer mehr mit den von den Vorstädten hereinströmenden Volksschaaren. Alle Geschäfte, alle Fabriken stellten ihre Thätigkeit ein, und die dort beschäftigten Arbeiter vergrößerten die durch die Straßen wogenden Massen. Aber auf dieser ganzen ungeheueren Menge lastete ein dumpfes Schweigen; nur flüsternd ward die Kunde von dem, was geschehen, von Mund zu Mund getragen; man ahnte, daß Schreckliches folgen werde, aber Niemand hatte den Muth, das Losungswort zu geben. So wurde es Mittag; mit klingendem Spiele kam, wie alltäglich, die Wache zur Ablösung der Posten am Schlosse und den anderen öffentlichen Gebäuden dahergezogen. Die Menge stand unbeweglich wie eine Mauer, und wie das Grollen der See, wenn der erste Windstoß über sie hinfährt, so begann beim Anblick des Militärs ein dumpfes Murren und Brausen in der hunderttausendköpfigen Masse. Erst der Versuch, diese lebendige Mauer mit Gewalt zu durchbrechen, brachte Bewegung in dieselbe. Zwei Minuten später war die Abtheilung Soldaten über den Haufen gerannt, entwaffnet, wer sich zur Wehr setzte, niedergemacht; das erste Blut war geflossen und der Anblick desselben berauschte das Volk. Der Aufruhr hatte begonnen! Aus den Riesengebäuden der Kasernen ergossen sich die bereit gehaltenen Regimenter in die Straßen und vertheilten sich nach dem schon vorher festgestellten Plane, während aus den Nachbarstädten bereits Zug auf Zug, vollgepfropft mit Truppen, zur Hülfe herbeisauste. Fünf Tage und Nächte lang wogte der Straßenkampf von einem Ende der Residenz bis zum anderen. Auch das Volk erhielt Verstärkung; Tausende von Bauern und Fabrikarbeitern zogen von allen Seiten zur Unterstützung herbei, aber das Ringen war, trotz allen Heldenmuthes der Insurgenten, vom Anfang an durch die Ueberlegenheit der Waffen und der Disciplin zu Gunsten der Truppen entschieden. Auch die anderen blutigen Aufstände, welche an zahlreichen Orten des Reiches emporloderten, wurden bald niedergeschlagen; die letzten Schaaren der Freiheitskämpfer flüchteten in die Wälder und Gebirge an der böhmischen Grenze und führten dort noch Monate lang einen erbitterten Guerillakrieg gegen die sie verfolgenden Soldaten und Gensdarmen.

Das Strafgericht, welches folgte, war schrecklich; die überall eingesetzten Kriegsgerichte verfuhren mit draconischer Strenge, und bald lag die Ruhe des Friedhofes über dem aus tausend Wunden blutenden Vaterlande.

Einige Monate später trat der, nach dem neuen Wahlgesetze, dem ein engherziger Census zu Grunde gelegt worden war, gewählte Reichstag zusammen. Natürlich war kein einziger Socialdemokrat mehr in demselben zu erblicken. Was die Waffen begonnen, sollte nun die Gesetzgebung vollenden: die gänzliche Niederwerfung, nein! Ausrottung der Socialdemokratie. Alle „Ordnungsparteien“ halfen bereitwilligst der Regierung bei diesem Werke. Sämmtliche Arbeiterblätter wurden unterdrückt, die Arbeitervereine aufgelöst, jeder politisch Verdächtige festgenommen. In letzterer Beziehung gingen übereifrige Polizeiorgane sogar so weit, daß Herr Eugen Richter, am nämlichen Tage, an welchem der Reichstag den Regierungsantrag einstimmig annahm, Herrn Richter wegen seiner Verdienste um die Vernichtung der Socialdemokratie bei Lebzeiten schon ein Denkmal zu setzen, — daß Herr Eugen Richter am nämlichen Tage bei einem Haare auf den Schub gekommen wäre. Gleichzeitig ging man auch daran, den Arbeitern durch Erschwerung ihrer Existenz den „Brodkorb“, wie man sich ausdrückte, höher zu hängen. Hunger und Elend sollte die gefährliche Masse mürbe machen. Zuerst wurden sämmtliche Gewerbeinspectorate abgeschafft, die Bestände der Krankenkassen, Unfallversicherungs-, Invaliditäts- und Altersversicherungskassen eingezogen und zur Gutmachung jenes Schadens verwendet, den der Aufstand verursacht hatte.

Den Arbeitgebern wurde vollständig freie Hand gelassen in Bezug auf Verwendung weiblicher und jugendlicher Arbeiter, sowie schulpflichtiger Kinder; die Beschränkungen der Arbeitszeit, sowohl bei Tage, wie bei Nacht, wurden aufgehoben — mit einem Worte: Alles, was vor dem großen Aufstande an Schutzmaßregeln zu Gunsten der Arbeiter und aus Furcht vor der Socialdemokratie geschaffen worden war, wurde rückgängig gemacht.

Zu Anfang des Jahres 1901 war das große Werk gethan: Die Socialdemokratie hatte aufgehört zu existiren, der ruhigen Entwicklung der capitalistisch organisirten Gesellschaft stand nichts mehr im Wege, denn auch in allen übrigen civilisirten Staaten hatten sich ähnliche Vorgänge abgespielt. Zum ersten Male seit langen, langen Jahren athmete der friedliche Bürger wieder beruhigt auf. Herr Eugen Richter aber stand auf dem Gipfel einer Popularität, gegen welche selbst die seines einstigen Feindes Bismarck verblaßte.

7. Capitel.
Die weitere Entwicklung der capitalistischen Gesellschaftsordnung. — Arbeiter und Bauern im Jahre 1970. — Die oberen Zehntausend im 20. Jahrhundert. — Krisen und Kartelle. — Die letzte Actiengesellschaft. — Bellamy’s Prophezeiung. — Was Herr Eugen Richter gesäet hat.