Am Abend des 2. Februar 1998 fuhr ich mit dem Blitzzug von Weimar nach Berlin. Ich befand mich in der glückseligsten Stimmung; ich hatte ja die Reise unternommen, um meine Braut heimzuführen aus ihrem Elternhause in das behagliche Nest, das ich ihr in Thüringen bereitet hatte. Dank der Protection meines zukünftigen Schwiegervaters, welcher eine einflußreiche Stellung bei der großen Actiengesellschaft bekleidete, war ich zum Verwalter der Thüringischen Centralmagazine ernannt worden, ein Posten, der ebenso angenehm, als einträglich war. So drückte ich mich also in die Kissen meines Coupésitzes und überließ mich, während der Zug seinem Ziele entgegenbrauste, den angenehmsten Träumen, eine Beschäftigung, der ich mich um so ungestörter hingeben konnte, als ich anfänglich allein in meinem Coupé war. Auf einer Zwischenstation, einem Städtchen, in welchem die Gesellschaft große Teppichfabriken besaß, stieg ein Herr in meine Abtheilung ein, in dem ich alsbald einen ehemaligen Schulcollegen erkannte. Ebenfalls im Dienste der Gesellschaft stehend, war er erst vor wenigen Wochen an diesen Ort versetzt worden. Nachdem wir uns begrüßt und die üblichen Redensarten gewechselt hatten, fiel mir plötzlich ein, daß ich der Ausstattung meiner Wohnung ganz gut noch einen Teppich von bestimmter Specialität beifügen könne, wie ihn die erwähnten Fabriken in vorzüglicher Beschaffenheit anfertigten. Ich frug also meinen Freund nach dem Preise einer mir zusagenden Größe und war nicht wenig erstaunt, als ich zur Antwort erhielt, daß in den Fabriken diese Gattung von Teppichen nicht mehr hergestellt werde.
„Warum denn nicht mehr?“ frug ich, „ist vielleicht keine Nachfrage mehr nach dieser Qualität?“
Mein Freund lächelte düster und erwiderte mit gepreßter Stimme: „Weil wir überhaupt nichts mehr fabriciren. Die Fabriken haben ihren Betrieb vor drei Tagen eingestellt.“
„Eingestellt? Ich war der Meinung, das Geschäft gehe bei Euch vorzüglich. Ihr habt doch, wenn ich nicht irre, an fünftausend Arbeiter beschäftigt?“
„Das ist richtig,“ sprach mein Gegenüber. „Die ganze Einwohnerschaft des Städtchens, mit Ausnahme der wenigen Staatsbeamten, arbeitete für unsere Gesellschaft; wir haben sie aber sämmtlich entlassen müssen, weil sich die Fabrikation schon längst nicht mehr rentirte.“
„Ich verstehe aber nicht! Eure Teppiche hatten einen Weltruf. Sie waren dauerhaft, elegant, preiswürdig —“
„Und doch war der Absatz auf ein Minimum herabgesunken und deckte nicht einmal die Betriebskosten. Wir haben eben in ganz Deutschland nur sehr wenig Leute, die sich den Luxus eines Teppiches gestatten können. Es müssen ja selbst Fabrikationszweige eingeschränkt werden, welche nothwendigen Lebensbedarf produciren. Wenn jeder Arbeiter in Deutschland im Stande wäre, für sich und die Seinen Betten zu kaufen, so könnten wir vierzig Millionen Stück davon fabriciren. Wie viel Arbeit gäbe das für unsere Möbelfabriken, für die Leinenindustrie, für die Fabrikation von Matratzenstoffen; selbst die Landwirthschaft würde profitiren, denn wo nähme man die Tausende von Centnern an Bettfedern her? Ich glaube aber, daß heute Nacht im ganzen Reich kein einziges Mitglied einer Arbeiterfamilie in einem Bette schlafen wird. Die Leute liegen im besten Falle auf einem Haufen Stroh oder Lumpen; die Meisten aber in ihren Arbeitskleidern auf dem nackten Fußboden.“
„Was fangen denn nun diese fünftausend Menschen an, die Ihr entlassen habt?“ frug ich weiter.
Der Andere zuckte mit den Achseln. „Das weiß ich nicht. Ein oder zwei Dutzend werden wohl im Orte bleiben, und die paar Aecker bearbeiten, die ihnen noch verblieben sind. Alles übrige Land, auf Meilen hinaus, gehört der Gesellschaft, die es im Großen bearbeiten läßt und so schon Ueberfluß an Arbeitern hat. Das große Heer der Arbeitslosen wird um einige Bataillone zunehmen, das ist Alles, was man heute sagen kann.“
Die Worte meines Freundes hatten bereits genügt, um meine gute Laune zu verscheuchen. Heiter und sorglos von Natur, hatte ich mir bisher wenig Mühe gegeben, den Wolken, welche sich rings um mich zusammenzogen, eine größere Aufmerksamkeit zu schenken. Trotzdem war es auch mir nicht entgangen, daß die wirthschaftlichen Zustände sehr viel zu wünschen übrig ließen; in dem Stadium hochgradiger Verliebtheit, in dem ich mich jedoch seit mehr als Jahresfrist befand, war ich noch weniger als früher geneigt, mich düsteren Betrachtungen hinzugeben. Die Zukunft lag so verlockend, so rosig vor mir, daß ich stets mit Gewalt alle aufsteigenden Gespenster verscheuchte; ich wollte mir mein Glück um so weniger trüben lassen, als ich ja an den allgemeinen Zuständen nichts ändern und bessern konnte. Heute aber vermochte ich der finsteren Mächte nicht Herr zu werden. Die Worte, die ich soeben vernommen, hatten einen Abgrund vor mir geöffnet und erst, als ich am Bahnhofe in Berlin anlangend, von meiner Braut und deren Eltern empfangen wurde, als sich Elly mit glückseligem Lächeln an meinen Arm hängte, verscheuchte ihr fröhliches Geplauder die düsteren Bilder, von denen mein Inneres erfüllt war.