Eine Viertelstunde später bog der Wagen, in dem wir saßen, in die taghell beleuchtete Einfahrt eines jener palastähnlichen Gebäude ein, in denen die höheren Beamten unserer Gesellschaft, zu denen auch mein Schwiegervater zählte, ihre Dienstwohnungen hatten. In diesem Moment prallten die Pferde zurück, wir erhielten einen starken Stoß, der Wagen neigte sich zur Seite. Die Frauen schrieen angstvoll auf, mein Schwiegervater öffnete den Schlag und sprang hinaus; ich folgte ihm und sah den Wagen umringt von einer Schaar Menschen, deren Gesichter ich nie vergessen werde. Ein unbeschreibbarer Haß lag in diesen funkelnden Blicken.
Ich fand jedoch keine Zeit, weitere Betrachtungen anzustellen. Schutzleute waren zur Hand, welche die Menge aus der Einfahrt auf die Straße drängten und das Gitter schlossen. Nun standen sie draußen, unverwandten Blickes durch die Lücken der Eisenstäbe hereinstierend, mit entsetzlichen, abgezehrten Gesichtern und wirren Haaren.
Gleichzeitig sah ich, wie man eine leblose Gestalt, den Körper eines Weibes, unter dem Wagen hervorzog. Als man die Unglückliche forttragen wollte, fiel mein Blick auf ihr wachsbleiches Gesicht. Es schien nur aus Haut und Knochen zu bestehen und glich dem Schädel einer Mumie. Ich wandte mich an einen der Schutzleute: „Der Wagen hat sie getödtet?“ rief ich. „Nein, sie war schon vorher todt,“ sprach der Mann gleichgültig, „sie ist verhungert!“
3. Februar. Die ganze Nacht hatte mich die Schreckensgestalt des gestrigen Abends im Traume verfolgt. Müde und abgespannt erhob ich mich. Wie ein zum Himmel schreiendes Verbrechen erschien mir der Luxus, der mich umgab. Beim Frühstück nach dem Grunde meiner Schweigsamkeit befragt, sagte ich offenherzig, wie tief mich die Begebenheit von gestern erschüttert habe. Mein Schwiegervater zuckte die Achseln: „Das ist uns leider nichts Neues mehr,“ erwiderte er. „Das Elend wird immer größer, und kein Mensch weiß, wo das hinaus will. Das Schlimmste steht uns noch bevor. Vor Kurzem hat einer unserer Ingenieure eine neue Erfindung gemacht, welche wieder ungezählte Tausende um ihr Brod bringt. Man hat jetzt in der Textilindustrie überhaupt keine Arbeiter mehr nöthig. Ein Kind von zehn Jahren genügt für jede Fabrik und es hat nichts weiter zu thun, als bald hier, bald dort auf einen Knopf zu drücken. Das Uebrige besorgen die Maschinen.“ „Und die Arbeiter?“ frug ich. Er schwieg und zuckte noch einmal mit den Achseln.
Nach einer Weile peinlichen Schweigens frug er mich, ob ich geneigt sei, ihn auf einem Spaziergange zu begleiten. Er hätte mir kein willkommeneres Anerbieten machen können. Eine Fluth schrecklicher Gedanken drohte wieder über mich herzufallen; die Gestalten meines nächtlichen Traumes wurden wieder lebendig, und mir war, als müsse ich in diesen Räumen ersticken. Elly hatte mich besorgten Blickes gemustert. Im ersten unbelauschten Moment umschlangen mich ihre Arme: „Oh Lieber, laß uns bald diese Stadt verlassen. Es gehen hier schreckliche Dinge vor, und kaum wage ich mehr, den Fuß auf die Straße zu setzen, wo mich überall das gräßlichste Elend angrinst.“ Sie brach in Thränen aus, und ich mußte alle Beredsamkeit aufbieten, um sie zu beruhigen. Mir war es aber, als sei seit gestern ein kalter Reif auf mein junges Glück gefallen.
Die seltsame Stimmung, in der ich mich befand, mochte Ursache sein, daß mir Dinge, welche mir längst bekannt waren, heute in einem ganz eigenthümlichen Lichte erschienen. In früheren Jahren hatte sich, wie ich oft erzählen hörte, in den Straßen, die wir durchwanderten, ein Schauladen am andern befunden, von denen Jeder seinen besonderen Inhaber hatte. Jeder trieb sein Geschäft für sich auf eigene Faust und hatte keine weitere Sorge, als seinen Concurrenten zu Grunde zu richten. Das hatte sich schon längst geändert. Die kleinen Geschäfte waren seit Jahrzehnten verschwunden. An ihrer Stelle nahmen Riesen-Bazars die unteren Stockwerke der Häuser ein, Colossalgeschäfte, welche sämmtlich von unserer Actiengesellschaft betrieben wurden und in denen man Alles erhalten konnte, was man zu haben wünschte, von der Stecknadel angefangen bis zum Concertflügel. Vor diesen großartigen Betrieben, welche mit weit geringeren Spesen und größerem Nutzen arbeiteten, hatten die kleinen Geschäftsleute die Segel streichen müssen; was früher Vielen gehört hatte, befand sich jetzt im Besitz einiger Weniger und zahllose zerstörte Existenzen bezeichneten den Weg dieser „friedlich“ verlaufenen Umwälzung. Das Praktische der Einrichtung ließ sich ja nicht leugnen, aber warum, frug ich mich, warum muß der Profit dieser Riesengeschäfte nur Einigen zufallen, die ohnedies schon mehr als genug besitzen, warum darf nicht das ganze Volk, jene ungeheure Schaar Armer und Elender Theil haben am Geschäft? Mir fiel ein, was ich von der längst verschollenen Socialdemokratie gehört hatte. Wenn jetzt das ganze Volk, erfüllt von ein und demselben Gedanken im Stande wäre, an Stelle dieser Wenigen zu treten und die Leitung der Production und des Waarenvertriebes selbst in die Hand zu nehmen? Wahnsinnige Idee! Menschenalter müßten vergehen, ehe diese zu Boden getretene, verthierte Masse wieder so weit emporgehoben werden könnte, um an eine solche Riesenaufgabe heranzutreten.
Wir besorgten einige Einkäufe und traten den Heimweg an. Eine Abtheilung Soldaten, Trommler und Pfeifer an der Spitze, marschirte an uns vorüber. Ehemals hatte ich ein solches Schauspiel mit gleichgültigen Blicken gemustert; heute betrachtete ich Alles mit anderen Augen und so entging mir der finstere Ernst nicht, welcher auf den Zügen der übrigens gut genährten und strammen Männer lag.
„Diese wenigstens scheinen keine Noth zu leiden“, sagte ich zu meinem Begleiter.
„Nein, man thut alles Mögliche, um sie bei Kraft und guter Laune zu erhalten,“ erwiderte er, „aber es werden ihrer von Jahr zu Jahr weniger; die Regimenter schmelzen zusammen, wie Schnee an der Sonne; die Zahl der Tauglichen nimmt geradezu reißend ab.“
„Das begreife ich; ein Volk, das vor Hunger stirbt, ist nicht mehr im Stande, Waffen zu tragen.“ Ich sagte das mit einer Bitterkeit, die mir sonst fremd war.