Im Uebrigen gab es nichts Absonderliches in der Physiognomie des Straßenlebens. Eine elegant gekleidete Menge, Damen und Herren, füllte die Gehsteige und strömte bei den Flügelthüren der Bazare aus und ein. Equipagen, Omnibusse, Tramway-Waggons kreuzten sich in unaufhörlicher Folge auf dem Asphalte der Fahrbahn. Nicht das geringste Anzeichen deutete die schreckliche Catastrophe an, die wir einige Tage später erleben sollten.

Ich verbrachte den Rest des Tages in etwas besserer Stimmung, in Gesellschaft Elly’s. Wir plauderten von unserer Zukunft, bauten entzückende Luftschlösser und ließen es an den kleinen verstohlenen Zärtlichkeiten nicht fehlen, wie sie unter Verliebten Brauch sind. Gegen Abend erinnerte ich mich, daß ich versprochen hatte, einen Bekannten aufzusuchen, der nur wenige Minuten entfernt seine Wohnung hatte. Ich bat deshalb meine Braut um ein Stündchen Urlaub und war nicht wenig erstaunt, als Elly bei meinen Worten die Farbe wechselte und mich flehentlich bat, bei ihr zu bleiben. „Benutze wenigstens Vaters Wagen, wenn Du den Besuch nicht bis morgen Vormittag aufschieben kannst,“ bat sie. „Aber weshalb denn, Elly, es sind ja kaum mehr als zehn Minuten Wegs; da verlohnt es sich doch wahrlich nicht, erst einspannen zu lassen“, entgegnete ich. „Oh, doch, doch,“ rief sie aufgeregt, „geh’ nicht auf die Straße um diese Zeit, wenn Du mich lieb hast. Es geschehen oft schreckliche Dinge da draußen.“

Ihre Angst schien mir kindisch und zudem weckten ihre Aeußerungen die Neugierde in mir; ich wollte einen Blick in dieses Straßenleben werfen, das ihr solchen Schrecken einflößte.

Einige Minuten später eilte ich durch die taghell erleuchteten Straßen der mir wohlbekannten Wohnung meines Freundes zu. Auf den ersten Blick war mir indessen aufgefallen, daß das Publikum sich jetzt aus ganz anderen Elementen zusammensetzte, als in den Vormittagsstunden. Die Zahl der Schutzleute hatte beträchtlich zugenommen und hie und da traf mein Auge auf eine jener unheimlichen Gestalten, welche ich am Vorabende bemerkt hatte. Die Frauenwelt, das konnte mir nicht entgehen, war fast ausschließlich aus jenen, nicht mehr zweideutigen Elementen zusammengesetzt, die eine Eigenthümlichkeit moderner Großstädte bilden. Das Alles fand ich indessen nicht allzu verwunderlich, hatte mir’s auch kaum anders vorgestellt und lächelnd über Elly’s Angst, deren Beweggrund mir schlecht verhüllte Eifersucht schien, setzte ich meinen Weg fort. Ich traf den Gesuchten zu Haus und verplauderte ein halbes Stündchen mit ihm. Seltsam schien mir jedoch, daß mein Freund, sonst die Höflichkeit selbst, in förmlich unartiger Weise meinen Besuch abzukürzen trachtete und mir mehr als einmal zu verstehen gab, es wäre besser, wenn ich meine Braut nicht länger allein lasse. Etwas ärgerlich ging ich endlich.

Die Straßen, welche ich passirte, waren auffallend menschenleer; nur hie und da huschte ein Schatten an den Häusern entlang. Eine matt beleuchtete Seitengasse passirend, sah ich plötzlich zwei Gestalten, in weite Mäntel gehüllt, vor mir auftauchen. Ich erkannte beim Schein der Laterne eine ältere Frau mit abgezehrtem, geisterbleichem Antlitz und ein junges, kaum dem Kindesalter entwachsenes Mädchen, das seine großen Augen nur einmal scheu zu mir emporhob, um sie sogleich wieder zu senken.

„Erst siebzehn Jahre, Herr,“ flüsterte die Alte. „Wollt Ihr sie haben? Für ein Stück Brot gebe ich sie Euch! Seht nur her, wie hübsch sie ist!“

Das Weib schlug den Mantel zurück, der die Gestalt des Kindes verhüllte; ein blühender, nackter Mädchenleib drängte sich mir entgegen, schmiegte sich an mich, und eine Stimme, die ich nie vergessen werde, flehte:

„Ein kleines Stück Brot nur; ich habe so Hunger, Herr!“

Zitternd, betäubt, eine Welt voll Schmerz und Scham in mir, trat ich zurück und legte alles, was ich an Baarschaft bei mir trug, in die kleinen zitternden Hände, dann, — ich schäme mich nicht, es einzugestehen — ergriff ich die Flucht.

Nach wenigen Schritten aber sah ich mich von Neuem angehalten. Ein Weib kniete vor mir mit flehend erhobenen Händen und wieder gellte die furchtbare Klage in mein Ohr: „Ich sterbe vor Hunger, Herr!“ Verzweiflungsvoll wühlte ich in meinen Taschen, es war nichts mehr darin. Da drängte es sich von rechts und links an mich heran, weiche Arme legten sich um meinen Hals und aufgelöstes Frauenhaar streifte mein Gesicht. Ich fühlte meine Hände festgehalten; als ich sie losmachen und die Gestalten, die mich umgaben, zurückdrängen wollte, da sah ich hier und dort eine Hülle zu Boden gleiten und meine Finger berührten die weichen Formen der entblößten Frauenleiber. Meiner Sinne kaum mehr mächtig, riß ich mich los und stürmte davon.