Einige Minuten später erreichte ich die Straße, in der Elly’s Haus lag. Hier hatte sich die Scenerie indessen sehr verändert. Das elegante Publikum war gänzlich verschwunden; die ganze Straße, Kopf an Kopf, mit verwilderten Erscheinungen, Männern und Weibern erfüllt, die Schaufenster der Bazare sämmtlich geschlossen. Noch tief erschüttert von dem eben Erlebten, fühlte ich, wie es mir heiß zu den Augen hinanschoß, als ich diese hohlwangigen, bleichen Gesichter mit all ihrem stummen Elend sah. Vor jedem Hause waren Infanterie-Pickets postirt; Schutzmänner zu Fuß und zu Pferd patrouillirten beständig Straße auf, Straße ab, aber ich hatte das Gefühl, als wenn die unzählbare Masse der Armen und Elenden nur eines Wortes, eines Signals bedürfe, um sich auf diese Wächter der Ordnung zu stürzen und sie mit ihrer Wucht zu erdrücken. So gut es gehen wollte, drängte ich mich durch. Schweißtriefend, ohne Hut, mit beschmutzten und zerrissenen Kleidern, bleich vor Entsetzen und Aufregung, langte ich endlich bei Elly wieder an.

5. Februar. Am folgenden Tage fühlte ich mich durch die Erlebnisse, die ich soeben geschildert, so angegriffen, daß ich mich nicht entschließen konnte, das Haus zu verlassen. Ich blieb also den ganzen Tag bei Elly, die sich große Mühe gab, die unangenehmen Eindrücke zu verwischen, welche mir der verflossene Abend hinterlassen hatte.

Heute früh, als ich leidlich beruhigt, zum Frühstück kam, fand ich Elly in Thränen schwimmend, einen offenen Brief in der Hand, den sie mir bei meinem Eintritt sogleich entgegenstreckte. Der Brief enthielt die herzzerreißende Schilderung der Lage, in welcher eine ehemalige Bonne Elly’s sich befand. Es war das alte Lied: der Mann seit Monaten arbeitslos, die Frau krank, von Allem entblößt, mit ihrem kleinen Kinde dem Hungertode nahe.

Elly wollte selbst sofort einspannen lassen, um der unglücklichen Familie Hilfe zu bringen. Aber ihr Vater legte ein energisches Veto ein.

„Wir werden das selbst besorgen“, sagte er zu mir gewendet, „in jene Quartiere darf Deine Braut keinen Fuß setzen. Elly soll Kleider und Lebensmittel in einen Korb packen; ich lasse inzwischen einspannen. Du aber gehst mit dieser Karte zur nächsten Polizeiwache und bittest um ausreichende Bedeckung.“

„Um Bedeckung — —?“ frug ich erstaunt.

„Selbstverständlich“, erwiderte er etwas ungeduldig, „in jenen Stadttheil begiebt man sich nur unter Polizeischutz.“

Eine halbe Stunde später setzte sich unsere Expedition in Bewegung. Im Wagen uns gegenüber hatten zwei Wachleute, auf dem Bocke neben dem Kutscher ein bis an die Zähne bewaffneter Dritter Platz genommen. Zwei andere Polizisten trabten hoch zu Roß auf beiden Seiten des Wagens. Wir selbst waren mit scharfgeladenen Revolvern versehen. So ausgerüstet verließen wir das elegante Stadtviertel und drangen in eine Gegend vor, welche den grellsten Contrast zu ersterem bildete. Vorher hatten wir die doppelte Postenkette eines Infanterie-Regimentes zu passiren, welche den Zugang zu diesem Quartiere absperrte. Je weiter wir fuhren, desto unheimlicher wurde unsere Umgebung. In den von hohen rußgeschwärzten Häusern eingefaßten Straßen schien eine ewige Dämmerung zu herrschen. Unbeschreibbare Dünste erfüllten die dicke nebelfeuchte Luft; überall, wohin auch das Auge traf, grinsten ihm die unzweideutigen Spuren tiefsten Elends und entsetzlicher Verkommenheit entgegen. Die Gassen waren fast menschenleer, nur hier und da zeigte sich an den mit Papier verklebten Scheiben ein bleiches Gesicht, das uns apathisch aus tief liegenden Augen anstarrte. In einem der elendesten Seitengäßchen hielten wir. Ziemlich lange dauerte es, bis wir uns durch eine Flucht von schmutzigen, dunklen Höfen, Gängen und Stiegen durchgefunden hatten an den Ort unserer Bestimmung. Was wir da fanden — kaum vermag ich es zu schildern. Der Brief, den Elly erhalten, mochte wohl zu lange unterwegs gewesen sein, denn unsere Hülfe kam zu spät. Am Fensterkreuz des vollständig kahlen, eisig kalten Gemachs hing die zu einem Skelett abgemagerte leblose Gestalt eines, nur mit einigen Lumpen bekleideten Mannes. Der Unglückliche hatte schon vor mehreren Tagen seinem Leben ein Ende gemacht; der Körper war bereits in Fäulniß übergegangen. Niemand hatte sich die Mühe genommen, ihn abzuschneiden, und für seine Bestattung zu sorgen. Das war aber noch nicht das Gräßlichste! In einem Winkel kauerte ein Weib und nagte an einem Knochen. Sie hatte uns zuerst völlig theilnahmslos betrachtet; als ich mich jedoch ihr näherte, schrie sie auf und breitete die Hände über ein irdenes Gefäß, das neben ihr stand. Aus ihren Augen blitzte der Wahnsinn. „Geht hinaus! Ihr weckt mir mein Kind auf!“ kreischte sie. Dann lachte sie wieder: „Wollt ihr’s anschauen, wie süß es schläft?“ Sie zog einen schmutzigen Lappen von dem Gefäß. Entsetzlich! Da lagen blutige, halbabgenagte Fleischreste! Die Wahnsinnige zog ein Stück davon heraus und schlug gierig die Zähne hinein: „Mich hungert!“ Das war das Letzte, was ich hörte, die Sinne schwanden mir! Als ich wieder zur Besinnung kam, saß ich im Wagen, der im tollen Lauf über das Pflaster flog. Ein furchtbares Geheul umtobte ihn, Schüsse krachten, ein Steinhagel prasselte gegen Fenster und Verdeck der Kutsche, mein Schwiegervater saß an meiner Seite, todtenbleich, den Revolver in der Hand; mir gegenüber, von den Schutzleuten gehalten, die Wahnsinnige, mit lächelndem Gesicht und glanzlosen Augen, auf ihren Kleidern noch die Blutreste der entsetzlichen Mahlzeit. So erreichten wir die Postenkette des Militärs, das unser Fuhrwerk sofort in die Mitte nahm. Aus der Ferne nur, wie eine tosende Brandung, schlug dumpfes Schreien und Heulen an mein Ohr.

9. Capitel.
Jagdausflug. — Die allerjüngste Dichterschule. — Rittergut Groß-Wackernitz. — Pferdeloos und Menschenschicksal. — Ein feines Souper mit Zubehör.