„Jetzt ist noch nichts darin, lieber Freund, aber später, später —“ er schnalzte mit den Lippen und lachte laut auf, als er meinen fragenden Blicken begegnete. Der Aufenthalt in dem wollüstigen, mit eigenthümlichem Parfüm erfüllten Gemache behagte mir nicht sonderlich. Ich nahm ein Glas des schweren, von tadellos befrackten Dienern credenzten Weines, einige Bissen des in großen Cristallschalen vor uns stehenden Gebäcks und trachtete, Kopfweh vorschützend, ins Freie zu gelangen. Fast gierig sog ich, über die Stufen der Freitreppe hinabsteigend, die belebende Luft des Wintertages ein. Leichte Schatten der Dämmerung begannen sich schon über die schneebedeckten Bäume des herrschaftlichen Parkes zu legen. Ziellos schritt ich dahin und gelangte nach einigen Minuten vor ein großes, abseits stehendes Gebäude, dem eine von korinthischen Säulen eingefaßte Vorhalle fast den Charakter eines Tempels verlieh.
Neugierig trat ich durch die weitgeöffnete Pforte und sah mich zu meinem Erstaunen im Innern eines — Pferdestalles. Das trübe Licht des Winternachmittags fiel von oben durch große, matt geschliffene Glasscheiben ein, aber einige Augenblicke nach meinem Eintritte schlossen sich plötzlich diese Oeffnungen durch Jalousien, welche geräuschlos, von unsichtbaren Kräften bewegt, sich darüber hinschoben und statt des fahlen Dämmerlichtes flammten hundert Glühlichter an Decke und Wänden auf. An fünfzig edle Thiere, lauter Exemplare reinster Rassen, erblickte ich in den, aus Marmor und dunkelgebeiztem Eichenholz zusammengefügten Ständen, die, jeder ein Meisterwerk der Kleinarchitektur, sich zu beiden Seiten des breiten, mit bunten Mosaikplatten belegten Ganges hinzogen. Kein Stäubchen Unrath beleidigte das Auge bei der Wanderung durch diesen, von behaglicher Wärme erfüllten Pferdepalast und eine vorzüglich functionirende Ventilation sorgte für Entfernung des sonst so penetranten Stallgeruches.
Ein Heer von Bediensteten war unausgesetzt um die schlanken, prachtvoll gebauten Thiere beschäftigt; hier ergoß sich, auf den Druck an einem electrischen Taster, eine Fülle goldgelben Hafers in die Marmorkrippen, dort bemühten sich zahlreiche Hände um die Reinhaltung der Stände und Gänge, und an anderen Orten frottirten Diener mit in Rothwein getauchten Tüchern Schenkel und Hufe ihrer edlen Pfleglinge.
Nachdem ich mir Alles genugsam betrachtet hatte, setzte ich meinen Spaziergang durch den Park fort und gelangte mit zunehmender Dämmerung, aus einem Gitterthor tretend, auf einen breiten, tief ausgefahrenen Feldweg, an dessen Saume rechts und links sich eine Anzahl niederer Gebäude erhob, die weit eher, als das soeben geschilderte, auf den Namen eines Stalles Anspruch machen durften.
Unter den fast bis zur Erde reichenden Strohdächern waren hie und da kleine Fenster, kaum größer als ein Quadratschuh, angebracht. Aus einem derselben leuchtete ein matter Lichtschein und mir war, als ob ein leises Wimmern an mein Ohr dränge. Ich trat näher heran und bemühte mich, durch das Fenster das Innere zu erspähen. Es war aber vergeblich, die winzigen Scheiben waren mit einer dicken Eiskruste überzogen, welche jeden Einblick verwehrte. So entschloß ich mich denn, den abgerissenen kläglichen Lauten, welche sich jetzt deutlich vernehmen ließen, nachzugehen und gelangte, wenige Stufen abwärts schreitend, durch eine niedrige Thür in einen finsteren Vorflur, in welchem ein feuchter, modriger Duft mir entgegenquoll. Aus einer Ritze schimmerte Licht und im nächsten Augenblicke stand ich in dem Gemache, aus dem sich jene stöhnenden Laute hatten vernehmen lassen. Es war von einer eisigkalten übelriechenden Luft erfüllt. Die ganze Einrichtung bestand in einem Haufen Stroh und Lumpen, der in einem Winkel des von Schmutz starrenden Estrichs lag. Auf diesem Lager krümmte sich in Fieberschauern eine menschliche Gestalt, ein alter Mann mit wirrem Haar und Bart. Vor ihm, beim Scheine einer Stalllaterne, kniete ein vielleicht siebenjähriges Mädchen, nur mit einem zerlumpten Hemd und kurzem Röckchen bekleidet, zitternd vor Frost, mit blauen, aufgedunsenen Lippen und Wangen. Das Kind fuhr bei meinem Eintritt empor und streckte mir flehend die furchtbar abgemagerten Aermchen entgegen: „Großvater stirbt!“ schluchzte sie, „oh, wie ich mich fürchte!“
„Bist Du denn ganz allein?“ frug ich. „Ist denn gar Niemand in der Nähe, der helfen könnte?“ Sie schüttelte den Kopf.
„Sie sind alle bei der Arbeit, weit fort von hier, stundenweit. Sie kommen erst spät in der Nacht heim, und in aller Frühe gehen sie wieder!“
„Und Du bleibst allein bei dem Kranken?“
„Ganz allein.“
Sie sagte das mit einer solchen Trostlosigkeit in Ton und Geberde, daß es mir tief ins Herz schnitt.