Der Abend war bereits hereingebrochen, als es mir endlich gelang, Elly in ein Coupé zu schieben, in dem sich schon zwölf Menschen befanden. Ich selbst blieb auf dem Trittbrett stehen. So fuhren wir in die Nacht hinaus. In meinen Träumen hatte ich mir meine Hochzeitsreise anders vorgestellt. Stunde auf Stunde verrann; meine Finger, welche sich an den metallnen Handgriff klammerten, drohten, erstarrt von der eisigen Zugluft, zu erlahmen. So schnell wir aber auch dahinfuhren, die Revolution schien mit uns gleichen Schritt zu halten. Mehr als einmal sahen wir weit draußen in der endlosen Ebene die Feuersäulen brennender Fabriksgebäude aufflammen.
Jeden Augenblick fürchtete ich, daß unsere Reise ein gewaltsames Ende finden werde. Eine Zerstörung der Bahnlinie durch ein Streifcorps der Aufständischen lag ja im Bereiche der Möglichkeit. Wir erreichten indessen unangefochten Wittenberg, wo eine größere Zahl Flüchtlinge den Zug verließ; es wurde mir dadurch ermöglicht, meinen sehr unangenehmen Standpunkt mit einem Sitz an Elly’s Seite vertauschen zu können, woselbst ich verblieb, bis wir in den ersten Morgenstunden Weimar erreichten. Hier herrschte noch volle Ruhe und nichts Außergewöhnliches schien sich ereignet zu haben. Wir konnten ungehindert unsere Wohnung aufsuchen und zum ersten Male aufathmen nach der Todesangst der letzten schrecklichen Stunden. Elly jammerte um die Eltern und machte sich selbst die bittersten Vorwürfe, Berlin ohne die Ihrigen verlassen zu haben. Nur schwer gelang es mir, meine junge Frau zu beruhigen, glaubte ich doch selbst nicht an die Trostesworte, von denen mir jedes wie eine Lüge vorkam. Die Nachrichten des nächsten Tages bestätigten meine schlimmsten Erwartungen. Die große Volkserzieherin, die Socialdemokratie, hatte man vor hundert Jahren zertreten und zermalmt, aber die wirthschaftliche Entwicklung war nicht in andere Bahnen gelenkt worden.
Ruhig, mit unfehlbarer Sicherheit, hatte sich das Ende vorbereitet.
Die kurzsichtige Menschheit war selbst schuld daran, daß es nicht zugleich der Anfang einer neuen, vernunftgemäßen Weltordnung werden konnte. In unbegreiflicher Verblendung hatte man die kraftvollen Triebe einer sich mächtig emporringenden Neugestaltung vernichtet. Das einzige Mittel, die altersschwache Gesellschaft neu zu verjüngen, existirte nicht mehr. Die Gesellschaft hatte den Ast, auf dem sie saß, selbst abgesägt. So konnte es also nicht anders kommen, als es thatsächlich gekommen ist. Eine gebildete, politisch und wirthschaftlich reife Arbeiterschaft hatte man nicht gewollt; nun mußte man fertig zu werden suchen mit dem, was die Gesellschaft selbst aus den Arbeitern gemacht hatte: eine ungeheure Masse gänzlich verwilderter, physisch und geistig auf tiefster Stufe stehender Menschen, die, zur Herrschaft gelangt, nichts Neues zu schaffen, sondern nur noch zu zerstören wußten. Und diese Zerstörung besorgten sie gründlich! Berlin war in Flammen aufgegangen, in einen Trümmerhaufen verwandelt worden. Von dort aus pflanzte sich der Aufstand über das ganze Reich, über alle capitalistisch organisirten Staaten fort. Zwei Tage nach unserer Ankunft in Weimar befanden wir uns wieder auf der Flucht. Die Flammen brennender und ausgeplünderter Städte beleuchteten unseren Weg, wenn wir zur Nachtzeit auf Seitenpfaden durch die Berge wanderten. Ueberall, wohin wir auch kamen, wo wir auch zu rasten versuchten, fanden wir dasselbe. Von jedem Orte verjagte uns wieder die immer weiter um sich greifende Bewegung. Unbeschreibbar sind die Schreckensscenen, die wir erlebten und wie ein Wunder erscheint es mir, daß wir all’ diesen Gefahren entrannen.
Der stolze Bau des deutschen Reiches sank vor unseren Augen in Trümmer und nach langen Irrfahrten fanden wir endlich an den Ufern dieses Sees, wo es nichts mehr zu zerstören gab, eine Zufluchtsstätte. Möchte eine nachfolgende Generation, wenn ihr diese Aufzeichnungen zu Gesichte kommen, die furchtbare Lehre beherzigen, welche sie verkünden und möchte einst diesem, durch die Unvernunft der Menschen zu Grunde gerichteten Erdtheil eine neue, schönere Zukunft erblühen.“
Erschüttert, lautlos saßen die Drei da, als Waltraut geendet hatte. Vor Kurt’s geistigem Auge zog das Schreckensbild einer zusammenbrechenden Culturepoche vorüber — dann aber sprang er auf:
„Die schönere Zukunft ist nahe, weit näher, als ihr glaubt!“ rief er lebhaft. „Die socialen Ideen sind nicht untergegangen; hier in Europa haben die Sünden des Capitalismus sie wohl mit allem Uebrigen vernichtet, aber in Afrika drüben leben sie noch und haben die herrlichsten Früchte gezeitigt. Wir wissen dort nichts von Reichthum und Armuth, nichts von Standesunterschieden; bei uns genießt Jeder, was seine Arbeit schafft, und Niemand kann ihm die Früchte seines Fleißes durch Gewalt oder List entwinden. Von Afrika wird neues Licht über diesen dunklen Erdtheil ausströmen und ihn der Cultur wiederum zurückgeben!“
Er hatte mit Feuer gesprochen und unwillkürlich das Buch, welches so werthvolle Aufschlüsse enthielt, zu sich herangezogen. Da fielen seine Blicke auf jene Stelle, wo Waltraut’s Urahn mit fester Hand seinen Namenszug unter die Schrift gesetzt hatte, und wie electrisirt fuhr er auf.
„Dieser Name, Waltraut, der hier steht, ist ja auch der meine. Oh, jetzt gehen mir erst die Augen auf. Auch die Stadt, in der dieser Mann lebte, ist ja die nämliche, wo sich meine Vorfahren aufhielten. Kannst Du’s glauben, Waltraut, wir sind von gleichem Stamme?“ Und mit komischer Würde sich verneigend, sprach er: „Waltraut, ich habe die Ehre, mich Dir als Vetter aus Afrika vorzustellen.“ Waltraut lachte herzlich und duldete ohne Widerrede, daß der neugefundene Verwandte ihr galant die Hand küßte. Auch der alte Günther lächelte vergnügt ob der unerwarteten Entdeckung. Der ernste Eindruck, den die Aufzeichnungen des Urahn hinterlassen hatten, wich einer behaglicheren Stimmung und noch lange saßen die Drei plaudernd zusammen, sich des seltsamen Zufalls freuend, der sie auf so wunderbare Weise zusammengeführt hatte.
Seit jenem Abend war wieder eine geraume Zeit in’s Land gezogen. Der Frühlingswind hatte schon längst die Eisdecke des Sees gesprengt und die uralten Buchen am Seestrande bedeckten sich mit zartem Grün. Auch in den Herzen der beiden jungen Leute war der Frühling eingezogen, und als die ersten Schwalben die Hütte zwitschernd umkreisten, legte Vater Günther die Hände der Liebenden zum ewigen Bunde in einander. Eines Abends, als Kurt mit seinem jungen Weibe im Nachen über den See fuhr, gewahrte er auf einer Waldblöße ein seltsames Schauspiel.