In der Masse, die nach Tausenden zählte, blitzte hie und da eine Pickelhaube, ein Bayonnet auf. Einzelne Soldaten marschirten inmitten der Aufständischen; schließlich kam, umringt von der tosenden Menge, ein ganzes Bataillon, Trommler und Pfeifer an der Spitze, daher marschirt.

Als ich aufsah, blickte ich in das Antlitz meines Schwiegervaters. Es war todtenbleich.

„Es sind die Arbeiter von Spandau und Charlottenburg,“ sagte er mit tonloser Stimme, „die Garnison geht mit ihnen.“

Wir nahmen Abschied von den Eltern und ahnten nicht, daß es ein Abschied für immer war. Ich habe die Beiden nie wiedergesehen und nie erfahren, was ihr Schicksal gewesen. Auf einer Hintertreppe, durch den Hofraum, gelangten wir an einen Seitenausgang des großen Gebäudes, der in einer stillen Sackgasse gelegen. Hier erwartete uns der Wagen, der uns zum Bahnhof führte. Von dem zahlreichen Dienstpersonal ließ sich Niemand blicken; wir trugen unser Gepäck selbst zum Wagen hinab. Ich war fast erstaunt, als ich sah, daß der Kutscher noch wie sonst seinen Dienst versah, und wie sonst, den Hut in der Hand, uns den Schlag öffnete. Durch menschenleere Straßen, wo alle Schaufenster geschlossen waren, fuhren wir zum Bahnhof. Es war alles still und düster, wie auf einem Friedhofe. Elly lehnte an meiner Schulter und weinte still für sich hin. Mein Gott, wie ganz anders hatte ich mir diesen Tag vorgestellt!

Am Bahnhof fanden wir ein Treiben, für das mir die Worte fehlen.

Die riesige Halle war in allen ihren Theilen mit Flüchtenden vollgestopft. Ein wahnsinniger Tumult herrschte; es war, als sei man mit einem Male in ein Tollhaus gerathen. In Intervallen von zehn Minuten verließ Zug auf Zug die Halle.

Sobald eine neue Wagenreihe bereit stand, stürzte sich die Menge darauf; im Nu waren die Coupé’s gefüllt, die Dächer erklettert; auf den Trittbrettern stand, wer sonst keinen Platz fand; um jeden Fuß breit wurde mit wahnsinnigem Ingrimm gekämpft, Weiber und Kinder zu Boden getreten, oder unter die Räder geschleudert. Wenn der Zug die Halle verlassen hatte, lagen da und dort zuckende Leichname auf den Schienen, und der Todesschrei der Verstümmelten, um die sich kein Mensch mehr kümmerte, gellte in das allgemeine Toben.

Wir standen in einen Winkel gepreßt, uns fest umschlungen haltend. Ich dachte an den Tod.

Von Zeit zu Zeit drang irgend eine neue Schreckenskunde in die verzweifelnde Menge und fachte die Todesangst immer von Neuem wieder an. Nur einiges vermochte ich aus abgerissenen Worten zusammenzufassen. Offenbar machte der Aufstand rapide Fortschritte; ein großer Theil der Truppen war offen zu den Insurgenten übergegangen; der Rest kämpfte matt, widerwillig, ganze Regimenter weigerten sich zu schießen, und sahen, Gewehr bei Fuß, gleichgültig der allgemeinen Zerstörung zu.

Als eines der ersten Opfer des Aufstandes war der „Herr“ gefallen. Im Moment, als sein Schiff die Anker lichten wollte, zeigte es sich, daß an der Maschine etwas in Unordnung gerathen sei. Noch ehe der Schaden gut gemacht werden konnte, stürmten schon die ersten Arbeiterschaaren aus den geschlossenen Fabriken daher und stürzten sich wie Hyänen auf ihre Beute. Ein wüthender Kampf entspann sich, in welchem der „Herr“ und die ganze Mannschaft seines Schiffes ihren Untergang fand.