In diesem Augenblick, das wußte ich, flog auf dem Telegraphendraht der gleiche verhängnißvolle Befehl durch das ganze Reich von Stadt zu Stadt, von Fabrik zu Fabrik und Millionen arbeitsgewohnter Hände begannen in diesem Augenblick für immer zu feiern. Wie lange konnte es dauern und diese Hände griffen zur Mordwaffe, zum Feuerbrand?
Mit Windeseile trug mich der Zug durch die Winterlandschaft der Hauptstadt zu. Meine Mitpassagiere plauderten ahnungslos mit einander, nur ich saß, mit einem Herzen, das sich angstvoll zusammenkrampfte, in meiner Ecke und wagte kaum, den Anderen in’s Gesicht zu sehen.
Ohne Zwischenfall kamen wir bis in die Nähe der Hauptstadt. Auf freiem Felde hielt plötzlich der Zug. Es entstand ein hastiges, angstvolles Hin- und Herlaufen, die Passagiere begannen unruhig zu werden. Einzelne öffneten die Waggonthüren und stiegen hinab, um die Ursache des unerwarteten Aufenthalts zu erfragen. Unbestimmte Gerüchte wurden laut. Arbeiterunruhen seien wieder einmal in Berlin ausgebrochen, hieß es, aber das Militär werde der Bewegung in Kürze Herr werden.
Nach einer Viertelstunde etwa fuhren wir in langsamem Tempo weiter. Den Bahnhof fanden wir von einem Füsilierbataillon besetzt; in voller Feldausrüstung campirten die Mannschaften längs des Perrons und in der Vorhalle. Ich eilte auf die Straße. Alles war menschenleer. Kein Wagen weit und breit. So schnell ich es vermochte, eilte ich dem Hause meiner Schwiegereltern zu. An einer Straßenkreuzung mußte ich Halt machen. In scharfem Trabe kam die Gardeartillerie vorübergesaust, dahinter im Laufschritt Bataillon auf Bataillon, die Kerntruppen der deutschen Armee. Ohne mich umzusehen rannte ich weiter. Als ich bei Elly anlangte, fand ich die ganze Familie schon in höchster Aufregung, Vorbereitungen zur Flucht treffend.
„Und morgen soll Elly’s Trauung sein!“ klagte die Mutter meiner Braut. „Ihr armen Kinder, Ihr habt eine traurige Hochzeit.“
„Was morgen sein wird, kann Niemand sagen,“ entgegnete mein Schwiegervater. „Ich habe mir schon überlegt, was geschehen muß. Ihr müßt sofort getraut werden; der Geistliche wird in einigen Minuten hier sein, unterdessen packt Ihr das Nothwendigste ein und sobald die Ceremonie vorüber ist, fahrt Ihr zum Bahnhof.“
„Nein, Mutter, Vater, ich lasse Euch nicht allein zurück hier in dieser schrecklichen Zeit,“ rief Elly. „Ihr müßt mit uns fliehen!“
„Das geht nicht so schnell, Elly,“ entgegnete der alte Herr; „es ist ja auch augenblicklich noch keine Gefahr. Noch immer ist Hoffnung, daß die Truppen den Aufstand niederschlagen. Sollte dies aber bis morgen nicht der Fall sein, so folgen wir Euch nach. In Euerem stillen Thüringen wird man ja wohl noch einen sicheren Zufluchtsort finden.“
Bei diesen Worten — ich weiß nicht, wie es kam — fielen mir plötzlich die finsteren Gesichter, die abgezehrten Gestalten der Arbeiter ein, mit denen ich in Weimar täglich zu thun hatte, und mit einem Male wurde mir klar, welch’ furchtbarer Zündstoff auch dort aufgehäuft war.
Der Geistliche kam; in Reisekleidern wurden wir getraut; fernes Gewehrfeuer, einzelne Kanonenschüsse und das unaufhörliche Dröhnen der Sturmglocken begleitete die Ceremonie. Die feierliche Handlung war kaum vollendet, als von der verödeten Straße herauf lautes Stimmengewirr und der schwere Tritt einer großen Menschenmenge zu uns empordrang. Ich eilte an’s Fenster. In ganzer Straßenbreite wälzte sich, der inneren Stadt zu, ein ungeheuerer Knäuel bewaffneter Männer und Weiber.