Der jüngste Tag.

Wenn die Menschheit einer Krisis entgegen geht, richten sich alle Blicke mehr denn je in die Zukunft, regt sich mit Macht das Bestreben, den Schleier der kommenden Zeit zu lüften. Während Politiker und Gelehrte an der Hand der Thatsachen, die ihnen die Jetztzeit liefert, die Gestaltung zukünftiger Verhältnisse zu ergründen suchen, schweift die Phantasie des Dichters noch weit über die ihnen gesteckten Grenzen hinaus in eine nebelhafte Ferne, ja bis an’s Ende der Tage. Auf diesem Wege hat der Verfasser des vor mir liegenden Buches[1] schon den äußersten Markstein überschritten, der das Gebiet des Realen vom Reiche des phantastischen Märchens abgrenzt. Der „jüngste Tag“, jenes Schreckgebilde kirchlichen Uebereifers, das so wenig harmonirt mit der milden Lehre Christi, tritt uns hier im verklärenden und versöhnenden Gewande der Poesie entgegen. Das Ganze mit seiner dichterisch schönen Sprache und seinem überwältigenden Bilderreichthum ist eigentlich ein Epos in Prosa, ein Stoff, der so gebieterisch nach Vers und Reim verlangt, daß sich der Verfasser diesem Drange selbst nicht entziehen konnte und den Schluß deshalb wenigstens in Stabreimen ausklingen läßt.

[1]Der jüngste Tag“. Von Rud. Heinr. Greinz. Preis 1 Mark. Erfurt und Leipzig, Bacmeister’s Verlag.

„In der Welt tobte und brauste es von Streit. Es gab keine Bande der Achtung mehr und keine Bande der Liebe. Der Sohn wüthete gegen den Vater, Bruder gegen Bruder. Die Mutterliebe war zu einem längst entschwundenen Märchen geworden. Ein Märchen war auch der Glaube an Jesus Christus. Nur alte Leute erzählten sich noch, daß sie von ihren Voreltern erfahren, es sei die Sage, auf einem einsamen Eiland im weiten Weltmeer hausten die letzten Christen.“

In diese letzte Christengemeinde wird Helgrimur, der letzte Dichter, verschlagen. Draußen in der Welt hatten sie ihn verstoßen und verhöhnt, da er ihnen vom Schönsten und Hehrsten gesungen. Sie traten ihn mit Füßen und schalten ihn einen Thoren, da er sich mit Liedern in ihre Klugheit zu mischen wagte. Da zog er denn verzweifelnd fort in’s Weite.

Hirt und Hüter der letzten Christengemeinde ist Anakletus, der, einem finsteren Wahn verfallen, durch Zauberkünste einem unerreichbaren Ziele nachstrebt. Die alte Welt will er zertrümmern, eine neue schaffen und selbst als Gott über ihr walten. In diesem Wahnwitze bestärkt und unterstützt ihn Ahasver, der ewige Jude, der verflucht ward zu wandern, „so lange noch zwei Menschen glücklich sind auf Erden, so lange noch eine Liebe keimt zwischen zwei reinen Herzen“.