Damals kam es zwischen der Küste und den großen Seen zum Entscheidungskampfe, in dem die Begeisterung der Freiland-Schaaren einen glänzenden Sieg davontrug. Das war der erste und letzte Versuch gewesen, die Schrecken des Krieges in das friedliche Staatswesen im Innern Afrika’s zu tragen; immer weiter und weiter schob es seine Ansiedlungen gegen die Küsten vor und gegen Mitte des 23. Jahrhunderts fanden die Freilandbürger, daß diese Küsten in ihrer ganzen Ausdehnung fast menschenleer waren. Die einst mit so großen Opfern gegründeten und unterhaltenen europäischen Colonien waren aus unerfindlichen Ursachen verlassen und dem Ruine preisgegeben worden; nur an jenen Punkten, wo die europäische Cultur einst den festesten Fuß gefaßt hatte, wie in Unteregypten, in Algier und am Cap der guten Hoffnung, lebte noch in den Ruinen verfallener Städte ein kümmerliches entartetes Geschlecht, das noch einige Reste alter Cultur sich bewahrt, und dessen europäische Abkunft sich nicht gänzlich verwischt hatte.
Als man diese überraschende Entdeckung gemacht hatte und inne geworden war, daß, soweit das afrikanische Festland reichte, der Entwicklung des Freilandstaates nichts mehr im Wege liege, wurde allgemein das Verlangen laut, den Ursachen dieses Umstandes auf die Spur zu gehen.
Von den Küsten abgeschlossen, hatte das junge Staatswesen bisher sein ganzes Augenmerk lediglich auf seine innere Entwicklung und Festigung gerichtet und keinerlei Versuch gemacht, mit außerafrikanischen Völkern in Verkehr zu treten. Hatten die ersten Ansiedler-Generationen noch einige Beziehungen zur alten Heimath unterhalten, so war auch dieses lose Band im Laufe der Zeit gänzlich gelöst worden. Seit mehr als 200 Jahren war nur hie und da eine dunkle Kunde von Europa und seinen Zuständen ins Innere des afrikanischen Continentes gedrungen, und so war es leicht begreiflich, daß jetzt das Verlangen sich regte, das Versäumte nachzuholen und neue Beziehungen zu dem alten Mutterlande herzustellen. Eine Flotte sollte gebaut und ausgerüstet werden mit der Bestimmung, die Haupthandelsplätze der anderen Welttheile, namentlich Europa’s, aufzusuchen und über die Zustände dortselbst genau Bericht zu erstatten.
Diesem Verlangen widersetzte sich jedoch die Oberleitung des Staates sehr energisch und zwar aus schwerwiegenden Gründen. Noch waren die Kräfte des jungen Staatswesens bei Weitem nicht derart entwickelt, daß dasselbe gegen jede Einwirkung von außen her als gefeit angesehen werden konnte. Noch war die Hauptmacht des Staates im Innern des Welttheiles concentrirt; an den Küsten existirten nur vorgeschobene Posten, welche für den Fall, daß von Europa aus wiederum feindselige Absichten zur Durchführung gelangt wären, der Vernichtung fast mit Sicherheit ausgesetzt waren, noch lagen weite uncultivirte, oder nur dürftig bevölkerte Länderstrecken zwischen dem Innern und der Küste und große, die Thatkraft und den Fleiß der Bevölkerung auf Generationen hinaus in Anspruch nehmende Culturaufgaben waren zu bewältigen. Ihre Hauptaufgabe erblickte die oberste Staatsleitung indessen darin, einen etwaigen Rückfall des Freilandstaates in die veralteten Geleise der capitalistischen Productionsweise unter allen Umständen unmöglich zu machen und sie fürchtete vielleicht nicht mit Unrecht, daß die Eröffnung von Handelsbeziehungen zu den alten Staaten im Stande sei, in dieser Hinsicht unberechenbare Gefahren herauf zu beschwören, denen auf alle Fälle vorläufig aus dem Wege gegangen werden müsse, und zwar umsomehr, als Afrika bis zu diesem Augenblicke alles was seine Bewohner bedurften, selbst zu produciren befähigt war. Mit dieser vielleicht etwas engherzigen Ansicht befand sich die Freiland-Regierung — zum ersten Male seit ihrem Bestande — in Widerspruch mit einem großen Theile der Bevölkerung, aber die Gründe, welche sie leiteten, wurden dennoch von der Mehrheit als einleuchtend anerkannt und der Regierungsantrag, die Expedition nach Europa bis zum Jahre 2398, dem fünfhundertjährigen Jubiläum von Freiland, zu verschieben, fand bei der allgemeinen Volksabstimmung die Majorität für sich. Man war entschlossen, keine von Europa aus etwa angeknüpften Beziehungen zurückzuweisen, aber ebenso entschlossen, von sich selbst aus derartige Beziehungen vor dem genannten Zeitpunkte nicht aufzusuchen. Wenn die Anhänger der Expeditionsidee aber nun gehofft hatten, daß von Europa oder anderen Welttheilen aus früher oder später ein Versuch gemacht werden möge, mit dem immer schöner aufblühenden afrikanischen Staate in Verkehr zu treten, so hatten sie sich gänzlich getäuscht. Seltsamerweise unterblieb ein solcher Annäherungsversuch und von allen Küsten Afrika’s kam jahraus, jahrein die Meldung, daß das weite Weltmeer öde und verlassen daliege, daß auch am fernsten Horizonte nicht die Spur eines Segels zu entdecken sei. Inzwischen ging die Cultivirung Afrika’s mit Riesenschritten vorwärts, und als die ersten 500 Jahre seit der Gründung des Freilandstaates sich ihrem Ende zuneigten, war der einst so unwirthliche Erdtheil von einem Ende bis zum anderen ein Garten, ein Paradies, geschmückt mit allen Errungenschaften menschlicher Arbeit und bewohnt von Millionen zufriedener gesitteter Menschen.
Schon lange vor diesem Zeitpunkte war eine Riesenarbeit in Angriff genommen worden, welche den Zweck hatte, den Victoria-Nyanza direct mit dem Meere in Verbindung zu setzen: ein Schifffahrtskanal, für die größten Seeschiffe passirbar, wurde vom Westgestade des Sees bis zum Congo angelegt, der Riesenstrom selbst in seiner ganzen Länge vom Meere bis zum Einfluß des Aruwimi, dessen Unterlauf selbst einen Theil des großen Canals bildete, regulirt und canalisirt und als die Freilandflotte, bestehend aus 50 stattlichen Schiffen neuester Construction, auf dem Victoria-Nyanza zum Auslaufen bereit lag, war der Canal, durch den sie ihren Weg zum Meere nehmen sollte, bis auf den letzten Nagel in der letzten Schleuse fertig. Am morgigen Tage, so schloß Professor Bellmann seine Rede, werde der Präsident des Freilandstaates unter großen Feierlichkeiten diesen letzten Nagel eigenhändig einschlagen und die Flotte sodann augenblicklich ihre Reise nach den europäischen Küsten antreten. „Ausgerüstet mit dem Besten, was die vereinte Arbeit der Freilandbürger geschaffen, wird sie, begleitet von unseren Segenswünschen, hinausfahren bis zu dem Gestade des alten, für uns schon fast verschollenen Mutterlandes und den Bewohnern desselben die Kunde überbringen, daß hier in Afrika die Nachkommen jener vor fünf Jahrhunderten gelandeten Ansiedler ein mächtiges blühendes Gemeinwesen sich geschaffen haben, in dem Jeder die Früchte seines Fleißes voll und ganz genießen kann, in dem man nur aus den Ueberlieferungen einer fünfhundertjährigen Vergangenheit noch weiß, daß die Menschheit einst in Reiche und Arme geschieden war, und daß es Zeiten gab, in denen der Mensch seinen Nebenmenschen verhungern ließ, während er selbst in Ueberfluß schwelgte.“
„Diese Zeiten sind, für unsere Gesellschaft wenigstens, auf immer vorbei und mit berechtigtem Stolze können wir hinweisen auf die Früchte unserer segensreichen, selbstgeschaffenen Institutionen. Und sollte man jenseits des Meeres noch immer nicht den Segen derartiger Einrichtungen kennen, so möge unsere Flotte dort den Keim legen zu einer neuen besseren Zukunft, auf daß nicht bloß dieser Erdtheil, sondern das ganze Erdenrund des Glückes theilhaftig werde, das wir schon längst genießen.“
So schloß Professor Bellmann unter rauschendem Beifall seine Festrede.
2. Capitel.
Europäische Reliquien. — An der Elbemündung. — Im Hafen von Hamburg. — Ruinenstadt und Todtenschiffe. — Eine Begegnung mit Eingeborenen.
Ohne an irgend einem Punkte der europäischen Küsten zu landen, war die afrikanische Flotte durch den atlantischen Ocean und den Canal bis in die Nordsee gesegelt und schwamm in einer windstillen Frühlingsnacht, angesichts der deutschen Küste, ihrem ersten Ziele, der Elbemündung, zu, um im Hafen von Hamburg vor Anker zu gehen. Der Mondschein lag hell auf der weiten Wasserfläche, über der ein leichter nebliger Dunst wallte, kein Laut war weit und breit hörbar als das leise Gurgeln und Klatschen der Wellen am Kiel und das dumpfe, gleichförmige Dröhnen der mächtigen Schiffsmaschinen. In weiter Ferne, kaum unterscheidbar, streckte sich der schwarze dünne Streifen der norddeutschen Küste hin, aber vergebens spähte der Blick nach einem freundlichen Lichtscheine; dunkel und glanzlos lag das Land, soweit die Augen es erfaßten.