An der Brüstung eines der majestätisch dahingleitenden Schiffe lehnten zwei junge Seeleute, mit gespannter Aufmerksamkeit zu jenem dunkeln Streifen in der Ferne hinüberlugend.
„Kein Licht weit und breit! Weder ein Leuchtthurm noch eine Bake! Das scheint mir eine nette Wirthschaft zu sein!“ brummte der Eine, eine hochgewachsene schlanke Gestalt.
„Die Hamburger sind vermuthlich auf unseren Besuch nicht gefaßt, oder die Lootsen hier zu Lande kriechen mit den Hühnern in’s Bett“, erwiderte sein Kamerad, „Deine Verwandten, Kurt, liegen gewiß auch längst in den Federn!“ — „Kannst Recht haben, Willy, wenn sie überhaupt existiren“, sprach wieder der Erste, „bin auch verdammt neugierig, was sie für Augen machen werden, wenn der Vetter aus Afrika daherkommt!“
„’S ist mir nur nicht recht klar“, meinte Willy, „wie Du ihre Spur finden willst in dem Lande, wo wir keinen Menschen kennen!“
„Das ist vielleicht nicht so schwer, als Du glaubst. In meiner Familie haben sich viele Reliquien aus Europa erhalten, aus jener Zeit, als die Gründer unseres Staates diesen Erdtheil noch nicht verlassen hatten. Ein Urahne meines Vaters hatte noch in Europa eine Art von Familienarchiv angelegt, in welchem er alle Erinnerungsstücke seiner Familie, sowie seines eigenen Lebens sammelte. Dieses Archiv, welches schon damals einen Schatz an werthvollen interessanten Handschriften, Portraits und Andenken aller Art umfaßte, brachte er mit nach Afrika und es ist seitdem in unserer Familie heilige Pflicht geworden, dasselbe zu erhalten und nach Möglichkeit zu vermehren. ’S war für mich auch stets ein Hauptvergnügen, in diesen Schätzen zu wühlen. Wie ich nun aus einem Tagebuch eines meiner Vorfahren ersah, stammt unsere Familie aus Thüringen. Nach unserer Landung werde ich mir gleich Urlaub erbitten, um mit dem ersten Blitzzuge dorthin zu reisen. Wenn Du Lust hast, Willy, so kannst Du mich begleiten.“ „Einverstanden, alter Junge“, rief Willy, „und wenn Du in Thüringen ein hübsches Bäschen findest, so überläßt Du sie mir, das bedinge ich mir aus.“
Er hatte kaum ausgesprochen, als ein heftiger Stoß das Schiff in allen seinen Theilen erzittern ließ. Die Freunde eilten der Commandobrücke zu, von wo aus die Stimme des Capitäns in den Maschinenraum hinabgellte: „Halt! Rückwärts! Langsam!“ — „Was ist los, Capitän?“ rief Willy hinauf. — „Wir sind aufgefahren“, tönte es zurück, „es muß eine Untiefe im Fahrwasser sein, verdammt, daß man uns keinen Lootsen schickt!“ Inzwischen war das Zeichen zum Halten auch den anderen Schiffen gegeben und eiligst untersucht worden, ob das Schiff beim Anlaufen etwa Schaden gelitten. Alles fand sich im besten Stand, aber der Commandant der Flotte war doch der Ansicht, daß es rathsamer sei, auf dem Platz bis zum Morgen zu verharren und vor der Weiterfahrt das unsichere Fahrwasser genau zu untersuchen. Alles verwunderte sich indeß, daß in unmittelbarer Nähe der Elbemündung, an einer sicherlich viel befahrenen Route, kein einziges Warnungssignal diese gefährliche Stelle bezeichnete. Der Vorsicht halber und um einen etwaigen Zusammenstoß mit anderen Schiffen zu verhüten, ließ man das electrische Licht nach allen Seiten weithin über die See spielen, aber die Sorge war unnütz, das weite Meer war wie ausgestorben und nicht einmal eine Fischerbarke kreuzte, soweit die Blicke reichten. Also wurden die Anker ausgeworfen, die in geringer Tiefe Grund fanden und der Morgen abgewartet.
Das Erste, als der Morgen kam, war, Boote auszusetzen und das Fahrwasser nach allen Richtungen hin abzulothen. Das Ergebniß war kein besonders erfreuliches. Ueberall, wo man auch das Senkblei hinabließ, fand man in der Tiefe von wenigen Metern Grund, nirgends aber genügendes Fahrwasser für die Schiffskolosse der afrikanischen Flotte. Es war kein Zweifel mehr: die Elbemündung, einst die Einfahrtsstraße unzähliger Schiffe jeder Größe, war total versandet und nur noch mit Booten zu befahren. Kopfschüttelnd hatte der Commandant diese Meldung vernommen und dann die Capitäne der übrigen Schiffe zu sich beschieden, um Rath zu halten. Das Ergebniß der Berathung war endlich, daß zwölf wohlbemannte Boote, mit Waffen und mit Proviant auf zehn Tage versehen, in See gelassen wurden, um die Räthsel, welche sich hier darboten, womöglich zu lösen. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß die beiden Freunde Willy und Kurt sich ebenfalls bei der Expedition befanden, ja dem Ersteren war sogar die Ehre zu Theil geworden, mit dem Befehle über die kleine Flotille betraut zu werden. Mit sichtlichem Eifer und in erwartungsvoller Stille trafen die zur Einschiffung bestimmten Männer ihre Vorbereitungen. Alle waren gespannt auf die Entdeckungen, welche sich ihnen darbieten sollten, gar mancher aber konnte sich eines unbestimmten bangen Gefühls nicht erwehren.
Am 1. Mai 2398 setzte sich um 11 Uhr Vormittags die Expedition in Bewegung. In jedem der zwölf Boote befanden sich einundzwanzig Mann; es waren also, ohne die beiden Freunde, gerade zweihundertundfünfzig vortrefflich bewaffnete und geschulte, kräftige Männer bei der Expedition, eine Macht, mit der man gegebenen Falles auch ernsten Eventualitäten schon mit einiger Zuversicht in’s Auge sehen konnte. Signalapparate von äußerst sinnreicher Construction, deren jedes Boot mit sich führte, ermöglichten es außerdem, sich mit der vor der Barre ankernden Flotte im Falle der Noth auf sehr weite Distanzen zu verständigen. Drei Boote bildeten die Vor- und drei die Nachhut der Flotille, während zwischen beiden Abtheilungen, einige hundert Meter von einer jeden entfernt, das Gros der Expedition, sechs Boote stark, einherfuhr.
Die Boote wurden nicht durch Ruder, sondern durch kleine, aber sehr kräftige Electromotoren in Bewegung gesetzt und waren einer großen Geschwindigkeit fähig. Da man sich jedoch hier in einem gänzlich unbekannten Fahrwasser befand — die mitgebrachten Karten erwiesen sich als veraltet — und noch nicht wußte, auf welche Hindernisse man vielleicht stoßen werde, so hatte Willy den Befehl ertheilt, mit mäßiger Geschwindigkeit vorwärts zu fahren. Anfangs bot sich den Blicken nichts Bemerkenswerthes dar; niedere flache Ufer, mit Buschwerk bewachsen, dehnten sich zu beiden Seiten des mächtig dahinfluthenden Stromes aus; je weiter man aber kam, desto deutlicher drängte sich Allen die Gewißheit auf, daß hier im Laufe der letzten Jahrhunderte furchtbare Veränderungen Platz gegriffen hatten. Jeder Mann der Freilandflotte hatte sich mit der Ueberzeugung der deutschen Küste genähert, daß er ein reich bevölkertes, mit blühenden Städten und Dörfern bedecktes Land finden werde, gesegnet mit allen Errungenschaften einer zweitausendjährigen Cultur und namentlich von Hamburg, der großen und reichen Handelsstadt, hatten sich alle diese, aus dem Innern Afrika’s stammenden Männer die glänzendsten Vorstellungen gemacht. Aber nichts von dem fand sich hier verwirklicht. Das ganze Land schien eine einzige trostlose Einöde, eine menschenleere Wüste zu sein. Auf den niederen Hügeln, die sich bei der Weiterfahrt zeigten, wucherte wildes Gestrüpp, das hier und da einzelne rauchgeschwärzte Reste uralter Ruinen mit tausend Ranken umklammerte und überwucherte. Nirgends ein menschliches Wesen, oder auch nur die Spur eines solchen. Schaaren flüchtiger Möven schienen das einzig Lebendige weit und breit zu sein. So hatte man diejenige Stelle des Flusses erreicht, an welcher sich, den Karten zufolge, der Hafen befinden sollte, der große berühmte Hamburger Hafen, der Stapelplatz unermeßlicher Schätze aller Welttheile. Was sich den Blicken hier darbot, war ein Bild grauenhafter Verwüstung und Verwilderung. Das weite Hafenbassin war mit einer grünen filzigen Masse bedeckt, durch welche sich die Boote nur mit Mühe vorwärts bewegten. Wo der Kiel diese Masse durchschnitt, stiegen faulige, pestilenzialische Dünste empor. Von dem Mastenwald, der einst hier zu finden gewesen, war nichts zu sehen, als die Wracks einiger großer Dampfer alterthümlicher Bauart, welche, dick mit Rost und Moder überzogen, an den verfallenen Quais lagen. Längs dieser Quais mußten vor Zeiten ganze Reihen prächtiger Paläste gestanden sein; davon legten noch die imposanten Ruinen Zeugniß ab, die sich in weitem Umkreise den Ufern entlang zogen.
„Das habe ich mir anders vorgestellt“, flüsterte Willy seinem Freunde zu, „ob’s wohl in Thüringen bei Deinen Verwandten ebenso ausschaut?“ — Die Boote der Expedition befanden sich jetzt alle in engem Kreise versammelt, und Willy ertheilte den Befehl zur Landung. Fünfzig Mann wurden an der Landungsstelle als Reserve und zur Bewachung der Boote zurückgelassen. Die übrigen formirten vier Abtheilungen von je fünfzig Mann und drangen nach verschiedenen Richtungen in die Straßen der Ruinenstadt vor. Ehe sie sich in Bewegung setzten, kam eine kleine Abtheilung, welche der Commandant zur Untersuchung der alten Schiffe entsendet hatte, zurück. Die Leute zeigten auffallend verstörte Mienen und ihr Führer meldete, daß sich ihnen im Innern eines Wracks ein furchtbarer Anblick dargeboten habe. Haufen von Skeletten, manche davon noch die Klinge oder den Revolver in der Faust, lägen auf Verdeck und in den Cajüten, und der Anblick dieser mit grünem Schimmel halb überzogenen, vermoderten Ueberreste sei so grauenhaft, daß er einen Menschen um den Verstand bringen könne. Vor vielen Jahren müsse dort ein Kampf auf Tod und Leben stattgefunden haben, in dem die Schiffsmannschaft vermuthlich bis auf den letzten Mann ihr Ende gefunden.