Der Vormarsch der einzelnen Abtheilungen begann nun; bei derjenigen Truppe, welche der Commandant selbst führte, befand sich natürlich auch Kurt. Man wählte zunächst eine ziemlich breite, in südwestlicher Richtung sich hinziehende Straße, deren halb oder ganz verfallene Gebäude noch die Spuren einstiger Pracht deutlich zeigten. Der Boden dieser Straße war einst mit Asphalt oder einer ähnlichen Masse gepflastert gewesen; diese Masse hatte durch Frost und Hitze unzählige tiefe Risse erhalten, in denen der Same von Pflanzen aller Art Wurzel geschlagen hatte. So war der ganze Boden allenthalben mit Gestrüpp, Disteln und Schlingpflanzen überwuchert und das Vorwärtskommen ziemlich beschwerlich. Vor Zeiten hatten vierfache Baumreihen, zwischen denen in gewissen Abständen eiserne Laternensäulen sich erhoben, der Straße zur Zierde gereicht. Von diesen Bäumen hatten sich einzelne inmitten der allgemeinen Zerstörung frisch und lebendig erhalten, aber ihre Kronen hatten einen gewaltigen Umfang erreicht und ihre Wurzeln den Asphalt auf weite Strecken hin gespalten und in Schollen, wie Gletschereis, emporgehoben; die eisernen Candelaber jedoch waren von unten bis oben mit Waldrebe und wildem Hopfen dicht umsponnen. Obwohl überall eine unheimliche Stille herrschte und nirgends die Spur eines menschlichen Wesens zu erblicken war, so schien Vorsicht doch geboten, da man nicht wissen konnte, ob dieses Trümmermeer in Wahrheit unbewohnt sei und falls es Bewohner barg, so — Kurt an der Seite seines Freundes dahinschreitend, hatte diesen Gedanken kaum ausgedacht, als eine vorausgeschickte Patrouille aus einer Seitengasse in Laufschritt quer auf sie zukam:

„Herr Commandant, da drin sind Menschen, wir haben sie deutlich gesehen,“ rief der Führer athemlos. Sofort ließ Willy das Signal „Halt!“ gebieten und drang dann selbst an der Spitze der Hälfte seiner Mannschaft in die bezeichnete Gasse vor.

Nachdem ein Schutthaufen, der den Eingang der Gasse wie eine Barrikade versperrte, erklommen war, sahen sie weit hinein in einen schauerlichen Engpaß zwischen verfallenen, hochaufragenden Häusern. Das Licht der Nachmittagssonne berührte nur die obersten Ränder der von Alter und Wetter geschwärzten Massen, die jeden Augenblick mit dem Einsturz zu drohen schienen. „Dort hinten standen sie,“ begann der Patrouillenführer, „ich habe sie deutlich gesehen, obwohl es nur ein Moment war.“

„Wie sahen sie aus?“ forschte Willy, indem er vergeblich mit vorgehaltener Hand die Dämmerung, welche in der Tiefe dieses Schlundes herrschte, mit den Blicken zu durchdringen suchte.

„Mir schien es ein Mann und ein Weib zu sein, in Lumpen gehüllt, mit wirren Haaren. Sie flohen wie der Blitz, als sie uns erblickten.“

„Also vorwärts,“ commandirte Willy, „wir müssen das Geheimniß ergründen!“

3. Capitel.
Ein Marsch durch Schutt und Sumpf. — Bivouak in den Ruinen. — Unheimliche Gestalten. — Die Expedition wird belagert. — Ein Nachtgefecht. — Steinbombardement. — Hülfe zur rechten Zeit.

Unter unsäglichen Schwierigkeiten drangen sie nun vor, ohne daß sich etwas Bemerkenswerthes gezeigt hätte. Die engen Gassen, durch welche man sich bewegte, waren mit Schutt aller Art bedeckt. Mühsam und unter steter Lebensgefahr mußten diese Hügel, die noch dazu mannshohes Gestrüpp bedeckte, überklettert werden. An anderen Stellen hinderten Canäle voll fauligen Wassers, die, in ihrem Laufe behindert, alles weithin überfluthet hatten, den Vormarsch, dann blieb nichts übrig, als mit unsäglicher Mühe einen weiten Umweg zurückzulegen, um schließlich auf den Resten eines morschen Brückenbogens vorsichtig, Mann für Mann, das andere Ufer zu gewinnen.

Mit einbrechender Dunkelheit, zu Tode erschöpft, erreichte man einen kleinen, leidlich gangbaren Platz, auf dem der Commandant mit seiner Mannschaft die Nacht zu verbringen beschloß. Wunderbarerweise hatte sich auf dem ganzen halsbrecherischen Marsche kein ernster Unfall ereignet; einige Matrosen waren wohl durch fallendes Mauerwerk leicht verletzt worden, aber diese Wunden waren ganz unbedenklicher Natur. Die Vorbereitungen zum Bivouak waren bald getroffen; aus vorgefundenen Holzresten nährten die Seeleute einige Feuer, welche gegen die Nachtkühle hinreichend Schutz gewährten. Dem mitgenommenen Proviant wurde tüchtig zugesprochen, nur an trinkbarem Wasser war fühlbarer Mangel und der Durst konnte nur theilweise durch einige Schlucke kalten Thee’s, welchen Jeder in hinreichender Menge bei sich führte, befriedigt werden. Vorsichtshalber ließ Willy aus den umherliegenden Steinen und Balken eine Art Brustwehr rings um das Lager aufführen und an den Ausgängen des Platzes Doppelposten ausstellen. Als so für die Sicherheit der kleinen Schaar nach Möglichkeit gesorgt worden, streckten sich die beiden Freunde auf ihre Mäntel in der Nähe eines Feuers nieder und verfielen, ermüdet von den Anstrengungen des Tages, bald in festen Schlummer.