Einige Stunden der Nacht mochten so verflossen sein, als Kurt plötzlich erwachte. Die Feuer waren im Verglimmen, aber dafür war der Mond über den Giebeln der Häuser emporgestiegen und übergoß alles mit hellem Scheine, von dem sich die tiefen Schatten der vielfachen Winkel und Vorsprünge an den umliegenden Ruinen nur desto schärfer abhoben. Während der junge Mann so sinnend, den Kopf auf einem Arme ruhend, dalag, blieb sein Auge auf einem mehrstöckigen Hause ruhen, welches sich in der Entfernung von etwa fünfzig bis sechzig Schritten, seinem Lagerplatze gegenüber, erhob.
Flüchtig glitten seine Blicke über die leeren, schwarz gähnenden Fensteröffnungen, als er plötzlich erschreckt zusammenfuhr.
Einen Augenblick lang hatte er geglaubt, in einer Fensterhöhle die Umrisse einer menschlichen Gestalt bemerkt zu haben. Er blickte schärfer hin — aber nichts Verdächtiges zeigte sich, und in der Ueberzeugung, sich getäuscht zu haben, sank er in seine frühere Stellung zurück. Dabei fiel aber sein Blick auf eine andere Fensteröffnung, und wiederum war es ihm, als sähe er dort eine Gestalt in schwachen Umrissen auftauchen und verschwinden. Und dort am nächsten Fenster, am zweiten, am dritten, überall das nämliche und jetzt flammte auch ein fahler Lichtschein in den Ruinen auf, von dem sich die Umrisse menschlicher Gestalten, in Lumpen gehüllt, scharf abhoben.
Es war kein Zweifel mehr: diese Trümmerstadt hatte eine Bevölkerung, die zur Nachtzeit aus ihren verborgenen Schlupfwinkeln hervorkam, als scheue sie sich, ihr Elend dem Tageslichte zu enthüllen. Entsetzlicher Gedanke! In diesem giftigen Moderdunst zu leben, weit und breit nichts als Tod und Verwüstung, in steter Gefahr, von diesen Massen begraben zu werden, die wie das gräßlich verzerrte Antlitz eines in tausend Qualen Dahingeschiedenen zum Himmel emporstarrten, eine furchtbare, versteinerte Anklage gegen die Sünden verschollener Generationen.
Kurt rüttelte seinen Freund aus dem Schlummer empor; während er ihm aber mit hastigen Worten seine Entdeckung mittheilte, kamen auch schon von den ausgestellten Posten Meldungen, welche besagten, daß sich überall in den in undurchdringliches Dunkel gehüllten Seitengassen unheimliches Leben zu regen beginne. Verwilderte Erscheinungen, langhaarig, halb nackt, mit Knitteln bewaffnet, tauchten allenthalben auf, zogen sich indessen beim Anblick der Wachen stets scheu wieder zurück. Die ganze Mannschaft war in einigen Augenblicken auf den Beinen und stand, die Waffen schußbereit in Händen, der Befehle ihres Commandanten gewärtig, in Reih und Glied. Noch war es ungewiß, ob die Eingeborenen feindselige Absichten hegten; Vorsicht war aber auf alle Fälle geboten und so ließ Willy zunächst die ausgestellten Posten zurückrufen, um seine kleine Streitmacht nicht zu zersplittern. Zugleich ließ er in Eile die niedere Brustwehr, mit welcher man am Abend das Lager umgeben hatte, erhöhen und verstärken und vertheilte dann seine Mannschaft derart, daß sämmtliche den Platz umgebenden Häuserfronten und Seitengassen nöthigenfalls unter Feuer genommen werden konnten. In diesen Häusern war es unterdessen furchtbar lebendig geworden. Kaum eine einzige Fensteröffnung, an der sich nicht jene verwilderten Gestalten gezeigt hätten. Die Scheu der dämonischen Gesellen schien, je mehr ihre Zahl wuchs, abzunehmen. Immer häufiger und immer länger zeigten sie sich; vielstimmiges, unverständliches Geschrei ertönte bald da, bald dort und man sah deutlich, wie Einzelne mit Feuerbränden in der Hand hin- und herliefen.
So verging wieder eine geraume Zeit und schon hoffte Willy, daß das nächtliche Abenteuer friedlich verlaufen werde. Gegen zwei Uhr Morgens berührte die Mondscheibe die Giebel der den Platz umgebenden Häuser, einige Minuten später war Alles rings in nächtliche Dunkelheit gehüllt. Die spähenden Augen der hinter ihrem Steinwall kauernden Männer gewöhnten sich nach und nach soweit an die Finsterniß, daß sie wenigstens auf zwanzig bis dreißig Schritte weit jede verdächtige Erscheinung hätten wahrnehmen können. Plötzlich raunte einer der Männer dem Commandanten in’s Ohr: „Jetzt kommen sie!“ Wie electrisirt fuhr Willy empor und beugte sich über die Schutzwehr; seine Augen suchten zuerst vergeblich die herrschende Dunkelheit zu durchdringen; da, mit einem Male war es ihm, als hätten sich seine Blicke geschärft, und deutlich sah er nun die dunkle gespenstige Masse, die schweigend in einem großen Ring von allen Seiten das Lager umgab. Sie standen Kopf an Kopf, Schulter an Schulter und Willy glaubte, ihre verzerrten wilden Gesichter, ihre fleischlosen Arme, ihre ekelhaften Lumpen zu sehen.
Lautlos, eine lebendige Mauer, rückten sie Zoll für Zoll heran; man hörte ihre Tritte nicht, man fühlte ihre Nähe mehr, als man sie sah, und namenloses Grauen ging vor ihnen her. Ohne ein Wort zu verlieren, hatte sich jeder der Freilandleute auf seinen Posten gestellt und sich kampfbereit gemacht. Da flammte es hier und dort in den Häusern auf; einzelne Gestalten erschienen an den Fenstern, Feuerbrände hoch emporhaltend, deren Schein mit einem Male die ganze furchtbare Masse der Feinde erkennen ließ. In der nächsten Secunde ein Kampfgeheul aus tausend und abertausend Kehlen und wie eine Horde Tiger stürzten sie sich, armsdicke Knüppel in den Fäusten, auf die umzingelte Schaar. Eine furchtbare Salve empfing sie aus nächster Nähe; der niedrige Steinwall glich einem feuerspeienden Berge, aber nur zwei Secunden lang. Ein Geschrei, das nichts Menschliches an sich hatte, hallte in den Ruinen wieder, denn als habe sie die Erde verschlungen, war die Masse der Angreifer verschwunden; der Sturm war abgeschlagen.
Die Ruhe sollte indessen nicht lange dauern. Man sah in den Häusern den Schein von Fackeln aufleuchten und wieder verschwinden, man hörte Geschrei und Geheul. Plötzlich sauste ein faustgroßer Stein durch die Luft daher und fiel mitten im Lager nieder, ohne Jemanden zu verletzen. Ein zweiter, dritter, vierter folgten, die ihr Ziel nicht verfehlten; ein Matrose brach, am Kopf getroffen, lautlos zusammen, ein anderer schrie auf: ein Finger war ihm zerschmettert und das folgende Wurfgeschoß riß dem Commandanten den Revolver aus der Hand. Schüsse, welche nach den Fenstern abgegeben wurden, fruchteten nichts; die Steine wurden offenbar aus gedeckter Stellung mittelst Schleudern geworfen; das zeigte schon die große Gewalt und Sicherheit, mit der sie dahersausten. Nach einer Viertelstunde war ein großer Theil der Mannschaft mehr oder minder schwer verwundet und auch Willy blutete aus einer tiefen Kopfwunde. Unterdessen hatte die Nacht der Morgendämmerung Platz gemacht; das Bombardement endete plötzlich und schon athmete die hart bedrängte Schaar auf, als tausendstimmiges Geschrei ihr einen neuerlichen Angriff verkündete. Wer noch aufrecht stehen konnte, eilte, der Wunden nicht achtend, auf seinen Posten an der Schutzwehr, aber zehn Mann lagen bewußtlos oder sterbend inmitten des Lagerraumes. Aus allen Seitengassen quoll es nun unzählbar hervor. Die Schüsse, welche ihn empfingen, machten den Feind einen Augenblick stutzen, aber die Wucht der von hinten Nachdrängenden schob die vorderen Reihen unaufhaltsam vorwärts. Hie und da fiel Einer, von den Kugeln der Seeleute getroffen, aber dies hielt die große Masse nun nicht mehr auf. Im Nu hatte sie die Schutzwehr erreicht; riesige Knüppel sausten von allen Seiten auf die Bedrängten nieder und ein erbitterter Kampf, Brust an Brust, begann, dessen Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenigen Minuten war die kleine Schaar der Vertheidiger, erheblich gelichtet, inmitten des Lagerraumes zusammengedrängt, wo sie, Rücken an Rücken, verzweifelt kämpfend, sich der Uebermacht zu erwehren suchte. In diesem Augenblick, als Willy, aus mehreren Wunden blutend, die Zahl seiner Leute zusammenschmelzen sah, ertönte aus einer der Seitengassen im Rücken der Angreifer ein Hornsignal. Einige Schüsse folgten, die Wuth der Angreifer ließ nach, und nachdem sie noch einige Augenblicke gezaudert hatten, wandten sie sich zur Flucht. Bald waren die Letzten in den Gassen der Trümmerstadt verschwunden, nur Todte und Sterbende bedeckten den Platz rings um das Lager. Die Streifcolonne, welche, angelockt durch das Schießen, sich durch alle Hindernisse bis hieher Bahn gebrochen, war gerade zur rechten Zeit gekommen.