Nach den Vorgängen jener Mainacht war das Expeditionscorps wieder an Bord der Flotte zurückgekehrt. Man hatte die Opfer des nächtlichen Kampfes bestattet und die Blessirten in sorgsame Pflege genommen. Auch eine Anzahl verwundeter Eingeborner war auf den Schiffen untergebracht worden und es war seltsam zu sehen, mit welch’ grenzenlosem Erstaunen diese verwilderten Menschen es hinnahmen, als man sie wusch, auf reinliche Lager bettete, ihre Wunden verband und ihnen stärkende Labung reichte. Die Genesenen wurden, mit Kleidern und Nahrungsmitteln reich beschenkt, nach einigen Tagen wieder heimgeschickt, und als wieder ein solcher Transport im Hafen an’s Land gesetzt werden sollte, fand man das Ufer bedeckt mit Hunderten, welche in unzweideutiger Weise ihre friedlichen Gesinnungen zum Ausdrucke brachten. Es wurden Unterhandlungen angeknüpft, was um so leichter möglich war, als die Sprache der Einwohner sich als ein uraltes, aber immerhin verständliches Idiom erwies, das den Seeleuten aus Freiland bald geläufig wurde. Aber unmöglich war es, aus den Andeutungen jener Menschen ein Bild zu gewinnen über die Ursachen der entsetzlichen Veränderung, welche sich in ihrem Lande zugetragen hatte. Sie wußten von nichts; so weit sie und ihre Eltern und Großeltern zurückzudenken vermochten, war Alles so gewesen, wie heute. Es war ihnen unbekannt, wer die Stadt erbaut hatte, in deren Trümmern sie ihr elendes Leben fristeten, sie wußten ebensowenig, wer sie zerstört hatte. Ihrer Aussage nach war das Land auf viele Meilen im Umkreise eine Wildniß und ähnliche Trümmerstätten allenthalben anzutreffen. Wovon sie lebten? Das wußten sie beinahe selbst nicht. Auf ausgehöhlten Baumstämmen fischten sie in der Elbe, sie sammelten Muscheln und Seethiere am Strande des Meeres, sie stellten Fallen in den Wäldern und lauerten in der Haide auf allerlei niederes Gethier. Etwas Ackerbau schienen Einige von ihnen auch zu treiben, aber nur in allerprimitivster Form. Im Großen und Ganzen stand ihre Cultur etwa auf der Höhe derjenigen, welche die meisten Stämme Centralafrika’s am Ende des 19. Jahrhunderts besessen hatten. Die Hoffnung, vielleicht im Innern des Continentes noch Reste der alten Cultur zu finden und Aufschluß zu erhalten über die Räthsel, die sich hier darboten, bewog den Flottencommandanten, eine neue, größere Expedition auszurüsten, welche die Aufgabe erhielt, ihren Weg quer durch das einstige deutsche Reich zu nehmen, die Alpen zu übersteigen und an einem bestimmten Punkte der italienischen Küste wieder mit der Flotte zusammenzutreffen, welche bis auf ein kleines Reservegeschwader, das für alle Fälle vor der Elbemündung kreuzen sollte, ihre Rückfahrt durch den Canal und die Enge von Gibraltar in’s Mittelmeer antrat.
Dieser Expedition schlossen sich die beiden Freunde selbstverständlich an. Wollte doch Kurt auf seinen Plan, die Spuren seiner Vorfahren ausfindig zu machen, nicht ohne Weiteres verzichten. Allerdings waren die Schwierigkeiten, welche sich seinem Vorhaben entgegenstellten, keine geringen. Wie konnte er hoffen, unter den wilden Horden, welche dieses Land bevölkerten, diejenigen Aufschlüsse zu erhalten, auf welche er mit Sicherheit gerechnet hatte? Merkwürdige Ueberraschungen waren es denn auch, welche ihm und seinen Genossen auf ihrer Entdeckungsreise durch Europa zu Theil werden sollten.
Achthundert Mann stark war die Expeditionstruppe durch menschenleere Wüsten und Wälder bis an den Saum des Thüringer Waldes vorgedrungen, ohne auf etwas Anderes zu stoßen, als auf verlassene Stätten einstiger Cultur und halbwilde Stämme, welche nomadisirend die Wildniß durchzogen. Kümmerliche Spuren von seßhaften Ansiedlungen, deren Bewohner kleine Strecken öden Grundes mit Erdäpfeln und Haidekorn bestellt hatten, fanden sich hie und da in den Wäldern verstreut, immerfort bedroht von räuberischen Ueberfällen der Nachbarn oder von Angriffen wilder Thiere. Mit jedem Tagesmarsche wurde es den Mitgliedern der Expedition immer klarer, daß ganz Deutschland, vermuthlich ganz Mitteleuropa, aus unbekannten Gründen eine Stätte des Elends und der Verzweiflung geworden, daß hier eine uralte, zweitausendjährige Cultur für immerdar untergegangen sei. — Eines Tages rückte die Colonne in ein uraltes Städtchen ein, welches zwar nicht, wie die meisten anderen Plätze, aus einem chaotischen Gewirre von Ruinen bestand, aber doch in seinem Aeußern ein trostloses Bild tiefsten Verfalles darbot. Die meistens einstöckigen Häuser längs der ziemlich breiten Straßen waren, wie es schien, noch zum Theile bewohnbar; das Elend und der Hunger aber grinsten aus den von Lumpen umflatterten Fensteröffnungen; übelriechender Rauch drang hie und da in’s Freie aus nothdürftig verhängten und brettervernagelten Rissen und Spalten. Die Straßen waren mit Gras bewachsen, während längs der Häuser Haufen von Unrath aller Art lagerten; augenscheinlich waren die Bewohner gewöhnt, alles, was ihnen in ihren Behausungen lästig wurde, auf die Gasse zu werfen. Im Gegensatze zu den Eingeborenen, welche die Expedition auf ihrem Marsche bisher angetroffen hatte, zeigten sich die Bewohner dieser Stätte nichts weniger als scheu. Anfänglich erschienen sie wohl nur an den Fenstern und Thüren ihrer Häuser; später aber kamen sie auch auf den von den Freilandleuten zur Rast ausersehenen Platz und standen in dichter Reihe gaffend rings um das Feldlager der seltenen Gäste. Das Elend, welches auf ihnen lastete, kam da so recht an’s Licht des Tages.
Es waren keine wilden, unheimlichen Gesellen, wie die, welche in den Trümmern des alten Hamburg hausten, aber der Eindruck, den ihre aus Flicken und Fetzen zusammengesetzte altväterische Kleidung, ihre eingefallenen Wangen, ihr blödes Lächeln hervorrief, war noch weit ergreifender.
Unsagbar traurig war der Anblick dieser geistig und körperlich verkümmerten Menschen, aus deren Augen Hunger und Stumpfsinn sprachen. Die Fragen, welche man an sie richtete, beantworteten sie mit einem cretinartigen Lachen oder unverständlich blökenden Tönen. Nicht einmal den Namen, den ihre Stadt einst getragen, wußten sie anzugeben und dennoch sollte sich bald herausstellen, daß ihnen eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten geblieben war, wenngleich in eigenthümlicher Form. Auf dem Platze, an dem die Expedition bivouakirte, erhob sich ein Denkmal eigener Art. Auf einem hohen Sockel aus Marmor standen da, in Erz gegossen, welches im Laufe der Jahrhunderte eine grünbraune Patinaschicht überzogen hatte, die überlebensgroßen Figuren zweier Männer in altmodischer Tracht. Der Eine von beiden, anscheinend der Jüngere, mit wallendem Haar und freien edlen Gesichtszügen, richtete die Blicke schwärmerisch gen Himmel, während der Andere, Aeltere, eine imposante Figur, klaren Auges mit der Ruhe des gereiften Mannes in’s Weite sieht. Beide Gestalten hielten gemeinschaftlich mit je einer Hand einen Kranz; kein Name, keine Jahreszahl war auf dem verwitterten Steine mehr sichtbar. Als einige der Seeleute sich anschickten, dicht neben dem Denkmal ein Lagerfeuer zu entzünden, kam auf einmal eine seltsame Unruhe über die Eingeborenen. Mit ängstlichen Geberden drängten sie sich heran, wiesen auf das Denkmal und baten mit aufgehobenen Händen und flehenden Mienen, den Stein, auf welchem die Erzbilder sich erhoben, nicht zu berühren. Einer unter ihnen, ein Greis mit weißem Haar und Bart, in dessen Antlitz die Jahre unzählige Runzeln gegraben, wußte sich durch einige Worte und Geberden soweit verständlich zu machen, daß die Freilandleute endlich begriffen, das räthselhafte Monument gelte in den Augen der Unglücklichen als eine Art Heiligthum, dessen Berührung oder Beschädigung den Zorn überirdischer Mächte heraufbeschwören könne. Kurt, der hinzukam, trug Sorge, daß seine Leute in angemessener Entfernung von dem Denkmale ihre Vorbereitungen für das Bivouak trafen und stellte sogar eine Wache auf, welche jede Annäherung Unberufener an das Heiligthum des Ortes verhindern sollte. Die armen Menschen, als sie dies sahen, waren vor Freude fast außer sich; mit strahlenden Mienen, unverständliche Worte des Dankes ausrufend, drängten sie sich an Kurt heran, drückten ihm die Hände und küßten den Saum seines Rockes. Nachdem er sich mit Mühe ihrer Gunstbezeigungen erwehrt hatte, versuchte er, sich ihnen so gut als möglich verständlich zu machen. Er glaubte annehmen zu dürfen, daß der Ort, von welchem seine Familie stammte, hier in der Nähe liegen müsse; vielleicht war es sogar dieses Städtchen, in dem er sich just befand; vielleicht waren einige dieser unglücklichen Geschöpfe Sprößlinge desselben Geschlechtes wie er.
Aber umsonst waren alle seine Fragen und Zeichen; die Eingeborenen schüttelten die Köpfe oder stießen ein blödes Lachen aus; von den Namen, die er nannte, hatte augenscheinlich Keiner etwas gehört. Müde des nutzlosen Parlamentirens wendete sich Kurt endlich ab und ging seines Weges. Da trat jener Greis, wehmüthig anzuschauen in seinem zerlumpten Röckchen, auf ihn zu und bedeutete ihn mit dringenden Geberden, ihm zu folgen. Er führte ihn quer über den Platz durch mehrere Seitengassen, bis sie endlich draußen vor den letzten Häusern standen, wo eine mit niedrigem Gestrüpp bewachsene Fläche begann. Der Alte bog, diensteifrig voranschreitend, die Zweige der nächsten Stauden auseinander, und nun sah Kurt, daß er sich auf einem uralten, verwilderten Friedhofe befand. Im Schatten der niederhängenden Zweige lag da Stein an Stein, die Grabstätten verschollener Geschlechter, manche halb versunken in dem von Unkraut überwucherten Boden, alle mit Moos und Flechten überzogen und von Zeit und Wetter geschwärzt. Kurt’s Führer schritt rasch und achtlos zwischen den Gräbern durch, bis er eine Stelle erreichte, wo an einer verfallenen Mauer unter Fliederbüschen ein Grabstein lehnte, grau und verwittert gleich den übrigen, aber mit halbverwischten Lettern, auf die der Alte schweigend mit dem Finger deutete. Kurt beugte sich zu dem Steine nieder und begann mühsam die Inschrift zu entziffern. Nach einigen vergeblichen Versuchen hatte er den Schlüssel gefunden, die Buchstaben reihten sich ihm zu Silben und Worten, und da stand der Name, den er selbst führte, wohl in etwas veränderter Schreibweise, aber deutlich erkennbar auf der Platte; ein geborstener Stein, ein versunkener Grabhügel war die einzige Spur, die er entdeckt hatte.
Während sie den Rückweg antraten, gab er sich Mühe, seinem Führer deutlich zu machen, daß er, wenn möglich, ein noch lebendes Mitglied jener Familie zu sehen wünsche, deren Name er auf jenem Steine gelesen habe. Es war nicht ganz leicht, dem Alten das zu verdolmetschen, aber endlich bemerkte Kurt doch zu seiner Freude, wie ein Schimmer von Verständniß in den Augen seines Begleiters aufleuchtete. Der Greis nickte lebhaft mit dem Kopfe, als Kurt seine Frage wiederholte, ergriff dann seine Hand und zog ihn in ein Seitengäßchen hinein, das von einer Reihe elender baufälliger Hütten gebildet wurde. Hier bog er, nachdem sie etwa hundert Schritte zurückgelegt hatten, in einen Thorweg ein, hinter dem sich ein enger von geschwärzten Mauern eingefaßter Hof aufthat. In einem Winkel dieses düsteren Raumes führte eine schmale zerbröckelnde Stiege in das obere Stockwerk hinauf. Eilfertig kletterte der Alte hinan; offenbar war er es gewöhnt, derartige Wege zurückzulegen; Kurt folgte zögernd; die ganze Excursion fing an, ihm Bedenken einzuflößen und unwillkürlich griff er in den Gürtel, wo sein Revolver stak. Oben angelangt, traten sie in ein kleines, ganz kahles Gemach, und kaum hatte Kurt einen Schritt über die Schwelle des unheimlichen Raumes gethan, als er entsetzt zurückfuhr. Vor ihm, von einem Strohhaufen, erhob sich eine Gestalt, die nichts Menschliches mehr an sich hatte. Ein unförmlicher Wasserkopf, aus dem stiere, glanzlose Augen hervorquollen, ein zahnloser, weit offen stehender Mund, so wankte das Gespenst mit gellendem Lachen auf ihn zu. Er roch den muffigen, ekelhaften Dunst der Lumpen, sah wie ein Paar fleischloser Arme mit spinnenartigen Fingern nach ihm tasteten und ein Grauen überfiel ihn, wie er es nie zuvor gekannt hatte. Als er wieder zu sich kam, stand er allein draußen auf der Gasse; der Alte war verschwunden, aber aus dem unheimlichen Hause gellte ihm noch schauerliches Lachen nach. Scheuen Blickes sich umschauend, eilte er mit großen Schritten dem Ausgange der Gasse zu. Als er den Lagerplatz erreichte, hatte die Mannschaft soeben abgekocht und er sah nun, wie die Eingeborenen, angezogen von dem Dufte der brodelnden Speisen, sich gierig herandrängten und sehnsüchtige Blicke in die dampfenden Kessel warfen. Der Vorrath der Expedition an Conserven aller Art, der unterwegs noch durch reiche Jagdbeute vermehrt wurde, war ansehnlich genug, um den armen, hungrigen Leuten manch saftigen Bissen zukommen lassen zu können und die Art, in welcher diese verkümmerten Geschöpfe ihre Dankbarkeit bezeigten, war wirklich rührend.
Die Sonne neigte sich dem Untergange zu, da bemerkte Kurt, wie zuerst Einzelne, dann immer mehr und mehr Eingeborene sich in die Nähe des Denkmals begaben, dort auf die Kniee sanken und in betender Stellung verharrten. Die Menge vergrößerte sich durch Zuzug aus den umliegenden Häusern und Gassen und endlich mochten wohl mehrere Hundert beisammen sein, welche ihre Andacht vor dem Standbilde verrichteten. Als der letzte Sonnenschimmer verschwunden, schlichen sich die Betenden still davon und Kurt sah ihnen, in Gedanken versunken, lange nach. Er hatte nicht bemerkt, daß Willy zu ihm getreten war, bis er beim Klange seiner Stimme emporfuhr:
„Sie glauben, daß die Männer da oben zwei Brüder aus göttlichem Geschlechte vorstellen, die vor vielen hundert Jahren vom Himmel herabstiegen, um den Menschen das Licht zu bringen. Die Schlechtigkeit der Menschen aber zwang sie, in ihre himmlische Heimath zurückzukehren. Nun beten diese Armen zu ihnen, immer in der Hoffnung, daß die Göttergestalten einmal wiederkehren und ihnen das verschwundene Paradies zurückbringen.“