»Sie befolgten den unerbetenen Rat?« Ihre Frage klang beinahe träumerisch, denn sie sagte sich unterdessen: wenn er mit seinen lieben Büchern so sorglich umging – wie gut würde es erst eine … ein geliebter Mensch in seiner Nähe haben … und sie errötete verwirrt.
»Den zweiten, ja. Ich wußte nun, daß ich fünfundzwanzig Pfund trug, das machte das Tragen schwerer. Die Eilfracht wohnte zwölf Minuten von der Post entfernt, auf dem Bahnhof. Man empfing mich dort ziemlich hastig, denn am Samstag nachmittag, gegen halb sechs, nicht wahr, da hat man bald Schluß vor, Ruhe, Sonntag. Der Beamte bemerkte, man wolle es besorgen, aber ob ich wisse, was es koste? Und er nannte mir den Preis, denn die Menschen sind dort leutselig. Er betrug etwa das doppelte des Postsatzes. Hm, sagte ich. Ja, sagte er, soviel koste es, und wenn ich es billiger haben wolle, was mir niemand verdenken könne, kein Mensch nicht, so sollte ich doch die Post nehmen, oder die gewöhnliche Fracht. Dazu brauchte ich nur auf den Güterbahnhof zu gehen. Wir schrieben Samstag, und am Montag um neun Uhr gedachte ich abzufahren.« Jetzt konnte nichts mehr vermieden werden, selbst wenn man es dringend wünschte …
»Sie gingen also wieder zur Post?« lachte sie ihn an. Wie umständlich solch ein Mann sein konnte. Aber gerade das machte ihn so entzückend kindlich.
»Ich wandte mich der Fracht zu, Fräulein Claudia. Ja. Ich ging nach dem Güterbahnhof. Er lag ziemlich weit vor der Stadt, wie solche Baulichkeiten eben zu liegen pflegen. Ich schleppte meine fünfundzwanzig Pfund bald unter dem rechten, bald unter dem linken Arm. Es blieb ein Viertelzentner. Da lachen Sie nun,« sagte er und lachte mit. Vielleicht war es doch nicht so gefährlich, vielleicht ging alles noch gut ab. Gib, daß es so sei, sagte er dringlich zu irgend wem.
»Hatten Sie denn nicht die Idee, jemand zum Tragen zu mieten?« Wenn er lachte, sah er aus wie ein Junge.
»In der Tat, diese Idee hatte ich, sie lag ja nicht allzufern, aber einerseits sah ich niemand in der Nähe, und andrerseits ging ich zwar jetzt allein, zu zweien aber wären wir eine Karawane gewesen, und dergleichen mißfällt mir. Ich kam auch allein endlich zum Güterbahnhof.«
»Hier hatte doch die liebe Seele Ruh, nicht wahr?« – Die Erkenntnis, die er unter Wunsch und aufsteigender Leichtigkeit begraben hatte, sprang jäh auf und stand da, schwarz und vernichtend: er gab sich verloren.
»Ja, Claudia, in gewisser Weise wenigstens. Also, da lag ein ziemlich umfangreicher Komplex, wie? Mit Rampen, Schuppen, großen Schiebetüren und dergleichen. Auch mit Büroräumen. Aber alles fest geschlossen. Nun, es schlug viertel sieben, Sie verstehen. Ich ging entlang, entlang, dann bog ich um Ecken, denn ich dachte mir, man läßt doch so etwas nicht allein. Nicht einmal ein Hund bellte, worüber ich mich übrigens freute, denn Hunde machen mich nervös. Endlich hörte ich ein Klopfen und Pochen, und da fand ich einige Leute mit Eisenbahnermützen auf dem Kopfe irgendwie untergeordnet beschäftigt, und ein Mann befehligte sie, der gar nicht amtlich aussah, sondern ein kleines Jackett anhatte und eine Reisemütze, eine Art Jockeymütze auf den Haaren. An den wandte ich mich mit meinem Viertelzentner. Nun, er sprach ungeheuer freundlich, ich solle das Zeug nur dalassen, er wolle das Zeug schon besorgen, da brauchte ich gar keine Sorge zu haben, er würde schon sehen und am Montag ging's fort, da sei gar kein Wort mehr not. Ich sagte ihm vielen Dank, ließ mein kostbares Volumen, das er Zeug nannte, in seinen Händen zurück und machte mich auf den Heimweg.« Seine weiche und hohe Stimme klang noch heiserer als sonst. Claudia bemerkte es:
»Gott sei dank,« sagte sie lächelnd; »nehmen Sie noch Tee?«