»Ja, das dachte ich auch. – Nun, wenn ich bitten darf, noch eine Tasse, den letzten, danke. Ich fühlte mich ziemlich guter Laune; die Sonne ging bald unter, es war kein übles Wetter und ich pfiff, was, weiß ich nicht mehr.«

Er hielt zu kurzer Pause inne und senkte den Blick, der durstig von ihrem Gesicht getrunken hatte. Sie aßen beide längst nicht mehr. Schade, dachte er, während er den Tisch besah, auf dem das gebrauchte Gerät ungeordnet und unschön stand, unsere Bedürfnisse hinterlassen noch immer Häßlichkeit, trotz aller Pflege. Wie hübsch sah vorhin dieses Tischchen aus, mit dem hellen Schein auf all dem Weiß von Porzellan und Linnen … und ist jetzt ein schlimmer Anblick … Da stand Claudia auf und bat: »Einen Augenblick, lieber Freund, ich schlage einen Umzug vor; dieser Tisch verstört mich. Nehmen wir unsere Tassen und rauchen wir nebenan eine Zigarette. Wie?«

Er fand in frohem Staunen über die Gleichzeitigkeit dieses Gefühls kein Wort; er ergriff nur seine Tasse und folgte ihr stumm und vorsichtig in den rotbraunen Raum. Und während sie sich im Hin- und Hergehen alles nötige Geschirr holten, wollte aus diesem nebensächlichen Geschehnis in ihm eine blasse Hoffnung wachsen. Sie hatten dennoch Gemeinsames, vielleicht mehr als sie wußten – sollte er nicht auch davon reden, wie sehnsüchtig und erstarrt und gleichgültig gegen alle äußeren Dinge er damals hinlebte? Sollte er sich nur beklagen, nicht auch entschuldigen und erklären? Daß er sich für sie unbedingt und ohne Zögern in jede Tat stürzen würde – sollte er das nicht gestehen? Nein. Nein, nein. Seine Aufgabe stand, genau umrissen. Wenn sie ihn gesehen hatte, konnte sie entscheiden. Es mochte ja nicht unbedingt sicher sein, daß sie ihn verwerfen werde. Aber die Hoffnung war verblüht.

Ein kleines Tischchen stand zwischen ihnen, auf dem ein Licht mit orangenfarbenem Schirm brannte, und breite rote Klubsessel nahmen sie auf, während das Zimmer rings umher mit unbestimmten Gegenständen und zurückgewichenen Grenzen rötlich verdämmerte. Eine hohe Uhr pochte beharrlich und mahnend. »Ich bitte … Sie ziehen die Zigarre vor;« und Claudia atmete schon den weißen und duftenden Rauch aus. »Eigentlich soll ich nicht rauchen … danke, da ist Feuer. Wo hielt ich … Wenn Sie noch weiter hören wollen. Wie vorhergesagt, es ist langweilig.« Wenn sie jetzt ablenkte, wenn sie genug hatte, so konnte man in Ehren aufhören und ein andermal den Abschied in Szene setzen. Nur noch diese Stunde bat er genießen zu dürfen, dies rauchende Mädchen ansehen, auf dessen Gesicht wie Goldflecken das Licht lag hinter dem wohlriechenden Schleier von Rauch.

»Gar nicht. Erzählen Sie nur, obgleich ich nicht weiß, was noch kommen kann; es ist ja fertig, und Sie gingen guter Dinge heim.« Aha, es war fertig, in der Tat, es war fertig – und es zitterte einen Moment lang in ihm nach: fertig.

»Richtig, ich pfiff. Plötzlich hörte ich mittendrin auf – halt, ich weiß es jetzt, ich pfiff den Tannhäusermarsch – und erschrak vor einem Gedanken. Mir fiel ein, wie leichtsinnig ich gewesen war. Der Mann hatte mir ja keinen Schein gegeben, ein Papier, daß er von Dr. Rohme ein Paket bekommen habe. Er hatte auch kein sichtliches Zeichen eines Beamten gehabt. Es genügt doch nicht, über Eisenbahnmützen zu kommandieren oder vielmehr müßig bei ihnen zu stehen, um eine Vertrauensperson zu sein. Dieser Mann brauchte das Paket nur zu öffnen, um morgen meine schönen Bücher bei allen Antiquaren der Stadt zu zerstreuen, ich wußte ja nicht einmal seinen Namen, nur: ein kleines Jackett, ein Jockeymützchen – wenig, wenig. Ich hatte schon ein ziemliches Stück Weges hinter mir, ich blieb also stehen und wollte mich entschließen, zurückzugehen –«

»Was sehr weise gewesen wäre,« schaltete Claudia ein –

»Da besann ich mich, daß man diese Eisenbahnmützen, die am Samstag Nachmittag um ein viertel sieben Uhr an der und der Stelle gearbeitet hatten, sicherlich ermitteln konnte. Sie stellten Zeugen dar, drei wohlbeleumdete Zeugen. Das dürfte mir genügen. Sie mußten nötigenfalls schwören, daß ich dem Jockeymützchen ein rundliches Paket anvertraut hatte; und getröstet machte ich mich wieder auf den Weg zur Stadt, denn ich war müde und hungrig.« Er lächelte leicht und erinnert, von Vergangenheit überkommen. »Ihre Bücher hätten Sie durch diese Zeugen aber auch nicht wiederbekommen,« sagte sie sachlich. Man würde heute nicht mehr zu jener Unterhaltung kommen, die sie vorhin verschoben hatte, denn die Uhr lehrte sie, daß es allmählich spät wurde. Nun, morgen.

»Oder nur schwer. Aber ich rechnete damit, daß auch der Mann des kleinen Jacketts an sie dachte. Sie bildeten eine moralische Ziffer. Mit einem Male traf mich diese Idee des Moralischen. Wie? Moral? Aber Geld war sicherlich stärker als Moral. Arme Leute haben Geld lieber als Moral, Arbeiter sind arme Leute, folglich, nun?« Er mußte einen Augenblick innehalten. Mitten im Sprechen wurde ihm bewußt, daß er von nun an wieder zu Monolog und Stummheit verurteilt sei; das nahm ihm den Atem. Er sah sie an, – sie dachte: um sie zu einer Äußerung zu veranlassen, und sie zog harmlos den Schluß, indem sie fand, daß seine Augen sehr gütig seien. »Folglich brachte er sie gegen Geld zum Schweigen.« Und die Form seiner Stirn wies sicherlich zarte Schönheit auf.

»Natürlich,« rief er ungesund lebhaft aus, »man konnte sie bestechen. Reisemützchen würde für meine Bücher eine anständige Summe haben, davon konnte er ein paar Mark opfern, und meine Zeugen waren dahin, schwiegen, blieben stumm wie das Grab, um dem Volksmunde nachzureden. Und unter dem Druck dieser starken Möglichkeit blieb ich stehen, überwand Hunger und Müdigkeit und marschierte zurück. Ich kam kurz nach dreiviertel auf sieben an die Stelle, auf der ich mein Volumen ausgeliefert hatte. Niemand da. Ich durchirrte den ganzen Güterboden. Personne. Ich rief – umsonst. Endlich, um viertel acht, voll von Ekel und Unglück über meinen Leichtsinn, hungrig und müde doppelt so sehr als zuvor, ging ich nach Hause. Um acht kam ich in die Stadt. Ich wollte die Mutter des Bürgers zu Rate ziehn, die Polizei, aber ich schämte mich, und dann war es mir auch schon gleichgültig.« Wozu erzählt er mir das eigentlich, fragte sie sich in leichtem Erstaunen. Es ist nicht besonders appetitlich. Dann schämte sie sich jedoch und sagte als Buße mit hörbarer Teilnahme: