„Nicht möglich! Du mußt Wachen aufhellen, den Diebstahl verhindern!“
„O nein, lieber Bruder! Im Gegenteil! Es wird mich sehr freuen, wenn
sich unsere Graničari, allen voran der Starešina, in dieser Nacht meine
Erdäpfel — ‚verschaffen‘! Du mußt nämlich wissen, lieber Bruder, daß der
Grenzer niemals stiehlt; er ‚verschafft sich‘ nur eine ihm nicht eigene
Sache! Und da im Regimentsbefehl deutlich zu lesen ist, daß wir den
Graničari ‚Gelegenheit zum — Verschaffen‘ geben sollen, rühre ich
ordergemäß keinen Finger, so unsere Grenzer sich heute nacht sämtliche
Erdäpfel aus meinem Küchengarten holen!“
„Ah! Jetzt verstehe ich alles! Die Erdäpfel hast du mit der Gans braten lassen, damit….“
„Stimmt! Und jetzt verlöschen wir das Licht; im Dunkel der Nacht wollen wir vom rückwärtigen Zimmer aus beobachten, wie sich die Graničari die Gänsekartoffeln holen!“
So geschah es.
Am Morgen stellte Kommandant Tonidandel in Gegenwart des Hauptmanns Pegan dienstlich fest, daß im Küchengarten nicht eine Kartoffel mehr zu finden war. Diese „Konstatierung“ erfolgte zum Zwecke, daß dienstlich an das Regimentskommando der — Vollzug des Befehles gemeldet werden konnte. Pegan unterschrieb das Dienstschreiben als Zeuge.
Tonidandels Hoffnung, mit einem Erdäpfel-Befehl so bald nicht mehr belästigt zu werden, erfüllte sich vollauf; denn der Regimentschef schien sich zu beruhigen mit der Vollzugsmeldung. Und die Grenzer wollten von den Kartoffeln nichts wissen, weil die „verschafften“ Erdäpfel aus dem Kompagnie-Küchengarten nicht nach — Gänsebraten schmeckten.
Und bei den Graničari galt es fürder ausgemacht, daß der Starešina ein „großer Lügner“ sei….
* * * * *
So zurückgezogen, gesellschaftlich abgeschlossen Kommandant Tonidandel im Städtchen lebte, ab und zu besuchte er doch den Prota (Erzpriester der griechisch-orthodoxen Gemeinde), einen ehrwürdigen Greis mit schneeweißem Bart und langem Silberhaar, im Pfarrhause. Sowohl der ruhige Prota wie seine Gattin, die stille Poša (Poscha), besonders aber die liebliche Tochter Maca (Matza, Marie) waren dem bärbeißigen Kompagniekommandanten überaus sympathisch. Tonidandel fühlte sich wohl bei dieser Familie, zumal ihm der Prota, der, wie alle Stände in der Militärgrenze, unter dem Militärgesetz und der Militärverwaltung stand, nie Unannehmlichkeiten, Verdruß oder Scherereien verursacht hatte. Gelegentlich vom Prota geäußerte Worte über die drückende Militärdidaktur, über den Despotismus des Regimentschefs nahm Tonidandel umso weniger übel, als der Kompagniekommandant doch selbst seine eigene, nicht gerade rosige Meinung über den gewalttätigen Chef hatte.