Als eine Pappellallee in Sicht kam, waren die Zurufe der Bauern: „Zivio gospodin tajni savjet!“ (Hoch, Herr Geheimer Rat!) leicht als „eingelerntes Zeug“, befohlen vom Gutsherrn, zu erraten.

Mittags gab es mit umständlicher Feierlichkeit den Willkommstrunk mit — onomatologischer Beigabe. Der Mensch lernt nie aus. Zwar bestritt der Schloßherr nicht die Möglichkeit, daß das kroatische, mit nur einem „l“ zu schreibende Wort „Billikum“, also „Bilikum“, vom Deutschen abgeleitet und dem kroatischen Wortschatz einverleibt worden sein könne, aber sehr wahrscheinlich sei solche Anleihe nicht, da das Wort „Bilikum“ „spielend leicht“ aus dem Kroatischen erklärt werden könne: „Pije-li, kume?“ (Will er trinken, Gevatter?) Piti = trinken, pijem = ich trinke.

Angesichts des „zweiliterigen“ Willkommsbechers erstarb jede
Widerspruchslust. Der Wissenschaft halber wurde zunächst diese
Ableitungstheorie notiert; dann ging's an die Leerung des
Willkommsbechers. Eine kurze Dankrede und ein prächtiges „Diner“ darauf,
hernach erquickender Erholungsschlaf im Bett.

Auf kroatischen Edelsitzen hatte ich erstaunlich viel Glück insofern, als zur rechten Zeit Schlechtwetter eintrat und dadurch das „Schnüffeln“ in Archiv und Bibliothek ermöglicht war. Fundgruben kostbarer Art für Kulturhistoriker. Im Archiv des „Kume“ (Gevatters), so nannte meine Wenigkeit in Gedanken den Hausherrn wegen der Ableitung des Wortes ‚Bilikum‘ aus dem Kroatischen, gab es ziemlich viel handschriftliches Material aus der Franzosenzeit. Darüber wurde begreiflicherweise bei Tisch, besonders abends, eingehend gesprochen bunt durcheinander in drei Sprachen, von denen wir wegen hochgradiger „Vergeßlichkeit“ das gallische Idiom Unbehagen verursachte. Darauf aufmerksam zu machen, daß „mein Französisch“ „verschwitzt“ sei, fehlte die Gelegenheit. Im Sprühfeuer dieser noch dazu sehr flink geführten Gespräche begann der Gast Schlimmes zu — ahnen. Am Ton war bei einer Gesprächswendung die Ironie herauszuhören; doch nicht für Kroatien und sonstige Königreiche als Belohnung ergab sich die Möglichkeit, rasch den Sinn zu erfassen, als der Hausherr schalkhaft lächelnd erwähnte: „J'ai du bien au soleil!“

Von allen Göttern verlassen, übersetzte der Gast in Gedanken so rasch
als möglich wortwörtlich und damit regelrechten Blödsinn! „Ich habe viel
— Sonne!“ Anzuwenden wäre aber die ironisch gemeinte Deutung gewesen.
„Ich bin Gutsbesitzer!“

Alle Augen richteten sich auf den Gast, von dem eine Äußerung erwartet wurde.

In dieser peinlichen Lage flogen zu allem Unglück die Gedanken aus Kroatien nach Tirol; der Satz unseres alten Ludwig Steub im Fremdenbuch der altberühmten Weinstube des Gasthauses „Klause“ bei Kufstein trat in Erinnerung und beherrschte alles. „Einschreiben, einschreiben, nichts leichter als das, wenn man nur immer gleich wüßte: was?!“ — Im gegebenen Falle: Reden, reden; nichts leichter als das, wenn man nur wüßte: was!… Flink von Tirol weg und hinein in die — kroatische Grammatik, und das Zünglein plapperte die Antwort auf den französischen Witz: „Nemam sada sunce!“ (Ich habe jetzt keine — Sonne!)

Schallendes Gelächter. Die Tafelrunde krümmte sich und schrie wie toll geworden. Und hielt diese gräßliche Antwort für einen — sprühenden Witz, der mit schrecklichem Lärm und Händeklatschen aufgenommen wurde.

Als sich die Tischgäste etwas beruhigt hatten, glückte es mir, das Mißverständnis aufzuhellen und die Bitte vorzubringen, das längst vergessene Französisch wegzulassen und zugunsten meines Lerneifers Kroatisch, reines Kroatisch, aber hübsch langsam, zu sprechen. Diese ehrliche Bitte wurde Anlaß, daß der Hausherr die „Episode des Herrn Nikola von Zdenčaj“, der damals, zur Franzosenzeit Kroatiens, Obergespan des Agramer Komitates war, zum besten gab, und zwar viel witziger, als sie in von Tkalac' „Jugenderinnerungen“ zu lesen ist.

Herr von Zdenčaj (etwa mit „Brunner“ zu übersetzen), war ein arger Französling, der sein Geld nach Bojarenart viel lieber in Paris als in Agram oder Wien „verjuxte“. Er blieb in Kroatien, als die Franzosen sein Vaterland besetzten, machte aus seiner Vorliebe für Gallien nun erst recht kein Hehl und gab sich alle Mühe, „echt französische“ Dienerschaft in sein Haus zu bekommen. Das gelang aber nicht, obwohl Zdenčajs Freunde in Paris alles versuchten, Domestiken für Kroatien anzuwerben; nur einen Sprachlehrer konnten sie senden, der dann die kroatische Dienerschaft Zdenčajs in „Pariser“ Domestiken ummodeln sollte. Mehr Talent als der Deutsche hat ja der Slave für fremde Sprachen; doch zu raschem Erlernen gehört doch auch ein gewisses Maß von Intelligenz. Die Diener Zdenčajs versagten kläglich, merkten sich kaum die französischen Taufnamen, mit denen sie angerufen wurden. Im Hausdienst mußte Französisch gesprochen werden; Zwangsdressur, unzählige Probediners, damit die kroatischen Diener das Servieren und Sprechen auf Pariser Art für das große Festmahl am — Napoleonstage erlernten. Ein Ereignis sollte dieses Festdiner für Westkroatien werden. Gelehrig oder doch anstellig, gut brauchbar waren Zdenčajs Domestiken unbestreitbar, doch ein gewisses Mißtrauen wurde der Gebieter nicht los. Deshalb hielt er am Festtage selbst noch am Morgen eine Probe an der bereits geschmückten Tafel ab. Zdenčaj erteilte seine Befehle im Französisch jener Zeit, im „Bojaren-Patois“; die in „Jean“, „George“, „Pierre“ usw. umgetauften kroatischen Diener antworteten „französisch“, machten ihre Sache gar nicht schlecht während dieser Generalprobe, so daß Zdenčaj aufatmete und beruhigt dem Festdiner entgegensah. Bis zum Abend fühlte sich Zdenčaj als Grandseigneur, und als solcher begrüßte er seine französischen und kroatischen Gäste. Erstere waren in der Mehrheit, da Militär und Beamtenschaft geladen war. Slavische Gastfreundschaft sollten die Franzosen kennen lernen, Gastlichkeit in üppigster Form, sich aber wie daheim in Frankreich fühlen durch die Art der Bedienung. Zdenčaj haßte das laute Flaschenöffnen bei Tisch, den Lärm, das „Schnalzen“ der kräftig und rasch gezogenen Korke; deshalb waren vor Dinerbeginn ganze Batterien edler französischer Rotweine geöffnet und in einem Nebenraume bereitgestellt worden. Für diese Seltenheiten interessierten sich die Diener des Hauses Zdenčaj viel stärker als für die erwarteten Gäste, so daß die Domestiken schon eine Stunde vor Beginn des Festmahles nach — Burgunder dufteten und „weinselige“ Augen machten.