Der Blick des Bocchesen funkelte auffallend spöttisch, musterte mich angejahrten Knaben so seltsam ironisch, daß gefragt werden mußte, was denn in Teufels Namen schon wieder „unschön“ in den gebrauchten Worten sei. Aus der Zigarettendose nahm der Bocchese eine Papyros, zündete sie an, und sprach: „Liepa hvala! Unschön ist das Wort: ‚naj‘! Und verfänglich die Wörter: ‚na liepse‘!“

So gewandt im Sprachgebrauch war ich nicht, um den Unterschied zwischen dem von mir gebrauchten Wörtchen „naj“ und dem vom Kapitän anzüglich gesprochenen „na“ sofort herauszuhören und zu erfassen. Erst viel später kam ich dem trockenen Witz des Bocchesen auf die Spur. Ich hatte mit dem „naj“ die Superlativbezeichnung gebraucht und gesagt: „sehr schön!“ Der Witz im Wortspiel bestand darin, daß der Bocchese sagte: „na liepse!“ (Zu den Schönen [Mädchen]).

Etwa ein Stündchen darauf fuhren wir im Hafen einer Küstenstadt ein, wo das Privatissimum bei Wein und Rauchopfer stattfinden sollte. Winkt einem Kapitän dienstfreie Zeit, dann hat es mit der Ausbootung Eile. Sonst im Dienst sind just die südländischen Bocchesen wie von Erz und Granit. Ein Blick des Kapitäns, und schon rief er mir zu: „Bržo, bržo, naj brže!“ (Schnell, schnell, schnellstens!)

Ja, Bauer, es ist eine andere „Wurst“, wenn ein Bocchese das Wörtchen „naj“ zur Superlativbezeichnung benützt oder ein Deutscher mit dem ehrlichen Bestreben, eine Sprache ordentlich zu erlernen. Selbstverständlich wurde bei gutem Rötel von der Insel Lissa und köstlichem Dalmatinertobak dem Bocchesen diese „Wurst“ unter die Nase gerieben. Doch der Erfolg war kläglich gering. Alles, was dem Kapitän herausgelockt werden konnte, waren zwei Worte: „jako interessante“. Vom Wein wurde nur genippt; aber das Drehen von Zigaretten aus dem goldgelben wundervollen Tobak und das Rauchen ging großartig flink, najbrže. Als dann im Gespräch auch meine Wenigkeit das Verstärkungswörtchen „jako“ (=stark, sehr) gebrauchte, erfolgte die Belehrung, daß „dies“ „unschön“ sei, die kroatische Sprache „beleidigt“ werde usw.

Studienfahrten in Dalmatien werden wohl in jedem Reisenden sehr wirksame Eindrücke hinterlassen; eines aber ist in diesem slavischen Lande sicher nicht richtig zu studieren, nicht zu erlernen: die kroatische Sprache!

Also wurde das Land ausgesucht, bereist und studiert, wo — angeblich — reines Kroatisch gesprochen wird, alles ganz anders und „jako (vrlo) interessante“ ist.

Das in seinen gebirgigen Teilen märchenschöne Land Kroatien hat neben anderen Vorzügen die schöne Eigenschaft, daß man — genügend Zeit vorausgesetzt — alle Notabeln kennen lernen, die wunderbare kroatische Gastfreundschaft genießen kann, wenn man mit einem einzigen Adeligen befreundet ist. Aber, woher die Zeit nehmen! Der Aufenthalt auf jedem Edelsitz (curia nobilis) — schon von weitem erkennbar an der zum Schloß führenden, kennzeichnenden Pappelallee — verschlingt wenigstens eine Woche, da doch auch der Bibliothek und der Umgebung volle Aufmerksamkeit gewidmet werden muß, wenn man zu Studienzwecken im Lande weilt.

In allen südslavischen Ländern stößt man auf rührende Dankbarkeit, wenn die Leute merken, daß man als Reichsdeutscher den guten Willen hat, sich der betreffenden Sprache nach Möglichkeit zu bedienen. Besonders in Kroatien ist das „bocchesisch-marinierte“ Nörgeln (übrigens mehr scherzhaft als bissig gemeint) nicht üblich; Belehrung wird auf freundliche Bitte hin bereitwillig und freudig in zartester Form erteilt.

Von Zara aus hatte meine Wenigkeit für einen bestimmten Tag die Ankunft auf einem kroatischen Edelsitz mit einem kroatischen bržojav (Telegramm) angesagt. Von der letztmöglichen Eisenbahnstation ging es zu Wagen in sausender Fahrt auf staubiger Landstraße dahin. Der Insasse war von der langen Reise müde, übernächtig, schlaftrunken, wenig empfänglich für die Schönheit des Sommermorgens in fruchtbarer Gegend. Nicht das geringste Interesse war vorhanden für die Reitertruppe, die auf abgemähter Wiese übte. Soll die Stimmung des „tunkenden“ Reisenden genau wiedergegeben werden, ist's nur in bajuvarischer Sprache möglich. „Mei' Ruah' möcht' i!“ Schlafen, ausruhen um jeden Preis.

Daß sich beim Anrollen meines Wagens von der Kavallerieeskadron ein Offizier entfernte und gegen die Straße galoppierte, war mir unsäglich — „wurscht“. Aber der Offizier hoch zu Roß tauchte am Wagenschlag auf, grüßte höflichst auf kroatisch und hieß den Gast dann, im Trab mitreitend, in deutscher Sprache auf kroatischem Boden willkommen mit den Worten. „Gute Ankunft, Herr — Achleitner! Lustig sein! Zum Abend kommen wir alle zur Begrüßung! Servus!“ Und weg war der Offizier. Der Schlaf war auch weg. Ich fühlte ordentlich, daß mein Gesichtsausdruck „schafmäßig“ war. Beispiellos verblüfft.