Wegen dieses „witzigen Frauenspieles“, das noch immer in der Erinnerung lebt und auch mir im Jahre 1912 in Kroatien erzählt wurde, hat Dr. von Tkalac um 1840 einen seiner Verwandten interpelliert, der an diesem „Weibertausch“ damals „aktiv“ beteiligt war. Die Antwort ist in Tkalac „Jugenderinnerungen“ wie folgt festgehalten: „Was willst du, es war eine tolle Zeit! Da wir beinahe alle Hörner trugen und dabei keiner erfuhr, wer von uns ihn damit gekrönt hatte, war es das klügste, zu schweigen. Hätten wir uns alle etwa wie die närrischen Franzosen schlagen und gegenseitig niedersäbeln sollen? Was nun einmal geschehen war, konnte man doch nicht ungeschehen machen. Und wenn die Frauen keinen Lärm schlugen, mußte man annehmen, daß sie … zufrieden waren.“
Als 72jähriger Greis bewertete der auf seine kroatische Abstammung sonst ehrlich-stolze, hochgebildete Dr. von Tkalac diese Ereignisse in seinen „Erinnerungen“. „Es muß eine ‚tolle Zeit‘ gewesen sein, in welcher den Menschen jede Fähigkeit zu ernstem Denken und ernster Arbeit abhanden gekommen zu sein schien. Der österreichische große Staatsbankerott vom Jahre 1811 scheint merkwürdigerweise diese stets lustige und leichtsinnige Generation gar nicht berührt zu haben.“
Auf die tolle Zeit folgte 1817 eine schreckliche allgemeine Hungersnot und bitterste Verarmung. Der Wucher kam zu höchster Blüte und richtete besonders die Grundbesitzer völlig zugrunde. Um sich über Wasser zu halten, nahmen sie nominell zu zehn und zwölf vom Hundert Geld auf, und da sie nicht mit Bargeld zurückzahlen konnten, zahlten sie in Naturalien — Wein, Getreide, Pflaumen (zum Branntweinbrennen), Heu, Bau- und Brennholz — , die ihre Gläubiger ihnen zu wahren Spottpreisen abkauften, wodurch sich die Zinsen auf dreißig und vierzig Prozent erhöhten. Oder die Grundbesitzer suchten sich dadurch zu helfen, daß sie einen Teil ihres Allodialbesitzes oder ihrer Untertanen mit Haus und Grundstücken verpfändeten, so daß manchem Grundbesitzer, der fünfzig und mehr Untertanenhäuser besessen hatte, schließlich nur fünf oder sechs übrigblieben, mit denen er außerstande war, sein Gut zu bewirtschaften, und deshalb gänzlich verarmen[13] mußte.
Erst der neue Staatsbankrott von 1817 mit der fürchterlichen Hungersnot konnte die Menschen ernüchtern und dem gedankenlosen „lustigen“ Leben ein trauriges Ende bereiten. Für die meisten war es schon zu spät. Die wenigen, die sich aus dem allgemeinen Schiffbruch retteten, waren zur größten Einschränkung ihrer Bedürfnisse genötigt….
Fußnoten:
[13] Aus jener Zeit stammt die österreichische Bezeichnung „Zwetschgenbaron“ für verarmte kroatische Edelleute. D.V.
Sprachliches Durcheinander.
Während einer längeren Jachtfahrt zum Besuche der dalmatinischen Inseln hatte meine Wenigkeit die Wahrnehmung gemacht, daß das Italienische kroatisiert, das Kroatische italianisiert wurde und wird. Dies sowohl an Bord wie in den Küstenstädten. Es hieß also sehr aufpassen für den, der die kroatische Sprache aus der Grammatik, ohne Lehrer hatte erlernen müssen. Mit Kenntnis der italienischen Sprache, etwas vertraut mit dem in allen Adriastädten gesprochenen Venezianer Dialekt ließ sich zur Not durchkommen, wenn die Leute langsam sprachen. Dies tun aber die Mädchen und Frauen des Litorale grundsätzlich nicht; nirgends in der Welt wird so rasend schnell gesprochen, auch bei nichts weniger denn aufregenden Anlässen, als in den Küstenorten Dalmatiens. Mein bissel Kroatisch konnte in Dalmatien keine „Siege“ feiern; erweitert und verbessert wurde es unter italienischem Einfluß nicht. Wesentlich besser ging es droben in Montenegro, wo die serbokroatische Sprache vom Kaufmannsitalienisch nicht „infiziert“ worden ist.
Der Rat eines Schiffskapitäns, gebürtigen Bocchesen, lautete dahin.
„Reisen Sie nach Kroatien, um die Sprache rein und unverfälscht zu hören
und auszutilgen, was Sie vom dalmatinischen Kroatisch Unschönes zur
Grammatik dazugelernt haben!“
Ich hätte kein die Gründlichkeit liebender Deutscher sein müssen, wenn nicht um Bekanntgabe „unschöner“ Ausdrücke gebeten worden wäre. Von einem Taubstummen erfährt man tiefste Geheimnisse viel leichter und eher, als man von einem kroatisch-italienischen Kapitän Belehrung über Sprachhäßlichkeiten erhält. Doch wie man mit gut gebratenem Speck Mäuse fängt, so kann man mit österreichischen Zigaretten (die es 1912 noch in entzückender Beschaffenheit gab) den verschlossensten Bocchesen — gesprächig machen. Wobei der Wein nachhelfen kann, so das „Versuchskaninchen“ Zeit und eine Weinzunge hat. Es wurde also ein sprachliches Privatissimum an Land in einer guten Weinstube vereinbart, und zwar der Sicherheit halber in drei Sprachen: Italienisch, Kroatisch und Deutsch. Der Bocchese begnügte sich mit dem Wörtchen: „Jest!“ (Ja!) Worauf meine Wenigkeit herausquetschte: „Liepa hvala! Naj liepse!“ (Schönen Dank! Sehr schön!)