Im Umkreise von mehreren Meilen kennen sich selbstverständlich die Grundbesitzer überall. Gegenseitige Besuche mit ganzer Familie waren von jeher zu gewissen Zeiten oder bei besonderen Anlässen üblich. Zu jagdlichen Veranstaltungen (großen Treibjagden) erschienen nur Herren in großer Anzahl, immer mit eigenem Fuhrwerk und Dienerschaft. Zu Familienfesten jedoch jeweils die Familien mit Kind und Kegel, gesamtem Troß, mitunter sogar mit Tafelzeug, wenn etwa bekannt war, daß wegen übergroßen Andranges von Gästen Mangel an Tischgeräten eintreten konnte. Infolge der plötzlich ausgetretenen Vergnügungswut hielt man sich nicht mehr an die früher üblich gewesene Besuchsansage oder Einladung: man erschien mit gesamter Familie, Dienerschaft, Pferden und Geschirr eines Tages auf dem nächstgelegenen Edelsitz, feierte das Bilikum, blieb mehrere Tage, d. h. bis der betreffende Gutsbesitzer erklären mußte, daß er nichts mehr zu bieten habe und gezwungen sei, sich mit seiner Familie den Gästen — anzuschließen, die nun weiter zum nächsten Edelsitz zogen.
Schwatzen, Essen und Tanz für Frauen und Töchter, Essen, Trinken, Tanz und Kartenspiel für die männliche Welt. Mitunter mehr als ein Dutzend vielköpfiger Familien zusammen auf dem „heimgesuchten“ Edelsitz. Von einem Gut zum andern, bis alles — „abgegrast“ war; dann boten aber die zigeunernden Gäste selbst Gastfreundschaft bis zum letzten Kalb, Schwein, Faß und Knopf. Dieses Herumziehen währte im Turnus, der nicht ängstlich in den nachbarlichen Grenzen gehalten werden mußte, da man auch bei nichtbenachbarten Gutsbesitzern „einfallen“ konnte und Gastfreundschaft fordern durfte, bis der Winter mit Regengüssen und Schnee die damals schlechten Straßen unfahrbar machte, auf den Edelsitzen Vorräte nicht mehr vorhanden waren.
Tropfenweise kamen die Schilderungen vom Prunk der endlosen Feste aus Wien nach Kroatien. Vom Ausspruch des ritterlichen geistvollen Fürsten de Ligne: „Le congrès danse, mais il ne marche pas“ (der Kongreß tanzt, aber er geht nicht vorwärts), interessierte die adeligen Kroaten nur der erste Satzteil, und den Ausspruch der Gräfin Bernstorff, der Gemahlin des dänischen Gesandten („Es ist, als käme man vom Lande und sehne sich nach langentbehrter Zerstreuung„), drehten die kroatischen Notabeln einfach um: sie trugen die langentbehrte Zerstreuung auf's Land — hinaus! Das neumodische Karussellreiten des Hochadels in Wien wurde auf manchem Edelhofe nachgeahmt und als Sport nicht wenig belacht. Für die Volksfeste im Wiener Prater fehlten Verständnis und Gelegenheit; doch hatten die Notabeln im slavischen Süden ihre Freude an den Wiener Scherzen, z.B. an der Verdrehung des Wortes „Dänemark“ in „Tandelmarkt“! Soviel Deutsch verstanden die Nobili südlich der Save sofort, um den „König vom Tandelmarkt“ zu verulken.
Es fehlt der Nachweis dafür, daß die harmlos galante Wette des russischen Zaren mit der schönen Gräfin Flora Wrbna-Kageneck bezüglich des schnelleren Toilettemachens von den kroatischen Edelleuten irgendwie nachgeahmt wurde. Auf ulkhafte Art scheint es geschehen zu sein, selbstverständlich plumper als der Vorgang in Wien, wo der Zar punkt neun Uhr in Begleitung von Zeugen im gewöhnlichen Anzug bei Zichys erschien, sich zum Austrag der Wette meldete, dann abtrat und schon nach Umfluß von fünf Minuten in voller Uniform wieder im Salon der Gräfin Zichy erschien und die Wette — verloren hatte, da die Gräfin Flora Wrbna-Kageneck sich — in eine Hofdame der Zeit Ludwigs XIV. verwandelt — bereits im Saale befand.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß diese harmlose Wette, deren Sieg der Gräfin Wrbna ein artiges Handschreiben des Zaren und als Geschenk eine — „Bibliothek“ eintrug, einen vergnügenssüchtigen Adeligen auf die Idee brachte, die „Familiensimpelei“ auf den Edelsitzen in eine — Pikanterie, in eine tolle „Mohrenherz“ umzugestalten.
Auf einem Gutssitz hatten die siebzig Gäste mit etwa vierzig Pferden und Dienerschaft binnen fünf Tagen „ratzekahl“ gezecht. Der Gutsherr war für ein Jahr ruiniert. Der „Oberarrangeur“ und Vergnügungsmeister verkündete für den nächsten Tag den Abzug und die Fahrt zum benachbarten Edelsitz, wohin vorsichtshalber Botschaft gesendet worden sei. Da bei dieser Verkündigung nicht alle Damen anwesend waren, benutzte der „Maestro“ die Gelegenheit, in die Räume der Frauen einzudringen. Die Raumnot hatte dazu gezwungen, in je einem Zimmer acht bis zehn Frauen unterzubringen, ebenso Mädchen und Kinder unter Aufsicht älterer Damen. Die Männer waren in Scheunen (Schlafgelegenheit auf Stroh), zu einem Teil auf nahegelegenen Bauerngehöften einquartiert, wo die Herren toll genug „wirtschafteten“.
Den Gipfel der Tollheit und Scheußlichkeit erklomm das für den letzten
Abend auf dem Gutssitz ausgeführte Lottospiel um die — Frauen!
Die vom schweren Zechen berauschten Männer „würfelten“ um die Ehefrauen, mit denen sie die letzte Nacht vor der Abreise nach einem anderen Edelsitz zubringen sollten. Die Dienerschaft (Zofen) wurde mit Geld bestochen und zu Angaben verleitet, in welchem Zimmer und in welchen Betten die einzelnen Damen nächtigten. Die Namen dieser Frauen mit den erkauften Angaben wurden dann auf Zettel geschrieben, diese Zettel in einen Hut geworfen und durcheinandergemischt. Jeder „Edel“mann dieser seltsamen Korona — mit dieser Schändlichkeit waren alle freudig einverstanden — zog einen Zettel heraus, der ihm für die Nacht eine „Genossin“ zuwies.
Nicht gegen das schändliche Spiel um Ehre und Frauenwürde, gegen die Zuchtlosigkeit, erhob sich erstmals ein Widerspruch, es wurde nur die Befürchtung geäußert, daß der Betrug verfrüht durch Licht entdeckt werden könnte. Dieses Bedenken zerstreute der „Erfinder“ des „Frauenspieles“ mit dem Hinweis, daß rasches Lichtmachen mit Feuerstein und Schwefelfaden unmöglich sei, daß also bei dieser langsamen, den Frauen sehr lästigen Prozedur den betreffenden „illegitimen“ Eheherren im Entdeckungsfalle die Flucht aus dem Zimmer wesentlich erleichtert sei. Die Anwesenheit anderer Damen in den Stuben erregte überhaupt keine Bedenken. Der Weibertausch wurde richtig ausgeführt! Und es gab keinen öffentlichen Skandal in Kroatien wegen dieser — afrikanischen „Erlustierung“.
Die „vergnügenssüchtigen“ berauschten Herren der Schöpfung schlichen barfuß in die Frauengemächer und schmuggelten sich in die — ausgelosten Betten. Wurde von einer oder der anderen Frau der schmähliche Betrug irgendwie erkannt und Lärm geschlagen, so flüchteten die Herren sofort aus den Stuben, bevor Licht erzeugt werden konnte. „Dank“ Feuerstein und Schwefelfaden, der Langsamkeit, mit diesen Hilfsmitteln Licht zu machen, vermochten sich die „Witzbolde“ rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Und dies des öfteren!