Die Schilderungen der Stimmung in Kroatien wegen dieser Ereignisse gehen weit auseinander, je nachdem der Autor Österreicher, Franzose, Ungar oder Kroat gewesen. Sehr plastisch weiß Dr. von Tkalac (Weber) in seinen „Jugenderinnerungen aus Kroatien“ zu erzählen; aber ganz zuverlässig ist dieser vornehme Kroate nicht wegen seiner leidenschaftlichen Parteinahme für den „Westen“, und überdies war er zu jener Zeit noch nicht geboren, kannte die Verhältnisse nur aus den Mitteilungen seines Vaters, der wegen des finanziellen Aderlasses ein grimmiger Franzosenhasser war.

Daß das von den Franzosen endlich befreite Volk seinen Bedrückern „grollte“ nur deshalb, weil die Besatzungstruppen ohne „klingend Spiel“ bei Nacht und Nebel abgezogen waren, glaubt dem Herrn von Tkalac wohl der stärkste Mann von Europa nicht. Er erzählt auch, daß die „grollenden“ Bewohner von Karlstadt nach dem Abzug die französischen Adler von den Amtsgebäuden herabrissen, und daß die Leute in die Freimaurerloge eindrangen und dort alles kurz und klein schlugen, die Trümmer aus den Fenstern warfen und auf dem Platze verbrannten. Der Bürgermeister, zugleich „Meister vom Stuhl“, habe Widerstand nicht gewagt, weil er wußte, daß die österreichische Regierung die Freimauerei nicht dulden würde.

Österreich regierte „väterlich“ absolutistisch auch in Kroatien, wo man an die ungarische Gesetzgebung und Verwaltung schlecht und recht gewohnt war. Kein Wunder, daß den Kroaten gewisse „väterlich-österreichische“ „Spezialitäten“, wie Stempel- und Registrierungstaxen, Tabak- und Salzmonopol usw., nicht gefielen. Auch die Nichtwiedergewährung der Selbständigkeit der Gemeindeverwaltung nach ungarischen Muster („Autonomie der Munizipien“ genannt) paßte den an ungarische Freiheiten und Lässigkeiten gewöhnten Kroaten nicht. Der Wiener Bureaukratenzopf wurde als sehr lästig empfunden. Wegen rücksichtsloser Steuereintreibung ballte das gequälte Volk die Fäuste. Dr. Tkalac erzählt, daß ein nach Karlstadt, dem Hauptsitz der vielen Behörden, gekommener Bauer beim Anblick eines Amtsschildes mit dem österreichischen Doppeladler ausrief. „Der französische Adler hatte nur einen Schnabel, wieviel wird nun diese Bestie mit zwei Schnäbeln fressen!“ Der Ausruf muß von einem „biederen“ Landsmann verraten worden sein, da der nicht üble Witz dem Bauer „teuer zu stehen kam“. Den aus slovenischen Landesteilen nach Kroatien berufenen österreichischen Beamten wird es nicht möglich gewesen sein, den erwähnten Ausspruch eines Kroaten schlankweg zu verstehen. Tkalac irrte sich mit der Behauptung, daß sich Slovenisch sprechende Beamte mit der kroatischen Bevölkerung „leicht“ verständigen konnten. „Leichter“ als Deutsch ja, aber nicht leicht; denn der slovenische Dialekt von Kärnten und Krain wird auch heute noch nicht von kroatischen — Bauern verbanden. Man muß das im praktischen Verkehr selbst erprobt haben, um sich ein Urteil darüber erlauben zu können. Beide Dialekte weichen sehr stark von einander ab. Hingegen können sich gebildete Slovenen und Kroaten ziemlich leicht verständigen, wenn sie sich ihrer Idiome dialektfrei bedienen. In jenen Jahren gab es aber im praktischen Verkehr eine reine, dialektfreie Sprache weder bei den Slovenen noch bei den Kroaten.

Zum Zeitalter des übelsten Absolutismus gehörte auch die Gesinnungsschnüffelei, die von den Beamten arg getrieben worden sein mußte, da es zu Aufstand, Verbrennung österreichischer Amtsschilder und gewaltsamer Vertreibung der Beamten, auch der sogenannten Krajnci (Krainer), der slovenisch sprechenden Herren aus den Erbländern, gekommen war. Das Wort „Krajnjac“ (Krainer) war gleichbedeutend mit „Beamter“ geworden und entfachte den Haß der Kroaten, die, von ungarischer Freiheit in der Selbstverwaltung verwöhnt, gegen die absolutistische „k.k.“ Bedrückung sich auflehnten. Der Adel und die Bürgerschaft murrten, blieben aber ruhig in der Hoffnung, daß das „Provisorium“ der österreichischen Besetzung Kroatiens nicht allzulange währen werde. Der Klerus wurde respektiert und hatte deshalb keinen Anlaß zu Klagen.

Das war die Stimmung im Lande während des „Provisoriums“ der österreichischen Besetzung.

Im September 1814 begann der Wiener Kongreß, dem wegen der Befreiung vom „k.k. Joche“ mit großen Hoffnungen entgegengesehen wurde. Von der Komik der Kongreßvergnügungen drang manche Nachricht auch nach Kroatien. Was aber in der Kaiserstadt komisch wirkte, machte die Kroaten, wenigstens in adeligen Kreisen, — toll. Die Parole: „Morgen wieder lustik“ begriffen sie sofort und setzten sie in Wirksamkeit auf Narrenweise und in — Entartung. Wer nach langer Kerkerhaft in die Freiheit gelangt, wird von der vermeintlichen Zügellosigkeit berauscht und wird toll, reif für das Irrenhaus.

Was sich auf kroatischem Boden abspielte, bildete nach Jahrzehnten noch immer den Gesprächsstoff, so daß Dr. von Tkalac (geboren 1822) aus den Erzählungen befreundeter Adeliger, die den tollen Rummel mitgemacht hatten, entsetzensvolle Eindrücke empfing und mit Schaudern darüber schrieb.

Just die sogenannten gebildeten Klassen stürzten sich kopfüber, wie besinnungslos, toll geworden von Zerstreuungswut, in Vergnügungen, die als „Niggerhetzen“ selbst auf afrikanischem Boden — Erstaunen erregt haben würden. Der Drang nach Vergnügen um jeden Preis war übermächtig geworden; man wollte sich austoben, gierig, toll, ohne zu denken, daß alles, auch die Vergnügungssucht, Grenzen haben müsse, sinnloser Geldverbrauch zum Ruin führe, jede Entartung sich auf lange Zeit hinaus bitter rächen werde.

Aufgebaut waren diese „Festivitäten“ auf der berühmten slavischen Gastfreundschaft, die auch für die Kroaten und Serben nicht nur als Tugend, sondern geradezu als nationale und moralische Pflicht gilt, den slavischen Völkern schon im Kindesalter sozusagen eingeimpft wird. Wer sich dieser Pflicht entzieht, gilt als ehrlos, ist der allgemeinen Verachtung ausgeliefert und wird als ausgestoßen betrachtet. Deshalb ist der Slave, besonders der Südslave, immer bestrebt, Gastfreundschaft, die ihn selbst ehrt, zu erweisen; freudig gibt er sein Bestes und auch sein Letztes, um den Gast zu ehren, und inniger Dank des Gastes bildet für den Slaven Lebensglück.

In jenen Jahren offenbarte sich, daß auch die Gastfreundschaft — entarten kann.