Vor etwa zehn fahren folgte meine Wenigkeit einer Einladung lieber Freunde, in Römerbad, dem „südsteierischen Gastein“, Aufenthalt zu nehmen. Die drollige Einladung sprach von einer „slavischen Agnes Bernauer“, die in der Nähe ihre Grabstätte habe, erwähnte auch, daß der „verflossene“ Reichskanzler Caprivi „an der Sann beheimatet“ sei, und lockte mit der Versicherung, daß ein nigelnagelneues Automobil zur Verfügung stände, mit dem nach Belieben in das „halbasiatische“ Land gefahren werden könne.

Zwei Tage später war ich in — Römerbad, dem alten Toplice (slavisch toplice = warm) im lieblichen Süden der grünen Steiermark. In diesen heißen Quellen, wie auch in Varazdin-Töplitz, fanden die römischen Statthalter der Provinz Pannonien Heilung von Gicht und Zipperlein. Die Dankbarkeit ließen sie in Stein einmeißeln. Dies tat auch der Provinzchef Matius Finitus mit dem Eintrag in das „steinerne Fremdenbuch“: „Nymphis aug. Matius Finitus. V.S.L.M.“ (= votum solvit lubens merito). Zu deutsch: Den erhabenen Quellen (Nymphen) Matius Finitus sein Gelübde einlösend. Drei Votivtafeln solcher Art wurden in alter Zeit bei den Heißwellen gefunden; die Thermen gerieten dann in Vergessenheit, flossen ungenützt durch wunderlieblichen Waldeszauber zur munteren Sann, bis die Mönche des nahen Karthäuser Klosters in Gairach sich klug und weise den wertvollen Besitz sicherten, einen Badedirektor aufstellen unter der bezeichnenden Bedingung, „im Bade lauter züchtiges Gesinde und ehrbare Weibsleute zu halten“. Der Zeit nach waren die Gairacher Mönche zu Toplitze-Römerbad der Badeverwaltung des salzburgischen Gastein um rund achthundert Jahre verspätet daran, klimatisch aber bedeutend im Vorteil durch die südliche Lage, gleichmäßige Temperatur und das üppige Wachstum und durch den Mangel an jeglichem, an der Sann ganz unbekanntem salzburgischem Schnürlregen, der zum Entsetzen der Gasteiner Kurgäste so gern in Schnee übergeht. Vor Jahrhunderten schon wurde auf die gleiche Heilkraft und Temperatur der Heißwellen von Römerbad und Gastein verwiesen, und auf diese Tatsache fußend (Gastein 25,8-49,6 Grad Celsius, Römerbad 36,2-37,5 Grad Celsius), Römerbad das „steierische Gastein“ genannt zum Arger der Gasteiner.

„Gichtiker“ war meine Wenigkeit damals noch nicht; demgemäß ließen die
Heißwellen von Römerbad mich „kalt“; das Interesse galt der „slavischen
Agnes Bernauer“, der steierischen „Inez de Castro“, der unglücklichen
Veronika von Jeschnenitz (ješen = Herbst, jesén = Esche), Gräfin von
Cilli, die in der gotischen Klosterkirche zu Gairach bei Römerbad
begraben liegt.

Zunächst „verbiß“ sich der Onomatologe in den Namen „Gairach“, der sehr deutsch aussieht, in dieser slovenischen Gegend aber kaum rein deutsch sein kann. Zum mindesten ist das deutsche „Hai“ (Gehege, befestigter Platz, Umfriedung zu Verteidigungszwecken) vergröbert in „Gai“. Da das Gairacher Kloster auffallenderweise quer zum Sträßlein steht, als Talsperre gebaut ist, kann über den ehemaligen Verteidigungszweck kein Zweifel begehen. Im Slavischen hat „gaj“ die gleiche Bedeutung wie das deutsche „Hai“. Und Ach, Ache ist der Wildbach, dem der Tiroler ein „r“ einfügt, wenn im Bach oder Fluß Felsblöcke liegen. Deshalb heißt der Inn bei Landeck „Arch'n“….

Der Grabstein der slavischen Agnes Bernauer besagt soviel wie das urkundliche Material, nämlich nichts. Die unglückliche Veronika von Jeschenitz, Gräfin von Cilli, hat einen Hofdamen-Roman erlebt und das winzige Maß von kurzem Glück im Jahre 1436 mit üblich tragischem Ende gebüßt. Tugendhaft hatte Veronika dem in sie rasend „verschossenen“ Grafen Friedrich II. von Cilli erklärt, daß der Weg zu ihrem Herzen nur über den — Altar führe. Im übrigen pochte Veronika auf ihre Hofdamengrundsätze. Der junge Graf Friedrich II. war bereits und ausgiebig verheiratet, hitziger Natur und rasend verliebt in Veronika. Die Zeit aber war rauh. Graf Friedrich II. „erstach“ als hitziger „Gemütsmensch“ seine sanft und ahnungslos schlummernde Gemahlin und „heiratete“ dann mit der im fünfzehnten Jahrhundert üblich gewesenen Eile die Hofdame seiner „verblichenen“ Gemahlin. Nun erst wurde die Angelegenheit „brenzlich“; denn der Altgraf Hermann von Cilli trat auf den Plan, und Seine Gräfliche Gnaden waren noch hitzköpfiger als der Sohn. Der Papa verübelte nicht die „kurzhändige“ Beseitigung der Gemahlin Nr. 1, sondern die Heirat der Hofdame aus „nichtebenbürtigem“ kleinem Landadel. Die „Mesalliance“ paßte dem Alten nicht. Die Nichtberücksichtigung der Standesinteressen mußte „gerochen“ werden, und zwar mit der gleichen Eile, mit der Friedrich seine erste Gemahlin aus dem Leben ins Jenseits befördert hatte. Der abkunftstolze Altgraf sandte zwei gutgenährte kräftige Ritter in die Burg Osterwitz bei Franz (Umgebung von Cilli), wo Veronika „residierte“, und ließ Friedrichs Gemahlin Nr. 2 einfach und kurzerhand in einem mit Wasser reichlich gefüllten — Waschbottich ertränken. Gleichzeitig wurde der Sohn Friedrich zur — Abkühlung in das Verließ der Burg Cilli gesteckt.

Das ist der „etwas“ tragische Roman der Hofdame Veronika von Jeschenitz, der slavischen Agnes Bernauer und steierischen Inez de Castro. Mehr war nicht zu erfahren und die Stimmung damals diesem „Stoff“ nicht günstig. Weit mehr als die arme Veronika fesselte die Behauptung im Freundeskreise zu Römerbad, daß der deutsche Reichskanzler von Caprivi von — Slovenen abstamme, und daß seine Ahnen an der Sann seßhaft waren, nämlich auf dem Edelsitz Scheuern bei Steinbrück am Zusammenfluß der Sann und Save. Ahnherr war Ritter Andreas Kopriva (zu deutsch: Brennessel), der 1680 starb ohne die geringste Ahnung, daß etwas mehr als zweihundert Jahre später ein preußischer General von Caprivi deutscher Reichskanzler, noch dazu als Bismarcks Nachfolger „Politik machen“ werde. Nicht ein Wort von dieser „Behauptung“ habe ich damals geglaubt. Unvorsichtig gab ich dem Zweifel auch noch schriftlich Ausdruck, machte „Witze“ über die Abstammung Caprivis von dem slovenischen Geschlecht der Kopriva. Sehr bald ging ein Platzregen von brieflichen Nachweisen, Urkundenabschriften usw. auf den spottlustigen Zweifler nieder. Heute weiß ich auf Grund gewissenhafter Forschungen, daß Caprivi wirklich ein umgemodelter Kopriva gewesen ist.

Auf Dauer und noch dazu im wonnigen Gelände von Römerbad konnte aber auch der „gehorsame Soldat“ Caprivi, den Wilhelm II. zum Reichskanzlerdienst einfach „befohlen“ hatte, nicht fesseln. Das Herz flog dem Freunde R.U. entgegen, der den Vorschlag gemacht hatte, sein neugekauftes Automobil zu einer Fahrt nach „Halbasien“, hinunter zu den Wasserwundern von Plitvice im südlichsten Zipfel von Kroatien zu erproben.

Praktisches Geographiestudium! Reisen bildet!

„Automobilfahren ist schöner noch als Jagd und Liebe!“

Dieser Ausspruch kühlte meine Begeisterung ab. Doch der Süden, der mir unbekannte Süden Kroatiens, die Schilderungen von der märchenhaften Schönheit der Korana und von Plitvice gaben den Ausschlag!