Also los!

Drei Stunden flinker Fahrt, und wir beguckten die fast unleserliche Aufschrift auf Eisentafeln, die auf dicken, rotweißblau angestrichenen Holzpfählen thronten: „Hrvatska i Slavonia“. (Kroatien und Slavonien). Damals ein Königreich, das zu Ungarn gehörte, deshalb das ungarische Staatswappen auch am Schilde jeder Tabaktrafik. Das Wort Goethes vom Deutschen, der keinen Franzmann leiden kann, doch seine Weine gerne trinkt, hätte man damals mit gewissen Veränderungen auf Kroatien anwenden können. Viel Zuneigung für ungarische Freiheit in Gesetzgebung und Verwaltung, „Autonomie der Munizipien“ (Selbständigkeit der Gemeinden) usw., Komitatsselbstherrlichkeit, das paßte den Hrvaten; daß die kroatische Sprache für Ortsnamen, Schule und Verkehr auf Landstraßen und bei Behörden im Lande „zugestanden“ war, bildete ein Ärgernis wegen der Form der „Konzession“; denn die Bestrebungen, die auf Magyarisierung hinausliefen, kannte man in Kroatien so gut wie in Budapest; man wußte auch, daß Kaiser Franz Joseph den Kroaten ihre Sprache in Land, Amt und Schule erhalten wollte, jeder Magyarisierung widerstrebte. Als aber die ungarische Regierung verfügte, daß die Verkehrssprache auf den Eisenbahnen (M.A.V. = magyar allam vašutak, ungarische Eisenbahnen; alter deutscher Eisenbahnerwitz in der Übersetzung: M.A.V. = „miserabelste aller Verwaltungen“) „magyarisch“ auch in Kroatien und Slavonien sein müsse, war es aus mit der „Zuneigung“ der Südslaven für — ungarische Freiheit usw. Damals „liebten“ die Kroaten die gewalttätigen Magyaren „tödlich“….

Gottlob wurde diese „Liebe“ nicht auf uns deutsche „Benzinisten“ übertragen; gelegentliche Versuche kroatischer Kinder, dem Kraftwagen Steine nachzuwerfen, hatten nichts zu bedeuten.

In Hotels wurden lediglich die Ohren gespitzt; man wollte hören, welcher Sprache die Automobilisten sich bedienten. Als Deutsche wurden wir freundlich und gut bedient.

Was der Name „Kroat“, slavisch Hrvat, Horvat, Arvat, eigentlich bedeutet, wissen die Kroaten selber nicht. In Agram war es vor zehn Jahren ganz unbekannt, daß die Erklärung des Namens im — Titel des Bischofs von Zengg steckt! Der Titel lautet: „Bischof von Modrusch und Korbavia“. Letzteres Wort stammt von „Korba“, das sich im Russischen erhalten und die Bedeutung hat: nasse, sumpfige Gegend. Dieses Korba steckt in den topographischen Namen: Korpula, Skorba, Karwin, Charbin. Die Bewohner wie die Grenzgegenden an der „Korba“ in alter Zeit erhielten den Namen „Korbati“, was Ufergebirge, Uferbewohner bedeutet. Aus „Korbati“ wurde dann: Chorbaten, Karwaten (Karpaten), Kroaten.

Deutschland machte die Bekanntschaft mit den Kroaten, mit ihrem Mut, mit ihrer Beutegier und Grausamkeit im Laufe des Dreißigjährigen Krieges. Der Name „Kroat“ (Krawat) wurde ein Schimpfwort im Deutschen („Schimpf“ in neuerer Bedeutung, nicht in der mittelalterlichen, wo das Wort soviel wie Vergnügen, Unterhaltung bedeutete); dazu hat ab 1740 Baron von der Trenck mit seinen Panduren und Greueltaten sein Teil reichlich beigetragen. Nicht mit Unrecht sagt der Kroate Dr. von Tkalac im Vorwort zu seinen „Erinnerungen“: „Kroatien und die Kroaten spielen in der deutschen Litteratur keine erfreuliche Rolle. Daß die Kroaten bei dem letzten großen Einfall der Mongolen im Jahre 1242 durch ihren Sieg in Grobnik (bei Fiume) Europa vor Verwüstung und Barbarei gerettet, daß sie jahrhundertelang eine Vormauer Europas gegen das damals noch mächtige Türkentum bildeten, ist weit weniger bekannt, als daß sie dem Hause Habsburg im Dreißigjährigen, im Erbfolgekrieg von 1740 und im Siebenjährigen Krieg Heerfolge und Schergendienste leisteten und sich dadurch die Feindschaft der abendländischen Völker zuzogen. In ‚Wallensteins Lager‘ läßt Schiller von einem Scharfschützen einen kroatischen Soldaten mit den Worten ansprechen: ‚Kroat, wo hast du das Halsband gestohlen?‘ Der Kroat antwortet: ‚Du willst mich betrügen, Schütz‘, und der Trompeter bestätigt dies: ‚Seht nur, wie der den Kroaten prellt?‘ Die Gaunerei des Scharfschützen macht auf die Zuhörer keinen Eindruck, aber seine Ansprache: ‚Kroat, wo hast du das Halsband gestohlen?‘ bewirkt eine Erschütterung des Zwerchfells, die nicht wieder vergessen wird. Und wenn nun gar in geographischen und geschichtlichen Werken Kroatien als ein Land dargestellt wird, das von verschiedenen halbwilden Völkerschaften, namentlich von Panduren, Hajduken, Schereschanern, Morlaken, Uskoken, Primorzen, Schokatzen, Raitzen usw. bewohnt wird, wissen gar viele nicht, daß die Mark Brandenburg von einer Menge verschiedener Völkerschaften, wie Potsdamern, Charlottenburgern, Teltowern, Schönebergern, Lichterfeldern usw., bewohnt wird. Ich will nun freilich nicht behaupten, daß Kroatien das irdische Paradies und die Kroaten das auserwählte Volk Gottes seien, aber wenn man sich für die unwirtlichsten Länder Innerafrikes und Zentralasiens und für deren wilde und stupide Bevölkerungen interessiert, würde wohl auch das nicht so fern liegende Kroatien und sein Volk verdienen, daß man sich in Deutschland über beide besser unterrichtete.“ Bitter klagte Dr. von Tkalac auch darüber, daß er als Universitätsstudent in Berlin als eine Art ethnographisches Wundertier, weil Kroat von Geburt, angestaunt wurde. Eine den höchsten Kreisen Berlins angehörende Dame konnte es überhaupt nicht begreifen, daß ein Universitätsstudent, der Griechisch und Latein verstand und Italienisch, Französisch und Deutsch sprach, ein — Kroat sein konnte.

Ähnliche und bittere Klagen zu erheben, hatten die Slovenen vielfach Ursache, die man stets zum Dienervolk herunterdrücken wollte, und deren Sprache man bestenfalls als Verständigungsmittel für Dienstboten bezeichnete. Wer viel und lang in slovenischen Familien der Intelligenz verkehrte, mußte zur Überzeugung gelangen, daß überlange ungerechte Behandlung, gewaltsame Unterdrückung eine gefährliche Verbitterung im slovenischen Volke heraufbeschwören werde. Zündstoff war mehr als genug vorhanden. Die überstürzte Gründung der schlecht geleimten „Država SHS“ war allerdings nicht vorauszusehen. Seitens der Slovenen und Kroaten ist sie ein menschlich begreiflicher Racheakt. Und „Rache ist süß“. Ist sie aber genügend ausgekostet, wird auch die Verbitterung weichen, bei den Südslaven und Deutschen der südlichen Gebiete die Vernunft einkehren und lehren, daß man aufeinander angewiesen sei und miteinander leben müsse. Hoffentlich dann beiderseits mit weiser Mäßigung in Politik und nationalen „Gefühlen“….

Auf der flinken Fahrt zu den so gut wie unbekannten Wasserwundern von Plitvice macht man erstmals die Bekanntschaft mit der stahlblauen Korana in Karlstadt, wo sich Kulpa und Korana, diese interessanten Flüsse Kroatiens, vereinen. Was doch die Neuzeit alles schafft! Aus einer wuchtigen Grenzfestung, die im sechzehnten Jahrhundert als Trutzburg gegen die nahe Türkei (Türkisch-Bosnien) angelegt wurde, aus dem düsteren, blutgetränkten Städtle Karlovatz ist eine moderne, fast elegant zu nennende, freundliche Stadt mit schönen Gebäuden geworden.

Für Reisen im Kraftwagen sind immer von Wichtigkeit die Straßenverhältnisse und Charaktereigenschaften der Bevölkerung des jeweils zu durchfahrenden Landes. Die Gutmütigkeit des kroatischen Volkes, solange der Kroat keinen Schnaps im Leibe hat, wird gerühmt; dicht neben ihr sitzt aber die „negative Intelligenz“, die sich in Kopflosigkeit äußert, wenn ein Automobil herankommt. Ein lammfrommes Pferd muß erschrecken, so der Fuhrmann ihm plötzlich mit den Händen an den Kopf greift und die Augen verdeckt. Just im gefährlichsten Moment, da der Kraftwagen vorüberfährt, erweist sich die Neugierde viel stärker als die Vorsicht; der Bauer benötigt zweifellos die Hände zum — Schauen, zieht sie also von den Augen des Pferdes weg, und der Zusammenprall ist fertig….

Wenige Stunden hinter Karlstadt beginnt die Melancholie des Karstlandes, genannt Lika, ein begrüntes Gebiet, aus dem stellenweise stattliche Berge, kahle Felshäupter aufragen; tief eingerissen sind die wenigen Flußtäler mit Wasserläufen, die plötzlich im Boden verschwinden, unterirdisch Seen bilden und unvermittelt wieder zutage treten. Auch die Korana hat solche „Mucken“. Eine eigenartige Welt, echtes Karstgebiet mit seinen Eigenheiten, das im nördlichen Teil der fruchtbaren Täler und Dolmen nicht entbehrt. Herbe spärliche Schönheit in tiefster Melancholie, wie sie aus Lenaus Gedichten weht….